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Internationale Konferenz in Speyer

An den drei Tagen werden etliche Vorträge durch internationale Gäste gehalten. Zusätzlich werden zwei Podiumsdiskussionen mit Publikumsbeteiligung stattfinden. Das Programm, die beteiligten Referenten und deren Themen möchten wir an dieser Stelle näher vorstellen.

Freitagabend, ab 19.00 Uhr

Am Freitag werden wir Gelegenheit haben, einige der atheistischen und freidenkerischen Organisationen unserer internationalen Gäste näher kennen zu lernen, da diese uns deren Arbeit präsentieren.

Zunächst wird Dr. Mynga Futrell über die Arbeit der Atheist Alliance International (USA) informieren. Die AAI ist ein Verband unabhängiger religionsfreier Gruppen und Einzelpersonen in den Vereinigten Staaten und weltweit. Vorrangiges Ziel ist es, demokratische, atheistische Vereinigungen zu etablieren, und in Verbindung mit Gleichgesinnten das rationale Denken durch Erziehung zu fördern. Aufgrund des Beschlusses der Mitgliederversammlung in Bielefeld, am 23. September 2001, hatte der IBKA bei der AAI einen Beitrittsantrag gestellt und wurde im letzten Oktober vom Board of Directors (AAI BOD) durch Abstimmung aufgenommen. Foto Mynga Futrell

Dr. Mynga Futrell ist leitende Curriculum-Entwicklerin für "Objektivität, Exaktheit und Ausgewogenheit für das Lehren über Religion" (OABITAR), welches eine Koalition aus Council for Secular Humanism, American Humanist Association und Atheist Alliance International etabliert hat, um damit auf Kaliforniens 1987er Lehrplanauftrag "Lehren über Religion" an öffentlichen Schulen zu reagieren. Die Auseinandersetzung mit Freidenkertum soll - neben der mit Religionen - gleichberechtigt in Lehrplänen implementiert sowie die weltanschauliche Neutralität des Staates und die Repräsentanz des Pluralismus der Bürgergesellschaft gefördert werden. Hierzu führt Dr. Futrell auch Lehrerfortbildungskurse durch.

Dr. Futrell ist eine Universalistin in der Lehrplanentwicklung, da sie in verschiedenen Fachrichtungen und akademischen Umfeldern gearbeitet hat. Sie lehrte an einer High School Chemie, wechselte dann zu Erziehungstechniken und ging anschließend in die Lehrerausbildung.

Für das Projekt OABITAR hat sie eine Broschüre geschrieben: "Anerkennung religiöser Vielfalt und Nicht-Glauben". Sie ist Co-Autorin von "Abweichende Trommler: Nichtkonforme Denker in der Geschichte", eine 300-Seiten-Zusammenstellung von ergänzendem Curriculum-Material für Schulen, in welchem dissidente, nichtreligiöse Standpunkte aufscheinen.

Als langjähriges Mitglied des Boards der Atheist Alliance International ist Dr. Futrell auf verschiedenen Ebenen für das Freidenkertum aktiv (sie unterstützte die Gründung der Sacramento's Atheists and Other Freethinkers und war Ratgeberin im Camp Quest, einer Ferienfreizeit für Kinder aus Freidenkerfamilien). Dr. Futrell ist eine "Anwältin des Fahrradfahrens", hat einen Motorradführerschein und lebt seit 27 Jahren ohne Fernsehen. Foto Claude Singer

Claude Singer wird über die nationalen Aktivitäten der französischen Freidenker, der Fédération Nationale de la Libre Pensée, sprechen.

Der 53-Jährige ist Lehrer für Französisch. Seit 1985 ist er Mitglied bei den Freidenkern, seit 2001 stellvertretender Generalsekretär der Freidenker auf nationaler Ebene. Er ist Mitglied des Redaktionskomitees der Zeitschrift "La Raison" und Webmaster der Homepage der Freidenker. Singer ist Autor von: Kann es eine laizistische Familienhandlung geben?

Alle Reden der Vertreter der französischen Freidenker werden in Speyer von Heinke Först übersetzt. Seit 1982 ist sie Mitglied der französischen Freidenker und Mitbegründerin der Freidenker im Departement Val d'Oise 1986. Dort war sie von 1986-1994 deren Vorsitzende. 1994 zog sie aus familiären Gründen nach Berlin um. Seit 2 Jahren ist Först Mit-Initiatorin einer Gruppe "Initiative zur Verteidigung der öffentlichen Schule" mit Eltern, LehrerInnen und SchülerInnen, die sich gegen Privatisierungen der öffentlichen Bildung und Öffnung der Schule für Interessen aus Wirtschaft, Kirchen usw. wehrt.

