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Atheismus als positive Lebensweise

Lavanams Rede in Helsinki:
Atheismus als positive Lebensweise

Aus: MIZ 2+3/83

Liebe Mit-Atheisten,

Ich bin sehr froh, an der III. Atheistischen Weltkonferenz in Helsinki teilnehmen zu können. Die erste Atheistische Weltkonferenz wurde 1972 unter der geistigen Führung von Gora im ersten Atheistischen Zentrum der Welt, in Vijayawada, Indien, abgehalten, die zweite 1980, ebenfalls in Vijayawada. Ich hatte die Ehre, beide Konferenzen zu organisieren, und es ist für mich eine große Freude, auch 1983 einer der Initiatoren der III. Atheistischen Weltkonferenz zu sein.

Finnland hat eine große atheistische Tradition. Anfang des Jahrhunderts gaben Edward Westermark und Professor A. E. Christensen der Freidenker-Union Antrieb und Richtung. Die finnischen Freidenker spielen durch die Ausweitung der Kontakte mit Atheisten aus verschiedenen Ländern eine lebhafte Rolle in der internationalen atheistischen Bewegung. Erkki Hartikainen, Generalsekretär der Union der Finnischen Freidenker, war Gast auf der II. Atheistischen Weltkonferenz. Finnland entwickelte gute Kontakte mit Atheisten nicht nur in Europa, sondern auch mit Asien, der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten von Amerika.

Auf der ganzen Welt leisten Atheisten gute Arbeit. Sie sind in unterschiedlichen Gegenden und unter verschiedenen Namen tätig. Trotz ihrem löblichen Wirken sind sie jedoch nicht in der Lage, sich zu treffen, Erfahrungen auszutauschen und eine weltweite Kraft zu werden. Es fehlt an finanziellen Mitteln und damit an Kontakten untereinander. Die Atheistische Weltkonferenz, die in dieser Dekade abgehalten wird, ermöglicht es Atheisten aus verschiedenen Ländern, sich zu treffen, Erfahrungen auszutauschen und über allgemeine und spezielle Probleme nachzudenken.

Auf dem Weg zur nach-religiösen Gesellschaft

Die ganze Welt bewegt sich von einer religiösen auf eine nach-religiöse Gesellschaft hin. Zu diesem historischen Zeitpunkt haben atheistische Weltkonferenzen eine große Bedeutung. Seit Jahrhunderten war der Begriff Atheismus ein sehr feindseliges Wort. Religiöse Leute versuchten ihr Bestes, um Atheisten in Mißkredit zu bringen. Trotz Verunglimpfungen ging der Atheismus seinen eigenen Weg, die falschen Auffassungen und Mißverständnisse über den Atheismus begannen zu verschwinden. Die Menschen fingen an, den Atheismus in der richtigen Perspektive zu sehen. Atheismus schlägt feste Wurzeln und entwickelt eine alternative Lebensweise zur theistischen Weltanschauung. Dadurch beginnen die Menschen den Atheismus als eine menschlichere Lebensweise zu begreifen, die mit bedeutenden Potentialen für die volle Entwicklung der Persönlichkeit der Individuen ausgestattet ist.

Gott ist eine menschliche Vorstellung

Die Vorstellung von Gott ist eine rein menschliche Vorstellung. Sie kann keinem Test auf Wahrheitsnachweis standhalten. Weil Gott eine Unwahrheit ist und die religiösen Grundlagen sich auf die Unwahrheit der Existenz Gottes gründen, müssen religiöse Strukturen zwangsläufig, aufgrund ihrer Widersprüche, in sich zusammenbrechen. Angst, Gewalt, Tyrannei und viele andere Mittel wurden von den religiösen Priestern benutzt, um Menschen einzuschüchtern und sie so davon abzuhalten, über diese Widersprüche und Absurditäten im Konzept Gott nachzudenken. Sie erlaubten den Menschen nicht, frei darüber zu diskutieren. Wahrheitssucher wurden von Priestern mit allerlei Strafen belegt. Trotz alledem ging die Suche nach der Wahrheit weiter. Die Religion konnte gegenüber der Herausforderung des Atheismus nicht bestehen. Dies führte zu Revolutionen in der Religion. Das Konzept von Gott wurde von Zeit zu Zeit neu interpretiert. Die Herausforderung des Atheismus zwang die Religion zu freieren Auslegungen der religiösen Schriften und zur Aufgabe religiöser Praktiken, die unmenschlich waren.

Wissenschaftlicher Standpunkt und sozialer Wandel

Andererseits schaffen der Fortschritt der Wissenschaft und die Verbreitung des wissenschaftlichen Standpunktes sowie die unaufhörlichen Erfolge des sozialen Wandels eine entsprechende Atmosphäre für die Weiterentwicklung der Gesellschaft, weg aus den engen Gefilden der Religion. Religiöse Bräuche und Praktiken wurden beseitigt, neue Herausforderungen entstanden, neue Gelegenheiten für Menschen, frei und unabhängig zu denken, sich aus dem Griff der religiösen Traditionen und Maßregelungen zu befreien. Der Fortschritt von Wissenschaft und Technologie schuf neue Möglichkeiten und Werte außerhalb der engen Grenzen der Religion.

Der Übergang von der Religion zur Wissenschaft war kein leichter und einfacher Weg. Die Geschichte der Wissenschaft und der wissenschaftlichen Untersuchung ist voll von Opfern vieler großer Wissenschaftler. Viele Wahrheitssucher, Wissenschaftler und Sozialreformer haben ihr Leben verloren wegen religiöser Bigotterie, Tyrannei und Verfolgung.

Die Geschichte des Atheismus

Die Opfer von unzähligen atheistischen Vorkämpfern waren nicht vergebens. Sie waren Wegbereiter für die vorwärtsschreitende Entwicklung der Gesellschaft, und der Atheismus kam voran, aus seinem Anfangsstadium heraus, in dem er als verneinender Atheismus den Angriffen der Religionsfanatiker widerstand. Heute ist Atheismus eine positive und konstruktive Kraft. Unser Atheismus ist nicht destruktiv. Aber Priester und religiöse Fanatiker nahmen an, Atheismus sei bloße Opposition zur Religion und Religionskritik, und daher versuchten sie den Atheismus negativ und destruktiv darzustellen. Mit ihrer enormen Macht und mit ihren Propagandamitteln, die sie unter Kontrolle hatten (und haben), versuchten sie den Atheismus massiv zu diskreditieren, indem sie ihn negativ darstellten.

Um der Unterdrückung durch die Religion zu begegnen, kam der Atheismus als negative Macht zu Kräften. Aber dieser negative Atheismus stellte den etablierten Glauben in Frage und bereitete den Weg für die Suche nach der Wahrheit, für wissenschaftlichen Fortschritt und sozialen Wandel.

