Dr. Volker Mueller
Neues Denken - oder
Eine zweite Aufklärung für Geistesfreiheit und Menschenrechte
[English]
"Menschlichkeit - Humanité (Moral): Das ist ein Gefühl des Wohlwollens für alle Menschen, das nur in einer großen
empfindsamen Seele aufflammt. Diese edle und erhabene Begeisterung kümmert sich um die Leiden der anderen und um das Bedürfnis,
sie zu lindern; sie möchte die ganze Welt durcheilen, um die Sklaverei, den Aberglauben, das Laster und das Unglück
abzuschaffen. Sie verbirgt uns die Schwächen der Mitmenschen oder verhindert uns, diese Schwächen zu fühlen, macht uns aber
unerbittlich gegenüber Verbrechen. Sie entreißt dem Schurken die Waffe, die dem guten Menschen zum Verhängnis werden könnte.
Sie verleitet uns nicht, uns der besonderen Pflichten zu entledigen, sondern macht uns - im Gegenteil - zu besseren Freunden,
besseren Gatten, besseren Staatsbürgern. Es macht ihr Freude, die Wohltätigkeit auf alle Wesen auszudehnen, die die Natur neben
uns gestellt hat. Ich habe diese Tugend, eine Quelle so vieler anderer Tugenden, zwar in den Köpfen bemerkt, aber nur in
wenigen Herzen." 1
1. Neues Denken
Debatten um Werte und Normen des menschlichen Zusammenlebens werden wieder modern. Menschen fragen angesichts vielfältiger
Krisenerscheinungen in der Welt nach der geistigen oder kulturellen Basis eines Miteinanders, in der Individualität
respektiert, ja favorisiert wird. Wir leben in einer Zeit des Wertewandels, die viele auch als Werteverfall empfinden. Wo ist
der Halt, eine sichere Lebensorientierung, eine Rückbindung an grundlegende Geborgenheit? Geben hierbei eine nichtreligiöse
Weltanschauung bzw. eine freigeistig-humanistische Lebensanschauung und Lebensweise hinreichende Antworten? Es wird deutlich,
dass religiöse und weltanschauliche Bedürfnisse der Menschen natürliche Grundlagen für ethisches Dasein darstellen, entstehen
lassen und aktiv verändern.
Wie gehen wir mit Religion um? Was sind ihre Inhalte, Methoden und ethischen Grundaussagen? Wie verhalten wir uns zu einem
religiös gebundenen Menschen und den die Religionen tragenden Institutionen? Welche Stellung hat unsere berechtigte Forderung
nach der Trennung von Kirche und Staat? Der Religionsbegriff von Helmuth von Glasenapp führt uns hier weiter: "Religion ist die
im Erkennen, Denken, Fühlen, Wollen und Handeln betätigte Überzeugung von der Wirksamkeit persönlicher oder unpersönlicher
transzendenter Mächte. ... Die ethischen Hochreligionen verbinden diese Überzeugung mit dem Glauben an eine sittliche Ordnung
der Welt; dieser Glaube findet in der Vorstellung von einer sittlichen Verantwortung für das Handeln, von einer gerechten
Vergeltung allen Tuns und von der Möglichkeit eines Fortschritts zur höchsten Vollkommenheit seinen Ausdruck". 2
In unserer heutigen multikulturellen und sich säkularisierenden Gesellschaft wird eine neue Qualität von Toleranz, Konflikt-
und Dialogfähigkeiten, von friedlichem Miteinander notwendig. Sie ist freiheitlich, menschenrechtlich und weltbürgerlich
orientiert. Die atheistische, humanistische und gesamte freigeistige Bewegung hat hier, wenn sie die Forderung nach
Geistesfreiheit, Humanität und Menschenrechten ernst meint, eine zentrale Aufgabe. Gerade die Menschenrechte, die universellen
Charakter tragen und keine "Erfindung" der westlichen Welt sind, stellen uns vor neue globale Herausforderungen. Die
Freigeister werden diesen Herausforderungen gesellschaftspolitisch, philosophisch und ethisch noch zu wenig gerecht, da sie zu
schwach, zersplittert und oft mit sich nur beschäftigt sind. Dabei entsteht auch die Frage, ob eigene zukunftsweisende
nationale und internationale Bündnisse wirklich gewollt sind und sie das ökonomische, geistige, personelle und medienpolitische
Potential dafür besitzen.