Als dritte Organisation wird uns am Freitag Lorenzo Lozzi Gallo die italienische Unione degli Atei e degli Agnostice Razionalisti vorstellen. Gallo wird über die Aktivitäten der Organisation in Bezug auf das momentane Geschehen in Italien berichten, dabei die möglichen Risiken für die Rechte der Nichtgläubigen und schließlich für die ganze Demokratie umreißen. Insbesondere wird sich Gallo in seinem Bericht auf drei Bewandtnisse konzentrieren, die der UAAR große Sorgen machen: 1) das Recht, abzuschwören (Kirchenaustritt); 2) der Kampf gegen Kruzifixe an öffentlichen Plätzen; und 3) Widerstand gegen vorgelegte Bedingungen für religiöse Erziehung in öffentlichen Schulen. Foto Lorenzo Gallo

Lorenzo Lozzi Gallo, geb. 1973 in Rom, macht zur Zeit seinen Dr. in Germanic Philology. Er ist politisch aktiv und engagiert sich seit 1989 in der Gay Lib (Kampf um gleiche Rechte für Homosexuelle). Seit 2000 arbeitet er für UAAR. Seit letztem Jahr ist er Mitglied des Koordinationskomitees der UAAR, um Frau Vera Pegna zu unterstützen, die mit der Pflege der ausländischen Beziehungen der UUAR betraut ist. Als Mitglied des Schwulen- und Lesbennetzwerks innerhalb der UAAR hält er Kontakte zwischen der UAAR und Schwulen- und Lesbenorganisationen. Außerdem ist Gallo Teil der Redaktion ihres Magazins "l'Ateo".

Samstagmorgen, ab 9.00 Uhr

Am Samstagmorgen wird die Veranstaltung geteilt: Gleichzeitig zur auf IBKA-Interna bezogenen Mitgliederversammlung (siehe Tagesordnung) finden in einem weiteren Raum drei Vorträge als Kulturprogramm für unsere Gäste statt.

Zunächst wird Hellmut G. Haasis zum Thema "Die linksrheinischen deutschen Jakobiner. Von der Mainzer Republik zur ersten demokratischen Verfassung" reden. Der Vortrag wird 60 Jahre deutsche Sondergeschichte vorstellen unter den Thesen:

1. Links des Rheines entwickelte sich, weit weg von Berlin und von München, eine demokratische Sondertradition, die mit etwas mehr Glück die deutsche Geschichte freiheitlich, friedlich und segensreich für die Nachbarländer und Europa hätte gestalten können. 2. Dieser Sonderweg begann unter der Geburtshilfe der Französischen Revolution, bis heute von vielen Altvorderen karikiert als Zeit des fröhlichen Kopfabhackens. 3. Die erste deutsche Landschaft, die sich dazu aus eigener Kraft befreite und demokratisch umgestaltete, war die südliche Pfalz. Dort entstand 1792 die erste deutsche Republik in und um Bergzabern. Ein sehr friedfertiger, richtig fideler Freistaat. Erwürgt von wem? Von den Geburtshelfern des deutschen Chauvinismus, den Preußen und Österreichern. 4. Gefolgt von der allmählich bekannter werdenden Mainzer Republik, die sich sehr wohl sehen lassen kann neben den heutigen Geld- und Börsedemokratien Europas. 5. Aus der Niederlage unter der allgemeinen Kriegszeit rettete das linksrheinische Gebiet einen rechtlichen und sozialen Sonderstatus: das französische Recht und die bürgerlichen Institutionen blieben auch nach der Rückgliederung an das feudale deutsche Reich erhalten. Die Linksrheiner hatten schon lange das, was die restlichen deutschen 1848 zu erobern suchten - und im Frankfurter Parlament glatt verschliefen. 6. Die endgültige Elimination dieses demokratischen Sonderwegs ging einher mit der Militarisierung Deutschlands, mündete in den 1870er Krieg, in Sedan, Versailles, dann ab 1914 Verdun, Somme usw. Die politische wie geistige Substanz dieser frühen Demokratie hätte mehr Respekt verdient. Sie war kräftig antiklerikal, liberal-freiheitlich, prowestlich-französisch orientiert, auf dem Niveau bürgerlicher Rechtssicherheit, tiefgehend aufklärerisch. Die Feindschaft gegen diesen Sonderstatus kam aus den Kreisen des alten Adels, der sich vor allem in Bayern massiv festsetzen konnte. Das linksrheinische demokratische Deutschland wurde am Ende zwischen Bayern und Preußen aufgerieben. Ist die Niederlage ein Argument gegen diesen frühen Versuch? Keineswegs: denn gegen marschierende und feuernde Soldaten ist bis jetzt noch kein demokratisches Kraut gewachsen. Foto Hellmut G. Haasis

