Ratna Holopainen
[English]
Mit 17 kam ich zum atheistischen Zentrum. Zu der Zeit konnte ich mir nicht vorstellen, dass der Rest meines Lebens
untrennbar mit Atheismus verbunden sein würde. Aufgewachsen bin ich in einer konservativen Händlergesellschaft der unteren
Mittelklasse. Meine Eltern hatten fünf Töchter. Gemäß der Hindu-Tradition ist es sehr schwierig, dass eine Familie Erlösung
findet, wenn sie keine Söhne hat. Schon in jungen Jahren fand ich das äußerst unfair und ich fing an, mich gegen diese
irrationalen traditionellen Vorschriften, die häufig von Männern gemacht waren, aufzulehnen. Daher wollte ich eine Arbeit
aufnehmen, die mich als gleichwertig gegenüber dem anderen Geschlecht ausweist. Im atheistischen Zentrum erhielt ich die
Möglichkeit, mich als menschliches Wesen jenseits des Geschlechterkonzepts darzustellen.
Zur damaligen Zeit wurde das Druckergewerbe von Männern dominiert. Das atheistische Zentrum war die erste Institution in
Vijayawada, die Frauen in diesem Bereich ausbildete. Zusammen mit meiner älteren Schwester begann ich 1983 mit der Ausbildung.
Die ersten 2 Jahre waren eine Übungszeit für mich. Ich wurde sehr stark von Ms. Mythri, der Tochter von Gora, beeinflusst, die
für die Programme in der Drucktechnik zuständig war. Die Ausbildung in Gora war in erster Linie für Frauen mit
unterschiedlichen Problemen gedacht. Dort merkte ich zum ersten Mal, welcher Art von Problemen Frauen ausgesetzt sein konnten.
Ich beobachtete ebenfalls, wie Ms. Mythri die Ausbildung mit Mitgefühl und Umsicht leitete.
Nach zwei Jahren der Ausbildung wurde ich gebeten, selber die Ausbildung zu übernehmen. Ich stellte fest, dass meine Azubis
nicht viel Interesse am Unterricht zeigten. Für mich war ein/e gute/r Lehrer/in jemand, die/der gut und verständlich
unterrichtete. Und das war alles! Aber ich konnte meine Azubis nicht dazu bewegen, Interesse zu zeigen. Als Ms. Mythri mich
fragte, welche Erfahrungen ich als Ausbilderin und Lehrerin gemacht hätte, schilderte ich ihr meine Probleme. Sie lachte und
sagte, dass wir mehr über unsere Azubis lernen sollten - wer waren sie? Welche Probleme hatten sie? Wie konnten wir Ihnen
helfen? Und wie konnten wir ihr Interesse wecken? Ihr Rat war sehr nützlich. Häufig berichtete ich ihr und sie beriet mich.
Die meisten Azubis waren älter als ich. Viele von ihnen waren verheiratet. Einige von ihnen hatten Kinder. Als
unverheiratete junge Frau, die in einem harmonischen Familienleben aufgewachsen war, kam es mir nie in den Sinn, dass Frauen
solchen Problemen ausgesetzt sein könnten. Sehr häufig fand ich den religiösen Hintergrund für ihre Probleme Mir wurde bewusst,
wie notwendig es war, den religiösen Einfluss zurückzudrängen, damit der Mensch fähig wurde zu lernen. Bei dieser Aufgabe hatte
Ms. Mythri einen entscheidenden Einfluss dabei, das Leben vieler Frauen zu retten. In nahezu allen Gesellschaften sind Frauen
die am stärksten betroffenen Opfer verschiedener sozialer Pflichten (Lasten). In Indien sind Religion, Kaste, Tradition,
Familie und soziales Prestige die schlimmsten Feinde der Frauen. Als mir das klar wurde, fing ich an, dies mit Lavanam, der
sich um die Druckerpresse kümmerte, zu diskutieren. Eines Tages fragte ich ihn: "Welche Qualifikationen sollte ein
Sozialarbeiter haben?" Er band gerade zusammen mit uns eine atheistische Zeitschrift, die vom Zentrum herausgegeben wurde. Er
schaute mich an und sagte: "Freundlichkeit und Geduld". Bitte beachten Sie: Er sagte nichts von universitärer Bildung oder
Erfahrung oder Glaube an den Atheismus. Er fuhr fort: "unabhängig von Kaste, Religion, Rasse oder Geschlecht. Behandeln Sie
Ihre Mitmenschen als menschliche Wesen. Bitte machen Sie sich klar, dass es eine grundlegende Tatsache gibt: Die Leute um Sie
herum haben eine gemeinsame Identität, sie sind in erster Linie menschliche Wesen. Seine Worte prägten sich mir tief ein. Auf
diesem Hintergrund meiner engen Bindung an das atheistische Zentrum in Vijayawada möchte ich Ihnen die Entstehungsgeschichte
des Zentrums schildern. Zudem möchte ich darlegen, was das Zentrum für die Mitmenschen leistet.
