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Alternativer Büchnerpreis an Karlheinz Deschner

Aus: MIZ 3/93

Am 14. Juni ist der Kirchenkritiker Karlheinz Deschner in Darmstadt mit dem Alternativen Büchnerpreis geehrt worden. Der 69jährige Autor, Ehrenmitglied und im Beirat des "Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA e.V.)", entlarve "mit eindringlicher Sprachkraft die unheilige Allianz der Mächtigen von Staat und Kirche", heißt es in der Urkunde der mit 60.000 Mark dotierten, von einem Darmstädter Bürger gestifteten, Auszeichnung. Der in Bamberg geborene und in Haßfurt am Main lebende Schriftsteller deckt seit Ende der 50er Jahre in mehr als 30 Büchern die dunklen und meist vertuschten Kapitel der christlichen Kirche auf. Der Münsteraner Kirchenkritiker und Autor Horst Herrmann (ebenfalls im IBKA-Beirat) hielt die Laudatio, die zusammen mit der Dankrede Karlheinz Deschners so viel über die ethische Grundhaltung und persönliche Motivation zur Arbeit des Preisträgers aussagt, daß wir beide in leicht gekürzter Form abdrucken.

(Foto Karlheinz Deschner)

Karlheinz Deschner beim Ersten Atheistenkongreß in Fulda 1991.

Horst Herrmann:
Noch immer kräht der Hahn
Auf einen Jahrhundert-Kritiker

Den großen Erinnerer lobe ich, den einzelnen, der sich weigerte, das Elend der Christen mitzuerben und aus Angst vor der Angst anderer nicht zu schreiben. Ich kann ihn aufschlagen, wo ich will; nach wenigen Sätzen erfaßt er mich. Seit ich ihn lese, schreibe ich anders. Doch nenne ich Deschner nicht schon den Nestor der Kirchenkritik des Jahrhunderts; er ist zu jung.

Untrügliches Kennzeichen seiner selbständigen Größe: Glauben zu diskreditieren, ohne seine Macht für sich zu beanspruchen, volle Vortragssäle nicht populistisch zu nutzen, keine Guru-Gemeinde zu genießen. Diesen Schriftsteller macht sein Erschrecken aus. Bauen wir die Biographie auf das, was ihn abstieß, nähern wir uns dem Poeten heilloser Christlichkeit.

Wer nicht an Gott glaubt, muß die Welt annehmen. Solche Last geringzuschätzen, wage keiner, der in den verderbenden Phrasen seiner Religion Vertröstung findet. Gegenkritik sollte versuchen, Deschners Texttiefe zu erreichen; doch bleiben dieser ebenbürtige Gegner versagt. Ohrenbläser finden sich in Befehlskirchen zuhauf; Instinkt sucht den Dunstkreis, in dem Gehorsam gedeiht. Die Historiker unter den Schmeichlern müßten erschreckt erleben, daß "Kirche" wurde, wie sie sie erdichteten.

Schultheologen beziehen Sold aus den Steuern Arbeitender. Dann vertun sie ein Dezennium, um ein Opus abzusondern, das ohne Umschweife zur letzten Ruhe, zur Universitätsbibliothek abwandert. Ihresgleichen hat nicht den Atem, den Deschners Arbeit erfordert. Weniger noch gefragt ist die cochon-et-frere-Haltung von Progressisten, die stets wittern, wohin sie der Geist weht.

Wer Deschner verstehen will, lerne staunen, so viel Kraft in einem zerbrechlichen Körper anzutreffen. So viel Leid und Leidenschaft - und so wenig Lamento. Karlheinz Deschner hält den Gegensatz zu allen leidenden Gottesknechten durch, zu den Kritikern mit den mediokren Medienproblemen: Kein Verwundern über Verletzung, über Nicht-Verstandensein kein Wort. Wer dürfte klagen, wenn nicht er?

Wer Vernunft nur so weit gelten läßt, als die eigene reicht, muß diesen Wissenden anfeinden. Der Haß entlarvt zigtausend Briefe: Angeekelt von Analysen sind sie, gegen Argumente allergisch. Ihre Anonymität erreicht den nicht, der Namen nennt. Deschner entschied sich, uns gegen klerikale Zumutung mit Beweisen zu verteidigen. Gegen soviel Gelingen, wie es die Glücklichen androhen, die alles glauben, hilft seine Wahrhaftigkeit. Ihre Eruptionen sagen nicht jedem zu; das ist ihr Preis.

Welche Wahrheit liegt bitteschön, in der Mitte? Von Mord, Brand und andern Verbrechen, die der Christenheit anzurechnen sind, muß berichtet sein. Meine Herren in Schwarz, Lila, Purpur: Wie hätten Sie es gern? Wollen Sie Gesäusel hören? Beim Waschen der Talare trocken bleiben? Wie soll reagieren, wer Ihre Maske abnehmen will und bestürzt merkt: Es ist Ihr Gesicht?

Hirnlos - an diesen Zustand kann sich ein Denker nachweislich gewöhnen. Hodenlos - diese Freiwilligkeit sei ihm gegönnt. Dem Herzlosen vergeben wir nicht. Große, Geweihte zumal, dürfen wir nicht anders als scharf sehen. Wir müssen zu ihnen sein, wie sie selber sind. Mitleid, das sie verweigern, sei versagt. Kalt, wie sie kämpfen, abschätzig, wie sie Schafe weiden, wollen sie beschrieben sein. Alles andere bricht den Leserinnen und Lesern die Treue.

Wen Getroffene zu stellen suchen, der muß sich dem Gebell entziehen. Aber es ist nicht nur die Erfahrung, von Diplomen unterstrichene Dummheit auf sich zu ziehen, die Karlheinz Deschner Ruhepunkte suchen läßt. Wer Jahrzehnte mit dem Niedrigen verbringt, das eine Hochreligion ausmacht, flieht um seiner Selbstachtung willen ins wahrhaft Würdige. Die Natur braucht Christen zuletzt.

Deschner findet Muße in den erschauten Epitheta der Essays über seine fränkische Heimat. Und er nimmt das arme Leben der Tiere nicht hin, bekennt ihre unvergleichliche Unschuld. Sein Fühlen erkennt ihr Wesen tiefer als die Religion mit ihrer verächtlichen Wertung Schlachtobjekt, Opfergabe, seelenloses Ding.