Die ständige Infragestellung der alten Gewohnheiten, des alten Glaubens, die Herausforderung der alten Institutionen und Systeme sowie deren Ablehnung befähigte die Wissenschaft, sich weiterzuentwickeln und steigerte das Tempo des sozialen Wandels. Wissenschaft sucht nach der Wahrheit, und Bemühungen um sozialen Wandel fördern die Gleichheit in den menschlichen Beziehungen. Wahrheit und Gleichheit sind die beiden Augen und Hände für den Fortschritt der Menschheit. Das ist der Grund, warum die Verbreitung von Wahrheit und Gleichheit in der Gesellschaft als anti-religiös oder atheistisch bezeichnet wurde.

Zu ihren Lebzeiten wurden die Bemühungen von Buddha, Sokrates, Mahaveera, Jesus, Mohammed, Luther, Raja Rammohan Roy, Mahatma Gandhi und anderen als antireligiös bezeichnet, und einige von ihnen wurden von ihren Zeitgenossen verfolgt. Bruno, Galilei, Vesalius, Darwin, Marx, Freud, Bertrand Russell mußten sich in ihren Bemühungen um Wahrheit dem Ansturm der Religion widersetzen. Der Religion paßte diese Verbreitung der Wahrheit nicht. Unter all diesen Leuten war mehr atheistisches Gedankengut verbreitet als unter ihren Zeitgenossen. Selbst wenn einige dieser bedeutenden Gestalten von ihren Zeitgenossen verfolgt wurden, jubelten ihnen die nachfolgenden Generationen zu, als Propheten und Vorboten des Wandels. Ketzer ihrer Zeit wurden als Propheten von den nachfolgenden Generationen verehrt.

Die Rolle der Ketzerei

Ketzerei ist negativer Atheismus. Ketzer forderten den Glauben ihrer Zeitgenossen heraus, drängten sie zum Wandel entsprechend der Zeit und zur Unterstützung der Ideen und Erfindungen, die die Gesellschaft revolutionierten. Sie präsentierten der Gesellschaft durch ihre unkonventionellen Ansichten neue Möglichkeiten und stellten die Leute mit konventionellen Ansichten und Gewohnheiten vor Probleme. In der religiösen Gesellschaft gibt es nur geringe Auswahlmöglichkeiten. Die Menschen haben diese Auswahlmöglichkeiten, die ihnen die Religion gestattet, zu akzeptieren und ohne Abweichungen zu befolgen. Die Religion fordert Konformität und unbedingten Gehorsam. Religion läßt keinen Raum für Infragestellung oder Nachdenken über Formen von Alternativen, ausgenommen derer, die von der Religion vorgegeben werden. Religion bezeugt den Status quo und tendiert zum Konservativen.

Atheismus dagegen ermutigt Menschen, frei zu fragen und unkonventionell zu denken, und er gibt dadurch dem einzelnen Menschen größere Freiheit. Atheismus sucht nach Alternativen, um neue Lösungen für die menschlichen Probleme zu finden. Atheismus zieht den Wandel vor, nicht den Status quo. Daher ist die Geschichte des Atheismus die Geschichte von der menschlichen Zivilisation.

Manche Menschen in der Gesellschaft haben immer noch Angst vor dem Atheismus. In der Gesellschaft herrscht Verwirrung. Alte Wertvorstellungen und der Glaube bröckeln ab, aber neue sind noch nicht in Erscheinung getreten. Menschen verlieren das Vertrauen in die Religion; aber sie haben noch kein Vertrauen in den Atheismus entwickelt. Wir befinden uns in einer Übergangsphase. Viele Menschen haben ihr Vertrauen in die traditionelle, religiöse Gesellschaft und ihre Bräuche verloren. Andererseits haben sie noch keine Vorstellungen und kein Verständnis von einer nach-religiösen Gesellschaft. Der gegenwärtige Zustand der Gesellschaft kann als der einer konterreligiösen Gesellschaft beschrieben werden.

Die Rolle der Angst

In der religiösen Gesellschaft wurde Furcht zur Wertvorstellung. In Wirklichkeit ist Angst nur ein menschlicher Instinkt. Dieser negative Instinkt der Angst wurde von der Religion zum Wert gemacht. Die Gesellschaft wurde so geformt, daß sie aus der Angst vor Gott, der Angst vor der Sünde, der Angst vor dem Priester, der Angst vor der Hölle usw. begründet wurde.

Weil das Konzept Gott in einer religiösen Gesellschaft auf Angst aufgebaut war, konnte die Opposition nur aus der Religion kommen. Die Opposition in der Religion ermöglichte die Weiterentwicklung des Wissens, die Suche nach der Wahrheit und erweiterte den Wirkungskreis für den wissenschaftlichen Fortschritt. Weil das Konzept Gott auf Unwissenheit und Angst begründet ist, konnte die religiöse Gesellschaft ein Anwachsen des Wissens nicht tolerieren.

Gleichzeitig, weil die Idee eines Gottes aus Angst geboren wurde, konnte Religion nicht klar definieren, was Gott sei. Um sich selbst vor Angriffen zu schützen, unterstützte sie diesen Angst-Komplex. Aber Atheismus opponiert ständig gegen diesen Angst-Komplex. Atheismus propagiert Furchtlosigkeit und das Anwachsen von Wissen in einer freien Atmosphäre; Furchtlosigkeit und Wissen, das vom einzelnen Menschen ausgeht! Atheismus ist ein Verfechter von Selbstachtung und Selbstbewußtsein. Wenn Individuen mit Selbstachtung und Selbstbewußtsein ein soziales System aufbauen, wird darin kein Platz sein für Angst und Unwissenheit. Daher wird es durch die Förderung der Wissenschaft und durch den sozialen Wandel möglich, daß Menschen versuchen, ihre Persönlichkeit und ihre Einzigartigkeit an den Tag zu legen.

Atheismus zielt auf einen allumfassenden Entwicklungsprozeß

Wissenschaft basiert auf Wahrheitsnachweis und feststehenden Realitäten. Atheismus baut eine nach-religiöse Gesellschaft durch realistische Herangehensweise, soziale Einstellung, Selbstachtung und gegenseitiges Vertrauen der Individuen auf. Gott ist Unwahrheit. Er ist keine Wirklichkeit. Er wird den Test des Wahrheitsnachweises nicht bestehen. Somit kann eine Religion, die auf der Idee eines Gottes basiert, der Wirklichkeit nicht förderlich sein, weil Gott selbst unreal ist. Daher kann der Angst-Komplex der Gesundung der Gesellschaft nicht förderlich sein, weil Angst Raum schafft für Mißtrauen und Gewalt gleichermaßen. Religion, die Angst zu einer Wertvorstellung gemacht hat, kann eine soziale Einstellung nicht fördern. Religion, die nicht in der Lage ist, ihre Realität, ihre soziale Einstellung und die individuelle Entfaltung der Persönlichkeit zu erweitern, ist nicht dazu in der Lage, Menschen in einer Gesellschaft als Gleiche zu behandeln.

