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Wissenschaft und Religion

Edgar Baeger

Aus: MIZ 1/94

Seit Menschen bewußt die Welt, in der sie leben, beobachten, haben sie zu begründen und zu erklären versucht, warum die Welt so ist, wie sie ist; wie die Welt entstand; wie lange die Welt bestehen wird; welche Rolle der Mensch in dieser Welt spielt; ob die Macht (oder die Mächte), die sie als Schöpfer dieser Welt und als Gestalter ihres Geschickes postulierten, beeinflußbar ist (sind); welche Regeln man dieser Macht (oder diesen Mächten) gegenüber im eigenen Interesse befolgen sollte; ob mit dem Tod eines Menschen ein endgültiges Ende dieses Individuums verbunden sei und dergleichen.

Wahrend der längsten Zeit der Menschheitsgeschichte bestanden die Antworten auf derartige Fragen nahezu ausschließlich aus Hervorbringungen der menschlichen Phantasie und Einbildungskraft. Wie ungeheuer fruchtbar die menschliche Phantasie ist, zeigt die Schätzung eines Anthropologen, derzufolge die Menschheit bis heute etwa 100.000 Religionen hervorgebracht habe.1 Dieser Prozeß ist keineswegs beendet. Auch in unserer Zeit entstehen laufend neue Religionen und Weltanschauungen. Dazu gehören obskure Phantasieprodukte wie die UFO-logie oder die Scientology des Lafayette Ronald Hubbard ebenso wie die soundsovielte Mutation einer sog. Hochreligion, sei sie asiatischen oder nahöstlichen Ursprungs, im letzteren Fall also eine Abart des Christentums oder des Islam. Trotz dieser immensen Fruchtbarkeit menschlicher Einbildungskraft, trotz des Wirkens ganzer Heerscharen von mehr oder weniger charismatischen Religionsstiftern, Priestern, Propheten, Theologen, Ayatollahs, Gurus, Mönchen, Zauberpriestern, Sektengründern - durch die Entwicklung der Wissenschaft können weltanschaulich-religiöse Weltbilder nicht mehr, wie in Zeiten früherer Unwissenheit, mittels religiöser Phantasie geschaffen werden. Fragen wie die nach der Enstehung des Weltalls, der Materie und des Lebens erfordern bei unseren heutigen Kenntnissen Antworten, die einen bestimmten wissenschaftlichen Standard nicht mehr unterschreiten dürfen. Wer heute beispielsweise immer noch die Frage stellt, was denn vor der Entstehung des Universums gewesen sei, zeigt mit dieser Frage nur, daß er den Begriff der "Zeit" nicht verstanden hat.

Prof. Dipl. Ing. Edgar Baeger ist Professor für Elektronik und Technische Informatik an der Fachhochschule Aalen. Er ist Mitglied im Beirat der Humanistischen Union und des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA e.V.). Zahlreiche Zeitschriften- und Buchbeiträge zum Thema "Staat und Kirche".

Es läßt sich kein präziser Zeitpunkt angeben, ab dem wissenschaftliche Untersuchungen an die Stelle naiver Projektionen menschlicher Phantasien traten. Die Entwicklung der Naturwissenschaften ist ein kontinuierlicher Prozeß, der in unserem Jahrhundert allerdings mit fast exponentiellem Wachstum voranschreitet. Ein wesentlicher Markstein in dieser Entwicklung war aber sicher der Zusammenbruch des Ptolemäischen Weltbildes durch die Arbeiten von Kopernikus(1534), Kepler(1609) und Galilei. Nicht der Umstand, daß nun plötzlich die Sonne und nicht mehr die Erde als Mittelpunkt des Weltalls angesehen wurde, war die entscheidende Neuerung, sondern daß Antworten nicht mehr durch Interpretation tradierter "heiliger Schriften" von einem sich hierzu allein berufen fühlenden Klerus gegeben wurden. Diese Wende führte dazu, daß Beobachtung, Experiment und mathematische Analyse an die Stelle "geoffenbarter Glaubenswahrheiten" traten. Der stets mit Machtinstinkt ausgestattete Klerus der katholischen Kirche jener Zeit schätzte diese Gefahr durchaus richtig ein. Für ihn war es nur konsequent, durch Anwendung seiner "Heilsmittel" Mord (so an Giordano Bruno am 17.2.1600) und Folter (mit der Galilei bedroht wurde) dieser Entwicklung zu begegnen. Es mußte für jeden phantasiebegabten Kleriker offenkundig sein, daß mit der neuen Art des wissenschaftlichen Untersuchung die bisherige Vormachtstellung der Theologie enden würde.2