Gering Denkende packen ihre Unzulänglichkeiten ins "Tier", Oberhirten vergessen über der Rede zur Menschenwürde das Mitgeschöpf auf vier Beinen, und der Erlöser charakterisierte sich durch Vergleiche zwischen Tieren und Gotteskindern. Menschen kann man, Tiere muß man lieben, sagt Deschner. Lebte der Mensch, dem kein Tier seine Freundschaft schenkte? Aus der Zuwendung zur Natur, die keiner Taufe bedarf, wächst Stärke gegen Religion.

Wem Gottsüße den Magen verdarb, dem bietet Karlheinz Deschner Erkennen. Da ist was da, obwohl, weil so viel verloren ward: Der ausgewiesene Romancier, Literaturkritiker, Aphoristiker riskierte früh, Originalität gegen Dutzendware zu verteidigen. Vor anderen wies er Wege zu verkannten Werken, beschaffte für die Bagatelle einer Begabung Beweise, die Rhetoren sprachlos machten, und nahm von alldem Abschied. Er häuft sein Wissen auf nur einen Gegenstand, fordert sich ein Jahrhundertwerk des Zorns und der Trauer ab.

Den Singulären macht die geringe Zahl seiner Themen aus, und die Störwilligkeit, mit der er sie uns wiederholt. Er gönnt niemandem, am wenigsten sich selbst, die Glorie jetzt. Güte findet keinen Platz. Persönlich übt Deschner sie gewiß, ist gegen einzelne Christen geduldig. Doch sein Werk bewahrt die Entscheidung.

Wer die Inspektion einer Hirten- und Herrenkultur auf sich lädt, muß Schultern haben. Es finden sich weniger beladene Berufe, zum Beispiel Bischof. Deschner macht weiter, wo Journalisten aufgeben und Nachrichten unterdrückt werden, in Recherchen über eine Kirche, die mehr Leichen im Keller hat als sonstwer und ganz andere Schubladen füllte als jene in Kiel. Ich bitte Sie: Einer muß doch die Geschichte des Wegblickens abbrechen, das genaue Hinschauen lehren, die Verpflichtung selbst des Christentums auf Menschlichkeit anmahnen.

Den Menschen sagen, wie schlecht sie sind? Sie in Unschuld schlimm sein lassen? Schweigen ist für den Schriftsteller Schrecken. Soll ein Autor vom Jahrhundertrang Deschners auch nur eine seiner Erkenntnisse mönchsartiger Demut opfern, über Fakten feilschen, über die Wertung von Kapitalverbrechen mit sich reden lassen?

Doch die guten Tanten und Onkel des Menschengeschlechts beanspruchen noch den ersten Platz im Herzen. Aufklärung wiegt auf den Waagen der Gesellschaft leicht; unbequem, die Mühe mit der Wahrheit als Diakonie am Denken zu achten. Deutsche Wirklichkeit: Zur Feier der Wende wurden Bücher, die im Zentralen Auslieferungslager der DDR lagen, auf Mülldeponien untergepflügt. Nicht die gelöschte Literatur, kein Marx, Engels, Lenin, sondern Ausgaben von Goethe, Heine, Büchner.

Welchem Meinungsbildner war es eine Zeile wert, daß da Bücher ins Grab geschaufelt wurden? In den kapitalistisch gewordenen Regalen gehörte aufgeräumt, Platz geschaffen für verkäufliche Titel, für Ratgeber "Wie repariere ich meine Partnerschaft, wie meinen Manta?". Dafür mußte der Geist unter die Erde. Nicht 50.000 Exemplare wurden beiseitegebracht: 50.000 Tonnen Bücher.

Wer erinnert, wenn nicht der Schriftsteller? Dies ist sein Beruf, seine soziale Leistung. Erinnern ist aber nicht Enthüllen. Deschner erlaubt sich nicht den Gestus des Voyeurs, der seine Tagesaufgabe darin sieht, herauszufinden, ob auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz eine Freundin hat. Mitten im Milieu der eingegrenzten Erinnerungen, da die Großtaten Gottes pflichtgemäß Preise sammeln, arbeitet dieser Autor an einer Gegenkultur. Er weitet den Blick ins Abendland, bietet unpäßlich machende Perspektiven, demaskiert Lobhudeleien der Liebesreligion.

Keine geringe Frage an die deutsche Streitkultur: Stört einer den Religionsfrieden, der mörderisch effektive Obsession, kaschierten Heilsegoismus bloßlegt? Statt ein paar von jenen Professoren anzusetzen, die gelenktes Geschichtsverständnis lehren, rief die Kirche nach dem Kadi. Deschner gewann den Blasphemie-Prozeß; es gab noch Richter in Bayern.

Wo schon das uneinlösbare Versprechen der Unsterblichkeit genügt, den Tod einer Religion zu verzögern, zerstört dieser Autor jeden frommen Wahn, indem er säkulare Unvergänglichkeit anregt: Mitten in die unsäglich selbstverliebte Existenz eines Kirchenfürstentums hinein, das Leben um Leben dem Ruhm seiner Hierarchen opferte und auffallend gute Beziehungen zur Rachegottheit Vergessen pflegte, plädiert Karlheinz Deschner für das Recht aller auf Fortleben. Die Millionen Blut- und Denkopfer, derer sich Christen bedienten, um ein ruchloses Reich Gottes zu fördern, brauchen das Zeugnis der Generationen. Tod darf kein Endurteil sein, Namenlosigkeit nicht über Betrogne triumphieren. Geschädigte bitten um Auferstehung im Gedächtnis.

In diesem Wesentlichen trifft Deschner Büchner. Das genügt. Ich nenne nicht die bis in die Silben reichenden Parallelen, versuche keine Etymologie der Handwerkernamen Deschner und Büchner. Diese Erinnerer begegnen sich in ihrem unendlich integren, alternativen, sich dem haltlosen Halleluja verweigernden Werk.