Eine frei- und nichtreligiös ausgerichtete freigeistige Organisation, die in der Regel eine freie
Weltanschauungsgemeinschaft darstellt, entwickelt und verbreitet Beiträge zur ethischen Sinnfindung, gestaltet eine Feierkultur
im Lebenskreis und im Jahreskreis, nimmt politisch Stellung für die Interessen der konfessionslosen Menschen, sichert mit die
Menschenrechte und die Denkfreiheit überall. Sie soll vor Missbräuchen der Gewissens- und Weltanschauungsfreiheit warnen, über
ethische und sozialpsychologische Fehlentwicklungen aufklären (z.B. über sog. konfliktträchtige Sekten bzw. neureligiöse
Bewegungen) und keine religiösen und ideologischen Vorschriften akzeptieren, was man zu denken und zu glauben habe.
Gleichzeitig geht es um die Verteidigung der Freiheiten weltanschaulicher sowie ethnischer Minderheiten.
Die Forderung nach einem Neuen Denken wird weltpolitisch seit der Mitte der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts entwickelt
und erhoben, und zwar mit Gorbatschows Perestroika und Glasnost. Im Kern beinhaltet sie eine Demokratisierung und Humanisierung
des sozialistischen Systems, das letztlich real gescheitert ist, da es ökonomisch uneffektiv, am Ende politisch erstarrt und
nicht mehr reformfähig war. Die Perestroika ist letztlich inkonsequent, vor allem bezüglich ökonomischer Reformen.
Doch der Ansatz des Neuen Denkens erscheint mir richtig, mittels neuem Herangehen - auch in geistig-kulturellen und
philosophisch-weltanschaulichen Lebensbereichen - neue Entwicklungen zu initiieren, neue Hoffnungen zu erzeugen und Altes
schonungslos zu kritisieren und zu beseitigen. Mit Neuem Denken entstand die Vision von einer humaneren Gesellschaft, in der
soziale Gerechtigkeit, Demokratie und Freiheit miteinander verbunden sind. In den achtziger Jahren war dies mit der Frage nach
einer neuen gesellschaftlichen Konzeption für einen demokratischen Sozialismus, wie ihn wohl auch Bebel, Luxemburg, Marx und
Kautsky im Blick hatten, verbunden. Wesentlich ist, dass eine Organisation oder Bewegung, auch die freigeistige, atheistische,
freidenkerische, die Gefahr, konservativ zu werden oder zu stagnieren, nur mittels Selbstkritik und demokratischer
Eigenentwicklung bannen kann.
Teile der freigeistigen Bewegung in Deutschland wurden von Neuem Denken scheinbar wenig berührt. Wie hat sie sich selbst
infrage gestellt und auch "Liebgewordenes" und Veraltetes über Bord geworfen? Hat sie wirklich realisiert, dass sich die
gesamtgesellschaftliche Situation gerade in der Bundesrepublik Deutschland, ja in Europa völlig verändert hat und damit neue
Herausforderungen entstehen ließ? Die Globalisierung der letzten Jahre macht diese Problematik auf besondere Weise sehr
deutlich, sind doch die globalen Probleme nur weltpolitisch lösbar - mit Neuem Denken.