Die Hoffnung des Klerus, das sich anbahnende wissenschaftliche Denken unter Kontrolle zu bekommen, erfüllte sich indes nicht. Auch wenn im weiteren Verlauf der Entwicklung der Naturwissenschaften immer wieder Wissenschaftler massiven Angriffen der Kirche ausgesetzt waren (z.B. Charles Darwin oder Siegmund Freud), die Schlacht ist mittlerweile entschieden. Die Überlegenheit des forschenden Denkens, das den Zweifel als das wesentliche Element des Erkenntnisprozesses begriffen hat, gegenüber jedwedem gläubigen Hinnehmen "geoffenbarter Wahrheiten" ist so offenkundig, daß der Astrophysiker Steven Weinberg zu Recht die moderne Wissenschaft als das große Geschenk des Westens an die Welt bezeichnet.3

Das Weltbild, das die moderne Naturwissenschaft vermittelt, ist weit eindrucksvoller als alles, was religiöse Phantasien bislang hervorgebracht haben. Es kann daher in diesem Rahmen nur mit einigen wenigen Sätzen gestreift werden. Wir, die Menschen, sind Lebewesen auf einem kleinen Planeten, der eine Umlaufbahn um einen Stern mittlerer Größe und durchschnittlicher Helligkeit beschreibt. Dieser Stern (die Sonne) befindet sich in einem Seitenarm eines spiralförmigen Sternsystems (der "Milchstraße" oder Galaxis), das aus etwa 100 Milliarden von Sternen besteht. Der Durchmesser allein dieses Sternsystems ist so gewaltig, daß das Licht etwa 100.000 Jahre braucht, um es zu durchqueren. Unsere Galaxie ist aber nur eine unter einer unvorstellbar großen Zahl von Galaxien, die alle jeweils aus einigen Milliarden oder bis zu einigen hundert Milliarden Sternen bestehen. Alle diese Galaxien bewegen sich voneinander weg und dieses um so schneller, je weiter sie voneinander entfernt sind - das Weltall expandiert. Diese Beobachtung, die der amerikanische Astronom Edwin Hubble bereits 1929 machte, führt zu der Annahme, daß im zeitlichen Rückblick (vor etwa 10 bis 20 Milliarden Jahren) alle Materie des Weltalls dicht beieinander gewesen sein muß. Das Weltall hätte dann aus einem Zustand ungeheurer Dichte heraus seinen Anfang genommen.

