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Kommentar zur Gründung eines Deutschen Freidenker-Verbandes in der DDR

Beschluß der Mitgliederversammlung des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten vom 16. Juni 1990

Die Mitgliederversammlung des IBKA bekräftigt die öffentliche Stellungnahme des IBKA-Vorstandes vom 10. April 1990 (erschienen in TAZ Ost und West am 14. April 1990). Eine Neubewertung des Verbandes der Freidenker der DDR kann erfolgen, wenn dieser sich eindeutig von seiner Stasi-Vergangenheit distanziert hat. Mindestvoraussetzung dafür ist eine vollständige Auflösung der früheren Führungskader (Vorstand, Geschäftsführung, Regionalvorstände).

Kommentar:

Begräbnis dritter Klasse in Dresden

Zur Gründung eines Deutschen Freidenker-Verbandes in der DDR

Aus: MIZ 2/90

Was am 23. Juni 1990 in Dresden geschah, war vermutlich die endgültige Beerdigung der Freidenker-Bewegung in Deutschland - auch wenn das Begräbnis dritter Klasse von den Akteuren als solches gar nicht wahrgenommen, sondern im Gegenteil als eine Art Wiederauferstehung gefeiert wurde: Gründung eines Deutschen Freidenker-Verbandes (DFV) der DDR, richtiger: Umfirmierung des Stasi-"Verbandes der Freidenker" (vgl. MIZ 1/90, S. 26-33).

Zur Zeit der Weimarer Republik hatte ein aus der proletarischen Freidenker-Bewegung hervorgegangener Verband gleichen Namens noch einen respektablen Ruf, erst recht in der Nazi-Ära: viele der Anhänger des mitgliederstarken Verbandes wurden verfolgt und hingerichtet, darunter der DFV-Vorsitzende Max Sievers. In der Nachkriegszeit zerfiel der DFV der BRD - in der DDR wurde keine Neugründung geduldet - in zahlreichen Gruppen und Grüppchen, die sich untereinander zerstritten. So machten sich in den siebziger Jahren der DFV-Bundesverband mit Sitz in Dortmund, DKP-hörig, und der DFV-Landesverband Berlin (West), SPD-nahe, gegenseitig das "DFV" streitig. Ansonsten beschäftigten sie sich mit Feiern aller Art, Jugendweihen, Beerdigungen und Festansprachen und wurden für ihren weltanschaulichen Service mit Staats- und Parteigeldern bedacht.

Der Name "Freidenker" geriet erst Ende 1988 wieder an die breite Öffentlichkeit, und zwar auf makabre Weise: Ausgerechnet dem Ministerium für Staatssicherheit der DDR beliebte es, kurz vor der Wende die Gründung eines "Verbandes der Freidenker" anzubefehlen. Als dieser Vorgang nach dem 9. November 1989 in der DDR aufgedeckt wurde, forderte der in Westberlin ansässige Deutsche Freidenkerverband, Landesverband Berlin, die sofortige Auflösung des Stasi-Verbandes. Der zur gleichen Zeit in der BRD - mangels ausbleibender SED-Gelder dahinscheidende DKP-gesteuerte Deutsche Freidenker-Verband, Sitz Dortmund, schwieg zu allem.

Die Nachkriegsgeschichte des DFV in seinen verschiedenen Schattierungen ist zu verwirrend und unbedeutend, als daß man sie hier ausführlich schildern müßte. Sie liefert nur das Vorspiel zum Trauerspiel von Dresden: Nachdem also der "Verband der Freidenker" der DDR die erste Hochglanzausgabe seiner Vereinszeitschrift Anfang 1989 mit seitenlangen Jubelrufen auf die SED-Prominenz und entsprechend reichhaltigem Bildmaterial - eine Nullnummer in jeder Hinsicht, die inzwischen vergriffen wurde - auf den DDR-Markt gebracht hatte, Fernsehen und Zeitungen an herausragender Stelle von der VdF-Gründung berichten durften, kam den VdF-Gründungsvätern die Wende in die Quere. Sie ließen fortan nichts mehr von sich sehen und hören und wurden erst wieder gesichtet, als sich Kritik im eigenen Land und im Westen regte.