Deschner leiht Verfolgten, Verscharrten, Vergeßnen seine Stimme. Er verbindet uns mit der Vergangenheit, stellt über Jahrhunderte hinweg Solidarität her zwischen den Opfern und uns, die erst durch ihn von jenen erfahren. Er lädt ein, Geschichte als Raum für Identifikation anzunehmen. Gegenüber denen, die zu viele Choräle im Mund haben und im Kopf zu wenig Memento, ist dies Pflicht.

Zwanzig Jahrhunderte vergeudeten Christen damit, schmachvolle Enterbungstheorien in die Praxis zu übersetzen. Vom Hochsitz des Patriarchats herab vermeldeten ihre Führer: Jetzt sind wir auserwähltes Volk; allen andern bleiben vorletzte Werte, unfertige Moralen, halbgebildete Gewissen. Doch das einzige, das niemandem zusteht, ist ein Sieger zu sein. Beweis ist die Nachfolge Christi, ihre Verfressenheit, ihr Verdauungsvermögen. Diese Kirche wird sich nie wieder zurücknehmen können. Zuzeiten reichte ihr bloßer Missionsbefehl hin, um Völker von der Erde zu entfernen. War Gott je wert, Kinder zu haben?

Wie hieß es gestern? Aus der Kirche kommende Kriminalität? Nie gehört. Wie tönt es heute? Wir wissen schon, -und Schluß. Noch immer kräht der Hahn, abermals ist geleugnet, was man den Unzähligen angetan, die dem jeweiligen Glaubensstandard nicht entsprechen konnten. Jüngst predigte der Papst, es sei unserem Jahrhundert vorbehalten geblieben, Menschen allein deswegen zu ermorden, weil sie einer falschen Rasse angehörten. Wohlweislich verschwieg der Herr, daß seine Kirche nicht so lange warten wollte, um Menschen wegen ihres falschen Glaubens auszulöschen.

Das Christentum ist todkrank. Spräche ich nur zu Kirchenchristen, diagnostizierte ich diesen Dogmen, die dem duckmäuserischen Denken dienen. Auch bezeichnete ich jene zeitlosen Wahrheiten näher, die stets ihren Zeitgeist verraten, so man ihnen nur ein wenig Zeit läßt. Doch christelndes Denken bedroht alle. Es kann seine Metastasen nicht loswerden: Anti-Kategorien, die uns gefährden.

Oder kennt das Neue Testament den Dialog mit den Gegnern? Sind Christenköpfe nicht noch voll von der peinlich inspirierten Häme wider Pharisäer, Juden, Schlangenbrut? Wer, wenn nicht die Kirche, führte die Selektion ein, bereitete Gottes Endlösung vor, schied Erlöste von Verdammten? Wer stärkte die Theorie von den falschen Toten, weigerte sich, die Menschen mit dem falschen Gesangbuch zu verheiraten, zu beerdigen? Wer reklamiert noch 1993 eine dreist millionenschwere Entschädigung für die Enteignung von 1803? Jene Kirche, die nie erklärte, wie sie an den immensen Grundbesitz kam und keine Entschädigung auch nur für eines ihrer Opfer zahlte.

Sind Türkinnen keine Opfer im Sinne des Gesetzes? Steht ihren Angehörigen keine Wiedergutmachung zu, nur weil Deutschlands Wappenvogel nicht auf ihren Pässen sitzt? Dann gehört das Gesetz dorthin, wo Kirchennormen lagern, auf den Abfallhaufen der Rechtsstaatlichkeit.

Gibt es am Tisch des Todes bessere und schlechtere Plätze? Die Wirkgeschichte des Glaubens sagt eindeutig Ja. Ist es aber auch mit dem Grundgesetz vereinbar, Opfer zu klassifizieren? Müßte sich ein christdemokratischer Kanzler Termine nicht für alle Toten freihalten? Im Falle des Bankiers saß er in vorderster Reihe, in Mölln, Solingen, Tosava nicht. Eine regierungsamtliche Kaltschnauze reichte den Grund nach: Kohl mag keinen Trauertourismus. Eine Zeitung dazu: Er mag keine Türken.

Gedenkminuten, Lichterketten müssen sein; parlamentarisches Handeln ersetzen sie nicht. Brandgeruch liegt über dem Land. Deschner lehrt, daß kein Weihrauch den Ruch des Todes überlagern kann. Legte klerikaler Biedersinn nie Feuer? Ist dies Mordbrennen nur Deschners Popanz? Nein, in dieser Religion geschah alles, was es an Möglichkeiten im Christen gibt. Das Sünden-Unternehmen verlor den Himmel, indem es ihn besetzte. Eine weitere Leistung: Kirchen glorifizierten Kriege, und wurden 2000 Jahre alt.

Auf der weit verspäteten Suche Deutschlands nach dem Umfeld der Morde entdeckte der Bundespräsident Mängel in der Sozialisation der Jugend. Er wies Schuld uns allen zu, zählte Institutionen auf, die versagten, sparte die Kirche aus. Ich erspare mir den Hinweis, daß der Hauptverdächtige acht seiner sechzehn Lebensjahre in einem kirchlichen Heim verbrachte. Aber ich frage, warum das Staatsoberhaupt nicht wagt, sich öffentlich der Wahrheit über die Kirche zu stellen. Bei Deschner hätte Weizsäcker lernen können, daß Toleranz nicht auf klerikaler Erziehung basiert. Vielleicht hätte er dann auch den Mut gefunden, dem Kölner Kardinal zu antworten, der unser Land eine gottferne, unfruchtbare Wüste schmähte. Replik wäre begründet, Richtigstellung korrekt; der Vatikan liegt nah. So weit denken staats- und kirchentragende Personen nicht.

Der Glaube fiel, das Gericht ist gesprochen. Kindergartenplätze wurden für eine neue Generation wichtiger als Katechismen, und Religionsunterricht kam an sein Ende. Würden mehr Kinder und Jugendliche zum Lesen, Wissen, Neugierigbleiben angeleitet, statt reihum abgetauft und abkonfirmiert zu werden, brauchte sich das Land weniger um sie zu sorgen. Wer denken lernte, haßt nicht mehr.