Mit dieser Dichte untrennbar verknüpft ist eine unvorstellbare Temperatur des frühen Universums, bei der keine Materie existieren konnte. Die Astrophysiker sprechen von einem strahlungsdominierten Universum. Die Materie bildete sich dann im Zuge der Abkühlung dieses Universums aus der Strahlung. Von der jede Vorstellungskraft sprengenden Strahlung des frühen Universums sollte auch heute noch eine Reststrahlung meßbar sein. Diese Strahlung wurde in der Tat im Jahre 1965 von Arno Penzias und Robert Wilson entdeckt (die dafür den Nobelpreis für Physik erhielten). Es handelt sich um eine aus allen Richtungen des Weltalls gleichmäßig zu empfangende Mikrowellenstrahlung, die sog. kosmische Hintergrundstrahlung. Ihre Entdeckung lieferte einen der wichtigsten experimentellen Beweise für die populär als "Urknall-Theorie" bezeichnete Vorstellung der heutigen Astrophysik vom Anfang der Welt. Die Rückrechnungen zeigen aber auch, daß bei der Entstehung der Materie aus der Strahlung des sich ausdehnenden Universums nur Wasserstoff, Deuterium, Helium und einige leichte Elemente entstanden sein konnten. Alle schwereren Elemente entstanden erst viel später im Inneren der sich bildenden Sterne, durch die im Sterninnern ablaufenden Kernverschmelzungsprozesse. Vor allem bei den Supernova-Ausbrüchen, mit denen massereiche Sterne ihre Existenz als hell leuchtender Stern beendeten, wurde diese Materie ins Weltall geschleudert und stand für die Bildung von Sternen der Nachfolgegenerationen und der Planeten zur Verfügung. Daraus folgt, daß auch alle Lebewesen (und damit auch die Menschen) Atome in Form der schweren Elemente enthalten, die früher einmal im Innern eines Sterns waren. Alle Lebewesen sind somit teil des Universums oder, wie ein Astrophysiker es einmal poetisch ausdrückte, "Sternenstaub".

Ebenso eindrucksvoll wie die Phänomene des Weltalls sind die gewonnenen Einsichten über den Mikrokosmos, d.h. den Aufbau der Materie und die Zusammenhänge zwischen Materie und Energie (die übrigens für die moderne Kosmologie von entscheidender Bedeutung sind). Zwar lassen sich erste Denkansätze für eine Atomtheorie schon in der antiken griechischen Philosophie nachweisen, doch blieb es der modernen Wissenschaft vorbehalten, die experimentellen Nachweise für die Grundbausteine der Materie zu liefern. Allerdings zeigte es sich, daß die ursprünglichen Atommodelle, bestehend aus einem Atomkern (der seinerseits aus Protonen und Neutronen besteht) um welchen Elektronen "kreisen", zu einfach waren. Ihre Anschaulichkeit, die aus der Analogie zu einem Planetensystem resultierte, ging verloren, als deutlich wurde, daß die genannten Elementarteilchen aus noch einfacheren Grundbausteinen, den. sog. "Quarks" zusammengesetzt sind. Diese Quarks lassen sich jedoch nicht mehr separieren. Ob sie ihrerseits wiederum nur Manifestationen anderer Grundbausteine, eventuell sog. "Strings" sind, wird die weitere Forschung zu klären haben. Jedoch zeigt sowohl die Astrophysik als auch die Atomphysik mit jedem Fortschritt der wissenschaftlichen Erkenntnis, daß das Universum, dessen Teil wir sind, mit unseren aus der täglichen Anschauung gewonnenen Vorstellungen und Begriffen nicht beschrieben werden kann. Schon die Vorstellung, daß alle Materie aus Elementarbausteinen besteht, deren Struktur und deren Eigenschaften wir durch Vergleiche aus der uns vertrauten Welt nicht mehr beschreiben können, ist für wissenschaftlich nicht geschulte Menschen ebenso schwer nachzuvollziehen, wie die unvorstellbaren Entfernungen, Zeiten und physikalischen Phänomene, auf die die moderne Astronomie bei der Beschreibung des Kosmos Bezug nimmt. So ist es leicht begreiflich, daß wahrscheinlich einer Mehrheit der heute lebenden Menschen die schlichten Denkstrukturen die in den sog. Hochreligionen ihren Niederschlag gefunden haben, ungleich näher liegen, als ein naturwissenschaftliches Weltbild. Nicht nur beim Erfassen des kosmologischen und atomphysikalischen Weltbildes kapituliert die Mehrheit der Zeitgenossen, sondern vor allem auch beim Begreifen der unfaßbar komplexen Gebilde, in denen Materie sich organisieren kann.

