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Leserbriefe an den "Spiegel" zur Titelgeschichte: "Wo ist die Moral"?

Aus: IBKA Rundbrief März 2000

Titelbild war der zornige Moses mit seinen Tafeln. Unterschrift: 3000 Jahre nach Moses, 2000 Jahre nach Jesus.

Pro-Küng-Team am Werk

Ich bin verwundert ob der schwachen Analyse, die dieses Jahr der Spiegel in seinem alljährlich relgionskritischen Artikel zu Weihnachten bringt.

Es ist schon sehr selektiv gedacht und geschrieben, wenn die Kritiker "der Moral" so abgebügelt werden, ohne dem Leser deren Argumentation wenigstens in Grundzügen darzulegen. Sehr billig ist die Argumentation, dass in allen Religionen eine sinnvolle "Minimalethik" existiere, die diese sich teilten.

Dabei wird nicht berücksichtigt, dass es schon, seit es Religion überhaupt gibt, auch deren Kritik und geistige Alternativen zu ihnen gab, als auch, dass wohl über die Zeit und über die unüberschaubare Vielzahl von Kulturen in der Menschheitsentwicklung hinweg absolut gesehen die Moral wandelbar ist, somit nicht einmal dieser "Minimalkonsens" akademisch redlich verteidigt werden kann.

Nichts ist davon zu lesen, dass die Moral (insbesondere die der totalitären, monotheistischen Bekehrungsreligionen) problematisiert, daß z.B. die Erkenntnis thematisiert wird, dass Moral sich in seinem Appell an den Einzelnen als Handelnden richtet, die Lösung von gesellschaftlichen Problemen aber in der Regel am effektivsten in der Gemeinschaft geleistet wird, mithin ohne eine Überstrapazierung der Verantwortung des einzelnen Akteurs.

Wenn noch nicht einmal eine so grundlegende Analyse geäußert wird, dann frage ich mich, was für ein "Pro-Küng-Team" hier am Werke war, und warum der Spiegel diesmal so einen "religiösen" Ausreißer zu Weihnachten liefert?! Gehört das jetzt auch zu dem "schleichenden Gegenschlag" der in den Medien wirkungsmächtig handelnden klerikalen Bestrebungen zum Ende dieses Jahrhunderts??

Ich wünsche mir mehr religionskritisch-atheistische Ausführungen im Spiegel, und wenn das nur zu selten zu meistern ist, dann doch wenigstens eine ausgewogenere Schreibe, die berücksichtigt, dass Spiegel-Leser mehr als nur "seicht-softe Religiöse" sind!

Dragan Pavlovic, Bürgerrechtler aus Hessen (IBKA-Vorstandsmitglied)

PS: Schreibt doch mal was zur Trennung von Staat und Kirche!

Die Moral des Moses

Beteiligt sich jetzt auch "Der Spiegel" an der Mythenbildung des "moralisch hochgeschätzten Moses"? Sie erzählen die Geschichte von Moses so, wie sie in den Kinderbibeln steht und schreiben: "Und er brachte sein Volk wieder auf den rechten Weg."

Dabei unterschlagen Sie völlig, dass Moses, um sein Volk wieder auf den rechten Weg zu bringen, den Großteil des Volkes im "heiligen Zorn" niedermetzeln ließ. Alle, die von Gott abfielen, wurden abgeschlachtet.

Moses zerdepperte also nicht nur die Gesetzestafeln, sondern auch die Menschen. Soll dies wirklich als Vorbild für ein Weltethos herhalten?

Auch die Zehn Gebote sind für eine Ethik, an die sich alle halten können, nicht unbedingt brauchbar. Denn an erster und somit wichtigster Stelle der Gebote steht: "Ich bin der Herr dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben." Ein Gebot also voller Intoleranz und mit Absolutheitsanspruch, dass schon Unmengen an Verfolgung und Kriege ausgelöst hat.

Heike Jackler, Bochum