Wer entfremdet sich Arbeiter, Intellektuelle, Jugendliche? Wer verliert gerade jetzt die Frauen? Die Institution mit dem Anspruch, gestiftet zu sein zur Orientierung der Welt. Die Kirche schert sich nicht um derlei, wendet ethische Prinzipien nach außen, zum Fenster hinaus; das hält den Innenraum besenrein.

Unheilbar heil wirken sie, in Charakter und Moral gepanzert, für Zweifel zu zickig. Wahrheiten beten sie gekonnt weg. In diesen Kreisen lebt die Widerstandslüge: Mit Hitler hatten wir nichts zu schaffen, unsre Oberen schon gar nicht; die kämpften wie die Löwen. Niemand wundere sich über die Zukunft: Die ewig ihr Heil im Munde führen, werden wieder Heilrufe in ihr Programm aufnehmen.

Deschner antwortet: Desavouiert ist alle Predigt. Eure Betroffenheit steckt nicht an. Sie ist alte Lüge, neues Vergehen. Deschner beurteilt Menschen danach, wie sie zu ihrer Geschichte stehen, ob sie ihr beipflichten oder sich ihrer schämen. Er erinnert, Anwalt der sprachlos Gehaltenen, an die unter Christen wenig bekannte Bereitschaft, aller Vergeßlichkeit zu widerstehen. Seine Bücher nehmen jene anamnetische Kultur vorweg, in der die mannigfachen Begabungen zum Vergessen, Verdrängen, Verleugnen nicht noch prämiert werden. Die mythische Beruhigung von Ängsten ist gewiß eine Spezialität des Klerus, doch ist sie so inhuman wie dessen idealistisches Verarbeiten von Fakten. Wer Sünden zu vergeben sich gewöhnte, kennt Absolution für eigne Untat zuerst.

Deschner bietet Texte, an denen wir uns schärfen, keine, an denen wir ermüden, weil sie so erschöpft sind wie die kirchensatte Entschuldigungsliteratur. Soll kontrastiert werden, braucht er keinen Vergleich zu scheuen. Seine Schriften werden in Schulen gelesen, die kein Hirtenbrief mehr interessiert, und wenn das Wort zum Sonntag verstummt sein wird, spricht sein Text. Sicher wird einmal auch ein Karlheinz-Deschner-Preis gestiftet.

Doch halt! Änderte sich in den letzten Jahren nichts? Wer den Fortschritt klerikaler Zivilisation ausmachen will: Da Totschlagen nicht mehr opportun, sind Kritiker totzuschweigen. Und noch lohnt sich dies Aussitzen. Das Mysterium, so sich je ein solches zeigte, wurde fiskalisiert. Bundesdeutsche können nachrechnen, wie lieb und teuer ihnen die Kirche ist. Während wir hier reden und hören, zahlen wir, gleich, ob kirchengebunden oder kirchenfrei. In den hundert Minuten dieses Sonntagvormittags kassieren Kirchen ab: mehrere hunderttausend Mark Subvention.

Auch das Preisgeld hat, bar selbstverständlich hierzulande, seinen Großkirchenanteil. Hirten gewinnen immer: am Zustandekommen, am Verleihen, am Ausgeben. Und Staatsmänner wagen nicht, das Kirchenschiff zu verlassen, doch absprungbereit halten sie sich. Parteipolitiker müssen Umfragen entnehmen, welche Meinung zur Kirche sie sich bereits leisten können. Solange aber die Amigos zusammenhalten, knabbert die Kirchenmaus. Am Preis für schärfste Kritik.

Kritik sammelt keine Schätze; Geld arbeitet anderswo. Verglichen mit dem bißchen Aufwandsentschädigung für Aufsichtsräte nehmen sich Autoren-Einkünfte ähnlich mager aus wie im Vergleich mit Verlegergewinnen. Wer nur schreiben kann, dem dachte das Land der Dichter und Denker eine Art Künstlersozialhilfe zu. Entlohnt wird die Pfaffenschar: Not zu verschleiern, trägt mehr ein, als ihre Verursacher bloßzustellen. So sind die Gewichte des Geistes geeicht. Versagt das Gemeinwesen, ist ein alternativer Preis im Recht. Mäzene tun not, um Anerkennung dem Richtigen zuzuwenden. Die von diesem entlarvte Kirche zieht derweil unverdrossen, ungestraft den Staat als Mäzen größten Stils heran. Die Christenlobby steht nurmehr für eine Minderheit - und wird noch immer nicht gezwungen, ihre hochherrschaftlichen Praxen zu legitimieren.

Gesetzt, es gäbe Gott, und noch unglaublicher, dieser zeige etwas Teilnahme an dem, das sich Kirche nennt, sei endlich an Einsicht, Reform interessiert. Auf wen sollte er setzen? Auf Dyba?

Lieber Karlheinz Deschner, ich bin stolz, daß Sie diesen Preis erhalten!

Karlheinz Deschner:
Auf hohlen Köpfen ist gut trommeln

Meine Damen und Herren, "Wer hub es an? Wer brachte den Fluch? Von heut / ist's nicht und nicht von gestern..." Verse des Lieblingsautors eines unserer ranghöchsten Politiker, der einmal seine Begeisterung für jenen so bekannte: "Ganz vornean, alles andere totschlagend, das war Hölderlin..." Nun, dessen "Tief im Herzen veracht ich die Rotte der Herren und Pfaffen...", konnte einen jungen Christdemokraten kaum hingerissen haben. Dagegen wohl:

"Der Tod fürs Vaterland".
"Lebe droben, o Vaterland,
Und zähle nicht die Toten! Dir ist,
Liebes! nicht Einer zuviel gefallen."