Hellmut G. Haasis, geb. 1942 in Württemberg, Studium vieler Dinge wie evang. Theologie, Geschichte, Politik, Soziologie und schwäbische Mundart, schreibt, fantasiert und vespert (schwäbische Zwischenmahlzeit) zwischen Basel, Straßburg und Upflamör (einem versteckten Ort zwischen Neckar und Donau). Von Beruf ist er Geschichtsausgräber, Erzähler, Romancier, Dramatiker, Rundfunkautor, Märchenclown und Miniverleger (Der Freiheitsbaum). Haasis beschäftigt sich mit emanzipatorischen Themen abseits des Mainstreams, war drei Jahre Vorsitzender der Gewerkschaftsjugend in Reutlingen. 1999 erhielt er den Schubart-Preis der Stadt Aalen, 1997 den Civis-Preis der ARD, 1990 den Thaddäus-Troll-Preis. Zu seinen neueren Hauptwerken gehören "Tod in Prag. Das Attentat auf Reinhard Heydrich" und "'Den Hitler jag ich in die Luft'. Der Attentäter Georg Elser", beide bei Rowohlt erschienen. Haasis Bücher wurden ins Italienische, Portugiesische, Französische und Japanische übersetzt. Foto Wilfried Noetzel

Wilfried Noetzel wird über "Friedrich Schiller - ein evolutionärer Weg zur Republik" referieren. Um allen gewaltsamen Lösungen einer auch für das deutsche Bürgertum unerträglichen politischen Situation zu widersprechen, entwickelte Friedrich Schiller vor rund zweihundert Jahren angesichts der blutrünstigen französischen Jakobinerdiktatur eine langfristige reformpolitische und -pädagogische Konzeption. Auf evolutionärem und nicht auf revolutionärem Wege sollten die in eine Unzahl von Staaten zersplitterten Deutschen zu eben jener humanen Republik freier und gleichberechtigter Bürger gelangen, um die es den totalitären Umstürzlern im benachbarten Frankreich auch zu tun war. Schiller traute weder der 'wilden' bildungsfernen Bevölkerungsmehrheit noch jenen aufgeklärten 'Barbaren' der intellektuellen Minderheit zu, kurzfristig den repressiven 'Naturstaat' der Machtwillkür und Zweckrationalität in einen freiheitlichen ,Vernunftstaat' zu verwandeln. Dazu müsse man auf ästhetisch-ethischem Wege erst einen 'dritten', sowohl weltbürgerlich als auch staatsbürgerlich humanisierten 'Charakter' heranbilden, der sensualistische wie rationalistische Vereinseitigung zu vermeiden vermöchte und so individualistischer Vereinzelung wie auch kollektivistischer Vermassung entginge. Durch kontinuierliche 'Ästhetisierung der Kommunikationsverhältnisse' (J. Habermas) ließe sich der soziale 'Geschmack' der Gesellschaft dermaßen kultivieren, der interpersonale 'Umgang' der Bürger miteinander so weit pazifizieren, dass diese zu republikanischer Selbstorganisation befähigt würden und nicht die Feudalherrschaft nur gegen die Tyrannei menschenverachtender Scheineliten eintauschten. Schillers spekulativer Entwurf einer Ästhetischen Erziehung des Menschen lässt sich als emanzipatorische Bildungstheorie in volkspädagogischer Absicht verstehen. Deren Bildungsziel: Republikfähigkeit. Stellt sich die Frage: Lassen sich aus dieser progressiven Konzeption des sich emanzipierenden Bürgertums noch Einsichten für spätkapitalistische Demokratien wie der unseren gewinnen? Dr. Wilfried Noetzel, Dipl.-Päd., Jahrgang 33, Nordrhein-Westfale, nennt sich ländlich-traditionell katholisch sozialisiert. Ab Mitte der 50er Jahre hat er für rund ein Dutzend Jahre Theaterpraxis als Schauspieler gesammelt. Ab der 2. Hälfte der 60er Jahre studierte er Erziehungswissenschaften mit gesellschafts- und kommunikationswissenschaftlicher, literatur- und theaterwissenschaftlicher Akzentuierung. In den 70ern trat er aus der Kirche aus und in die SPD (bis Mitte der 80er) ein, war Fachhochschuldozent für Spielpädagogik in den Fachbereichen Sozialwesen. Durch ein nebenberufliches Weiterstudium machte er Abschlüsse als außerschulischer Diplompädagoge mit sozial- und kulturwissenschaftlichem Schwerpunkt und Dr. phil. in Erziehungswissenschaft. Ab Mitte der 80er widmete er sich der Schauspielerei wieder professionell. Seit 1993 ist Dr. Noetzel Mitglied im Humanistischen Verband NRW, seit 2002 Vorsitzender im HVD-Bielefeld. Er veröffentlichte u.a. "Humanistische Ästhetische Erziehung. Friedrich Schillers moderne Umgangs- und Geschmackspädagogik", Deutscher Studien Verlag, Weinheim 1992 und "Mit Charme und Charakter. Geschmackserziehung für die Republik?" in: D. Grünewald, W. Legier, K.-J. Pazzini (Hrsg.), Ästhetische Erfahrung, Friedrich Verlag, Velber 1997. Foto Werner Schultz

