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Religiöse Denkfallen

René Hartmann

Zuerst veröffentlicht in MIZ 4/2010

Das größte aller religiösen Mysterien ist für einen Nichtgläubigen die Frage, wieso ansonsten ganz vernünftige Leute Dinge glauben, die offensichtlich keine hinreichende Grundlage in der Realität haben.

In diesem Artikel soll die Hypothese erörtert werden, dass hierfür Denkfehler (kognitive Täuschungen) verantwortlich sind, für die das menschliche Gehirn von Natur aus anfällig ist und die allen Menschen regelmäßig unterlaufen, die sich aber im Bereich der Religion in extremer Weise auswirken.

Wenn diese These richtig ist, existiert zwischen religiösem und nicht-religiösem Denken keine scharfe Trennung, sondern es gibt eine Grauzone. Denn Denkfehler treten auch auf allen Gebieten auf. Was aber Religion besonders charakterisiert, ist, dass Denkfehler, die man anderswo zu vermeiden und zu korrigieren trachtet, auf dem Gebiet der Religion häufiger auftreten und hartnäckiger sind, ja geradezu kultiviert werden, wie wir noch sehen werden.

Diese Denkfallen, die dem religiöses Denken nicht zufällig, sondern strukturbedingt eigen sind, sollen nun im Einzelnen betrachtet werden.

Konservativismus

Mit Konservativismus ist hier die Abneigung gemeint, von einmal gefassten Hypothesen wieder abzurücken. Dies drückt sich u. a. in der Tendenz aus, solche Informationen bevorzugt zu berücksichtigen, die bestehende Annahmen bestätigen. Umgekehrt werden Informationen, die im Widerspruch zu vorhandenen Annahmen stehen, unzureichend berücksichtigt.

Das menschliche Gehirn neigt dazu, an einmal angenommenen Hypothesen und getroffenen Entscheidungen festzuhalten, wie in einer Reihe von Studien gezeigt wurde(1)(2). In einem gewissen Grad ist das sogar notwendig, denn würde man alles ständig in Frage stellen, wäre man zu keiner Entscheidung fähig. Die Fähigkeit, aufgrund bewährter Prinzipien schnell zu entscheiden, ohne sich mit der Berücksichtigung neuer Informationen allzusehr aufzuhalten, dürfte dem Menschen in früheren Zeiten beim Bewältigen von Gefahren nützlich gewesen sein. In der heutigen komplexen Gesellschaft wird diese Neigung jedoch zum Problem.

Das Festhalten an dem, was einmal geglaubt wurde, ist ein wesentliches Merkmal dogmatischer Religion. Religiöse Auffassungen werden in der Kindheit so eingeimpft, dass später kein Zweifel mehr aufkommen soll. Zweifel sind oft angstbesetzt, der Glaube gilt als etwas wertvolles, das bewahrt werden muss und das durch den Zweifel bedroht ist. Zwar ist die Aversion gegen das kritische Denken nicht in allen Religionen gleich stark ausgeprägt, aber die Grundannahmen („Glaubenswahrheiten“) werden grundsätzlich als feststehend betrachtet und nicht in Frage gestellt.

Die ausgeprägte Abneigung gegen das Infragestellen des einmal Geglaubten ist zwar nicht auf Religion beschränkt, sie ist dort aber besonders auffällig. Stures Festhalten an bestimmten Auffassungen wird auf den meisten Gebieten kritisch gesehen, bei dogmatischen Religionen gilt sie – jedenfalls was die zentralen Glaubensaussagen angeht – als Verdienst.

Ein augenfälliges Beispiel ist das Festhalten an der Autorität religiöser Schriften. Das Beispiel fundamentalistischer Gruppierungen ist hier besonders augenfällig. Aber selbst die liberalsten christlichen Kirchen, die sich durchaus kritisch mit Bibeltexten beschäftigen (jedenfalls in der Universitätstheologie, der einfache Gläubige bekommt davon nicht viel mit), halten am Schriftenkanon fest – Modifikationen oder Erweiterungen sind auch hier tabu.

Ebenso typisch für Religion ist das Festhalten an bestimmten Bräuchen und Ritualen. Das heißt nun nicht, dass diese sich nicht ändern könnten. Neuerungen treffen jedoch meist auf entschiedenen Widerstand.

Das Festhalten am Alten kann sich auch auf Bereiche erstrecken, die mit religiösen Inhalten nicht viel zu tun haben, etwa die Sprache. Beispiele dafür sind die Rolle des Lateinischen in der Katholischen Kirche oder das jahrhundertelange Festhalten der Reformierten Kirche der Hugenotten in Deutschland am Französischen.

Offenbarungsreligionen müssen zwangsläufig ein besonderes Problem damit haben, Neues zu akzeptieren. Der Glaube an eine göttliche Offenbarung, die zu einem bestimmten Zeitpunkt stattgefunden hat, impliziert, dass die Wahrheit der Menschheit einmal übermittelt worden und von da an möglichst rein zu bewahren ist. Modifikationen müssen vor dem Hintergrund des Offenbarungsglaubens als Verfälschungen gelten, von denen das ursprünglich Offenbarte ggf. wieder zu reinigen ist. Neuerungen können oft nur durchgesetzt werden, indem sie als vermeintlicher Rückgriff auf Altes ausgegeben werden. Luthers Reformation etwa war nicht als etwas Neues gemeint, sondern erhob den Anspruch, das Christentum von der Bibel her neu zu begründen und von außerbiblischen Zusätzen zu befreien.