"...nicht Einer zuviel", das läßt sich hören. Und "gefallen" auch. Als sei man grad ein bißchen ausgerutscht, für die Ehre, für Freiheit, Vaterland. Steckt das im Wort Soldat? Der Sold steckt drin. Doch auch nicht übel. Wie das Fallen. Wenn Menschen fallen, steigen die Preise. Und jedes Kriegerdenkmal stärkt die Zuversicht auf ein neues. Schlimm nur, fiel nicht der Mann, sondern die Frau, war ein Mädchen "gefallen". Man ersäufte es dann, oft einfühlsam gemeinsam "Aus tiefer Not schrei ich zu dir" anstimmend, so daß die Gesäckte gar glauben mochte, die Engel schon singen zu hören, was freilich nie Gutes bedeutet, seltsamerweise. Andere pfählte man, begrub sie lebend. Oder beides - "lebendig ins Grab, ein Rohr ins maul, ein stecken durchs hertz". In fast ganz Europa; bis Ende des 18. Jahrhunderts. Und alles nach "dem Rat der Rechtsverständigen" und der Moral der Kirche, für die Lust lange ein crimen capitale war, ein Hauptverbrechen. Und daß man bei uns ein Verbrechen gesteht - und die Liebe, geschieht's nicht, weil man die Liebe bei uns zum Verbrechen gemacht hat?!

Im Mittelalter sühnte eine Frau mitunter schon einmalige Onanie drei Jahre lang; drei Jahre keinen Geschlechtsverkehr etwa; oder drei Jahre bloß Wasser und Brot. Für einen Mord im Krieg aber, für Mord auf Befehl im Frieden, gab's nur vierzig Tage Buße!

Und diese Sexualmoral wirkt fort. Wie die antifeministische Moral überhaupt. Wobei die berühmtesten Kirchenlichter, von Paulus bis Luther, die Frau scheußlich herabgesetzt, die christlichen Staaten sie erbärmlich benachteiligt und die katholischen Kirchenrechtler noch bis ins 20. Jahrhundert dem Mann erlaubt haben, die Ehefrau fasten zu lassen, sie zu verprügeln, zu binden und einzusperren. Wo Klerus herrscht, hat Kreuz kein Ende. Anders gesagt: Die Kirche ist zwar durchaus kein notwendiges Übel, aber das Übel folgt notwendig daraus - das Verbot der Abtreibung etwa, das von Verhütungsmitteln, als müßte es immer mehr Kinder nur deshalb geben, damit immer mehr verhungern können. Ein klerikaler Dauermord, von keinem agitatorischer betrieben als dem Papst, der 1984 die Abtreibung als Vorstufe des Atomkriegs hinstellte, den sein Vorgänger Pius XII. ja ausdrücklich erlaubt hat, sogar wiederholt.

Denn glauben Sie doch nicht, daß dieser Klerus das menschliche Leben schützt! Im Mutterschoß, ja; um es preiszugeben im Krieg; als sammelte er in Weiberbäuchen - Kanonenfutter.

Ausgerechnet der gefeierte Widerstandskämpfer Bischof von Galen war es doch, der 1938, just zu der Zeit des großen Judenpogroms, einen Fahneneid auf Hitler autorisierte:

"Was Frost und Leid!
Mich brennt ein Eid.
Der glüht wie Feuerbrände
Durch Schwert und Herz und Hände.
Es ende drum wie's ende -
Deutschland, ich bin bereit!"

Ausgerechnet Hitlers Vize-Armeebischof war es doch, der, hakenkreuzgeschmückt, katholische Kriegsdienstverweigerer - dank klerikaler Erziehungsarbeit im ganzen Naziheer nur sieben! - "ausgemerzt und um einen Kopf kürzer gemacht" sehen wollte. Der noch 1945 schrie: "Vorwärts, christliche Soldaten, auf dem Weg zum Sieg!" Und der dann wieder, in derselben Funktion, noch lange in der Bundeswehr wirkte, wie so viele und vieles. Und manches bis heute.

Und Papst Pius XII. selbst war es doch, der innige Verehrer Mariens, der Komplize von Massenmördern, von Mussolini, Hitler, der private Multimillionär (80 Millionen DM in Gold und Valuten), ja dieser Heilige Vater war es doch, der 1940 von den Naziarmeen sagte: "Sie haben geschworen, Sie müssen gehorsam sein!" Und wünschte Hitler selbst, wörtlich wieder, "nichts sehnlicher als einen Sieg"! Und so alle deutschen, alle österreichischen Bischöfe, und zwar "immer wieder", und "eindringlichst", wie sie Ende 1941 zusammen bekannten. Und nun lügt man uns schon fast ein halbes Jahrhundert das Gegenteil vor, freilich nach alter, alter Tradition.

Und wofür? Für einen "Wahn", sagt der auf unseren Schulen doch so geschätzte Schiller - seit seinem endgültigen Studium Kants jede Metaphysik (das ist Philosophie auf der Fahnenflucht), jeden Gottes- und Unsterblichkeitsglauben verwerfend - für einen "Wahn", sagt der deutsche Klassiker, "Der die ganze Welt bestach" - ja warum hört man davon auf unseren Schulen nichts?!

Wofür? Für "den einen unsterblichen Schandfleck", sagt Friedrich Nietzsche, "das Blatterngift der Menschheit", sagt Friedrich Hebbel, für eine Religion, die wohl mehr Menschen als alle Religionen zusammen verfolgt, gefoltert, gemordet hat, die Religion der Frohen Botschaft mit der Kriegsbemalung, die Liaison eines Gesangvereins mit einer Feuersbrunst: Millionen Heiden und Juden getötet, Millionen Indianer und Schwarze, Millionen Christen auch, "Ketzer" und "Hexen". Hat die Religion ja überhaupt die eigenen Gläubigen, von Generation zu Generation, geistig verkrüppelt, dualistisch zerrissen, wirtschaftlich geschröpft, ja, von Jahrhundert zu Jahrhundert die große Mehrheit buchstäblich versklavt, hat sie doch mehr als alles und immer wieder das Opfer gepredigt scheinbar für den Herrn, tatsächlich für die Herren selbst. Und für ihre Spießgesellen.

"Im Opfer wirket ihr euer Heil", so der Bischof von Würzburg noch 1945, noch 1945 zu den "Pflichten gegen das Vaterland", zur "staatlichen Ordnung", zur Obrigkeitstreue aufrufend, kurz bevor die Stadt in Schutt und Asche sank. Ja, immer und immer stand und steht da im Mittelpunkt, wie der Altar, der Opferaltar, das Opfer, zentral symbolisiert durch das Kreuz, einem weiteren unserer Klassiker, Goethe, "wie Gift und Schlange" zuwider, "das Widerwärtigste unter der Sonne"! Ja, warum hört man denn davon auf unseren Schulen nichts?!