Daher gab es in jeder Generation Menschen, die nicht zufrieden waren mit den religiösen Strukturen, die sie zu ändern versuchten.

Die Opposition zu den religiösen Strukturen führte letztendlich zum Ursprung der Politik. Politische Systeme entwickelten sich parallel zu religiösen Strukturen. Der Materialismus entwickelte sich parallel zur Schöpfungstheorie.

Ausbeutung durch Priester und Gottesmänner

In der religiösen Gesellschaft war es nicht möglich zu beweisen, daß ein Gott existierte. Da Gott unsichtbar war, tauchten im Namen Gottes die Vertreter von Gott, Söhne Gottes, in der Szene auf. Die Priester wurden zu Verfechtern Gottes. Der Priester wurde zum Vertreter Gottes; der König wurde als Gott auf Erden betrachtet. So schlossen sich die Priester mit dem König zusammen und regierten über das Volk als Vertreter Gottes auf Erden. Priester und König quälten und verfolgten jene, die Gott in irgendeiner Form in Frage stellten. Sie waren despotisch und erbarmungslos im Hinblick auf die Erhaltung ihrer Hegemonie über die Menschen. Opposition zu Gott wurde als Opposition zum König betrachtet, und umgekehrt wurde Rebellion gegen den König gleichgesetzt mit Verrat gegen Gott. Priester und Könige beuteten so das einfache Volk aus im Namen von geistiger und diesseitiger Autorität. Wie dem auch sei, trotz ihrer Bemühungen konnten König und Priester das Volk nicht für immer unterdrücken. Wahrheitssucher und sozialer Wandel kamen auf trotz heftiger Beschränkungen und unüberwindbarer Hindernisse.

Das Entstehen von Länderstaaten ist das Ergebnis jahrhundertelanger Konflikte zwischen Religion und Politik. Im zunehmenden wissenschaftlichen Sturm und Drang versuchte man dies Phänomen vom materialistischen Standpunkt aus zu klären. Das Aufkommen der wissenschaftlichen Methode leitete langsam den Übergang von einer religiösen Gesellschaft zu einer konter-religiösen ein. Es war wirklich ein großer und bedeutsamer Wandel. Er revolutionierte das Denken.

In der religiösen Gesellschaft war kein Platz für die Infragestellung Gottes. "Gott schuf das Universum", war eine Aussage. Aber niemandem war es erlaubt zu fragen: "Wer schuf Gott?" Die Religion sagte: Gott existiert. Niemand sollte fragen dürfen, wie Gott zu seiner Existenz kam. Als Herausforderung zu der Theorie der Schöpfung wurde die Evolutionstheorie aufgestellt.

Die Evolutionstheorie war ernsthaft und nahm wissenschaftliche Formen zur Frage über den Ursprung des Universums an. Sie hatte keine fertigen Antworten bereit zu all diesen Fragen wie zum Beispiel "Gottes Schöpfung". Sie ging Schritt für Schritt vor und begann ihre Untersuchungen anhand der bekannten Fakten. Die Sphäre des Verständnisses für die Natur erweiterte sich mit den Untersuchungen auf verschiedenen Gebieten. So begann in der konter-religiösen Gesellschaft das wissenschaftliche Verständnis für das Universum und entwickelte sich weiter.

Die Fortentwicklung von der Religion zur Politik und von der Gottesvorstellung zur Materie war ein bezeichnender und revolutionärer Wandel in unserer Denkweise. Er brachte eine enorme Veränderung unseres Verständnisses über dieses Phänomen mit sich. Dies ist die große Revolution, die der negative Atheismus erreicht hat. Jedenfalls entwickelten sich - parallel zur Religion - soziale Strukturen in der Politik, und die materialistische Denkmethode über den Ursprung des Universums trat an die Stelle der göttlichen Offenbarung. Die Religion versuchte alles, um wieder die Vorherrschaft über die konter-religiöse Gesellschaft zu erlangen. Hierin nimmt sie noch heute jede Gelegenheit wahr.

Die spektakulären Siege auf den Gebieten der Astronomie, Physik, Chemie und Biologie festigten die Überlegenheit der Konter-Religion über die Religion. In der politischen Sphäre erhielt der Staat, auf philosophischem Gebiet das materialistische Weltverständnis Priorität. Aber in der Gesellschaft erlangten nicht die Menschen den gebührenden Stellenwert. In der Religion ist es Gott, nicht der Mensch, der im Mittelpunkt steht. Auch in der Konter-Religion erhielt der Mensch nicht die vollständige Anerkennung. Wenn Menschen die ihnen gebührende Bedeutung erlangen wollen, müssen sie einen Schritt weiter, über die Konter-Religion hinaus, gehen. Die Wichtigkeit der Belange der Menschen hängt ab von sozialen und psychologischen Wirkungsbereichen.

Von der Religion zur säkularen Praxis

Theismus ist eine Lebensweise. Für Theismus ist der zentrale Punkt die Gott-Idee, die nicht menschlich, sondern übermenschlich ist. Die Konter-Religion entthronte Gott, und an seiner Statt erhielten die Evolution der Materie und der Staat die Vorherrschaft. Vorbei waren die Tage, an denen Priester die führenden Figuren in der Politik waren. Nun kamen Präsidenten, Premierminister, Minister, Regierungsbeamte, Wissenschaftler und Technokraten an die Macht. Dieser Wandel hatte überragende Bedeutung für die menschlichen Beziehungen. Kein Zweifel, der technologische Fortschritt war spektakulär. Aber auf sozialem, wirtschaftlichem und politischem Sektor konnte von Gleichheit nicht die Rede sein.

Gleiche in einer ungleichen Gesellschaft

Alle Menschen sind gleich in ihren natürlichen Bedürfnissen wie Essen, Kleidung und Wohnung. Die Gleichen leben in einer ungleichen Gesellschaft. Das feudalistische und kapitalistische System setzt die immerwährende wirtschaftliche Ungleichheit und Tyrannei fort; die Zentralisation der politischen Macht bewirkt politische Tyrannei. Rassismus, Kastenwesen, religiöse Unterschiede sowie der männliche Chauvinismus lassen die soziale Tyrannei fortbestehen.

