Ausgewählte Texte

Texte nach Themen

Regionen und AGs

Presse

Andere Informationsquellen

Diskussion

Über diese Seiten

Erwin-Fischer-Preis an Karlheinz Deschner

Erwin-Fischer-Preis 2001:
Dr. Karlheinz Deschner als Aufklärer gewürdigt

Die Laudatio hielt Prof. Dr. Ludger Lütkehaus

Foto: Der PreisträgerDer diesjährige Preisträger des Erwin-Fischer-Preises ist der wohl bekannteste Kirchenkritiker unserer Zeit, Karlheinz Deschner. Er erhielt die Auszeichnung im Rahmen einer Feierlichkeit am 22. September im Bildungszentrum Bielefeld. Dort tagte an jenem Wochenende die Mitgliederversammlung des IBKA.

Nach einer musikalischen Einführung begrüßte der Vorsitzende des IBKA, René Hartmann, den Preisträger Dr. Karlheinz Deschner, den Laudator Prof. Dr. Ludger Lütkehaus und die zahlreich erschienenen Gäste - darunter Dr. Dr. Joachim Kahl, Prof. Dr. Dieter Birnbacher, Prof. Dr. Franz Buggle, Prof. Dr. Herrmann-Josef Schmidt, Ursula Schmidt-Losch, Klaus Hartmann (Deutscher Freidenker-Verband) und Jürgen Springfeld (Landesverband NRW im Humanistischen Verband). Die Vorjahrespreisträger Prof. Dr. Johannes Neumann und seine Frau, Dipl.-Psych. Ursula Neumann, mussten leider ihre Teilnahme wegen Krankheit kurzfristig absagen.

An einem Thema kam an diesem Abend kein Redner vorbei - die Terroranschläge vom 11. September in den USA. Ging es doch gerade auch die Religionskritiker an, wenn Menschen im Märtyrer- und Erlöserwahn grausam in den "Heiligen Krieg" ziehen und als Reaktion darauf mit einem "Kreuzzug" gedroht wird. Die Religionsführer weisen einen Zusammenhang des Terrors mit ihren Lehren allerdings weit von sich, selbst der Papst spricht plötzlich vom "wahren Islam" (nebenbei: wie kann eine Religion vom Standpunkt des Papstes aus wahr sein, deren Offenbarung der des "einzig wahren" Christentums doch widerspricht?), der mit diesen Taten nichts zu tun habe, und auch Bundeskanzler Gerhard Schröder meint bemerken zu müssen, dieses Attentat - obwohl im Namen Allahs geschehen - hätte mit Religion nichts zu tun.

Stattdessen werden in den Schulen nun - natürlich ausschließlich christliche - Gedenkgottesdienste abgehalten, denen sich die Schüler, wie René Hartmann ausführte, kaum entziehen können.

Dank dem "Nestor der Kirchenkritik", wie der Vorsitzende des IBKA Karlheinz Deschner in seiner Preisbegründung nennt, wissen wir sehr wohl, dass Religionen, hier gezeigt am Beispiel der christlichen, sehr wohl viel Unheil anrichten können. Der IBKA ehrt gerade deshalb Deschners "ohne Beispiel dastehende Werk" und vergisst auch nicht den Dank an die privaten Sponsoren - hier sei vor allem Herbert Steffen genannt -, ohne die die unermüdliche Arbeit des Kirchenkritikers kaum möglich gewesen wäre.

Gerade die aus dem Irrationalismus geborenen Attentate - und die Irrationalität mancher Reaktionen -, die die Welt in Aufregung versetzt haben, haben gezeigt, wie wichtig die Stärkung der internationalen Zusammenarbeit der Säkularisten ist. In Deutschland war es vor allem auch Erwin Fischer, der sich als Anwalt für eine strikte Trennung von Staat und Kirche einsetzte. Auch ihm zu Ehren wird dieser Preis vom Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten vergeben.

Foto: Der Laudator vor dem PublikumDie Laudatio auf Karlheinz Deschner hielt der Philosoph Prof. Dr. Ludger Lütkehaus. Auch er griff in seiner Rede die Terrorakte auf und verwies auf die zwanghafte Logik, die dahinter steht: "Gleiches mag Gleiches vergelten - aber es erzeugt wieder Gleiches: die ‚ewige Wiederkehr‘ des schlechten Gleichen."