Weil man da zwar vieles lernt, viel Schlimmes auch, Schlimmstes, doch eines sicher nicht: Denken. Das hintertreibt man von Anfang an, schon bei der Geburt. Denn die Freiheit eines Christenmenschen beginnt bekanntlich mit der Zwangstaufe, mit einer geistigen Vergewaltigung auf Lebenszeit, wofür es eigentlich nur lebenslänglich geben sollte. Und dann: von der Taufe in die Traufe, in den katholischen, den evangelischen Kindergarten, freilich erst neueste Errungenschaften. Denn noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts waren mindestens zwei Drittel aller Deutschen Analphabeten, und der knappe Rest klärte sich zum größten Teil durch Bibel, Katechismus, Gesangbuch auf.

Noch um die Wende zum 19. Jahrhundert beschreibt man die "geistige Infrastruktur" in Bayern: "Niemand kann lesen und schreiben, und dicke Finsternis ruht über dem Lande..." Ein herrlicher Zustand für Herrschende, deren viele doch dem spanischen Unterrichtsminister der Rechten, Bravo Murillo, zuneigen dürften, der um 1930, als er für sechshundert Arbeiter eine Schule genehmigen soll, ganz offen gesteht: "Wir brauchen keine Menschen, die denken, sondern Ochsen, die arbeiten..." Und auch in Deutschland, so Bildungsforscher Blankertz, hat es in Wahrheit immer nur so viel Gebildete gegeben, wie es ökonomisch notwendig war.

Nein, nichts davon auf unsren Schulen, daß die Mehrzahl unserer Klassiker, Wieland, Lessing, Schiller, Goethe, ausgesprochen antikirchlich war. Hängt doch alles hier so gottverdammt zusammen, der Pfaffe mit dem Pauker, der Pauker mit dem Politiker, und der mit allen und allem überhaupt und ja nicht erst seit heute.

Wer hub es an? Wer brachte den Fluch...? Wirklich, sieht's nicht aus, als sei es seit je Ziel unsrer Schule gewesen, jedem Schüler zu ermöglichen, auch nach der Schule so dumm zu bleiben, wie ihn die Schule gemacht? Der beste Beweis für die falsche Erziehung der Menschheit, ist ihre Geschichte. Übrigens: sage ich, die Politiker, die Lehrer, die Schule, so meine ich nie alle, schon gar nicht alle in gleicher Weise, jedoch immer die große Mehrheit und, in gewissen Sparten, bevorzugt, wie ihnen das zusteht, die Spitzen der Sparten.

Denn die Korruption steigt ja in der Regel nicht von unten nach oben, sondern umgekehrt. Eine Regierung kann das Volk korrupt machen, und machte es häufig auch korrupt, ein Volk kaum die Regierung. So wenig wie, in der Regel, eine Klasse ihren Lehrer korrumpieren kann, aber der Lehrer die Klasse. Ganz besonders der Geschichtslehrer. Noch mehr der Religionslehrer. Und selbst wenn ich die Militärs sage, sind noch nicht alle gemeint. Aber sage ich die Metzger, meine ich alle.

Doch auch das Militär ist nur die Mystik des Mordes. Ja, zählt wohl besonders zu jenen Dingen, von denen Jean Paul sagt, man müsse mit ihnen prahlen, um sich ihrer nicht zu schämen. Gilt doch überhaupt: Je mehr Würde man für eine Sache aufwendet, desto würdeloser ist sie gewöhnlich.

Wenig, wirklich, fasziniert mich so im politischen Leben, was sage ich, in unserer "politischen Kultur" - ich krieche dann fast, mit Stielaugen, in die Glotze hinein - , wie wenn zwei Herren eine Ehrenkompanie abschreiten, ohne im Gesicht auch nur zu zucken, mit keinem Muskel, jeder gesammelter Ernst, jeder mit jedem Schritt und Gleichschritt bis in die Zehenspitzen ganz Würde, ganz Staatsmann. Erstaunlich, erstaunlich. So erstaunlich, zum Beispiel, wenn Sie verstehen, was ich meine, wie daß zwei Pfaffen einander ansehen können ohne zu grinsen.

So viel Würde, auf beiden Seiten, bei Staat und Kirche - und ihre seit zwei Jahrtausenden geführten grauenhaften Kriege, die doch größer stets werden, ergiebiger, nichts als dem Wachstum verpflichtet, dem Profit. Wieviel Ökonomie noch im Kannibalismus! Lichtenberg wußte es: "Wir fressen einander nicht, wir schlachten uns bloß." Tolstoi sah tiefer: "Solange es Schlachthöfe gibt, wird es auch Schlachtfelder geben." Und eine Gesellschaft, die selbst heute noch Schlachthäuser und Schlachtfelder verkraftet, ist selber schlachtreif.

Was aber all dies erst zusammenhält, ist weder der Glaube noch die Logik, weder die Macht noch das Geld, ja nicht einmal die Dummheit, sondern was all dies bemäntelt, ummantelt und einfach unantastbar macht, ist die Verbindung von grenzenloser Gleichgültigkeit und nicht minder grenzenloser Heuchelei. Vielleicht ist nichts entsetzlicher am heutigen Menschen, als daß er sich nicht mehr entsetzt. Vielleicht schafft nichts mehr Unglück, als die guten Gewissen, auf den sanften Ruhekissen, die guten Gewissen, die einer bösen Sache dienen im Glauben, daß es die gute sei. Vielleicht ermöglicht nichts mehr Verbrechen als Gleichgültigkeit. Gleichgültigsein heißt unablässig morden.

