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"Praktische Philosophie" für Religionsflüchtlinge?

Meinungsverschiedenheiten in der rot-grünen Koalition

Aus: MIZ 2/97

Nordrhein-Westfalen war bislang das letzte West-Bundesland, in dem es (außer in der Sekundarstufe II) keinen Ersatzunterricht für Schüler gab, die den Religionsunterricht nicht besuchen wollten (abgesehen von Berlin, wo religiöse Unterweisung kein ordentliches Lehrfach ist). Im August wird nun in einem landesweiten Schulversuch das Fach "Praktische Philosophie" eingeführt. Bei den nordrhein-westfälischen Grünen hat dies eine grundlegende Diskussion über den Stellenwert des Religionsunterrichtes und ein zwangsweises Ersatzfach für Abmelder ausgelöst.

Wie so oft kam auch in diesem Fall der Anstoß von Seiten der Kirchen, die seit einigen Jahren verstärkt die Errichtung eines Faches analog zum "Ethikunterricht" in anderen Bundesländern forderten1. Bei den Koalitionsvereinbarungen zwischen SPD und Bündnis 90/Die Grünen wurde dann festgelegt, daß mit Beginn des Schuljahres 1997/98 an einer Reihe von Schulen "Praktische Philosophie" unterrichtet werden soll. Nach Auswertung dieses Schulversuchs ist die flächendeckende Einführung für die Sekundarstufe I und die vollzeitschulischen Bildungsgänge der berufsbildenden Schulen und Kollegschulen vorgesehen. Im Vorfeld waren ausführliche Gespräche mit den beiden Kirchen geführt worden, folglich überrascht es nicht, daß "Praktische Philosophie" als klassisches Zwangsfach für all jene Schüler, die nicht am konfessionellen Religionsunterricht teilnehmen, konzipiert ist. Erfahrungen mit dem brandenburgischen Schulfach "Lebensgestaltung - Ethik - Religionskunde" wurden nicht einbezogen. So gingen denn die "Überlegungen des Ministeriums für Schule und Weiterbildung zu einem curricularen Rahmenkonzept des Unterrichtsfaches" (Mai 1996) auch davon aus, daß Schülerinnen und Schülern, die nicht am konfessionellen Religionsunterricht teilnehmen, "Maßstäbe für eigenes Handeln" vermittelt werden müßten, damit sie zu "individual- und sozialverträglichen Formen des friedlichen Miteinander-Lebens" befähigt würden. Besonderer Wert wurde in diesem Zusammenhang auf das Kennenlernen religiöser Lebenswelten gelegt, vor allem angesichts der "besondere(n) Bedeutung der monotheistischen Religionen (Judentum, Christentum, Islam) für existentielle Fragen des Menschen". Ein kritisches Nachdenken über Religion und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen war (anders als im Falle "pseudo- und quasireligiöser Angebote") nicht vorgesehen.

Während der Entwurf der Ministerialbürokratie den Vorstellungen der SPD weitgehend entsprach, war das geplante neue Schulfach bei Teilen der Grünen von Anfang an auf Kritik gestoßen. Die Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Trennung von Staat und Kirche war in einem ausführlichen Positionspapier sowohl auf das Konzept von "Praktische Philosophie" als auch auf die grundlegende Problematik eines Zwangsfaches eingegangen und zu dem Schluß gekommen, daß der vorliegende Rahmenplan"der durchsichtige Versuch [sei], über das Einfordern kulturhistorischer Kenntnisse ... eine Begründung für ein Fach zu finden, in dem auch Religionsflüchtlingen erneut die weltanschauliche Beschäftigung mit Religion aufgenötigt werden soll" [Hervorhebungen im Original]2.