Ein Blick in die Vergangenheit
Die soziale Dynamik des positiven Atheismus von Gora interessierte Gandhi wegen seines menschlichen Aspekts. Gandhi wollte
sich über die Arbeit des atheistischen Zentrums bezüglich der Abschaffung der Unberührbarkeit in den frühen 40er Jahren
informieren. In diesem Punkt bestand Gandhis bestes Sozialprogramm darin, dafür zu kämpfen, dass die Unberührbaren die Tempel
betreten durften. Obwohl die Unberührbaren ein Teil der Hindu-Gesellschaft waren, war ihnen der Zutritt zu den Hindutempeln
verboten. Gandhi startete dieses Programm, da er glaubte, dass alle Menschen Gottes Kinder wären. Er versuchte eine geistliche
Lösung zu finden und vertrat als Anwalt das Tempeleintrittsprogramm.
Für Atheisten ist Gott nur ein Produkt der Einbildung. Insofern war ihnen der Zutritt zu einem Tempel unwichtig. Sie setzten
sich für Sozialprogramme zur Abschaffung der Unberührbarkeit ein, die am Menschen orientiert waren. Die Bestandteile dieser
Programme sind:
I. Kosmopolitische Mahlzeiten, bei denen Leute aller sozialen Kategorien beisammen saßen und gemeinsam aßen. Ein gemeinsames
Essen, an dem Leute aus unterschiedlichen sozialen Schichten teilnahmen, war lange Zeit ein Tabu in Indien.
II. Übergreifende Heiraten, d.h. Heiraten jenseits von Kaste, Rasse, Religion und anderen Beschränkungen. In Indien
vermieden die Leute häufig, außerhalb ihrer gewohnten Umgebung zu heiraten. Im Allgemeinen wurden die Heiraten von den Eltern
festgelegt. Daher vertrat das atheistische Zentrum Heiraten quer durch die Klassen, ohne Beachtung sozialer Kategorisierungen.
Insofern besteht atheistische Sozialarbeit aus Initiativen, die den Menschen in den Mittelpunkt stellen sowie aus individueller
Entwicklung und Reform und sozialer Umformung.
Religionen beginnen mit den Bedürfnissen vor Ort und mit örtlichen Göttern. Keine Religion ist oder war universell. Da sich
der Atheismus am Menschen orientiert, steht er im Gegensatz zur Dominanz zur gottbezogenen Sozialordnung, wo immer sie
auftritt. Daher ist Atheismus universell, da er nicht an irgendeinen Gott oder irgendeine Religion glaubt. Atheistische
Sozialarbeit steht über den engen Grenzen von Nationen. Mit diesem Glauben an die humanistische Sozialarbeit verteidigt das
atheistische Zentrum die Sache der säkularen Sozialarbeit, des menschlichen Selbstrespekts und der Verbesserung der
menschlichen Lebensbedingungen durch nicht-religiöse Programme.
Bildung hat einen erheblichen Einfluss darauf, dass ein Bewusstseinswandel im Individuum eintritt. Zudem sind Selbstlernen
und soziale Bildung notwendig für die Entwicklung eines individuellen Charakters und zur angemessenen Sozialisation. Als das
atheistische Zentrum seine Sozialarbeit startete, begann es mit Programmen zur Erwachsenenbildung, speziell für Unberührbare
und Frauen. Gora plante und startete nicht-religiöse Curricula. In einem kürzlich erschienenen Artikel (auf Telugu, der
Sprache, die in Andhra Pradesh gesprochen wird), führte Dr. K.H.S.S. Sundar, ein Forscher, der sich mit der modernen sozialen
und kulturellen Geschichte der Region befasst, zwei Sätze ein, um die Auswirkungen von Goras Einfluss auf die Bildung zu
beschreiben.
A) säkulare Sozialisation und B) gleichberechtigte Sozialisation
Dies beinhaltet stillschweigend, dass die sogenannten "Unberührbaren" gleichberechtigt mit anderen Lernenden genug Platz in
Goras Bildungsprogramm erhielten. Zusätzlich hatte Goras Bruch mit traditionellen Bildungsprogrammen, welche sehr viele
religiöse Lektionen enthielten, einen starken Einfluss auf die Gestaltung der Persönlichkeit in säkularem Sinn. Raja Rammohan
Roy von Bengalen, der Pionier der Sozialreformen, der im 18. Jahrhundert lebte, bereitete den Boden für eine wissenschaftliche
Bildung. Gora hingegen legte die Grundlagen für ein Alternativmodell des säkularen Unterrichts.