Einfluss von Gruppenmeinungen

Ein bekanntes Phänomen ist, dass Menschen dazu neigen, die in ihrer sozialen Gruppe herrschenden Ansichten unkritisch zu übernehmen.(3)

Werden Ansichten innerhalb einer Gruppe immer wieder unwidersprochen verkündet, so werden sie zu vermeintlich feststehenden Tatsachen nach dem Motto „Jeder weiß doch, dass ...“.

Wer von der Gruppenmeinung abweicht, dem droht der Ausschluss aus der Gemeinschaft. In religiösen Gemeinschaften wird der Ausschluss aus der Gemeinschaft nicht selten ganz offen als Sanktionsmittel eingesetzt.

Religiöse Kulthandlungen haben neben den lediglich behaupteten übernatürlichen Wirkungen ganz reale soziale Funktionen. Die Gemeinschaft mit anderen Gläubigen wird über gemeinsame kultische Handlungen direkt erfahrbar.

Nun gibt es einen Gruppendruck nicht nur bei religiösen Gruppen. Es ist aber für Religionen (und auch quasi-religiöse Ideologien) typisch, dass auf Konformität mit der etablierten Gruppenmeinung ganz besonderer Wert gelegt wird.

Erwünschte Informationen werden überschätzt

Menschen neigen dazu, Ereignisse, die für sie günstig sind, für wahrscheinlicher zu halten.(4)

Das christliche Prinzip der „Hoffnung“, die auch gegen alle empirische Evidenz hochgehalten wird, ist ein klares Beispiel für zum Prinzip erhobenes Wunschdenken.

Übermäßige Vereinfachung von Zusammenhängen

Menschen neigen dazu, sich ein einfacheres Bild von Zusammenhängen zu machen, als es der Wirklichkeit entspricht. Hypothesen werden aufgrund unzureichender Informationen gebildet und unzulässig verallgemeinert.(5)

Die Idee eines allmächtigen Schöpfergottes als zentrale Ursache für alles kann als Beispiel für einen Versuch betrachtet werden, komplexe Zusammenhänge auf einfache Ursachen zurückzuführen.

Als Folge einer übermäßigen Vereinfachung kann leicht die Illusion entstehen, über ein zutreffendes Gesamtbild zu verfügen, auch wenn dies in Wirklichkeit nicht der Fall ist. Ein interessante Analogie ist hier unser Sehsinn: Das Gehirn gaukelt uns vor, dass wir ein scharfes Bild unseres gesamten Gesichtsfeldes hätten, während wir in Wirklichkeit nur einen winzigen Ausschnitt scharf sehen können. Wann immer wir uns für einen bestimmten Ausschnitt unseres Gesichtsfeldes interessieren, wird dieser blitzschnell und ohne dass uns dies bewusst ist fixiert. In analoger Weise können wir uns einbilden, dass wir den kompletten Überblick über einen komplexes Thema hätten, auch wenn wir in Wirklichkeit nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit verstanden haben.(6)

Ist jemand einmal dieser Illusion aufgesessen, ist es meist sehr schwer, sich davon zu befreien. Das Triumphgefühl, dass sich einstellt, wenn man meint, etwas vollständig verstanden zu haben, ist derart übermächtig, dass es das kritische Denken nahezu ausschaltet. Entgegenstehende Fakten werden dann schnell ausgeblendet oder ignoriert.

Nun mag man einwenden, dass religiöse Systeme keineswegs besonders simpel und einleuchtend sind, sondern häufig recht komplex und wenig logisch aufgebaut sind. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass dabei der kulturelle Kontext eine Rolle spielt. Was uns heute an den Haaren herbeigezogen und abstrus vorkommt, mag früher sehr wohl dem Denken und dem allgemeinen Lebensgefühl der Menschen sehr gut entsprochen haben.

Auch im Umfeld von Religion begegnen wir scheinbar einleuchtenden, aber gleichwohl falschen Ideen. Das betrifft besonders den „Glauben an den Glauben“, d.h. die Ansicht, dass der Glaube, selbst wenn er inhaltlich fragwürdig ist, einen positiven Effekt auf den Einzelnen und die Gesellschaft ausübt. Dazu gehört die Überlegung, dass ein gläubiger Mensch, dessen Religion Verbrechen verbietet, ja sogar mit ewigen Strafen bedroht, mit geringerer Wahrscheinlichkeit Verbrechen verüben wird – ein logischer und dementsprechend äußerst hartnäckiger Irrtum, der allerdings keine empirische Grundlage hat.

Hier haben allerdings wir es schon nicht mehr einem religiösen Irrtum im eigentlichen Sinne zu tun, sondern mit einem gewissermaßen weltlichen Denkfehler. Gegen diese sind auch solche Gesellschaften nicht immun, in denen die Säkularisierung weit fortgeschritten ist.