2. Aufklärung
Aufklärung und freies undogmatisches Denken mit atheistischer Tendenz gehören entsprechend des Selbstverständnisses der
freigeistigen Bewegung in Deutschland grundsätzlich zusammen und haben gleiche historische Wurzeln. "Aufklärung ist immer noch
ein Schlagwort, an dem sich Geister scheiden. Die einen sehen in der Aufklärung ein wesentliches Instrument der Bekämpfung
allfälliger Probleme, fast schon ein Allheilmittel, die anderen sehen in ihr einen naiven oder gar ruchlosen Rationalismus,
dessen Arroganz für das wahre Wesen der Wirklichkeit blind macht, fast schon die Ursache aller Übel der Moderne. Unabdingbare
Voraussetzungen für die Versachlichung dieser Debatte ist gründliche Kenntnis der Aufklärung, nämlich jener geschichtlichen
Epoche, die sich selbst das Zeitalter der Aufklärung genannt hat." ³
Das 18. Jahrhundert wird heute im Allgemeinen als das "Zeitalter der Aufklärung", als das Jahrhundert des Lichts oder der
Vernunft, als das philosophische Jahrhundert bezeichnet. Die Kennzeichnung geht auf das Selbstverständnis einer geistigen und
gesellschaftlichen Reformbewegung zurück, die sich selber als Aufklärung beschrieben hat. 4
Etwa in der Mitte des 18. Jahrhunderts spricht man aufgrund des Erfolges der Aufklärung von "aufgeklärten Zeiten". Kant hat
dann deutlicher in seiner Schrift "Was ist Aufklärung?" von 1784 zwischen einem "Aufgeklärten Zeitalter" und einem "Zeitalter
der Aufklärung" unterschieden. Schon im 17. Jahrhundert wird diese sich weitestgehend europaweit entwickelnde
Aufklärungsbewegung vorbereitet und begründet - durch die Emanzipation der Wissenschaft von der Theologie und der Teleologie,
durch die machtvollen Bestrebungen zur Erlangung der Denkfreiheit durch skeptische und rationale Denktypen. Darin eingebettet
finden wir auch erste neue, von der Kirche befreite, dogmenfreie Religiosität, finden wir "Freethinker", finden wir den Anfang
des Atheismus als eigenständiges Denkprofil (vor allem in der Untergrundliteratur und bei Meslier). 5 Letztlich wird die
Aufklärung eine soziale Bewegung zur Emanzipation des 3. Standes (des "Volkes") vom 1. und 2. Stand und führt zur Herausbildung
des Bürgertums mit seinen Menschen- und Freiheitsrechten als eigenständiger sozialer Klasse.
Die ökonomischen Erfordernisse und die politischen Strukturen erfordern auch eine kulturelle und philosophische Freiheit der
fortschrittstragenden Kräfte. So soll die Aufklärung dem Volke dienen und vor allem die Vernunft auf allen Gebieten befördern.
Verstand und Tugend sollen die Welt regieren, damit glückliche und freie Menschen in ihr leben können. Aufklärung erstrebt
Wahrheit durch Klarheit des menschlichen Verstandes. Es geht um vernünftiges und freies Denken, das sich gegen verworrenes,
dunkles, nebulöses, irrationales Denken, gegen Aberglauben und Vorurteile, vor allem gegen kirchliche Dogmen, gegen Fanatismus,
Schwärmerei und Illusionen richtet. Neben dem rationalistischen Aspekt des Aufklärungsdenkens ist der emanzipatorische
hervorzuheben, der zu freiem Denken des Denkens und zu Selbstdenken zwingend führt. Beides verbindet sich ausschließlich mit
Wissenschaft und sozialer Veränderung. Es bildet sich ein neues Denken in der Epoche der europäischen Aufklärung heraus, das
alte Schablonen über Bord wirft und Bisheriges hinterfragt und schonungslos kritisiert.
Aufklärung ist das Streben nach Beseitigung überkommener, nur auf Autorität angenommener Lehren und nach Neugestaltung des
Lebens auf Grund vernünftiger Ansichten und Einsichten. Das bedeutet: Wirken wollen und Tätig sein durch Vernunft.
Philosophisch bekämpft die Aufklärung die Metaphysik. Sie fördert jede Art des Rationalismus und wissenschaftlich die
Naturwissenschaft, auf deren Ergebnissen die Aufklärung umgekehrt vielfach fußt und sie ihre Wissenschaftsgläubigkeit und ihren
Fortschrittsglauben gründet. Ethisch - pädagogisch entwickelt sie humanitäre Ideale und ein jugendgemäßes Erziehungswesen, sie
fördert die Befreiung des Menschen aus ungerechtfertigten Bindungen, die Gleichheit aller Bürger desselben Staates vor dem
Gesetz, schließlich die Gleichheit all dessen, was Menschenantlitz trägt, vor der Menschheit, deren Begriff besonders durch die
Aufklärung herausgearbeitet wird.