Die Religion führte die Angst als Wertvorstellung in den sozialen Beziehungen ein. Selbst, wenn Priester und ihre Gefolgsleute ihre Macht vor längerer Zeit verloren haben, bleibt die Angst doch eine Wertvorstellung in den menschlichen Beziehungen. Die einzelnen Staaten fürchten einander und beginnen Kriege, um ihre Probleme zu lösen. In ihrem religiösen Fanatismus pflegten sie zu sagen: "Richtig oder falsch, es ist meine Religion, mein Gott. Ich muß ihn verteidigen als mein Höchstes." Im Wandel der Zeit sagten dann die Leute: "Richtig oder falsch, mein Land ist mächtig, meine Rasse ist mächtig, meine Regierung ist mächtig." Solch ein Fanatismus in der politischen Einstellung bedeutet eine schwere Bedrohung für das Überleben der menschlichen Rasse, weil sie jetzt den Wahnsinn begeht, in ihren Ländern atomare Waffen anzuhäufen. Angst ist begleitet von Gewalt und gegenseitigem Mißtrauen. Demgemäß ist in der religiösen wie in der konter-religiösen Gesellschaft die Angst ein gesellschaftlicher Wertmaßstab. Haß und Gewalt sind das Ergebnis. Die Menschen sind nicht zufrieden mit dem gegenwärtigen Stand der Dinge, daher wird der voranschreitende Marsch der Gesellschaft auf die Gleichheit hin nicht aufhören.

Der Weg in die nach-religiöse Gesellschaft

Die Gesellschaft bewegt sich von einer konter-religiösen auf eine nach-religiöse Gesellschaft zu. Bei diesem voranschreitenden Prozeß wird sich der Atheismus nicht als eine Parallele entwickeln, sondern als Alternative. Das ist positiver Atheismus. Gora, der Gründer des ersten atheistischen Zentrums der Welt in Indien, der auch die Idee zu einer Atheistischen Weltkonferenz hatte, hob die Wichtigkeit des positiven Atheismus folgendermaßen hervor:

Atheistische Aufklärung läßt in vielen Menschen auf der ganzen Welt das Gefühl erwachsen, daß sie in der Lage sind, selbst ihre Institutionen zu leiten und ihr Lebenssystem selbst zu bestimmen. Die Ausbreitung der atheistischen Lebenseinstellung ist mit der Hoffnung verbunden, daß die Menschheit sich wandelt vom Krieg zum Frieden, von der Sklaverei zur Freiheit, vom Aberglauben zum Sinn für die Wirklichkeit, vom Konflikt zur Zusammenarbeit. (In: Gora, We become Atheists, S.128.)

Integrierte Herangehensweise

Positiver Atheismus, der den Weg ebnet für eine nach-religiöse Gesellschaft, betrachtet das Leben in einer allumfassenden Weise. Er hat eine integrierte Herangehensweise zu wirtschaftlichen, sozialen, politischen, ethischen, philosophischen, wissenschaftlichen und kulturellen Aspekten des Lebens. Auf all diesen Gebieten steht der Mensch im Vordergrund. Beim Atheismus steht der Mensch im Mittelpunkt der Beziehungen, und Atheismus tritt ein für weitere Verständigung und Bemühungen. So wird der Mensch eine verantwortliche Person, mit einer integrierten Persönlichkeit. Die Freiheit zu denken, die Freiheit zu handeln und die Freiheit zu korrigieren, wenn er/sie etwas falsches getan hat - diese drei Freiheiten steigern die Würde und die Verantwortung des einzelnen Menschen. Das wird Angst und Haß zusammenschrumpfen lassen und gegenseitiges Verständnis und Zusammenarbeit fördern. Das würde einen tiefgreifenden Wandel in die menschlichen Beziehungen bringen. Weil Atheismus sämtliche Bereiche des Lebens berührt und neue Wertvorstellungen mit sich bringt, die gänzlich anders sind als die der religiösen und konter-religiösen Gesellschaft, entwickelt er neue Alternativen für die menschliche Brüderlichkeit.

Der Einfluß der Gott-Idee

Die theistische Weltanschauung versucht das Individuum aus fünf großen Teilbereichen zu versorgen. Dies war hilfreich im Anfangsstadium der Menschheit, um gesellschaftliche Beziehungen aufzubauen. Die einzelnen Bereiche seien hier aufgeführt:

  1. Um die ihn umgebende Welt zu erklären, war für den Menschen die Theorie der göttlichen Schöpfung hilfreich.
  2. Das Konzept von der Seele diente dazu, menschliche Träume und den Tod zu erklären. Der Mensch begann Trost darin zu finden, daß nach dem Tode seine Seele in den Himmel kommen und Gott ihm seine Taten auf Erden anrechnen würde. Das war eine Art Trost für den einfachen Menschen und steigerte den Glauben an ein Leben nach dem Tod.
  3. Um die Moral der Gesellschaft zu heben, war die Idee von Himmel und Hölle hilfreich. Dem Menschen wurde gesagt, wenn er sich gut und gottesfürchtig benehme, käme er in den Himmel; benehme er sich ungehorsam gegen Gott oder unmoralisch, käme er in die Hölle. Das Konzept richtete die Aufmerksamkeit der Menschen auf eine Moral, die auf einer anderen Welt basierte.
  4. Die Gottes-Idee gab Anregungen zur Entwicklung der schönen Künste und drückte ästhetisches Empfinden aus. Gesang, Drama, Musik, Tanz, Skulpturen, Gemälde und viele andere Künste bezogen Themen aus Gott, Himmel und Hölle. Damit bereicherten sie die Vorstellungskraft. Menschen konnten ihre Talente durch die schönen Künste ausdrücken.
  5. Passierte etwas Ungünstiges oder Unvorhersehbares, wie plötzlicher Tod oder überraschender Reichtum, erklärte man dies als Schicksal. Man betrachtete das Geschehene als Glück oder Unglück. Diese Erklärung gab eine schnelle und befriedigende Auslegung dessen, was geschehen war.

So war in allen fünf Bereichen die Gottes-Idee hilfreich für Menschen im gesellschaftlichen Anfangsstadium. Daher wurde die Religion zur Basis für die gesellschaftlichen Strukturen.

Aber Menschen ändern sich ständig, und sie denken. Mit neuen Erfahrungen entwickeln sie sich weiter. Das ist der Lauf der Zivilisation.

Atheismus - Vorbote des Wandels

Wenn sich auch Menschen durch neue Erfahrungen wandeln, ändern sich die religiösen Strukturen nicht so schnell. Während Menschen dynamisch sind, sind religiöse Strukturen mehr oder weniger statisch. Das führt zu Konflikten. Der Atheismus ist für den Wandel. Gesellschaft und gesellschaftliche Strukturen existieren um des Menschen willen, nicht die Menschen der Institutionen wegen. Um die Welt und ihre Phänomene zu erklären und verstehen zu können, entwickelte der Mensch viele Hypothesen und Theorien. Basierend auf der Realität der Situation, mußten sie sich zwangsläufig wandeln. Theorien sind Werkzeuge des Begreifens und der Erlangung von Wissen. Menschen entwickeln ja nicht nur Theorien, sondern entwickeln auch soziale, wirtschaftliche und politische Institutionen. Mit den wechselnden Erfahrungen müssen Menschen sich ändern und ihre Institutionen ebenso, um sich der neuen veränderten Situation anzupassen. Hindernisse, die der Entwicklung der Menschheit im Wege stehen, müssen weggeräumt werden. Alte Institutionen müssen neuen Platz machen, um die Ziele und Bestrebungen der daraus erwachsenen Persönlichkeiten zu reflektieren. Das ist atheistisches Bewußtsein.