Der Laudator hob von den Kriterien der Preisvergabe, die René Hartmann genannt hatte, vor allem den Aspekt der Aufklärung hervor und nennt Deschner den markantesten Kirchenkritiker des Christentums. Lütkehaus verglich in seiner Laudatio den Preisträger mit Voltaire und hob hervor, ein Einzelner weise eine ganze Institution in die Schranken.

Deschners aufklärerisches Werk machte Lütkehaus am Beispiel der Christenverfolgung fest. Hierzu zitiert er die Darstellungen der bekannten Lexikas. Karlheinz Deschner habe in seinen Werken diese Geschichtsklitterung, die Vertauschung der Täter mit den Opfern, die Verfolgung durch die Christen, offengelegt.

Zum Schluss seiner Rede erwähnte Prof. Dr. Lütkehaus, manche gute Christen ließen gar Messen für Karlheinz Deschner lesen, damit er sein kirchenhistorisches Werk zu Ende bringen könne. Dem stimmte Lütkehaus zu: "Auch Deschner ist eine Messe wert!"

Nach Überreichung der Ehrungsurkunde, hergestellt von der Künstlerin Etthöfer aus Margetshöchsheim, begab sich der Preisträger Karlheinz Deschner zum Lesepult.

Bevor er aus seinem noch nicht erschienenen siebten Band der Kriminalgeschichte des Christentums las, ging auch er auf die Terrorakte in Amerika ein. Auch Deschner bedauerte die Opfer, denn jedes Opfer war zuviel - wie jede Hexe, die verbrannt worden ist. Er fragte aber auch, ob es Menschen gibt, denen dies als Anlass zu einem Gegenschlag mit sehr viel mehr Toten gar nicht so ungelegen käme, und vermisste die Schweigeminuten für die 36000 täglich verhungernden Kinder.

Aus dem siebten Band der Kriminalgeschichte las Deschner eine Abhandlung über die Slavenmission im 13. Jahrhundert. Schwert- und Wortmission griffen ineinander über, wie auch das Handbuch der Kirchengeschichte konstatiert. In bekannter Manier schrieb Deschner die blutiger Geschichte nicht nur aus Sicht der Opfer, sondern belegt dies auch mit umfangreichen Zitaten, meist durchaus aus christlich-kirchlicher Quelle.

Nach der Lesung erfreute Deschner die Zuhörer mit einigen Aphorismen aus Politik, Geschichte und Religion. Hier sei beispielhaft nur eines genannt, das die Geschichtsschreibung aus Sicht der Herrschenden anprangert:

"Das Geschehene ändern, lehrt die Theologie, könne selbst Gott nicht. - Der Historiker kann es."

Zum Schluss erwähnt Karlheinz Deschner, dass er dankbar an Erwin Fischer denkt, mit dem er eng verbunden war.

Nach der offiziellen Feierlichkeit klang der Abend mit dem Preisträger, den geladenen Gästen und anwesenden IBKA-Mitgliedern bei Buffet und Getränken nach anregenden Gesprächen erst spät aus.

Die gesammelten Texte der Redner und des Preisträgers einschließlich eines Grußwortes des polnischen Verlegers Karlheinz Deschners sind abgedruckt in einer vom IBKA e.V. herausgegebenen Festschrift, die im Alibri Verlag erschienen ist; ISBN 3-932710-96-7.

Der 656-seitige 7. Band der Kriminalgeschichte des Christentums über das 13. und 14. Jahrhundert erscheint als gebundene Ausgabe Anfang 2002 im Rowohlt-Verlag; ISBN 3498013203; EUR 29,90.

Der Preisträger: Karlheinz Deschner

Karl Heinrich Leopold Deschner wurde am 23. Mai 1924 in Bamberg geboren. Sein Vater Karl, Förster und Fischzüchter, katholisch, entstammte ärmsten Verhältnissen. Seine Mutter Margareta Karoline, geb. Reischböck, protestantisch, wuchs in den Schlössern ihres Vaters in Franken und Niederbayern auf. Sie konvertierte später zum Katholizismus.