Die europäische Aufklärung ist vor allem gekennzeichnet durch:
- rationale Klarheit über die Zusammenhänge der wirklichen Welt mittels der menschlichen Vernunft
- kritische und skeptische Schärfe ohne Tabus und Vorurteile
- empirische Breite und konsequente Nutzung der Wissenschaft
- sittliches Handeln (Mensch von Natur ist gut und kann sich ständig vervollkommnen), das zu Fortschrittsoptimismus
führt
- Toleranz als universelles Denk- und Verhaltensprinzip
- Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz und individuelle Freiheiten
In Bezug auf die Religion, die von den christlichen Kirchen vertreten wird, folgt daraus:
- Abwertung des Autoritätsglauben, des religiösen Dogmatismus und des Aberglaubens
- Entwicklung eines natürlichen Vernunftglaubens zwischen Pantheismus, Deismus und Atheismus
- Herausbildung einer kosmopolitischen Sichtweise, die auch zu neuen gesellschaftspolitischen Konsequenzen führt
- grundsätzliche Kritik an der Institution Kirche und eine philosophisch begründete Religionskritik
Nachdem Kant in seinem Aufsatz: "Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?" (Berlinische Monatsschrift, 1784) das 18.
Jahrhundert als "das Zeitalter der Aufklärung oder das Jahrhundert Friedrichs" bezeichnet hat, wird der Ausdruck für die
geistige Bewegung gebraucht, die im 17. Jahrhundert in England beginnt, sich im 18. Jahrhundert in Frankreich, Italien,
Deutschland und anderen Ländern jeweils in eigener Weise durchsetzt und in ihren Auswirkungen die ganze europäische Kultur
ergreift. Kant charakterisiert sie als den "Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist
das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines Anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn
die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung
eines anderen zu bedienen Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der
Aufklärung. ...Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit; ... nämlich die, von seiner Vernunft in allen
Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen." 6
3. Humanismus
Der Begriff Humanismus ist in aller Munde. Im Alltag wird er ebenso gern und oft benutzt wie bei verschiedenen Politikern
und denjenigen, die sich an keine Religion oder Weltanschauung binden. Viele freigeistige Vereinigungen in Deutschland führen
den Humanismus in ihrem Namen oder beziehen sich in ihren programmatischen Aussagen und Anliegen auf den Humanismus, einen
säkularen Humanismus. Es stellt sich, um sorgfältig inhaltlich zu agieren, die Frage: Was ist Humanismus? Ist der Begriff eine
ethische oder religiös-weltanschauliche Kategorie? Wir sehen auch die wichtige praktische Seite: Die tätige Humanität als eine
Lebenshaltung, als tatsächliches Verhältnis zwischen freidenkenden Menschen und zwischen allen Menschen erhält zunehmend
zentrale Bedeutung, ohne die die Geistesfreiheit nur ein akademischer Sachverhalt bliebe.
Ernstlich ist nicht zu bezweifeln, dass es auch einen religiös motivierten Humanismus gibt. Ohne Menschen mit einem
christlichen Humanismus sind viele Leistungen etwa im sozialen oder kulturellen Bereich nicht denkbar. Dies gilt natürlich auch
für die anderen Religionen auf unserer Erde. Allerdings wäre die These von der christlich-abendländischen Kultur, in der wir
alle verwurzelt seien, infrage zu stellen, da gerade die Antike und die europäische Aufklärung die Geschichte der Demokratie,
der Wissenschaft, der Kultur und des Denkens sehr deutlich determinieren. Antike Wurzeln haben vorchristlichen Charakter und
bestimmen die abendländische Kultur, betrachten wir nur die verschiedenen humanistischen Kernaussagen wie z. B.: Der Mensch ist
das Maß aller Dinge. (Protagoras) / Der Mensch ist dem Menschen heilig. / Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches achte ich mir
als fremd. (Cicero, Seneca). Die Renaissance insgesamt, insbesondere der Renaissancehumanismus seit dem 14. Jahrhundert mündet
in die Aufklärung, diese letztlich in die Erklärung der Menschenrechte (1789) und die Unabhängigkeitserklärung der USA
(1776).
Die antihumanistischen Tendenzen und die inhumanen Systeme, durch die vor allem das 20. Jahrhundert geprägt wird, gehören
ebenfalls zur Gesamtbetrachtung. Kolonialismus, Hunger, Unterentwicklung von 4/5 der Menschheit, der 1. und 2. Weltkrieg, der
Faschismus, der Stalinismus, sind einige Stichwörter, die unsere Zeit prägen.