Gottes-Idee hat ihre Bedeutung verloren

Wenn wir die Sache von diesem Standpunkt aus betrachten, wird es völlig klar, daß die Gottes-Idee, die ja ein Produkt der Vorstellungskraft der Menschen gewesen ist, heutzutage keine Bedeutung mehr hat. Die Nützlichkeit der Gottes-Idee hat sich überlebt.

Selbst in den vorher genannten fünf Bereichen hat die Gottes-Idee ihre Bedeutung verloren. Untersuchen wir die Angelegenheit:

  1. Die Gottes-Idee ist nicht notwendig, um die Welt und ihre Probleme zu verstehen. Im Gegenteil, sie ist ein Hindernis für die freie, genauere Untersuchung dieser Angelegenheit. Mit dem Anwachsen des menschlichen Wissens und den Erfahrungen werden Menschen neue Werkzeuge und neue Methoden kennenlernen, um ihr Wissen zu vergrößern. Das neu gewonnene Wissen benötigt Wandel und neue Interpretationen des überlieferten, früheren Wissens. Einige der alten Ideen wurden aufgegeben. Auf diese Weise braucht der ständige Zufluß neuer Informationen eine Korrektur der alten Vorstellungen und Ideen.
  2. Mit dem Fortschritt der Wissenschaft und der Technologie, insbesondere der spektakulären Entwicklung in der Medizin und der Psychologie, können Menschen Träume auslegen und den Tod wissenschaftlich erklären. Die Medizin befähigt uns, der Krankheiten Herr zu werden und die Lebensdauer zu verlängern. Der Tag ist nicht mehr fern, an dem Menschen selbst Herr über den Tod werden. Die Vorstellungen von Seele und Himmel und Hölle sind nur menschliche Einbildungen und weit entfernt von der Wirklichkeit. Wenn wir bereits in der Lage sind, die Geburtenraten zu kontrollieren und darauf hinzuarbeiten, den Tod hinauszuschieben, wenn nicht gar zu beherrschen, werden viele Ideen, die mit Gott zu tun haben, irrelevant.
  3. Wenn dieses ganze Konzept von einer anderen Welt falsch ist, sind Himmel und Hölle reine Erdichtung. Die theistische Zivilisation verknüpfte die Moral mit einem Leben nach dem Tode. Aber in Wirklichkeit ist die Moral eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Moral ist kein göttlicher Befehl, sondern Moral ist notwendig für besseren gesellschaftlichen Zusammenhalt und gegenseitiges Verständnis. Gegenseitige Hilfe, Zusammenarbeit, Liebe, Zuneigung und Brüderlichkeit sind notwendig, nicht etwa weil ein Gott es so wollte, sondern weil Moral das soziale Band ist, das die Gesellschaft überhaupt erst befähigt, erfolgreich zu funktionieren. Gegenseitiges Mißtrauen und Haß zerschneiden jeglichen Gruppenzusammenhalt und vernichten die Gesellschaft. Daher ist moralisches Benehmen, in Bezug auf Einzelpersonen, ihre/seine Verantwortung gegenüber den Mitmenschen und auch ihre/seine Verantwortung der Gesellschaft gegenüber. Die Gottes-Idee hat damit überhaupt nichts zu tun.
  4. Die schönen Künste sind nur ein Mittel, mit dem Menschen ihren Sinn für Ästhetik auszudrücken und ihre feineren Talente zum Ausdruck zu bringen. Menschen sind mit Vorstellungskraft ausgestattet. Man braucht nicht nur Gott allein, um seine/ihre künstlerischen Talente zu zeigen. Malerei, Skulpturen, Musik, Drama, Poesie, Tanz - all diese Dinge finden ihren Ausdruck auch in der Neigung für andere Themen. Die schönen Künste können alles ausdrücken. Sie können menschlichen Gedanken aus den verschiedensten Gebieten Form verleihen. Die Gottes-Idee hat kein Monopol über die menschliche Vorstellungskraft.
  5. In der Gesellschaft herrscht gegenseitiges Mißtrauen, weil es nicht genug Zusammenarbeit und gegenseitiges Verständnis gibt. Wenn Frau und Mann sich darüber klar werden, daß andere die gleichen Sorgen und Nöte wie sie selbst haben, brauchen sie nicht mehr nach einem Trost von außen zu suchen. Mitleid und Verständnis für die Probleme anderer würden einen enormen Wandel in die sozialen Beziehungen bringen. Mit der Verbesserung des gegenseitigen Vertrauens und der sozialen Sicherheit gewinnen Männer und Frauen Zuversicht und verlieren ihren Mangel an Selbstvertrauen. Der Glaube an das Schicksal, Glück oder Unglück und andere Konzepte, die nur die Hilflosigkeit der Menschen reflektieren, werden bedeutungslos. Frau oder Mann brauchen sich nicht auf solch ein Konzept über Gott zu verlassen, um ein erfülltes Leben zu führen. Es ist die soziale Einstellung jedes Einzelnen und die Betroffenheit gegenüber Mitmenschen, die gegenseitiges Vertrauen und Zuneigung schaffen, und in Zeiten der Not und des Elends eine Flucht in das Gottes-Konzept überflüssig machen.

Wir sehen also, daß die Gottes-Idee auf allen fünf Hauptgebieten ihre Bedeutung verloren hat. Menschen brauchen für diesen Zweck keine Religion. Atheisten haben diese Erfahrung reichlich demonstriert durch einfaches Vorleben. Wenn sich mehr und mehr Menschen aus dem Griff der Religion befreien und ihr Leben als Atheisten führen, verliert die Religion und verlieren die religiösen Werte ihren Sinn. Religion würde als ein Teil der Geschichte betrachtet. Neue Werte entstehen in der nach-religiösen Gesellschaft, und der positive Atheismus festigt sich.