Es gab noch drei andere wichtige Programme atheistischer Sozialarbeit in der Vergangenheit:
1. Darstellung von abergläubischen Glaubensinhalten und Förderung der wissenschaftlichen Vorstellungen durch beispielhafte
Programme wie z.B. öffentlicher Feuerlauf.
2. Organisation von Frauen zwecks Tabubrüchen. Beispielsweise ist in Indien der Glaube weit verbreitet, dass, wenn eine
schwangere Frau einer Sonnen- oder Mondfinsternis ausgesetzt ist, ihr Baby missgebildet geboren wird. Goras Frau, Saraswati,
bewies, dass dieser Glaube falsch ist, indem sie sich zur Zeit der Finsternis im Freien aufhielt.
3. Öffentliche Hygiene-Programme. Private Toiletten waren in Indien lange Zeit völlig ungebräuchlich bzw. unbekannt. Gora,
als Teil von Gandhis Aufbauprogramm förderte den Bau privater Toiletten auf breiter Ebene. Dieses Programm war speziell dazu
gedacht, Frauen von Stress und andauernden Gesundheitsproblemen zu befreien. Normalerweise gehen die Frauen nach Einbruch der
Nacht zur Toilette, da die Männer tagsüber im ganzen Dorf umhergehen. Männer kümmern sich nicht um die Tageszeit, wenn sie sich
ohne zu zögern in der Öffentlichkeit erleichtern. Frauen können dies nicht. Daher mussten sie den Stress ertragen, dass sie bis
zum Anbruch der Nacht warten mussten. Dies verursachte schwere Unterleibsprobleme. Goras Programm der privaten Hygiene wurde
von allen sehr gut aufgenommen und speziell die Frauen waren auch sehr dankbar dafür.
Ein Ausblick auf die Gegenwart
Unter der Direktion von Saraswati Gora erreichte die atheistische Sozialarbeit höhere Stufen im Katastrophenmanagement,
welches von Lavanam betreut wurde. Als 1977 ein Killerzyklon die Küstengebiete von Andhra Pradesh verwüstete und nahezu 25000
Leute starben, spielten Lavanam und seine Frau Hemalata eine Hauptrolle, indem sie Katastrophenmanagement zu einem Teil der
Arbeit des atheistischen Zentrums machten. Vertretern des atheistischen Zentrums gelang ein wichtiger Durchbruch während der
Aufbauarbeiten. Sie bestanden darauf, dass die Hilfe auf der Grundlage von menschlichen Bedürfnissen und nicht auf der
Grundlage von örtlichen sozialen Gruppen geleistet wurde. Menschliches Leid kennt keine Religion oder soziale Kategorien. In
Indien wird den Opfern häufig auf kommunaler Ebene geholfen. Das atheistische Zentrum widersetzte sich dem und überzeugte die
Menschen, dass den Leuten unabhängig von sozialer oder religiöser Stellung geholfen werden musste. Obwohl dies zu Anfang
Unruhen hervorrief, wurden die Leute im Laufe der Zeit von der Wirksamkeit der atheistischen Sozialarbeit überzeugt. Nach dem
Zyklon teilte das atheistische Zentrum seine Sozialarbeit in drei getrennte Freiwilligenorganisationen auf: Vasavya Mahila
Mandali, Arthik Samata Mandali und Samskar. Vasavya Mahila Mandali beschäftigt sich mit Frauenprogrammen wie Frauengruppen für
Selbsthilfe, Gesundheitsprogramme und die Herberge der arbeitenden Frauen, ein Zufluchtsort für Frauen mit Problemen, eine
Augenbank und AIDS-Kontrolle. Die Organisation ist auf Grund ihrer Beratungsprogramme für Frauen in Andhra Pradesh hoch
angesehen.
Arthik Samata Mandali ist in ländliche Entwicklungsprogramme und spezielle Programme für Kinder eingebunden. Weiterhin ist
es nach wie vor eine der führenden Organisationen im Bereich Katastrophenmanagement. Die Organisation hat einen Schwerpunkt im
Bereich von Webern und Stammesbevölkerung. Die von der Organisation betriebenen Augen- und Poliocamps sind sehr angesehen.