Eine ausführliche Darstellung des Humanismus (und seiner Gegentrends) ist an dieser Stelle nicht leistbar. Es deutet sich
jedoch an, dass gerade der säkulare Humanismus mit der Menschenwürde und den Menschenrechten eng verbunden ist. Der Kampf um
Würde und Rechte der Menschen ist ein herausragendes Anliegen freigeistiger Tätigkeit. 7
Angesichts der unterschiedlichen Entwicklungen des Humanismus und der scheinbaren Erfolge nichthumanistischer Bestrebungen
scheint ein Zusammenleben der Menschen, das auf humanistischen Grundwerten beruht, gelegentlich wenig erfolgversprechend und
für reales Handeln keine wirksame ethische Handlungsorientierung. Hat da der säkulare Humanismus eine reale Chance? Was ist das
überhaupt? Wenn wir grundsätzlich Wurzeln in der europäischen Antike und Aufklärung sehen, bleibt jedoch offen, was sich in
anderen Erdteilen entwickelt hat?
Seit über 150 Jahren ist eine sich organisierende freigeistige humanistische Bewegung in Deutschland feststellbar.
Höhepunkte dieser Bewegung sind am Ende des 19. Jahrhunderts und in der Mitte der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Trotz
politischer Streitigkeiten und der permanenten Tendenz der Zersplitterung wird die freigeistige Bewegung - national und
international - mehr und mehr zum Träger eines säkularen Humanismus. Erst die Zerstörung der freigeistig-humanistischen
Organisationen zwischen 1933 und 1945 beendet vorerst diese Entwicklung, übrigens fast total. Nur wenige Aktive dieser
Organisationen überleben und fangen neu an - wie Carl Peter, Hermann Graul, Albert Heuer, Gerhard von Frankenberg, Fritz
Hermann und andere. 8
Außereuropäische Bereiche beeinflussen seit dem Ende des 2. Weltkrieges gerade auch in Deutschland das freigeistige Denken
und die freien Organisationen, die den säkularen Humanismus als eine programmatische Grundlage ansehen. Hierzu gehören die USA,
Kanada und Indien. Internationale Organisationen wie die IHEU, die IARF und die Weltunion der Freidenker fördern ein
kosmopolitisches Herangehen an die Propagierung und Realisierung eines säkularen Humanismus. Oftmals bleiben wir bei seiner
Erörterung allerdings immer noch eurozentristisch und übersehen die vielen atheistischen, freireligiösen und anderen säkularen
Denkweisen. Paul Kurtz schreibt: "Die gegenwärtige Situation in der Geschichte der Menschheit bietet eine große Chance für das
Wachstum der humanistischen Weltbewegung. Die Frage ist, ob Humanisten jene langfristige Weltsicht und Weisheit besitzen, um
sich dieser Herausforderung zu stellen. Oft übersehen führende Humanisten die Notwendigkeit einer umfassenden Perspektive, weil
sie zu sehr mit alltäglichen Problemen beschäftigt sind." 9
Der Inhalt des Begriffs Humanismus ist aus dem lateinischen abgeleitet von humanitas, d.h. Menschlichkeit. Er geht vom
menschlichen Bewusstsein aus und hat die Wertsetzung des Menschen zum Objekt. Dabei schließt er all dies aus, was ihn sich
selbst entfremdet. Dies sind vor allem die Unterwerfung unter übernatürliche Mächte und Wahrheiten sowie die Nutzbarmachung
menschlicher Ressourcen für menschenverachtende Zwecke. Humanitas nennen die Römer (siehe u.a. Cicero) die ethisch-kulturelle
Höchstentfaltung der menschlichen Kräfte in ästhetisch vollendeter Form, gepaart mit Milde und Menschlichkeit. Humanismus
bezeichnet sich dann die Bewegung, die der Scholastik und der geistigen Vorherrschaft der katholischen Kirche entgegentritt.
Sie beginnt in Italien mit Petrarca und gipfelt in Erasmus, Reuchlin, Hutten, Melanchthon. Die Humanitas-Bewegung richtet sich
gegen theologisch-dogmatische Bindungen und fördert das Streben nach menschenwürdiger Daseinsgestaltung. In Folge vereinigen
sich Humanität, gekennzeichnet durch Sittlichkeit und soziale Bewegung, und humanistische Bildung.