Von der eigenen kurzen, aber schlimmen Vergangenheit eingeholt, in die Enge getrieben und mit dem Makel einer Stasi-Organisation behaftet, mußte für den VdF nun schleunigst ein neuer Name her. Natürlich wollte man den Verband nicht auflösen - was übrigens laut Stasi-Satzung auch gar nicht vorgesehen war - schließlich standen die vom Ministerium für Staatssicherheit finanzierten 60 hauptamtlichen Mitarbeiterstellen, also in heutigen Zeiten höchst schätzenswerte "Ärbeitsplätze", samt 2,3 Millionen "Staatszuschüssen" auf dem Spiel, von anderen beweglichen und unbeweglichen Werten und der nur mit dem Feinsten ausgerüsteten VdF-Geschäftsstelle in Ostberlin einmal ganz abgesehen. Den VdF-Strategen fiel denn auch etwas ganz Besonderes ein: Um die Jahresmitte 1990 dürfte ihnen die grandiose Idee gekommen sein, ihr ramponiertes VdF-Firmenschild gegen den guten alten Namen "DFV" auszutauschen. Hatten sie sich vor der Wende noch auf die Tradition der proletarischen Freidenkerbewegung berufen und nach dem 9. November davon wieder distanziert - um nicht die nunmehr proklamierte "freundschaftliche Zusammenarbeit" mit den Kirchen zu gefährden - , so vollführten sie in Dresden Mitte Juni 1990 eine neue Kehrtwende: sie beriefen sich jetzt auf die Freidenkertradition der Weimarer Republik. Nicht aus Überzeugung, darf man vermuten, sondern aus finanziellen Gründen: Liegt doch ein beträchtliches Vermögen auf einem US-Konto fest, das der schon genannte Max Sievers noch vor seiner Ermordung durch die Nazis außer Landes schaffen konnte. Dieses Vermögen, in den siebziger Jahren der eigentliche Anlaß des erwähnten Namensstreites zwischen den DFV's Dortmund und Berlin, wollen die US-Behörden erst freigeben, wenn sich ein gesamtdeutscher Rechtsnachfolger des ehemaligen Vorkriegs-DFV darum bewirbt.

So taten sich in Dresden flugs altgediente DKP-Genossen aus dem Westen der Republik mit Ex-Stasi-Leuten der verflossenen Deutschen Demokratischen zusammen und feierten gleich die Taufe eines gesamtneudeutschen DFV. Wobei nicht so sehr das Gedenken an Max Sievers eine Rolle gespielt haben dürfte, sondern das von ihm in Amerika zurückgelassene Vermögen. Und weil die Stasi-Anschubfinanzierung von mehreren Millionen Ostmark nach der Währungsumstellung in lumpige 50 000 DM West zusammengeschrumpft ist, womit natürlich nicht 60 hauptamtliche Mitarbeiterinnen und eine noble Geschäftsstelle finanziert werden können, fordert man für das Jahr 1990 ungeniert drei Millionen Westmark von der Regierung - wer immer das künftig sein möge - als Zugabe und sozusagen in Fortschreibung der Stasi-Millionen, und obendrein den Status als Körperschaft des öffentlichen Rechts. Und das, bevor sich die Kirchen mit ähnlichen Forderungen an die Öffentlichkeit wagen. Da sind die Freidenker tatsächlich einmal in ihrer Geschichte den Religionsgesellschaften zuvorgekommen!

Bleibt nachzutragen, daß der DFV Berlin sein Begehren nach Äuflösung des VDF/DFV stillschweigend zurückgenommen hat. Obwohl man den Westberlinern in Dresden mit Eiseskälte begegnete und ihnen quasi ihren Namen klaute - seitens der DDR-Genossen mit dem listigen Nebeneffekt: Von einem DFV kann keine Kritik mehr kommen, wenn man selbst der DFV ist - unterzeichnen sie nun mit ihren Namensvettern aus der DDR schon "gemeinsame Erklärungen", so etwa für die Trennung von Staat und Kirche.

Und sind doch beide - DFV West hin, DFV Ost her - künftig noch abhängiger vom Staat und dessen Zuschüssen, ohne die sie von heute auf morgen pleite wären.

Frank L. Schütte, Berlin

Splitter und Balken

Ich glaube schon, daß die Christen der östlichen Hemisphäre vielleicht ein wenig aufgeschlossener sind als hier, und zwar, weil sie auch, im Vergleich zu der Bundesrepublik, beispielsweise mit den Medien viel mehr in Abstinenz leben
Joachim Kardinal Meisner, Erzbischof von Köln (aus Kinzigtal-Nachrichten)