Karlheinz Deschner, das älteste von drei Kindern, ging zur Grundschule in Trossenfurt (Steigerwald) von 1929 bis 1933, danach in das Franziskanerseminar Dettelbach am Main, wo er zunächst extern bei der Familie seines Tauf- und Firmpaten, des Geistlichen Rats Leopold Baumann, wohnte, dann im Franziskanerkloster. Von 1934 bis 1942 besuchte er in Bamberg das Alte, Neue und Deutsche Gymnasium als Internatsschüler bei Karmelitern und Englischen Fräulein. Im März 1942 bestand er die Reifeprüfung. Wie seine ganze Klasse meldete er sich sofort als Kriegsfreiwilliger und war - mehrmals verwundet - bis zur Kapitulation Soldat, zuletzt Fallschirmjäger.

Zunächst fernimmatrikuliert als Student der Forstwissenschaften an der Universität München, hörte Deschner 1946/47 an der Philosophisch-theologischen Hochschule in Bamberg juristische, theologische, philosophische und psychologische Vorlesungen. Von 1947 bis 1951 studierte er an der Universität Würzburg Neue deutsche Literaturwissenschaft, Philosophie und Geschichte und promovierte 1951 mit einer Arbeit über "Lenaus Lyrik als Ausdruck metaphysischer Verzweiflung" zum Dr. phil. Einer im selben Jahr geschlossenen Ehe mit Elfi Tuch entstammen drei Kinder, Katja (1951), Bärbel (1958) und Thomas (1959 bis 1984). Von 1924 bis 1964 lebte Deschner auf einem früheren Jagdsitz der Würzburger Fürstbischöfe in Tretzendorf (Steigerwald), dann zwei Jahre im Landhaus eines Freundes in Fischbrunn (Hersbrucker Schweiz). Seitdem wohnt er in Haßfurt am Main.

Karlheinz Deschner hat Romane, Literaturkritik, Essays, Aphorismen, vor allem aber religions- und kirchenkritische Geschichtswerke veröffentlicht. Auf über zweitausend Vortragsveranstaltungen hat Deschner im Laufe der Jahre sein Publikum fasziniert und provoziert.

1971 stand er in Nürnberg "wegen Kirchenbeschimpfung" vor Gericht.

Seit 1970 arbeitet Deschner an seiner großangelegten "Kriminalgeschichte des Christentums". Da es für so beunruhigende Geister wie ihn keine Posten, Beamtenstellen, Forschungsstipendien, Ehrensolde, Stiftungsgelder gibt, war ihm die ungeheure Forschungsarbeit und Darstellungsleistung nur möglich dank der selbstlosen Hilfe einiger Freunde und Leser, vor allem dank der Förderung durch seinen großherzigen Freund und Mäzen Alfred Schwarz, der das Erscheinen des ersten Bandes im September 1986 noch mitgefeiert, den zweiten Band aber nicht mehr miterlebt hat, dann des deutschen Unternehmers Herbert Steffen.

Im Sommersemester 1987 nahm Deschner an der Universität Münster einen Lehrauftrag wahr zum Thema "Kriminalgeschichte des Christentums".

Für sein aufklärerisches Engagement und für sein literarisches Werk wurde Karlheinz Deschner 1988 - nach Koeppen, Wollschläger, Rühmkorf - mit dem Arno-Schmidt-Preis ausgezeichnet, im Juni 1993 - nach Walter Jens, Dieter Hildebrandt, Gerhard Zwerenz, Robert Jungk - mit dem Alternativen Büchnerpreis und im Juli 1993 - nach Sacharow und Dubcek - als erster Deutscher mit dem International Humanist Award.

(aus: Karlheinz Deschner. Leben, Werke, Resonanz. Hrg. Hermann Gieselbusch, Rowohlt 1999)

Um die "Kriminalgeschichte des Christentums" geht es - pro und contra - in dem aufschlussreichen 70-minütigen Videofilm von Ricarda Hinz und Jacques Tilly mit dem Titel "Die hasserfüllten Augen des Herrn Deschner", der bereits am Vorabend der IBKA-Mitgliederversammlung 1999 gezeigt wurde und bei Alibri oder direkt beim Humanistischen Verband Deutschlands, Wallstraße 61-65, 10179 Berlin zu beziehen ist.