Als ein wesentlicher Impuls für das Verständnis von Humanismus ist das hochentwickelte aufklärerische Denken in Indien zu
erfassen und zu würdigen. Hierzu stütze ich mich in gebotener Kürze auf Ausführungen "Relevance of humanism" von Dr. Vijayam,
dem Exekutivdirektor des Atheist Centre in Südindien. 10
Die freigeistigen Wurzeln der Aufklärung in Indien liegen im Agnostizismus Buddhas, in der Großzügigkeit Mahaviras und im
Fragenden Geist Charvakas und Lokayatas. In Indien entwickelt sich schon frühzeitig die Notwendigkeit heraus, Toleranz und
einen ständigen Dialog zwischen den unterschiedlichen Gesichtspunkten der religiös-weltanschaulichen Positionen (des
Hinduismus/Brahmaismus, Buddhismus, Islam) zu pflegen bzw. darum immer wieder neu zu ringen. Der Weg der Toleranz, der
Genügsamkeit und des Mitleidens wird in Indien gegangen, als in Europa noch das Mittelalter mit seinen katholischen Autoritäten
und den grausamen, religiös motivierten Verfolgungen herrscht.
Die nationale Identität und der Humanismus haben einen liberalisierenden Einfluss auf die Fesseln der Religion. Gandhi sagt,
dass er seine Religion nicht auf den Marktplatz bringe. Religiös und säkular orientierte Inder haben gemeinsam ihren Kampf
gegen die kolonialen Unterdrückungen geführt. Die 1947 errungene Unabhängigkeit Indiens fördert die Säkularisierung der
multikulturellen Gesellschaft. In der Verfassung, Art. 51-A (h) steht: "... to promote scientific temper, spirit of enquiry,
reform and humanism" (Übers.: grundlegende Pflicht jedes Bürgers: Förderung des wissenschaftlichen Wesens, des Geistes der
Untersuchung, Reform und Humanismus).
Bedeutende indische Denker des 20. Jahrhunderts, die den Zusammenhang von Aufklärung, säkularem Humanismus und Rationalismus
erkannt haben und zur Grundlage ihres Wirkens genommen haben, sind unter anderem:
M. N. Roy (1887 - 1954): Radical Humanism; Periyar (1879 - 1973): Rationalist; Gora (1902 - 1975): Atheist Centre; A. B. Shah
(1920 - 1981): Indian Secular Society.
Deren Werke und Auffassungen kennen wir wenig, ja oftmals sind nicht einmal deren Namen bekannt. Dies ist ein freigeistiges
Defizit. 11
Eine besondere Stärke des säkularen Humanismus, der zugleich ein "positiver Atheismus" ist, stellt die Hinwendung zu den
praktischen Problemen der Menschen, zu einer realen Verbindung von weltanschaulich-ethischer Lebensorientierung und
tatsächlicher tätiger Lebenshilfe dar. "Philosophy must lead to adian." (Vijayam) Der Zusammenhang von Demokratie, sozialer
Gerechtigkeit, religiöser Toleranz, Gleichheit der Frau und der Anti-Kasten-Bewegung führt in Indien zu mehr Menschenwürde für
alle. Wir übersehen natürlich nicht, dass es in dieser Hinsicht in Indien - wie in vielen anderen Ländern - weiterhin viel zu
tun gibt.
In Indien verbindet sich säkularer Humanismus mit der Gestaltung gewaltfreier sozialer Beziehungen, einem ausgewogenen
Verhältnis mit der Natur, Garantien für Essen für die Hungernden, der Gleichberechtigung, der Erziehung und wissenschaftlichen
Aufklärung gegen Aberglauben. Weitere Aspekte sind der Kampf gegen das Kastensystem und gegen die Kommunalisierung sowie für
den säkularen Staat und für soziale Reformen.
4. Qualität der Verantwortung
Worin bestehen aktuelle Aufgaben und grundlegende Voraussetzungen für eine neue Qualität der Aufklärung, die mit Neuem
Denken, Geistesfreiheit und Menschenwürde organisch verbunden ist? Benötigen wir eine 2. Aufklärung, die allerdings nicht nur
einfach die eigentliche Aufklärung fortsetzt? Die historisch entwickelte Aufklärung ist m.E. gar nicht beendet, sie läuft mit
neuen Qualitäten in Wechselwirkung mit Menschenrechten und Neuem Denken fort. Was ist in der Bundesrepublik u.a. zu tun, damit
wir unserer historischen Verantwortung für einen säkularen Humanismus als weltanschaulichem Kern dieser "neuen" Aufklärung
gerecht werden?