Die Phasen der Ablösung des Theismus durch den Atheismus

Die Ablösung des Theismus durch den Atheismus wird stufenweise in vier Phasen vor sich gehen:

  1. Praktizierende Theisten:
    Sie glauben total an Gott, an Religion und befolgen religiöse Regeln.
  2. Nicht praktizierende Theisten:
    Obwohl sie an Gott und die Religion glauben, haben sie Zweifel an der Wirksamkeit und der Nützlichkeit religiöser Dogmen. Das heißt in der Praxis, sie haben die religiösen Praktiken durchschaut. Aus Gewohnheit glauben sie an Religion und Gott; ebenso gewohnheitsmäßig und mechanisch praktizieren sie Religion. Mit anderen Worten, sie sind theistische Sympathisanten.
  3. Nicht praktizierende Atheisten oder atheistische Sympathisanten:
    Sie folgen dem Atheismus nicht voll, aber sind zu dem Schluß gekommen, daß Theismus falsch ist. Sie fördern ihre rationale Einstellung, ihre Neugier auf der Suche nach der Wahrheit. Sie meinen, daß der Atheismus recht hat. Also sind sie atheistische Sympathisanten.
  4. Praktizierende Atheisten:
    Sie propagieren den Atheismus als eine positive Lebensweise und als Alternative zur Religion. Sie selbst praktizieren Atheismus und propagieren, daß Gott eine menschliche Vorstellung ist, und daß das gesellschaftliche Gefüge, das auf der Religion basiert, am Abbröckeln ist.

Die Welt befindet sich in einer fließenden Situation. Vergangen sind die Tage, in denen die Religion die Oberherrschaft hatte. Es ist ein stufenweiser Übergang vom Theismus zum Atheismus. Theisten verlieren ihre Angst vor Gott und der Religion und werden atheistische Sympathisanten. Die ehemaligen theistischen Sympathisanten sind desillusioniert von der Gottes-Idee und von der Religion. Die nichtpraktizierenden Gläubigen geben ihre Rolle als theistische Sympathisanten auf und werden atheistische Sympathisanten. Gleichzeitig werden ehemalige atheistische Sympathisanten überzeugter von der Rolle und der Bedeutung des Atheismus als positive Lebensweise. Sie sehen Atheismus als Philosophie und als Lebensstil der nach-religiösen Gesellschaft an. Daher rückt das ganze Spektrum näher zum Atheismus.

Wenn auch praktizierende Atheisten auf der Welt noch zahlenmäßig unbedeutend sind, wächst die Zahl der atheistischen Sympathisanten doch rapide an, wobei die Zahl der theistischen Sympathisanten ebenso schnell schwindet. Das zeigt der Trend von Theismus zum Atheismus. Diese Verschiebung ist beachtlich und hat eine große Bedeutung für die Zukunft des Atheismus.

Wie im Fall der Atheisten, ist auch die Zahl der praktizierenden Theisten begrenzt. Die Anzahl der theistischen Sympathisanten ist größer. Mit der Unterstützung der theistischer Sympathisanten konnten die theistischer Fanatiker die Macht der Religion über die Menschen bisher aufrecht erhalten. Die theistischen Sympathisanten sind von großem Vorteil für die Religion. Obwohl diese Menschen den Lehren des Theismus nicht mehr folgen, sind sie Instrumente, die die Oberherrschaft der Religion erhalten. Wenn aber die Zahl der Sympathisanten abnimmt, sind religiöse Fanatiker wie Fische auf dem Trockenen.

Der zurückgehende Einfluß der Religion

Wenn theistische Sympathisanten sich von der Religion abwenden, ist der starke Einfluß, den die Religion auf die Menschen hat, zum Rückgang verurteilt. Es ist schon wahr, daß diese Menschen nicht sofort vollblütige Unterstützer des Atheismus werden, aber sie werden nicht mehr neutral sein. Es ist ein Übergangsstadium vom Theismus zum Atheismus. Jahrhunderte von Verknüpfung und Einschüchterung mit und von der Religion wird sie nicht befähigen, diese Schranken sofort abzubauen. Sie werden sich fürchten vor den religiösen Kräften, die immer noch Einfluß auf Politik und andere Gebiete des nationalen Lebens haben. Sie werden nicht sofort Atheisten, aber ihre Sympathie und ihre Unterstützung, die sich in unendlich vielen Dingen ausdrücken werden, gehören zweifelsohne dem Atheismus. Die indirekte Unterstützung dieser Leute wird von großer Wichtigkeit sein.

Das Wachstum des Atheismus

Der Atheismus auf der Welt nimmt stark zu. Die Zahl der Menschen, die religiöse Lehrsätze in Frage stellen, wächst. Viele Gläubige werden zu Agnostikern. Sie stellen das Gottes-Konzept zur Disposition. Sie fordern religiöse Dogmen heraus und verurteilen Aberglauben und sogenannte Wunder. So schreitet der Atheismus mit Energie und Enthusiasmus voran als eine Bewegung in der Gesellschaft.

In der modernen Welt bezeichnen sich viele Menschen mit Stolz und Mut als Atheisten. Wenn auch diese Atheisten noch keine Massenbewegung bilden, so fürchten doch die religiösen Führer eine Ausweitung der günstigeren Atmosphäre für den Atheismus. Die religiösen Führer wissen genau, daß dies der Anfang vom Ende der religiösen Bevormundung der Menschen wäre.

Es ist ganz natürlich, daß atheistische Sympathisanten sich zu Voll-Atheisten entwickeln. Wenn eine Person ihren Verstand gebraucht und zu denken beginnt, wenn sie ernsthaft und aufrichtig ist, wird diese Person zum Atheisten. Darüber besteht kein Zweifel. Atheismus ist die Notwendigkeit der Stunde und die Hoffnung für die Zukunft.

Warum decken theistische Sympathisanten die Religion auf und was zieht sie zum Atheismus? Die theistische Philosophie und die theistische Lebensweise führen nicht weiter und haben ihren toten Punkt erreicht.

Die Religion hat keine Zukunft

Daher ist es klar: Weil die Verklärung der Religion der Vergangenheit angehört, hat sie keine Zukunft. Die religiösen Fanatiker und andere, die ein althergebrachtes Interesse an der Religion haben, tun ihr Bestes, um die Aufmerksamkeit der Menschen von den realen Problemen abzulenken. Aber die Wahrheit kann nicht unterdrückt werden. Einfache Leute sind in der Lage, die wahre Natur der Dinge zu erkennen. Die religiösen Führer haben alle Nachrichtenwege und unbegrenztes Kapital zur Verfügung, um ihre Religion zu propagieren. Und trotzdem fürchten sie, daß die Menschen ihrer Macht entgleiten und unabhängig werden könnten.

Religiöse Führer sind auch heute noch in der Lage, zu manipulieren und Einfluß auszuüben, weil die theistische Lebensweise die Jahrhunderte durchdrungen hat. Religiöse Führer konnten herrschen, indem sie ihre Kritiker in einen Rechtsstreit mit der Religion setzten und sie im religiösen Spinnennetz zappeln ließen. Die religiösen Praktiken, Bräuche und Konventionen werden immer noch als vorbildliche Lebensweise dargestellt. Weil sie selbst ein Teil dieser theistischen Lebensweise sind, gelingt es vielen Menschen, die gegen Religion sind, nicht, aus ihr herauszukommen. Trotzalledem waren Menschen im letzten halben Jahrhundert fähig, dem Zugriff der Religion zu entfliehen und sich auch von der theistischen Lebensweise zu distanzieren. Religiöse Führer mußten zugeben, daß viele Menschen die Religion aufgegeben haben, um sich in die Reihen der Nicht-Gläubigen einzureihen.