Die Systeme mit der größten Komplexität sind in der belebten Natur zu finden. Wie das Leben eigentlich entstand, ist noch nicht geklärt. Die meisten Naturwissenschaftler gehen jedoch davon aus, daß es sich um einen natürlichen Vorgang handelt, der eintritt, wenn auf einem Planeten Druck, Temperatur und Zusammensetzung der Atmosphäre die Bildung komplexer Moleküle zulassen und lange Zeiträume für eine Entwicklung zur Verfügung stehen. Die Frage, wie wahrscheinlich das Zusammentreffen aller dieser Bedingungen ist, ist derzeit unter Naturwissenschaftlern strittig, mithin reichen die Antworten auf die Frage, wie oft wohl im Universum Leben entstanden sein kann, von der Ansicht, es sei ein häufig vorkommender Vorgang bis zur Ansicht, die Entstehung des Lebens auf der Erde sei ein einmaliger Zufallstreffer der Natur. Kein ernstzunehmender Naturwissenschaftler wird jedoch übernatürliche Kräfte bemühen, solange die Möglichkeiten physikalischer Erklärungen nicht erschöpft sind und davon kann noch lange keine Rede sein. Über die Entwicklung des Lebens auf der Erde, die Entstehung und Differenzierung der Arten gibt es kaum noch Dissens. Zu groß sind mittlerweile die Belege für die von Darwin begründete Evolutionslehre. Hinzu kommt das Verständnis, das heute über die Weitergabe und Veränderung von Erbeigenschaften vorhanden ist, nachdem Watson und Crick 1953 die Struktur der DNS entschlüsselten. (Dieses schließt selbstverständlich nicht aus, daß religiös geprägte Provinzpolitiker im Verein mit entsprechend geprägten "Wissenschaftlern" immer noch in Sachen Evolutionslehre die Schlachten schlagen, die 1925 in dem Nest Dayton, Tennessee zu dem weltweit berühmten "Affenprozeß" führten.4)

Wer heute nicht Opfer frühkindlicher, religiöser Gehirnwäsche ist und sich hinreichend mit dem Weltbild der modernen Naturwissenschaft beschäftigt, kommt an der Erkenntnis nicht vorbei, daß zwischen den Lehren fast aller Religionsgemeinschaften und dem naturwissenschaftlichen Weltbild eine Brücke nicht mehr zu bauen ist. Allzu groß ist die geistige Kluft hin zu den Vorstellungen, die auf einem Schöpfer-Gott basieren, der den Menschen (den Objekten seines Schaffens) so große Bedeutung beimißt, daß er sich ihnen mitteilt, mit ihnen rechtet und sich um ihre Taten und Untaten kümmert - vollends, wenn dieser Gott seinen Anhängern Eroberungskriege befiehlt, ggf. mit der ausdrücklichen Anweisung, Kinder, Frauen und Greise zu töten.5 Weltbilder, in denen Engel, Teufel, Propheten, eine "heilige Familie" oder ein streng strafender Richter-Gott angesiedelt sind, sind offenkundige Projektionen (allzu-) menschlicher Phantasie. Es ist nachgerade verblüffend, wieviele durchaus gebildete Menschen es schaffen, ihr Weltbild immer noch an den fast zweitausend Jahre alten Vorstellungen unwissender Hirtenvölker des nahen Ostens auszurichten. Die Inhalte dieser Hochreligionen mögen zu ihrer Zeit dem damaligen Wissen entsprochen haben, heute sind sie anachronistisch. In der Tat haben viele Naturwissenschaftler das Thema Religion für sich abgehakt und kommen gar nicht mehr auf die Idee, die Religionen hätten etwas von Belang mitzuteilen. Der Astrophysiker Steven Weinberg schreibt in seinem neuen Buch,6 obschon er einige gläubige Wissenschaftler kenne, hätten die meisten seiner Physiker-Kollegen noch nicht einmal soviel Interesse an Religion, "um auch nur als praktizierende Atheisten durchgehen zu können" . Bücher mit Titeln wie "Die Selbstorganisation des Universums"7, "Schöpfung ohne Schöpfer"8, geschrieben von renommierten Wissenschaftlern, machen deutlich, daß die Idee eines Schöpfer-Gottes im Weltbild vieler Naturwissenschaftler heute keinen Platz mehr hat.

