Einblicke in kirchliche Strategien
Aus: IBKA Rundbrief Juli 2000
Die Gemeinden der Evangelischen Kirche der Pfalz dürfen seit 1999 ein Ortskirchgeld kassieren. Dafür hatte sich die
Landessynode ausgesprochen, denn die Kirche braucht bekanntlich Geld. Auf der Homepage der Landeskirche im Internet wird dies
entsprechend ausführlich behandelt, denn, so heißt es dort, "das Thema 'Kirche und Geld' erfordert höchste Sensibilität im
Umgang mit der Öffentlichkeit."
So erklärt man erst einmal, warum die Kirche denn noch mehr Geld braucht: "Die Reformvorhaben des staatlichen Gesetzgebers
und die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit haben sich negativ auf die Kirchensteuereinnahmen ausgewirkt."
Bei der Kirche scheint es zuzugehen wie bei der Börse, wo sich ebenfalls zukünftige Pläne bereits vorher in den Aktienkursen
bemerkbar machen.
Außerdem meint man, die Aufgaben der Kirche würden zunehmen: "Die Erwartungen der Gesellschaft an das soziale Handeln der
Kirche werden zunehmend stärker. Hinzu kommt, dass, bedingt durch die allgemeine Umbruchsituation, von der Kirche verstärkt
erwartet wird, als Wertevermittler und Sinnanbieter professionell aufzutreten, um nicht Gurus und weltanschaulichen Gruppen den
'Markt' zu überlassen."
Die Bevölkerung entfremdet sich immer mehr von der Kirche? Tritt gar deswegen aus der Kirche aus, weil sie diese für ihr
Leben überflüssig hält? Aber nein! Die Erwartungen an die Kirche werden stärker, sie werden als Sinnanbieter gesucht!
Ein netter Werbespruch, der zeigt, worum es vor allem geht: Um die Konkurrenz auf dem begrenzten "Markt".
Dann aber wird die pfälzische Kirche auf ihrer Homepage völlig offenherzig. Vielleicht will man ja zeigen, dass man nichts
zu verbergen hat. Vielleicht ist man sich der Willfährigkeit der Schafe auch zu sicher: Die Landeskirche gibt der kirchlichen
Gemeindeverwaltung im in weltweiter Öffentlichkeit genaue Strategieanweisungen, wann denn das Schaf am besten zu scheren sei,
wann beim Mitglied am günstigsten - ohne Verluste für andere - abzukassieren sei:
"Der Zeitpunkt für die Erhebung des Kirchgeldes will wohl überlegt sein: Erfahrungsgemäß ist die Bereitschaft zum Teilen in
der Bevölkerung in der adventlichen und vorweihnachtlichen Zeit am Größten. Allerdings tritt damit der Kirchgeldaufruf in
Konkurrenz zu zahlreichen Spendenaufrufen anderer diakonischer Einrichtungen.
In jedem Fall sollte der Aufruf zur Erhebung des Kirchgeldes nicht zeitgleich mit einer kirchlichen Sammlung, zum Beispiel
für die Diakonie, erfolgen. Auch die Sommerzeit ist nicht unproblematisch. Mit einem Anschreiben direkt nach Ostern wurden gute
Erfahrungen gemacht, zumal da noch Zeit bleibt, auf die Reaktion der Angeschriebenen vor der Sommerpause einzugehen.
Empfehlenswert erscheint auch der Zeitpunkt um das Erntedankfest."
Die Landeskirche der Pfalz hat übrigens auch das besondere Kirchgeld in glaubensverschiedener Ehe eingeführt, bei dem nur
der Nicht-Verdiener Kirchenmitglied ist. Die Vorgehensweise erklärt die Kirche hier so:
"Das besondere Kirchgeld ist eine Kirchensteuer im Sinne des Kirchensteuergesetzes. Steuerpflichtig ist das Kirchenmitglied.
Oder, um es pointiert zu sagen: Die Kirche will nicht - und wird nicht - die Hand aufhalten bei denen, die nicht Mitglied der
Kirche sind."
Netter Spruch. Aber - um es noch pointierter zu sagen: Die Kirche darf gar nicht die Hand bei Nichtmitgliedern
aufhalten!
HJ
Siehe hierzu auch den Artikel: Kirchgeldinitiative in NRW vorerst gescheitert.