Ausgewählte Texte

Texte nach Themen

Regionen und AGs

Presse

Andere Informationsquellen

Diskussion

Über diese Seiten

Selbstverwaltetes Projekt Behinderter und Nichtbehinderter

Gerhard Kern

Gemeinsam selbstbestimmt leben – Ein selbstverwaltetes Projekt Behinderter und Nichtbehinderter stellt sich vor

Aus: MIZ 4/92

Der Verein der Freunde und Förderer der Lebensgemeinschaft im Drohntal e. V. besteht seit 1983. 1982 hatten wir per Mitgliederversammlung den ehemals anthroposophischen Verein mit seinem Behindertenheim, Gebäuden und Grundstücken in Morbach-Merscheid (Hunsrück) übernommen. Das Anliegen der BetreiberInnen war seitdem, den typischen Heimcharakter abzuschaffen und für die Selbstbestimmung aller Menschen im Bereich der Lebensgemeinschaft einzutreten. In einer sehr schwierigen Zeit der Veränderung des Vorgefundenen sollten sowohl "Kinder", "Behinderte" und "Nichtbehinderte" die eigenen Interessen in gleichberechtigter Weise realisieren können.

Im Kurzportrait handelt es sich um einen Verein, der Sozialhilfe betreibt, durch Einrichtung von Lebensgemeinschaften von Behinderten und Nichtbehinderten. Er bietet Arbeitsmöglichkeiten in Werkstätten und Landwirtschaft. Er hat die Möglichkeit der Vermarktung von Fremd- und Eigenprodukten und tut das auch: Schafwollprodukte, Fleisch von Schwein und Schaf, aus dem Buch- und Weinladen die dort angebotenen Bücher und Weine; Kräutersalz. Der Verein kann weiter laut Satzung Schulen betreiben und hat einen mobilen Hilfsdienst für hilfsbedürftige BürgerInnen eingerichtet.

Es versteht sich von selbst, daß eine "geistig behinderte Frau", die immer nur Bevormundung erfahren hatte und sich immer auf die stellvertretenden Entscheidungen und Handlungen der "Betreuer" verließ, es wahrlich schwer mit den neuen Anforderungen hatte. Es war aber erlebbar, daß die neue Freiheit auch Selbstbewußtsein und Stärke ermöglichte, an die vorher niemand geglaubt hatte. Das gleiche galt und gilt für "Kinder" und "Nichtbehinderte" (ich benutze die Anführungszeichen, um deutlich zu machen, daß "Kinder" z.B. eine aufgesetzte Kategorie ist, die kaum Wirklichkeitscharakter hat). Zu dem Aushalten des von uns bewußt geschaffenen Chaos kam eine desolate Ökonomie, die wir von den Vorgängern übernommen hatten. Die Kostenträger standen dem neuen Konzept der Lebensgemeinschaft im Drohntal sehr mißtrauisch bis ablehnend gegenüber. Es wurde am Anfang versucht, die Heimeinrichtung durch die zuständige Heimaufsicht zu schließen, paßten wir doch in keiner Weise in die vom Staat gesetzten Normen. Doch selbst die staatlichen Stellen mußten letztlich anerkennen, daß es den Menschen gut ging und Entwicklungen sichtbar waren, die eine Schließung nur unter fragwürdigen Begründungen möglich gemacht hätten.

Gleich in der Anfangszeit gab es die Intention, in Verbindung mit der Lebensgemeinschaft eine Freie Schule zu errichten. Die Konzeption von Selbstbestimmung aller Menschen forderte geradezu eine solche Schule. Jedoch nahmen wir im Zuge der Diskussionen um Freie Schul-Genehmigungen wieder Abschied von dieser Idee, da im Kontext eines Genehmigungsverfahrens, das, was eine Freie Schule ausmachen soll, auf der Strecke bleibt.

Wir legten also das ganze Gewicht unserer Bemühungen auf die interne Ausgestaltung der Meinungs- und Entscheidungsstrukturen im Sinne des vorher gesagten. Schulden wurden u. a. auch mit Hilfe des Freundes- und Förderkreises und durch Gehaltsverzichte der MitarbeiterInnen abgebaut.

Gerhard Kern lebt und arbeitet in der Lebensgemeinschaft im Drohntal. Der Verein ihrer Freunde und Förderer hat vor kurzem einen Antrag auf korporative Mitgliedschaft im Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) e. V. gestellt. Der Beitrag führt somit die im letzten Heft begonnene Diskussion weiter, ob ein atheistischer Verband soziale Projekte unterhalten soll oder nicht.

Politisch waren und sind wir Teil der libertären Selbstverwaltungs-Szene und hatten schon immer Kontakt zur Arbeitsgemeinschaft Sozialpolitischer Arbeitskreise (Sitz München) und sind heute Mitglied in der Sozial-Politischen Gesellschaft (derz. Sitz Kassel). Alle drei Bewegungen und Verbände entsprechen in Teilen unseren gemeinsamen Intentionen. Nun liegt das Begehren um Mitgliedschaft im IBKA, einem Verband, der soziale Initiativen unterstützt und betreibt?

Im Gegensatz zur Aussage von Frau Irene Nickel meinen wir das allerdings. Es ehrt die Schreibende, daß sie vornehm Zurückhaltung von Atheisten fordert, doch scheint mir die aggressive Realität der imperialistischen Religionssysteme und Sekten einen organisierten Widerstand unumgänglich zu machen. Sicher ist es richtig, dafür einzutreten, daß Religion und Sozialarbeit getrennt werden, bzw., daß erstere keinen bestimmenden Einfluß haben darf. Es wäre ein äußerst bedenkliches Zeichen von Intoleranz, wenn in Schulen oder z. B. unserer Lebensgemeinschaft Atheisten als Weltanschauungsimperialisten auftreten würden. Überhaupt ist mir Atheismus als Weltanschauung völlig zuwider, insofern er keine andere Idee mehr neben sich gelten läßt. Ideologien gehören schließlich auf den Misthaufen der Geschichte.

Warum ich meine, daß der IBKA als Verband durchaus auch praktisch tätig werden sollte, ist folgendes: die politische Auseinandersetzung, die der IBKA führt, sollte auch zu praktischen Ergebnissen führen. Daran wird die Relevanz einer politischen Bewegung erfahren (siehe hierzu auch die Einflußnahme der Anthroposophen, hierzu auch die MIZ 1/93).

Es wird z.B. keiner der existierenden größeren Verbände uns (als nicht-religiöse und anti-staatliche Einrichtung) einen Rückhalt geben. Es gibt keine relevante politische Gruppe, die die Einrichtung von Anti-pädagogischen Lernorten unterstützt. Und gerade hierin, nicht in irgendeinem Erziehungssystem (welches letztlich immer Gewaltverhältnisse reproduziert), liegt die Anlage für eine freie Gesellschaft, die Achtung vor der Person zur Prämisse hat und nicht Staatsnormen durchsetzen will.

Es ist leicht, eine Montessori-Schule genehmigt zu bekommen (da steht der Klerus hinter) und Waldorf-Kindergärten und -Schulen einzurichten (da steht die AAG, ein Teil der Großindustrie und Helmut Kohl hinter), doch es ist unmöglich, eine wirklich freie Lernstätte hinzubekommen. Insofern geht der Appell an die Mitglieder des IBKA, solche Initiativen zu unterstützen, ihnen Mitgliedschaft zu gewähren, ohne sie weltanschaulich zu gängeln. Gerade diese Freiheit mußte Merkmal von nicht-religiösen Gruppierungen sein. Sonst sind sie für mich aber auch gar keine Alternative.