Die organisatorischen Strukturen der freigeistig-humanistischen Bewegung in Deutschland (und ihre Einbindung in
internationaler Zusammenarbeit) sind zu reformieren. Bündnisse und Kooperation sind und bleiben der Weg, der zu Erfolg führen
kann. Mehr Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kultur und Politik sind für die Mitarbeit zu gewinnen. Die materielle Basis der
freigeistig-humanistischen Arbeit ist zu erweitern. Wir benötigen klare theoretische Aussagen, eindeutige ethische Positionen
und eine effektive und verständliche Öffentlichkeitsarbeit. Wir müssen noch mehr lernen, unterschiedliche Positionen innerhalb
der freigeistigen und kirchenfreien Bewegung zu akzeptieren und das Verbindende zu suchen und zur Grundlage gemeinsamer
Tätigkeit zu machen. Wir müssen die Medien flexibel nutzen sowie Sendezeiten im Rundfunk und Sitze in den Rundfunkräten
erringen und ausfüllen.
Die Bewegung, die sich säkular humanistisch und freigeistig versteht, hat die brennenden Fragen der Zeit aufzugreifen und
Antworten wirkungsvoll anzubieten. Zu den wichtigsten Themen gehören m.E.:
- Verantwortung für den Mitmenschen, deren Rechte und Freiheiten und die Natur und Umwelt
- sittliche Werte: Wahrhaftigkeit, Solidarität, Toleranz, Freiheit, informationelle Selbstbestimmung
- Friedenserhalt bzw. -schaffung, nichtmilitärische Konfliktlösungen
- Gleichberechtigung von Frau und Mann - Selbstbestimmung der Frau contra § 218; gleichgeschlechtliche Partnerschaften
- strikte Trennung von Kirche und Staat und Entkonfessionalisierung der Schule
- menschenwürdige Lösungen im unzureichenden Asyl- und Staatsbürgerschaftsrecht in Deutschland (gegen Fremdenfeindlichkeit
und Gewalt)
- Gentechnologie und Bioethik
- neue religiöse und weltanschauliche Bewegungen, sog. Sekten und Psychogruppen, Okkultismus und Satanismus, Aufklärung vor
Missbrauch der Gewissens- und Religionsfreiheit
- Sterbehilfe und humanes Sterben
Die Europäische Vereinigung und das Zusammenwachsen der beiden deutschen Teile sind Anlass, uns der zukünftigen Wege des
gemeinschaftlichen Lebens und Wirtschaftens im eigenen Land und im Verhältnis zu anderen Staaten und Völkern bewusst zu werden
und zu vergewissern. Verfassungsgebung ist ein Weg der vernünftigen Selbstwahrnehmungen und Selbstbeschreibung der
Gesellschaft. Die Diskussion einer europäischen Verfassung für ein laizistisches Europa ist Teil dieses Weges. Eine wirklich
laizistische Bundesrepublik Deutschland wäre der erste Schritt dorthin. Diese Diskussion ist zugleich Anregung und
Voraussetzung für die Entwicklung einer Reform der internationalen Ordnung, in der die Rechte der Europäer nicht durch Unrecht
gegen Nichteuropäer existieren dürfen: Unser Streben nach Glück hat nur Würde, wenn es nicht auf dem Unglück anderer aufbaut.
Unser Streben nach Würde muss die anderen als Gleiche anerkennen.
Unser Programm für Geistesfreiheit, Menschenrechte und dogmenfreie Lebensgestaltungen ist nicht veraltet. Es ist Ausdruck
Neuen Denkens und setzt aufklärerisches Denken fort. Aufklärerisches Neues Denken verbindet sich mit weltbürgerlicher
Identität, Geistesfreiheit und Menschenrechten. Wir sind eine nicht mehr ruhende Einmischung in die Verwirklichung der Bürger-
und Menschenrechte weltweit, wo immer sie verletzt werden - sei es im Inland oder im Ausland, sei es in der Gegenwart oder in
der Zukunft.
Anmerkungen
1 Denis Diderot: Stichwort "Menschlichkeit". In: Artikel aus Diderots Enzyklopädie (8. Band, 1765). Leipzig 1972. S.
681.