Nichtsdestoweniger sind die großen Religionen immer noch bestimmend für einen Großteil der heute lebenden Bevölkerung. Die sie tragenden Hierarchien verfügen nach wie vor über eine gewaltige Macht und großen politischen Einfluß. Der Umstand, daß alles wissenschaftliche Forschen vorwissenschaftliche religiöse Weltentwürfe nicht in größerem Umfang zurückdrängen konnte, hat viele Gründe. Die wichtigsten sollen nachfolgend diskutiert werden:

1. Die religiöse Prägung ab dem frühesten Kindesalter durch Familie, Schule und gesellschaftliches Umfeld sorgt dafür, daß selbst bei vielen hervorragend ausgebildeten Naturwissenschaftlern das kritische Denken zuverlässig in dem Augenblick ausgeschaltet wird, in dem religiöse Fragen zur Debatte stehen.9 Die ungeheure Wirksamkeit der weltanschaulichen Prägung im Kindesalter ist ein uraltes Erfahrungswissen, das sich nicht nur praktisch alle Religionsgesellschaften, sondern vielfach auch politische Ideologien (vor allem in Diktaturen) zunutze machen.

2. Obwohl die Zivilisation der Industriestaaten ohne die allgegenwärtige Naturwissenschaft und Technik sofort zusammenbrechen würde, sind viele Menschen naturwissenschaftlich nicht gebildet. Heute gilt immer noch ein Bildungsideal, das sich an Literatur, Musik und bildenden Künsten orientiert. Wer darüber hinaus noch mindestens eine Fremdsprache spricht (zusätzlich möglichst noch ein wenig Latein um Bildung mit entsprechenden Zitaten demonstrieren zu können) kann, ohne einen Verlust an Reputation befürchten zu müssen, jederzeit damit kokettieren, nicht das Geringste von Naturwissenschaft und Technik zu verstehen. Spöttisch bemerkt Steven W. Hawking in seinem Buch Eine kurze Geschichte der Zeit, man habe ihm gesagt, daß jede Gleichung in einem Buch die Verkaufzahlen halbiere, weshalb er sich dann auf Einsteins Formel E = mc2 beschränkt habe.

3. Von den meisten Menschen wird Naturwissenschaft in der Schule als ein Fächerspektrum erfahren, in dem vor allem Formeln und Fakten gepaukt werden. Von den Auswirkungen naturwissenschaftlicher Erkenntnisse auf unser heutiges Weltbild ist (wohlweislich) nie die Rede. Klerikal orientierte Kultusminister und Bürokraten der Kultusministerien werden gewiß auch weiterhin darauf bedacht sein, daß sich hieran nichts ändert. Es dürfte kaum ein Zufall sein, daß gerade Astronomie, Astrophysik und Kosmologie selbst auf den Oberstufen der Gymnasien kaum behandelt wird. So vergessen viele Menschen nach Verlassen der Schule nur allzu gern und allzu schnell ihr nur angelerntes aber nicht verstandenes naturwissenschaftliches Wissen. Als Folge davon sind sie ein leichtes Opfer für jedweden religiösen und pseudowissenschaftlichen Unsinn. Die Regale durchschnittlicher Buchhandlungen quellen denn auch über von Machwerken über religiösen Mystizismus, Astrologie, Esoterik und sich als Populärwissenschaft tarnende Scharlatanerien eines Erich von Däniken und seiner Nachahmer.

4. Vielfach wird eingewendet, die Religionen würden ja gar keine Aussagen machen, die mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen in Konflikt kommen könnten. Thema der Religionen seien die "Sinnfragen menschlicher Existenz", "Freud und Leid menschlichen Daseins", vor allem aber auch die religiöse Begründung von Werten und Normen, ohne die eine Gesellschaft gar nicht existieren könne.