Atheismus - eine Lebensweise

Heutzutage ist die Religion in einen Kampf auf Leben und Tod verwickelt. Sie ist sich sehr wohl bewußt, daß jetzt ihre letzte Chance gekommen ist, ihre Vorherrschaft aufrechtzuerhalten. Daher lassen die religiösen Führer nichts unversucht, um ihre Macht über die Menschen zu festigen.

Die gegenwärtige Situation ist nicht nur eine Herausforderung für Theisten, sondern auch für Atheisten. Die Lage ist natürlich günstig für Atheisten. Daher ist es an der Zeit, zu handeln und diese Vorteile auszunutzen.

Atheismus ist nicht bloße Verneinung der Existenz eines Gottes oder Religionskritik oder Aufdeckung des Aberglaubens; diese Aktivitäten sind Schocktherapien. In Wirklichkeit zielt Atheismus auf die Errichtung einer neuen Gesellschaft, die auf Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und Gerechtigkeit aufbaut. Atheismus zielt auf eine völlige Ausrottung der Ausbeutung auf sozialen, wirtschaftlichen und anderen Gebieten. Atheismus vernichtet die Barrieren der Kasten, Rassen und der Religion sowie aller Ungleichheiten, so daß eine freie Entwicklung des Einzelnen erreicht wird durch Zusammenarbeit, Verständnis und Förderung der menschlichen Werte. Damit berührt Atheismus alle Aspekte des menschlichen Lebens und fördert die humanen Werte und die Menschenwürde. Atheismus wendet die Aufmerksamkeit der Menschen von einem eingebildeten Gott auf die Realität der gesellschaftlichen Situation; für den Aufbau von Freiheit und Gleichheit.

Theisten wollen eine Brüderlichkeit der Menschen durch die Vaterschaft eines Gottes aufbauen. Sie helfen ihren Mitmenschen, um einen Platz im Himmel zu ergattern. Ihre Wohltätigkeit ist der Passierschein für den Himmel. Aber Atheisten betrachten Sozialarbeit und soziale Hilfeleistung als ihre Pflicht gegenüber ihren Mitmenschen. Es ist der Gedanke des Humanismus, die Verantwortung für ihre Mitmenschen und Mitgefühl für andere, die Atheisten veranlassen, für gesellschaftliche Veränderung zu kämpfen. Ungleichheit und Ungerechtigkeit, wo auch immer, sind eine Bedrohung des Wohlergehens der gesamten Menschheit überall.

Eine neue Gesellschaft braucht neue Werte

Atheismus zielt auf ein neues Wertsystem. Bisher sind Literatur, Sprache und Kultur überladen mit theistischen Ideen, Worten und Ausdrücken. Menschen ändern sich im Laufe der Zeit, aber die Sprache und die Literatur hängen immer hinterher in der Versorgung der neuen Generation mit neuen Ausdrücken für ihre Ziele und Sehnsüchte. Eine neue Gesellschaft braucht auch einen neuen Typ von Literatur, Bildungssystem, Schulen, Sprache, Kunst und Kultur. Wir sollten neue Ideen und Worte entwickeln, um von der alten theistischen Terminologie loszukommen, die das ganze Gebiet der Sprache und der Literatur durchzieht und verseucht.

Atheisten haben eine enorme Verantwortung auf ihren Schultern. In der modernen Welt liefert die Demokratie Meinungsfreiheit, aber die wirtschaftliche Ausbeutung geht unvermindert weiter. Die Zukunft der Demokratie hängt von der Herausforderung ihrer Fähigkeit ab, sich um wirtschaftliche Gleichheit in Freiheit zu bemühen. Um das zu erreichen, brauchen Demokratien atheistisches Bewußtsein.

Der Säkularismus muß gestärkt werden

In sozialistischen Ländern wurden Religion und Politik erfolgreich getrennt, wurde Religion zur Privatsache gemacht. Diese Staaten ermöglichen die Propaganda des Atheismus, und dies wurde sogar in einige sozialistische Verfassungen aufgenommen. Es ist herzerfrischend. Aber in den demokratischen Ländern wurde im Namen von Brauch und Tradition der Säkularismus mißinterpretiert. Er wurde gleichgesetzt mit allen anderen Religionen oder Sekten, oder Säkularismus wurde zur bloßen religiösen Tolerierung degradiert. Und das ist völlig falsch. Säkularismus ist nicht gleichzusetzen mit religiösen Sekten und auch nicht "bloß" zu tolerieren. Eine solche Interpretation unterstützt nur das Diktat der mächtigen Religionen über andere und verhindert die freie Entfaltung des Atheismus. Denn: Säkularismus bedeutet gleiche Behandlung aller Bürger, ungeachtet ihres Glaubens.

In der modernen Welt ist es nicht getan mit der Trennung von Religion und Politik. Religion und Schulen (Bildungssysteme) müssen getrennt werden, und die Schulen müssen säkular sein. Genauso müssen Religion und Kultur getrennt werden, und säkulare Sozialarbeit muß gefördert werden. Nur so wird Säkularismus richtig angewendet und zweckmäßig. Es muß klar sein, daß Säkularismus nicht gleiche Behandlung aller Religionen bedeutet, sondern komplette Trennung von Staat und Religion in allen Bereichen.

Die religiösen Führer und die religiösen Systeme propagieren schon immer, daß Atheismus verrucht sei. Auf diese Weise versuchten sie Angst zu erzeugen und Abneigung bei den Menschen hervorzurufen; sie malten den Atheismus als etwas verabscheuungswürdiges an die Wand. Religiöse Führer schürten den Angst-Komplex durch die Institutionen, die Bücher auf den Index setzten und so Gedankenüberwachung betrieben, damit die wahre Identität des Atheismus den Menschen nicht zugänglich wurde. Gleichzeitig benutzte der Papst vielfältige Methoden der Inquisition, um Atheisten und atheistische Sympathisanten zu verfolgen. Alle Religionen versuchten das Anwachsen des Atheismus durch unzählige Methoden - wie zum Beispiel gesellschaftlichen Boykott - zu stoppen.

Trotz der Schwere der Foltermethoden und der Brutalität der religiösen Fanatiker überlebte der Atheismus, er gewann an Beliebtheit und Unterstützung bei den Menschen. Atheisten waren Vorboten des sozialen Wandels und Pioniere des wissenschaftlichen Fortschritts. Daher ist die Geschichte des Atheismus eine Historie vom vorwärtsschreitenden Marsch der Gesellschaft von der Barbarei zur Zivilisation und von der Brutalität zur menschlichen Annäherung.