Dazu die Heuchelei, die auf fast alles und jedes sich erstreckt, unterschiedlichsten Gepräges und Gewichts. Eine Heuchelei, die gefühlvoll Kälbchen streichelt und tapfer den Angler beschimpft, und dann Kalbsbraten frißt und Forelle blau. Die Heuchelei einer Gesellschaft, die ihr Obst vernichtet, ihr Gemüse, Getreide, die ihr Land verrotten läßt, um die Preise zu halten, und Brot sammelt für die Welt. Die Heuchelei einer Gesellschaft, die, ohne sich an die Stirn zu tippen, außer zu einer Ehrenbezeugung, alles genau so ehrt, was für Hitler fiel, wie das, was durch ihn fiel, wie das, was gegen ihn fiel, Jahrzehnte lang, ein ganzes Volk und, scheint's mit ganz gesundem Kopf. Es ist die Heuchelei eines Staates, der gewaltige Summen ausgibt für die Verkehrssicherheit, der immer strengere Geschwindigkeitskontrollen androht, aber bis heute als einziger Industriestaat der Welt und auch, - besonders befremdlich bei dem großen Paneuropageschrei hier - als einziges Land unseres Kontinents, auf gewissen Straßen jeden so schnell rasen läßt, wie er will, seit Jahren derart Tausende von Toten kalt inkaufnehmend. Schmiergeld heißt es, wenn die Wirtschaft den Politiker, Subvention, wenn der Politiker die Wirtschaft besticht, kurz: konzertierte Aktion.

Bedenken Sie aber, wie verhältnismäßig selten, wie dezent und kaum je in breiter Öffentlichkeit man diese Tausenden von Autobahntoten hier diskutiert, wie dieser Staat anscheinend nichts tut, wenigstens künftig den Schaden abzuwenden, den er in der Vergangenheit doch in vollem Bewußtsein offensichtlich dessen, was er tat, nicht abgewendet hat, wirklich, wer richtet mehr öffentlichen Schaden an als jene, die schwören, ihn abzuwenden? Und wenn Sie weiter sich erinnern, welch publizistischen und machtpolitischen, um nicht zu sagen machtbesessnen Aufwand dieser Staat zu Wasser, Land und in der Luft getrieben, als es galt, ein paar Politiker zu schützen, und weiter bedenken, wie wenig demgegenüber geschieht, Ausländer zu schützen, und weiter bedenken, wie unengagiert doch eigentlich das deutsche Volk bei den seinerzeitigen Terroristenopfern war, und wie es heute, wenn auch nur ein kleiner Teil, zu Demonstrationszügen geht, Lichterketten, zu Protesten, dann ist das alles doch recht sonderbar. Ich bin Pazifist, also gegen jeden Mord, für mich verdient jedes (ausgekeimte) Leben, auch das des Tieres Schutz, jedes Leben jeden Schutz, und noch das kleinste Türkenmädchenköpfchen denselben Schutz wie der dickste Politikerkopf der Welt.

Doch ich wiederhole: nichts herrscht mehr unter uns als Gleichgültigkeit, nichts mehr als Heuchelei.

Hinzu kommt, was gar nicht zu überschätzen, stets aufs neue zu betonen ist: Recht und Unrecht, Gut und Böse wurden im christlichen Abendland seit je verdreht, häufig einfach auf den Kopf gestellt, die Europäer von Mächten erzogen, die nicht nur Verbrechen kaum vorstellbarer Scheußlichkeit in ungeheuren Ausmaßen begangen, sondern immer auch mit Argumenten von scheinbar höchster Heiligkeit verteidigt, gerechtfertigt haben. Ja, wir wurden herangedrillt, indoktriniert von einer Kirche, vor deren Heiligen ja noch heute selbst den Besten mitunter Knie wackeln und Verstand. Doch wieviele Verbrecher unter diesen Heiligen, jede Menge Ausbeuter, giftigste Antisemiten, Diebe und Räuber, Fälscher, Brandstifter und Bestechungsspezialisten, Mörder und Massenmörder. Helvetius wußte es: "Wenn man ihre Heiligenlegenden liest, findet man die Namen von tausend heiliggesprochenen Verbrechern." - fast alle aus der Oberschicht.

Und auch der Staat, die Geschichtsschreibung, Schulen propagieren Charaktere als Helden, Vorbilder, Idole, die nach ethischen Begriffen nichts mehr waren als große Gangster. Doch alles liegt vor ihnen auf dem Bauch, vor einem Konstantin, dem ersten christlichen Kaiser, noch heute im Osten als Heiliger verehrt; vor einem Chlodwig, dem ersten christlichen König der Franken, die beide, zumal letzterer, noch ihre nächsten Verwandten gleich reihenweise liquidiert, ihr Leben lang fremde Länder an sich gerissen und Hekatomben Unschuldiger vertrieben, versklavt, geschlachtet haben, von vielen heiligen Kirchenvätern hoch dafür gerühmt. Man verehrt, man preist die Karolinger, die doch von Karl Martells Machtergreifung 714 bis zu Karls, des Sachsentöters Tod 814, in genau hundert Jahren in 93 Jahren Krieg geführt; nichts als Raub und Mord. Karl "der Große" war an dieser ethnischen Säuberung in sechsundvierzig Regierungsjahren mit fast fünfzig Feldzügen beteiligt, hunderttausende von Quadratkilometern blutig zusammenstehlend - unseren Mahnungen Folge leistend, wie das ein zeitgenössischer Papst kommentierte - und ein anderer sprach diesen Karl heilig, und kein späterer Papst hat es je annulliert.

Diese Kirche aber und die mit ihr kollaborierenden Staaten haben aus den Europäern gemacht, was sie sind. Und wie der Kirche, so war auch dem Staat, diesem kältesten aller kalten Ungeheuer, das wissen wir nicht erst seit Nietzsche, wenn er es auch am glänzendsten gezeigt, nie an Wahrheit gelegen, sondern immer nur an der ihm nützlichen Wahrheit. Der Staat, sagte Nietzsche, ein Heuchelhund, der durchaus das wichtigste Tier auf Erden sein wollte, was man ihm auch glaube, er lüge in allen Zungen des Guten und Bösen, sei die organisierte Unmoralität, Kultur für ihn überflüssig, schädlich, Krieg dagegen eine Notwendigkeit, und wo der Staat aufhört, da beginnt erst der Mensch.