In einer internen Diskussionsplattform formulierte die LAG noch weitergehende Zielsetzungen. Nicht nur die flächendeckende Einführung des Pflichtersatzfaches "Praktische Philosophie" soll verhindert werden, sondern auch die Abschaffung der bereits seit 1989 in der Sekundarstufe II bestehenden Belegpflicht für "Philosophie" als Ersatzfach für Religion wird angestrebt. Mittelfristig ist die Einrichtung eines integrativen, weltanschaulich neutralen Pflichtfaches "Lebenskunde - Philosophie - Weltanschauungen" für alle Schülerinnen und Schüler geplant sowie die Förderung bekenntnisfreier Schulen; langfristig wird sogar die Beseitigung sämtlicher kirchlicher Privilegien im schulischen Bereich ins Auge gefaßt. Dieses Konzept war natürlich in der Partei nicht konsensfähig; vor allem die LAG Christinnen und Christen sah den Dialog mit den Kirchen gefährdet und bemühte sich zunächst um möglichst kirchenfreundliche Positionen3.

Um die innerparteiliche Diskussion voranzutreiben, aber auch um den Verbänden, die potentiell betroffene Schüler vertreten, in die Verhandlungen über "Praktische Philosophie" bis dahin jedoch nicht einbezogen worden waren, erstmals die Möglichkeit zu geben, ihre Sicht der Dinge darzulegen, veranstaltete die Landtagsfraktion im März eine Anhörung. Das "ExpertInnen-Podium", mit dem Juristen Gerhard Czermak, Ursula Neumann von der Humanistischen Union, Jürgen Lott, Professor für Religionswissenschaft an der Universität Bremen, und Gerd Eggers, der als Mitarbeiter am Pädagogischen Landesinstitut in Brandenburg mit dem Schulversuch LER befaßt war, erstklassig besetzt, erörterte vier mögliche Modelle, wie weltanschauliche und ethische Fragen in der Schule behandelt werden könnten. Anschließend wurden die SprecherInnen der Verbände gehört; dabei kamen sowohl VertreterInnen von Vereinigungen, die Konfessionslose repräsentieren wie der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA e.V.), als auch religiöser Organisationen wie des Islamarchivs oder die Landesarbeitsgemeinschaft der Ausländerbeiräte zu Wort. Trotz unterschiedlicher Einschätzungen herrschte doch allgemein die Auffassung vor, daß die derzeitige Konzeption des Faches "Praktische Philosophie" sowohl verfassungsrechtlich als aus auch bildungs- und gesellschaftspolitischen Gründen problematisch sei.

Obwohl sofort nach der Anhörung vom für Schulfragen zuständigen Düsseldorfer Oberkirchenrat Harald Bewersdorff eine teilweise entstellende Kritik lanciert wurde4, gab es auf der Landesdelegiertenkonferenz der Grünen im April einen gemeinsamen Antrag der Landesarbeitsgemeinschaften Christinnen & Christen und Trennung von Staat und Kirche, der sich eindeutig gegen die Einführung eines Zwangs-Ersatzfaches aussprach und ein integratives Pflichtfach forderte. Auch der Schulversuch solle dahingehend modifiziert werden, Schüler in diesem Rahmen bereits gemeinsam und nicht nach Konfessionen getrennt zu unterrichten.

Inwieweit sich solche Forderungen jetzt noch umsetzen lassen, ist ungewiß. Im August wird "Praktische Philosophie" zunächst an 105 Schulen versuchsweise eingeführt, zeitgleich beginnen die Fortbildungskurse für die eingesetzten Lehrkräfte. Auch der Lehrplan ist der Öffentlichkeit noch nicht zugänglich; auf eine Kleine Anfrage der Abgeordneten Brigitte Schumann hin räumte die Landesregierung ein, daß erst ein "Entwurf für ein Kerncurriculum" vorliege, der momentan noch geprüft werde. Dieses Vorgehen deutet darauf hin, daß die Ministerialbürokratie einen engen Zeitplan anvisiert, um so eine größere Debatte um das neue Fach und seine Lehrinhalte, die möglicherweise noch Veränderungen nach sich ziehen könnte, zu vermeiden. Diese Einschätzung wird auch durch ein Schreiben des Ministeriums für Schule und Weiterbildung vom 5.März untermauert; dort vertritt die Ministerin den Standpunkt, daß das Recht auf Freiheit von Religion durch das Ersatzfach nicht tangiert sei, da es weltanschaulich neutral gestaltet werde. Damit geht sie über das zentrale Problem, ob es eine Ersatzpflicht (zum Besuch eines Faches wie "Praktische Philosophie") überhaupt geben kann, wo doch keine "Originalpflicht" besteht.