Doch so einfach ist der Sachverhalt nicht. Ein denkender Mensch wird (sofern er nicht Opfer frühkindlicher religiöser Prägung ist) die Antworten der Religionen auf die von ihnen aufgeworfenen Fragen schwerlich vom Wahrheitsgehalt der jeweiligen religiösen Lehre trennen können. Erweist sich beispielsweise durch die naturwissenschaftliche Forschung, daß eine Wiedergeburtslehre nicht die geringste Wahrscheinlichkeit für sich hat, fallen damit Grundpfeiler vieler ostasiatischer Religionen. Läßt das naturwissenschaftliche Wissen unserer Zeit die Wahrscheinlichkeit für die Existenz eines Schöpfer-Gottes oder für ein Weiterleben nach dem Tode asymptotisch gegen Null gehen, dann brechen Grundpfeiler der nahöstlichen Hirtenreligionen (christliche, islamische, jüdische Religionen) weg. Es hat schon gute Gründe, weshalb ein schlauer Theologe wie Eugen Drewermann durch Verlagerung religiöser Lehren in den Bereich der Tiefenpsychologie und Mystik bzw. eine interpretationsbedürftige Bilder- und Sagenwelt bestrebt ist, die Religion dem kritischen Rationalismus zu entziehen.10 (Tragisch für ihn, daß seine Absichten von einer machtorientierten Amtskirche nicht verstanden werden.)

5. Die Naturwissenschaftler tragen auch selbst dazu bei, daß vorwissenschaftlichen Systemen das Feld überlassen wird. Die von Steven Weinberg so trefflich geschilderte Gleichgültigkeit vieler Naturwissenschaftler den Religionen gegenüber führt dazu, daß sie das Problem für sich lösen, aber die Bevölkerung dem Obskurantismus überlassen. In diesem Zusammenhang fällt auf, daß Wissenschaftler des englischen Sprachraumes wesentlich engagierter für ein Weltbild auf naturwissenschaftlicher Grundlage eintreten, während die Naturwissenschaft des deutschen Sprachraumes weitestgehend jedes Tangieren des religiösen Bereiches meidet. So muß der entsprechend interessierte Leser beispielsweise auf Bücher von Peter W. Atkins, Paul Davies, Richard Dawkins, Stephen W. Hawking, Robert Shapiro, Steven Weinberg zurückgreifen, will er nachvollziehen, wie es um die Verträglichkeit religiöser Lehren mit dem Weltbild der Naturwissenschaften bestellt ist.

6. Wie bereits erwähnt, besteht eine Schwierigkeit, die der wissenschaftliche Fortschritt mit sich brachte, darin, daß grundlegende Phänomene des Makro- ebenso wie des Mikrokosmos sich der menschlichen Anschauung entziehen. Der Begriff einer gekrümmten Raumzeit läßt sich ebensoschwer anschaulich machen, wie eine Vorstellung der Quarks, den vermutlichen Grundbausteinen der Materie. Phänomene im Bereich der Atome entziehen sich ebenso einer anschaulichen Beschreibung, wie die Größenordnungen und die Begriffe der Kosmologie. Auch die ungeheure Komplexität beispielsweise in der belebten Natur ist für die wenigsten Menschen erfaßbar. So gesehen ist es alles andere als erstaunlich, daß Menschen ohne naturwissenschaftliche Bildung sich wesentlich mehr zu den simplen Gleichnissen und schlichten Erzählungen der Religionen hingezogen fühlen. Kindliche Wundermärchen über Wandeln auf dem Wasser und Wiederauferstehung eines Toten werden umso eher als Wunder geglaubt, je weniger die eigene Bildung dazu befähigt, die tatsächlichen Wunder des Mikrokosmos, des Universums und der unendlich komplizierten Systeme des Lebens auch nur annähernd als solche wahrzunehmen.