Vielleicht fragen Sie, von welchem Staat denn Herr Nietzsche spreche? Ist das wirklich, aufs Ganze gesehen, entscheidend, der Unterschied so groß, ob wir an den merowingischen Staat denken oder den karolingischen, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, das spanische, das britische Weltreich, den wilhelminischen Staat, den Nazistaat oder den stalinistischen, ob an die lateinamerikanischen Mörderdiktaturen oder die demokratischen USA, die doch so gut wie jeden Quadratzentimeter ihres Bodens geraubt oder durch Nötigung, Erpressung, Betrug erworben, dabei nahezu ein ganzes Volk ausgerottet und dann begonnen haben der Welt die Menschenrechte zu lehren, die Demokratie, die Kunst, dem Volk im Namen des Volkes feierlich das Fell über die Ohren zu ziehen? Die Kunst, für viele möglichst wenig, für wenige möglichst viel zu tun, die Kunst aller Politik überhaupt.

"Ich bin bekannt für meine Ironie", sagt Bernard Shaw. "Aber auf den Gedanken, im Hafen von New York eine Freiheitsstatue zu errichten, wäre selbst ich nicht gekommen." Der Franzose Graf de Tocqueville, ein berühmter Amerikaexperte und "Analytiker der politischen Welt" (Dilthey), kennt im 19. Jahrhundert kein Land mit weniger geistiger Unabhängigkeit, weniger wahrer Freiheit. Und im 20. Jahrhundert geht es dem amerikanischen Philosophen Santayana ganz genauso, ist für den amerikanischen Nobelpreisträger O'Neill "Amerika der größte Mißerfolg der Geschichte", für Sigmund Freud "eine Mißgeburt". Und heute kriechen wir Deutschen, wie freilich so gern Besiegte, besonders aber besiegte Deutsche, dieser "Mißgeburt" in den Hintern. Und sehe ich Amerikakorrespondenten - ich gebe zu, ein lächerliches, doch für jeden, der mich verstehen will, nicht ganz unillustratives Detail für den uns ozeanisch überspülenden Amerikanismus, für die, so der große Deutschenhasser Clemenceau einst "Evolution der Barbarei und Dekadenz, ohne einen Hauch von Kultur", erlebe ich bundesrepublikanische Amerikakorrespondenten, wie sie die Sprech- und Kaumuskel in die Glotze schieben wie eine wiederkäuende Kuh auf der Weide und das Wort "Ämerikä" schon gar nicht mehr deutsch sprechen können, dann wird mir, einem sehr undeutschen Deutschen, einem Deutschen, der eigentlich gern ein Niederländer, ein Däne wäre, dann wird mir, einem erklärt apatriotischen Kosmopoliten schlecht!

Muß ich wirklich sagen, daß ich, trotz allem, trotz aller seit Adenauer hier grassierenden Skandale und Korruptionsaffären, noch immer lieber unter dem gegenwärtigen Kanzler lebe als unter dem meiner Jugend. Ungern aber unter einem Präsidenten, dessen dreistelliges Millionenvermögen großen- wenn nicht größtenteils aus dem Verkauf von Giftgas stammt, das, im Vietnamkrieg durch die USA versprüht, Flüsse und Seen, Land und Tiere und Menschen vergiftet, das noch heute viele körperlich und geistig Ruinierte zurückgelassen hat und noch über Generationen hinaus vergiften wird, während er uns heute Moral predigt.

Glauben Sie nicht, ich habe kein Verständnis für Politiker. Ich vertiefe mich in ihr Psychogramm, versetze mich in die Seele selbst der größten Halsabschneider, der Starbanditen der Historie, eines hl. Konstantin, hl. Karl, hl. Heinrich, eines Hitler, Stalin und sage mir: mit etwas anderer Ahnenreihe, anderer Gehirnstruktur, anderen Lebens- und Leseerfahrungen und ihrer Macht in der Hand, könnte ich vermutlich ganz ähnlich gehandelt haben, immer nämlich im Bewußtsein des Lichtenberg-Satzes: "Wenn du die Geschichte eines großen Verbrechers liesest, so danke immer, ehe du ihn verdammst, dem gütigen Himmel, der dich mit deinem ehrlichen Gesicht nicht an den Anfang einer solchen Reihe von Umständen gestellt hat."

Ich, als Determinist, bin mit Spinoza überzeugt: bekäme ein Stein, den man wirft, bei seinem Flug plötzlich Bewußtsein, dächte er auch, wie fliege ich doch so herrlich frei dahin. Staaten und Kirchen denken ganz anders und lehren ganz anders, vor allem um strafen zu können, und wenig tun sie lieber. Ich dagegen glaube, daß alles im Leben so freiwillig geschieht wie unsre Geburt, daß kein Mensch freier ist als ein Kettenhund, nur die Kette ist länger. Ich glaube, daß kein Mensch tut, was er will, sondern nur, was er muß. Für mich reduziert sich das Problem der Willensfreiheit auf die Wahl zu atmen oder zu ersticken.

Ich als Determinist, habe also viel Verständnis für Verbrechen und Verbrecher aller Art, allerdings nicht die Phantasie, mir die Unterwelt schlimmer vorzustellen als die Etagen darüber, was ohnedies immer mehr ineinandergreift, die Mafia ebenso verfilzt etwa mit Spitzenpolitikern von US-Administrationen ist wie mit italienischen Regierungen oder mit dem Papst. Bleibt die Frage, warum Menschen, die keine Deterministen sind, die glauben, jeder sei seines Glückes Schmied, jeder selbst schuld, sich so selbstverständlich allem fügen, was über sie hereinbricht? Bleibt die Antwort, weil sie schon immer vergewaltigt und schon immer verblödet worden sind. Auf hohlen Köpfen ist gut trommeln. Und je hohler ein Kopf, desto voller das Echo. Und in vielen Köpfen, vielleicht den meisten, vielleicht den traurigsten, regt sich ohnedies ein lebenlang nichts außer dem Gehirnschlag.

Wenn wir von Georg Büchner, dem seit langem von mir bewunderten und geliebten großen Dichter etwas ganz besonders lernen können, dann das: Für die Gesellschaft kämpft nur, wer gegen sie kämpft. Und: Ein einziger Aufwiegler taugt manchmal mehr als alle Abwiegler zusammen.

Dank Ihnen allen, Dank dem Preisstifter, dem Rezitator, dem Laudator, dem Mäzen.