Die Tatsache, dass eine bestimmte Theorie eine elegante und einleuchtende Erklärung der Wirklichkeit zu liefern scheint, verleiht dieser Theorie Immunität gegen ihr widersprechende Fakten.

Im Fall der monotheistischen Religionen wirkt neben der erwähnten Welterklärung durch einen Schöpfergott das mit ihnen verbundene Heilsangebot, welches nicht weniger als die Lösung aller irdischen Probleme verspricht, auf viele Menschen offensichtlich so attraktiv, dass die zahlreichen Ungereimtheiten für sie in den Hintergrund treten.

Der Gedanke, dass es ein Buch gibt, das die unanfechtbare Wahrheit für sich beanspruchen kann und als verlässliche Richtschnur dienen kann (Bibel, Koran ...), übt offenbar auf viele Menschen eine große Faszination aus. Was in dem jeweiligen Buch tatsächlich konkret drinsteht, ist demgegenüber sekundär. Finden eigene Überzeugungen in den Texten keine direkte Stütze, können sie durch notfalls entsprechende Textauswahl und Exegese hineingelesen werden. Dabei muss durchaus kein bewusster Betrug im Spiel sein, es wird vielmehr häufig ein Selbstbetrug vorliegen.

Überbewertung anschaulicher Informationen

Menschen sind eher geneigt, etwas für wahr zu halten, wenn sie es sich anschaulich vorstellen können. Konkret Vorstellbares wird generell leichter geglaubt als Abstraktes.(7)

Hier kommen die religiösen Mythen ins Spiel. Sie erzählen eine „Story“ und liefern Bilder.

Die christlichen Mythen, die sich um das Erlösungsversprechen ranken, mögen uns heute seltsam und unglaubwürdig vorkommen. Sie spielten aber seinerzeit eine wichtige Rolle, um das Heilsversprechen zu illustrieren und so glaubwürdig erscheinen zu lassen. Und selbst heute haben sie sich einen Rest von Attraktivität bewahrt, der bei nicht wenigen Menschen verfängt.

Fazit

Wie wir gesehen haben, spielen bestimmte Denkfallen im religiösen Denken eine zentrale Rolle. Jedoch treten diese Denkfallen keineswegs nur im religiösen Kontext auf.

Wenn ich mich mit einem Thema mit dem Ziel beschäftige, zu einem Urteil zu gelangen, ist es oft schlicht nicht möglich, alle Voraussetzungen in Frage zu stellen. Manches bin ich aus Gründen der Ökonomie gezwungen als gegeben hinzunehmen. So werde ich, wenn es um Fragen der Naturwissenschaft geht, bestimmte Erkenntnisse und Gesetzmäßigkeiten als gegeben annehmen und eine Frage auf Basis dieser Erkenntnisse und Gesetzmäßigkeiten zu lösen versuchen. Der entscheidende Unterschied zum religiösen Denken ist, dass grundsätzlich alles in Frage gestellt werden kann, ich aber bestimmte Voraussetzungen als ausreichend gesichert akzeptiere.

Aber auch das Bewusstsein, dass prinzipiell alles hinterfragbar ist, bietet keinen absoluten Schutz davor, in eine dogmatische Falle zu tappen. Ich kann beispielsweise eine Voraussetzung zwar theoretisch als hinterfragbar betrachten. Dennoch kann sie aber faktisch in meinen Gedankengängen den Status eines Dogmas angenommen haben, ohne dass ich mir das wirklich bewusst gemacht habe. Auf diese Weise kann auf ich eine Weise in die Irre geführt werden, die Ähnlichkeit mit einem religiös-dogmatischen Denken hat. Rationales Denken ist eben nicht einfach dadurch garantiert, dass ich mich ein für alle Mal von religiösem Denken freigemacht hätte – es muss immer wieder neu erkämpft werden.

Umgekehrt kann auch ein religiöser Denker die Grundlagen des Glaubens so weit in Frage gestellt haben, dass der Bereich der Religion im Grunde schon verlassen worden ist – auch dies vielleicht, ohne dass es dem Betreffenden selbst bewusst geworden ist. Im Grunde müsste dies sogar zwingend der Fall sein, wenn Theologie wirklich als Wissenschaft betrieben würde. Dann wäre sie allerdings nach dem üblichen Verständnis keine Theologie mehr.

So tückisch Denkfallen auch sind: Der menschliche Verstand hat die Fähigkeit, sie zu durchschauen und sich daraus zu befreien. Das allerdings kann dauern. Im Fall der Religionen auch schon mal über 2000 Jahre.

1 Walter Schönwandt: Denkfallen beim Planen, Braunschweig 1986, S. 28

2 Telepolis: Wir schätzen, wofür wir uns entschieden haben

3 Schönwandt, S. 68

4 Schönwandt, S. 36

5 Dietrich Dörner: Die Logik des Mißlingens. S. 135

6 Joel Spolsky: The big picture

7 Piatelli-Palmarini: Die Illusion zu wissen, Rowohlt 1997, S. 119ff.