Samskar ist die Organisation, welche sich auf Goras unkonventionelle Herangehensweise beschränkt hat, auf Sozialreform und
Rehabilitation. Die Organisation arbeitet mit den Problemen sozial vernachlässigter Bevölkerungsteile. Hierzu gehören
kriminelle Stämme und Jogini-Frauen. Lavanam und seine Frau Hemalata übernehmen Herausforderungen wie eine Kriminalreform und
die Reform der Jogini-Frauen. Unmittelbar vor seinem plötzlichen Tod begann Gora mit der Reformarbeit der früher kriminellen
Bevölkerung von Stuartpuram im Distrikt Guntur in Andhra Pradesh.
Die britische Regierung erließ 1871 das Gesetz bezüglich krimineller Stämme. Gemäß diesem Gesetz werden bestimmte Kasten und
Stämme Indiens als kriminell definiert. Hierdurch werden die Bewohner dieser Gemeinschaften sowohl durch Geburt als auch durch
ihre Arbeit als kriminell definiert.
Die Kriminalreformarbeit in Stuartpuram ist die erste ihrer Art in Indien und möglicherweise auch weltweit. Hier wird
versucht, so genannte Kriminelle von der Kultur des Verbrechens zu einer Kultur der Freundlichkeit zu bringen.
Unter der britischen Herrschaft wurden Siedlungen wie Stuartpuram als "Siedlungen von Verbrechern" bezeichnet. Familien in
diesen Siedlungen wurden Opfer der Verbrechenskultur. Demzufolge brauchten nicht die Individuen, sondern die Familien Hilfe.
Von daher bestand die Arbeit Samskars in der Siedlung Stuartpuram in einer Art Umorientierung sowohl der Familien als auch des
sozialen Lebens für die gefürchteten kriminellen Familien mit dem Ziel, sie in die Gesellschaft außerhalb zu integrieren. Dies
war eine soziale Herausforderung, welche bis dahin noch von keiner anderen sozialen Organisation angenommen worden war.
Samskars Aufgabe ist dahingehend einzigartig, als es die erste Open-Air-Reform der kriminellen Familien ist. Samskars
Bemühungen dauern immer noch an und die Pläne gehen in die Richtung, dass das Projekt ausgeweitet wird, so dass soziale
Integration und Gebietsentwicklung zusammen angegangen werden können. Ich bin stolz, dass ich zwei Jahre an diesem Projekt
mitarbeiten durfte, als ich die Gelegenheit hatte, dies zu studieren.
Das Jogini-System ist eine religiöse Institution, in welcher junge Frauen aus den niederen Kasten mit örtlichen Gottheiten
verheiratet werden. Diese Art von Heirat hat zwei Auswirkungen:
- Die Mädchen können keinen Mann heiraten, da sie bereits den Göttern angetraut sind.
- Sie werden zu Gemeindeeigentum erklärt und können von jedem Mann des Ortes nach Wunsch benutzt werden.
Dadurch haben die Mädchen keine eigene Familie, werden aber häufig Mutter von "Bastardkindern". Die Männer, die für die
Geburt dieser Kinder verantwortlich sind, erkennen sie nicht an. Dies ist eine der unmenschlichsten kulturellen Eigenarten im
Namen von Religion und Gott. Es reduziert die Vorstellung von Gleichheit von Mann und Frau und der Rechte von Kindern auf eine
dicke Null. Im Laufe der Zeit wurden diese Mädchen zu Dorfprostituierten herabgestuft. Dieses System bestand in der Region
Telangana in Andhra Pradesh ohne Unterbrechung bis 1986. Da Lavanam und Hemalata stark im Unglauben sind, widersetzten sie sich
mit örtlicher Unterstützung und Hilfe der Regierung dem Jogini-System. Nach dem Eintritt von Samskar wurde das System von allen
Seiten angegriffen. Hierzu gehören Dorfversammlungen, Jugendberatung, Kindererziehung in speziellen Einrichtungen,
Frauenalphabetisierungsprogramme, Bewusstseinsbildung, Rehabilitation, politische Bildung, Rettungsanstrengungen, Weglaufhäuser
für kurze Zeiteinheiten, Heiraten für die geretteten Frauen und Mädchen, Orientierungshilfen für Familienleben etc. Die
Bemühungen dauern immer noch an.
Ein Ausblick in die Zukunft
In der modernen Gesellschaft haben die Institutionen das individuelle Leben stärker im Griff. Religionen und Staaten
unterdrücken die Individuen um die Interessen der Ausbeuter zu schützen. Durch den Fortschritt von Wissenschaft und Technik
ohne einen entsprechenden Fortschritt sozialer Werte und moralischer Verantwortung ist ein Konflikt zwischen den geringen und
den hohen Einkommen entstanden. So kann die wohlfahrtsorientierte Sozialarbeit der Vergangenheit die meisten Probleme nicht
lösen.