gs

Die Diskussion um die Zunkuft des Religionsunterricht in NRW konzentriert sich derzeit auf vier Modelle:

Modell A:
Konfessioneller evangelischer und katholischer Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach, mit der Möglichkeit, sich davon abzumelden. (Situation bis einschließlich Schuljahr 1996/97)
Modell B:
Konfessioneller evangelischer und katholischer Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach, mit einem Ersatzfach für alle SchülerInnen, die diesen RU nicht besuchen. (Vorschlag des Ministeriums für Schule und Weiterbildung)
Modell C:
Konfessioneller evangelischer und katholischer Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach, Ausweitung des Privilegs auf andere Religionsgemeinschaften im Sinne des Gleichheitsgrundsatzes. Errichtung eines neuen Faches des gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenbereiches, das (auf bekenntnisfreier Grundlage) Kenntnisse über Religionen und Weltanschauungen vermitteln und die Entwicklung eigener Maßstäbe bei der Beurteilung dieser Phänomene fördern soll. An diesem Unterricht müssen alle SchülerInnen teilnehmen.(Beschluß der Landesdelegiertenkonferenz von Bündnis 90/Die Grünen vom 20.4.1997)
Modell D:
An LER angelehnter Unterricht mit Differenzierungsangebot. Prinzipiell werden alle SchülerInnen gemeinsam unterrichtet, die Weltanschauungsgemeinschaften erhalten aber ein bestimmtes Kontingent an Stunden, in denen nach Religionszugehörigkeit unterrichtet wird.

Anmerkungen:

1 Vgl. Gemeinsame Stellungnahme der Evangelischen Kirche im Rheinland, der Evangelischen Kirche von Westfalen und der Lippischen Landeskirche zur Denkschrift der Kommission "Zukunft der Bildung - Schule der Zukunft" (Juni 1996); hier wird explizit gefordert, neben einem je eigenständigen Religionsunterricht für die drei großen christlichen Konfessionen sowie jüdische und muslimische Schüler ein Fach "Praktische Philosophie" für alle anderen Schülerinnen und Schüler einzurichten.

Von der CDU wurden die Kirchen von Anfang an in diesem Anliegen unterstützt: "Wir haben uns immer für die Einführung dieses Faches für die Schüler, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen möchten, ausgesprochen, und sind auch heute noch für seine sofortige Einführung." (CDU-Fraktionsvorsitzender Helmut Linssen in: Kirchenzeitung für das Bistum Aachen 5/97, S. 14) Im selben Interview fordert Linssen, daß auch Religionslehrer das Fach unterrichten dürfen sollten.

2 Bündnis 90/Die Grünen, LAG Trennung von Staat und Kirche, Stellungnahme zu den "Überlegungen des Ministeriums für Schule und Weiterbildung zu einem curricularen Rahmenkonzept des Unterrichtfaches 'Praktische Philosophie' für Schülerinnen und Schüler, die nicht an einem konfesionellen Religionsunterricht teilnehmen", S. 15.

3 Ein Bewußtsein über den diskriminierenden Charakter eines Zwangsfaches für Konfessionslose und RU-Abmelder besteht bei einigen Christen in den Grünen offensichtlich nicht. So bezeichnete es der Sprecher der LAG, Michael Rumphorst, als "großes Defizit unseres Schulsystems, daß man sich vom Religionsunterricht ersatzlos abmelden kann". Konsequenterweise ist er desweiteren der Meinung, daß ein integratives Fach, das sich mit weltanschaulichen Fragen auseinandersetzt, auch von konfessionellen Religionslehrern unterrichtet werden soll, und daß konfessionelle Elemente "fester Bestandteil" dieses Faches sein müßten. Interview in der Kirchenzeitung für das Bistum Aachen 5/97, S. 15.

4 Vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21.3.1997; bereits vor der Anhörung hatte Bewersdorff den Bündnis-Grünen aufgrund ihres Eintretens für die Trennung von Schule und Kirche eine "antikirchlich(e)" Haltung vorgeworfen und diese durch aus dem Zusammenhang gerissene und manipulierte Zitate belegt.

epd-Meldung vom 11.3.1997.