Atheismus und Moral

Atheismus setzt sich für die humane Annäherung aller Menschen ein. Atheisten lesen theistische Literatur, um den Theismus und die Gottes-Idee verstehen zu können. Atheisten haben keine Angst vor Theisten. Wie auch immer, Theisten lesen nichts über Atheismus. Sie tendieren dazu, Atheisten zu fürchten, wahrscheinlich aus Unwissenheit über den Atheismus. Theisten glauben an Gott und Religion. Sie betrachten menschliche Beziehungen durch Gott. Wenn also Atheisten nicht an Gott glauben, betrachten religiöse Menschen die Atheisten als ihre Feinde und zeigen ihre Intoleranz auf vielfältige Weise. Wenn Atheisten auch nicht Gott akzeptieren, so akzeptieren sie doch Gläubige als ihre Mitmenschen. Darum finden wir auch keine Vorkommnisse, in denen Atheisten Gewalt gegen Theisten gebrauchen. Wenn es störende Vorfälle in dieser Richtung gab, war es ein reines Auflehnen gegen die jahrhundertelange Unterdrückung und Verfolgung durch Theisten.

Atheisten propagieren Brüderlichkeit zwischen den Menschen. Sie lehnen eine Vaterschaft Gottes und das Gottes-Konzept ab. Liebe, Zuneigung, gleiche Kooperation und Verbreitung des Humanismus sind die Basis des Atheismus. Moral ist eine gesellschaftliche Notwendigkeit und überhaupt die Gründung der menschlichen Zivilisation.

Aber die Mehrheit der Theisten macht weiter mit der aufgeblasenen, großmäuligen Propaganda von religiösen Fanatikern und denen, die ein handfestes Interesse an der Aufrechterhaltung ihrer Macht haben. Sie opponieren gegen den Atheismus, ohne überhaupt seine Fundamente zu kennen. Atheisten raten Theisten, den Atheismus doch erst einmal kennenzulernen. Sie sollten ganz ernsthaft in ihrer Kritik sein. Es ist die Verantwortung von Atheisten, menschliche Werte unter den Theisten zu verbreiten. Einige sind heute Atheisten, andere werden es morgen. Daher sind gegenseitiges Verstehen und Respekt die Basis für den Vorwärtsdrang der Gesellschaft.

Wenn wir die Armut beseitigen, Gleichheit für alle schaffen, Gewalt und Haß reduzieren und die Welt vor einem atomaren Holocaust bewahren wollen, ist die Verbreitung des Atheismus ein Muß. Atheismus ist die Verkörperung der Menschlichkeit. Wir müssen das atheistische Bewußtsein unter den Menschen anwachsen lassen. Atheismus ist weder die bloße Verneinung der Existenz Gottes oder bloße Religionskritik, oder reine Kritik von religiösen Praktiken und Gebrauchen, noch bloße Aufdeckung von abergläubischen Gewohnheiten. Atheismus ist mehr als das. Er ist das Symbol des Friedens, des Fortschritts, des Wohlstands, gleichberechtigter Zusammenarbeit und der Marsch der Menschheit weg von der Brutalität.

Atheismus - Mannigfaltigkeit und Einheit

Wenn wir auf einer Weltkonferenz zusammenkommen, müssen wir verstehen, daß wir alle aus verschiedenen gesellschaftlichen Systemen stammen. Weil Religion sich lokal, in verschiedenen geographischen Umgebungen entwickelt hat, haben diese Religionen verschiedene Hintergründe. Als der Atheismus sich als negative Kraft entwickelte, geschah dies auch als lokale Opposition zur lokalen Religion, ihren Ritualen, Führungsansprüchen und Autoritäten. Daher entwickelte sich der Atheismus, als negative Kraft, in verschiedenen geographischen Gebieten unterschiedlich. Jetzt, da wir die positive Rolle des Atheismus geltend machen wollen, die zu einer nach-religiösen Gesellschaft führt, müssen wir die Unterschiede unter Atheisten erkennen, zur Einheit unseres Zwecks und zur Einheit unserer Vorstellung von der Zukunft ermutigen. Positiver Atheismus geht nicht nur über religiöse Werte und Strukturen hinaus, er geht ebenso über die Mannigfaltigkeit des negativen Atheismus hinaus. Positiver Atheismus vereint Atheisten in ihrem vorwärtsschreitenden Weg, hin zu einer nach-religiösen Gesellschaft.

Atheismus, als negative Kraft der gegenreligiösen Gesellschaft, hat Bedeutung erlangt durch Begünstigung des materiellen Wohlstands der Menschen mittels wissenschaftlichen und technischen Fortschritts. Jetzt muß der Atheismus auch im sozialen und psychologischen Bereich rapide Fortschritte schaffen, um eine positive Alternative zu beiden, der religiösen wie der gegenreligiösen Gesellschaft, zu schaffen. Das ist die Herausforderung an den Atheismus.

Atheismus fordert die Menschen auf, menschlicher, selbstbewußter und selbstverantwortlicher zu handeln. Dadurch entwickelt der Atheismus bessere Individuen, und durch ihre Handlungen bauen sie bessere Institutionen auf. Wenn das Individuum sich wandelt und die Institutionen nicht, ist das schlecht. Wenn die Institutionen verändert werden und das Individuum noch nicht, ist das noch schlechter. Heute haben wir beide Situationen zur selben Zeit. Daher zielt der Atheismus als positive Kraft auf die Veränderung von beiden, Individuen und Institutionen, gleichzeitig.

Ich empfehle meinen Mit-Atheisten, sich für die Forderungen und Erwartungen dieser Zeit einzusetzen und den Atheismus als Lebensweise exemplarisch durch ihr Handeln vorzuleben.

Die Atheistische Weltkonferenz hat in diesem Zusammenhang eine große Bedeutung. Atheisten arbeiten bereits in allen Teilen der Welt und führen einen Kampf gegen Armut, Unwissenheit, Ungleichheit und obskure Vorstellungen. Die Atheistische Weltkonferenz symbolisiert die Hoffnungen und Erwartungen von Millionen von Menschen auf der Welt, die für Frieden, Fortschritt, Gleichheit und Verbreitung der Menschlichkeit stehen.

Schon in knapp 17 Jahren gelangen wir in das 21. Jahrhundert. Ein Jahrhundert voller Versprechungen für die menschliche Rasse. Die Jahrhundertwende ist auch für Atheisten von großer Bedeutung, weil sie den Weg ebnet für die nach-religiöse Gesellschaft. Bereiten wir uns auf diese große Aufgabe vor!

(Lavanam, Direktor des Atheist Centre von Vijayawada, hielt diese Rede am 24. Juni 1983 in Helsinki. Die Übersetzung ins Deutsche besorgte Brigitte Beeken, Hannover.)