Die atheistische Sozialarbeit sollte die individuelle Selbstachtung, das Selbstvertrauen und die Entscheidungsfähigkeit
stärken. Dann können die Menschen sowohl auf individueller wie auch auf kollektiver Ebene die sie umgebende Gesellschaft
beeinflussen. Dies ist die zukünftige Verantwortung sozialer Initiativen. Das atheistische Zentrum richtet heutzutage seine
Programme entsprechend diesen Grundlagen der sozialen Überlegung aus. Wenn die Menschen in Übereinstimmung mit diesen
Prinzipien geschult werden, so können sie in Zukunft eine bessere Führung haben, die diesen Prozess dieser Art von sozialem
Vermächtnis fortführt.
Atheismus und atheistisches Zentrum in Indien
Kulturelles und philosophisches atheistisches Gedankengut ist so alt wie der Rig Veda, der älteste der vier Vedischen Texte
in Indien. Von der philosophischen Ebene kam der Atheismus zur sozialen Ebene, um der Tyrannei des Brahmanismus Widerstand zu
leisten, da dieser die soziale Unterteilung in hoch und niedrig durch das so genannte Varnasystem aufrechterhielt. Dies ist
eine Methode der sozialen Schichtung durch Berufe. Atheismus war daher ein Werkzeug, um soziale Gleichheit aller Menschen zu
fordern und durchzusetzen.
Der moderne Atheismus wurde zu einer positiven Philosophie und ein in Hinsicht auf Ethik und soziale Ordnung auf den
Menschen bezogener Lebensstil. Soziale Reformen und Sozialarbeit sind die wichtigsten Werkzeuge, um die Stellung des Atheismus
zu festigen. Gora und das atheistische Zentrum in Indien orientierten sich am Wunsch der einfachen Leute, dass sie in jeder
Lebenslage Fortschritte machten. Auch Gandhi akzeptierte Atheismus als Weg der Wahrheitsfindung. Er räumte Gora genug Platz
ein, um eng mit ihm zusammenzuarbeiten. Vinoba Bhave und Lavanam führten diese Beziehung später fort. Vinoba Bhave war ein
enger Vertrauter Gandhis, der Gandhis Sozialarbeit fortführte.
Die Bedeutung des atheistischen Zentrums im modernen Indien und insbesondere im modernen Atheismus kann aus drei
verschiedenen Blickwinkeln gewürdigt werden:
- Das atheistische Zentrum ignorierte Gott und die Religion bei der Wiederentdeckung dessen, was menschliche soziale
Beziehungen ausmacht. Das Zentrum ging über Kaste, Religion, Klasse und Geschlecht hinaus. Auf diese Weise wurde es eine
einflussreiche säkulare Kraft der Befreiung.
- Es wurde eine Kraft, die zum ersten Mal säkulare und atheistische Sozialarbeit im Lande förderte und die versuchte, die
vernachlässigten sozialen Klassen der indischen Gesellschaft zu befreien.
- Die Schnittstelle zwischen Gandhis Aufbauplänen und atheistischen Sozialprogrammen stellte dadurch, dass Gläubige und
Nichtgläubige in gemeinsamer Arbeit die Möglichkeiten sozialer Handlungsprogramme erforschten, um die Dörfer und dörfliche
Infrastrukturen zu entwickeln, etwas völlig Neues für Indien dar. Nach Ansicht Lavanams symbolisiert dies das Konzept der
nachhaltigen Entwicklungsinitiativen. Bei diesem Prozess bewegen wir uns von Standard-Entwicklungsaspekten hin zu am Menschen
orientierten Arten der Selbstentwicklung, die auf der Menschenwürde basieren.
Zusammenfassung
Es ist von großer Bedeutung für die Zukunft aller Atheisten und Humanisten, dass auf globaler Ebene die Möglichkeiten für
ein enggestricktes Netzwerk und der Zusammenarbeit erforscht werden. Die indische Erfahrung zeigt, dass es notwendig ist, die
Bemühungen bei sozialen und kulturellen Bedingungen auf lokaler Ebene zu verwurzeln. Diese Aktivitäten benötigen die
Zusammenarbeit von Atheisten, Humanisten und Freidenkern an jedem Ort der Erde.
Text einer Rede, die auf der Internationalen Konferenz und Mitgliederversammlung des IBKA in Speyer 2002
gehalten wurde. Ins Deutsche übersetzt von Franz-Josef Marx.