7. Viele, vielleicht die meisten Menschen unserer Tage beschäftigen sich weder mit Wissenschaft noch mit Religion. Ihr Wissen selbst über die eigene Religion entspricht sehr oft ihren naturwissenschaftlichen Kenntnissen und liegt dicht bei Null.11 Tatsächlich orientieren sie sich pragmatisch an der Gesellschaft, die sie umgibt. Ist diese Gesellschaft religiös dominiert, dann tragen sie eine formale Religiosität zur Schau. Leben sie in einer durch eine andersartige Ideologie geprägten Gesellschaft (z.B. in früheren marxistisch-leninistisch geprägten Systemen) dann konvertieren sie zu dieser Ideologie, zumindest solange diese dominierend ist. Schafft es eine religiöse Ideologie, den Eindruck einer mächtigen gesellschaftlichen Institution zu vermitteln, dann ist sie durch Argumente oder gar wissenschaftliche Aussagen nicht zu erschüttern. Aus diesem Grunde findet man selbst in Ländern, die technisch-wissenschaftliche Spitzenleistungen hervorbringen, wie beispielsweise den USA, ein blühendes Religions- und Sektenwesen und Spitzenpolitiker, deren religiös-weltanschauliches Weltbild den schlichten Denkstrukturen ihrer Wähler genau entspricht.

Trotz all der diskutierten Gründe dafür, daß der wissenschaftliche Fortschritt allenfalls einen langsamen Erosionsprozeß beiden großen Religionsgesellschaften bewirkt, spricht doch einiges dafür, daß immer weniger Menschen es schaffen, ihr Weltbild mit den Aussagen fast zweitausendjähriger "heiliger Schriften" zur Deckung zu bringen. Der Umstand, daß mittlerweile jeder vierte Bundesbürger keiner Religionsgesellschaft mehr angehört, in Verbindung mit hohen jährlichen Kirchenaustrittszahlen zeigt an, daß sich eine weltanschauliche Wende anbahnt. Das wichtigste Argument der in Bedrängnis geratenen Kirchen, sie seien für die Wertebegründung und damit für den Bestand einer Kulturgesellschaft unentbehrlich, ist angesichts der Kirchengeschichte aber auch wesentlicher Grundlagen ihrer Lehren zurückzuweisen. Umso wichtiger ist es, daß auch in der Bundesrepublik Wissenschaftler, die sich der kritischen Aufklärung verpflichtet fühlen, öffentlich für ein kritisch-rationales Weltbild eintreten. Dafür, daß dieses erkannt wurde, gibt es ermutigende Ansätze. Es ist nämlich keineswegs so, daß man das Problem Religion für sich ganz persönlich lösen kann (und sei es durch völlige Interesselosigkeit). Wer so handelt, nimmt in Kauf, daß das gesellschaftlich-politische Feld weiterhin machtorientierten Religionsgesellschaften überlassen bleibt. Die von ihnen betriebene Politik betrifft aber jeden, auch den Forscher im "Elfenbeinturm" und ggf. seine Familie. Wer als religionskritischer Intellektueller untätig bleibt, nimmt in Kauf, daß weiterhin von der Geburt, über Kindergarten, Schule, Sozialeinrichtungen bis hin zum Sterben die weltanschaulichen Vorstellungen von unwissenden Menschen, die vor fast zweitausend Jahren lebten, das gesellschaftliche Umfeld und die Gesetze des Staates bestimmen. Die zivilisatorische Aufgabe, endlich zu erreichen, daß staatliche Einrichtungen in einem modernen Staat nicht mehr Religionsgesellschaften zur frühkindlich-religiösen Indoktrination zur Verfügung gestellt werden, ist noch zu leisten; desgleichen, daß ein Staat seine Gesetze an einem vernünftigen, ethischen Minimalkonsens orientiert und nicht an Maximalforderungen von Religionsgesellschaften (so zum Beispiel in Fragen des Schwangerschaftsabbruchs, der Familienpolitik, der Sozialpolitik, eines humanen Sterbens). Praktisch alle sog. Hochreligionen haben sich als machtorientierte religiöse Ideologien erwiesen, die der zugehörige Klerus und mit ihm verbündete Herrscher und Politiker für ihre Zwecke instrumentierten. Der von den Religionen für ihre Gläubigen geschaffenen Welt der Gewißheit entspricht in der Wissenschaft die Welt der Skepsis und des Zweifels. Der ungeheure Erfolg dieses Denkens in Naturwissenschaft und Technik zeigt die Überlegenheit eines Weltbildes, das jederzeit erweitert und geändert werden kann (sofern neue Kenntnisse dieses nahelegen), gegenüber dem starren Replizieren der "Glaubenswahrheiten" von Buchreligionen. Ein offenes Weltbild kann aber nicht ein Weltbild sein, das von einer religiösen Organisation bestimmt wird. Es muß ein Weltbild sein, das sich das einzelne Individuum schafft und das es ein Leben lang seinem Kenntnisstand anpassen kann. Mit anderen Worten: in einem aufgeklärten, modernen Staatswesen ist Religion und Weltanschauung Privatsache des einzelnen Bürgers. Aus diesem Bereich hat sich der Staat strikt herauszuhalten, er muß religiös-weltanschaulich neutral sein. Doch in den Staaten der heutigen Zeit ist der Machtanspruch der organisierten Religion immer noch ungebrochen. Für die Aufklärung und den kritischen Rationalismus bleibt daher ungeheuer viel zu tun.