2 Helmuth von Glasenapp: Die fünf Weltreligionen. München 1996. S. 9.
3 Werner Schneiders: Lexikon der Aufklärung. München 1995. S. 7.
4 Vgl. ebd. s. 9 ff.; vgl. auch Volker Mueller: Aufklärung und Naturanschauung im vorrevolutionären Frankreich. In: Wiss.
Zs. der Humboldt-Universität Berlin. Reihe GW, 1989. Heft 4.
5 Vgl. Winfried Schröder: Ursprünge des Atheismus. Stuttgart-Bad Cannstatt 1998; vgl Georges Minois: Geschichte des
Atheismus. Weimar 2000.
6 Immanuel Kant: Was ist Aufklärung? Leipzig 1914. S. 1 und 3. Gegen diese Charakterisierung machte Hamann geltend, dass ein
"Unvermögen eigentlich keine Schuld" und dass zwar eine "Vormundschaft", nicht aber die "Unmündigkeit" selbstverschuldet sein
kann. Das Unvermögen bestehe also in der "Blindheit des Vormundes, der sich für sehend ausgibt und deshalb alle Schuld
verantworten muß". Herder nannte die Aufklärung "das große Jahrhundert des Zweifelns und Wellenerregens". Eine großartige
Deutung des Aufklärung gab Hegel in der "Phänomenologie des Geistes".
7 Vgl.: 50 Jahre für Geistesfreiheit, Humanismus und Menschenrechte. DFW. Pinneberg 2000; Zukunft und Wirkung der
freigeistigen Bewegung in Deutschland. In: Schriftenreihe für freigeistige Kultur. Heft 11. Pinneberg 1998; Volker Mueller:
Menschenrechte und Geistesfreiheit - gegenwärtige Standpunkte in der DFW-Arbeit zur Vertretung konfessionsfreier Interessen.
In: Kristall. Heft 1/2001. Neustadt 2001; Das Humanistische Manifest III. Der Ruf nach einem neuen globalen Humanismus. In:
humanismus aktuell. Heft 5. Berlin 1999.
8 An dieser Stelle möchte ich einige Literaturangaben zum Thema empfehlen, die u. a. belegen, dass wir es hier wirklich
nicht mit einem neuen Schlagwort zu tun haben.
- Fritz Hermann "Der Humanismus - Utopie, Ideologie oder Wirklichkeit?" (Jahrestagung der Freien Akademie 1967)
- Fritz Bode "Unsere Aufgaben als freie Humanisten für eine lebensgerechte Zukunft" (Jahrestagung AG Weser-Ems der Freien
Humanisten 1991). In: homo humanus aktuell A 40
- Finngeir Hiorth "Humanismus - genau betrachtet" (Neustadt 1996)
- Paul Kurtz "Verbotene Früchte: Ethik des Humanismus" (Neustadt 1998)
- Zeitschrift "diesseits", Heft 43/1998: "Humanisten auf der Suche nach Zukunft" mit Beiträgen von Christian John, Manfred
Isemeyer, Peter Schultz-Hageleit
- Horst Groschopp: Dissidenten. Freidenker und Kultur in Deutschland. Berlin 1997.
- Helmut Steuerwald: Kritische Geschichte der Religionen und freien Weltanschauungen. Neustadt 1999.
9 Paul Kurtz: Humanisten verteidigen die Vernunft. In: diesseits. Berlin. Heft 43/1998. S. 14.
10 Vgl. Vijayam: Relevance of humanismus. In: The Atheist. June 1997. S. 7 ff.
11 Literaturhinweise zum atheistischen Denken in Indien:
- Gora: "Positive Atheism". Vijayawada 1978.
- Gora: "An Atheist with Gandhi". Ahmedabad 1986.
- Periyar E. V. Ramasami: "Is there a God?" Chennai 1996.
- K. Veeramani: "Humanism". Chennai 1998.
- "ATHEIST", Monatszeitung. Anschrift: Atheist Centre, Dr. Vijayam and Lavanam; Benz Circle, Vijayawada - 520 010.
INDIA.
- "The modern Rationalist", Monatszeitschrift, Anschrift: 50, EVK Sampath Salai, Periyar Thidal - Vepery, Chennai - 600 007,
INDIA.