Das literarische Werk Karlheinz Deschners

1956   Die Nacht steht um mein Haus
1957 Was halten Sie vom Christentum?
1957 Kitsch, Konvention und Kunst
1958 Florenz ohne Sonne
1962 Abermals krähte der Hahn
1964 Talente, Dichter, Dilettanten
1965 Mit Gott und den Faschisten
1966 Jesusbilder in theologischer Sicht
1966 Das Jahrhundert der Barbarei
1968 Wer lehrt an deutschen Universitäten?
1968 Kirche und Faschismus
1969 Das Christentum im Urteil seiner Gegner, Band l
1970 Warum ich aus der Kirche ausgetreten bin
1970 Kirche und Krieg
1971 Der manipulierte Glaube
1971 Das Christentum im Urteil seiner Gegner, Band 2
1974 Das Kreuz mit der Kirche
1974 Kirche des Un-Heils
1977 Warum ich Christ / Atheist / Agnostiker bin
1981 Ein Papst reist zum Tatort
1982 Ein Jahrhundert Heilsgeschichte, Bd. l
1983 Ein Jahrhundert Heilsgeschichte, Bd. 2
1985 Nur Lebendiges schwimmt gegen den Strom
1986 Die beleidigte Kirche
1986 Kriminalgeschichte des Christentums, Band l, Die Frühzeit
1987 Opus Diaboli
1988 Kriminalgeschichte des Christentums, Band 2, Die Spätantike
1989 Dornröschenträume und Stallgeruch
1990 Woran ich glaube
1990 Kriminalgeschichte des Christentums, Band 3, Die alte Kirche
1991 Die Politik der Päpste im 20. Jh.
1991 Der Anti-Katechismus (mit Horst Herrmann)
1992 Der Moloch
1994 Die Vertreter Gottes
1994 Ärgernisse, Aphorismen
1994 Kriminalgeschichte des Christentums, Band 4, Frühmittelalter
1994 Was ich denke
1995 Weltkrieg der Religionen: Der ewige Kreuzzug auf dem Balkan (mit Milan Petrovic)
1997 Kriminalgeschichte des Christentums, Band 5, 9. und 10. Jh.
1997 Oben ohne
1998 Die Rhön
1998 Für einen Bissen Fleisch
1999 Kriminalgeschichte des Christentums, Band 6, 11. und 12. Jh.
1999 Memento
2001 Alles für die Miezekatz (mit G. Amanshauser, H. Boetius)

Der Laudator: Prof. Dr. Ludger Lütkehaus

Die Laudatio auf den diesjährigen Preisträger des Erwin-Fischer-Preises wird Prof. Dr. phil. Ludger Lütkehaus halten.

Der Philosoph wurde 1943 geboren und lebt in Freiburg. Er ist Mitglied des deutschen P.E.N.-Zentrums.

1979 erhielt Lütkehaus den Sonderpreis der Schopenhauer-Gesellschaft, 1996 den Preis für Buch und Kultur. 1997 war er Max Kade Distinguished Visiting Professor an der University of Wisconsin -Madison.

Er veröffentlichte zahlreiche Bücher zur Literatur, Philosophie und Psychologie des 18. bis 20. Jahrhunderts und ist Herausgeber der ersten Schopenhauer-Ausgabe nach den Fassungen letzter Hand, der Zürcher Haffmans - Ausgabe (1988). Prof. Dr. Lütkehaus: "Mit sechzehn habe ich Schopenhauer zum ersten Mal gelesen. Er hat mein Leben nicht verändert - er hat ausgesprochen, was das Leben ist. Aber nicht als Griesgram. Immer war es eine paradoxe Lust, ihn zu lesen."

Zu Lütkehaus' Veröffentlichungen zählen Titel wie "Hegel in Las Vegas. Amerikanische Glossen" (1992); "‚O Wollust, o Hölle‘. Die Onanie - Stationen einer Inquisition (1992); "Unfröhliche Wissenschaft" (1994); "Kindheitsvergiftung" (1994); "Schöner Meditieren. Der esoterisch verhunzte Buddhismus" (1995); "Dieses wahre Afrika. Texte zur Entdeckung des Unbewußten vor Freud" (1995); "Psychoanalyse ohne Zukunft?" (1996); "Friedrich Nietzsche zum Vergnügen" (Hrsg., 1999); "Nichts. Abschied vom Sein: Ende der Angst" (1999).