Anmerkungen:

1 Zitiert nach dem Beitrag von Edward O. Wilson, Professor für Zoologie an der Harvard University in Cambridge, Massachusetts, Biologie - eine List der Gene? in E. Dahl (Hrsg.) Die Lehre des Unheils, Hamburg l993, S.84

2 Auch heute vermag der Vatikan nicht von Denkverboten lassen. So schildert der Astrophysiker und Mathematiker Stephen W. Hawking, wie anläßlich einer Kosmologie-Tagung, die Jesuiten veranstaltet hatten, der damalige Papst den beteiligten Wissenschaftlern sagte, sie sollten nicht den Versuch machen, den Urknall selbst zu erforschen, denn dieser sei ein Werk Gottes. Mit dem ihm eigenen englischen Humor bemerkt Hawking, er hätte keine Lust verspürt, das Schicksal Galileis zu teilen und sei daher froh gewesen, daß der Papst den Inhalt seines zuvor gehaltenen Vortrags offenbar nicht kannte. Stephen W.Hawking Eine kurze Geschichte der Zeit, Reinbek bei Hamburg 1985, S.l48

3 Steven Weinberg, Professor für Physik und Astronomie an der Universität von Texas, Nobelpreisträger 1972, Der Traum von der Einheit des Universums, München 1992, S.l97

4 Hierzu ausführlich Robert Shapiro, Professor für Chemie an der New York University und Spezialist für die Erforschung der DNS in seinem Buch Schöpfung und Zufall - Vom Ursprung der Evolution, München 1987

5 Vergl. hierzu das sehr empfehlenswerte Buch von Franz Buggle, Professor für Klinische und Entwicklungspsychologie an der Universität Freiburg i. Br., Denn sie wissen nicht, was sie glauben, Reinbek bei Hamburg 1992

6 Steven Weinberg, Der Traum von der Einheit des Universums, S.266. Dieses Kapitel ist auch abgedruckt in E. Dahl (Hrsg.), Die Lehre des Unheils (s. Anmerkung 1)

7 Erich Jantsch, Die Selbstorganisation des Universums, München 1986

8 Peter W. Atkins, Prof. für physikalische Chemie an der Universität Oxford, Schöpfung ohne Schöpfer, Reinbek bei Hamburg 1984

9 Vergl. hierzu auch die interessanten Analysen von Franz Buggle (s. Anmerkung 5)

10 Hierzu Hubertus Mynarek, ehem. Prof. für Vergleichende Religionswissenschaft an den Universitäten Bamberg und Wien, Wie 'progressive' Theologen das Christentum 'retten' im Sammelband von E. Dahl (Hrsg.), Die Lehre des Unheils, Hamburg 1993

11 Diese Ahnungslosigkeit gab den Titel für das Buch von Franz Buggle her.