Nach einer kurzen Pause wird Werner Schultz den internationalen Gästen seine Überlegungen zu "Geschichte, Gegenwart und Zukunft der säkularen Organisationen in Deutschland" (History, present and future of the secular organizations in Germany) vorstellen. In seinem Referat wird er über die unterschiedliche Geschichte der säkularen Verbände in Deutschland berichten und eine Analyse der heutigen Situation versuchen. Daraus lassen sich Überlegungen für zukünftige Strategien der gemeinsamen Interessenvertretung für Konfessionslose in Deutschland entwickeln. Damit verbunden sind grundsätzliche - und auch kontroverse - Überlegungen zur Trennung von Staat und Kirche und der Forderung nach einem pluralistischen bzw. neutralistischen Staat. Schultz fragt, ob der Staat Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften keinerlei Unterstützung zukommen lassen darf (wie in Frankreich oder den USA), oder ob auf der Basis von traditionellen Lebenswelten eine Gleichbehandlung der verschiedenen Weltanschauungen zu fordern sei (wie beispielsweise in den Niederlanden oder Belgien).

Werner Schultz ist Leiter der Abteilung Bildung beim Humanistischen Verband in Berlin und damit zuständig für den dortigen landesweiten "Lebenskunde-Unterricht". Er ist Bundesbeauftragter für die internationalen Kontakte des HVD, insbesondere als Delegierter bei der IHEU und als Schatzmeister der Europäischen Humanistischen Föderation (EHF).

Samstagnachmittag, ab 13.30 Uhr

Am Samstagnachmittag wird das Programm gemeinsam fortgesetzt. Foto Christian Eyschen

Christian Eyschen beginnt mit einem Vortrag über das Gesetz von "1905. Trennung von Staat und Kirche in Frankreich". Er wird erläutern, warum dieses Gesetz in Frankreich Attacken ausgesetzt ist.

Christian Eyschen, geb. 1954 in Frankreich, ist von Beruf Angestellter bei der Krankenkasse. Seit 1983 ist er Mitglied bei den Freidenkern, seit 1992 Generalsekretär der Freidenker auf Nationaler Ebene (Fédération Nationale de la Libre Pensée). Er ist Chefredakteur der Zeitschrift "La Raison" und Vertreter der IHEU bei der UNESCO. Eyschen ist Autor von "Freidenker gegen die Kirche".

Anschließend wird Bobbie Kirkhart referieren. Ihr Thema ist "Separation of Government and Religion in the USA: From the Wall to the Bush". Wie schon dem Wortspiel zu entnehmen ist, geht es u.a. um den Gegensatz zwischen Thomas Jefferson, der in seinem berühmten Brief (vom 01.01.1802) an die Danbury Baptisten-Vereinigung von "the wall" zwischen Kirche und Staat sprach (siehe IBKA-Rundbrief Mai 2002, S. 24), und der Politik George W. Bushs. Kirkhart möchte dabei die These verdeutlichen, dass Christen und Atheisten jeweils das halbe Recht auf die weltanschauliche Geschichte in der Religion in der Regierung der Vereinigten Staaten haben. Foto Bobbie Kirkhart

Bobbie Kirkhart wuchs als sehr religiöses Kind in einer frommen, liberal-protestantischen Familie in Oklahoma auf. An der Universität von Oklahoma studierte sie Journalismus und unterrichtete in der Sonntagsschule. Während dieser Zeit veröffentlichte sie ihren ersten Artikel in einer christlichen Zeitung: "Ich protestiere: Ein Santa Claus Gott".

Nach dem College wurde sie Sozialarbeiterin in Los Angeles und betreute vor allem schwarze und lateinamerikanische alleinstehende Mütter. Hier machte sie die Erfahrung, dass ihr Gott, wenn er denn existierte, seine treuesten Diener missachtete. Diese Beobachtung hat möglicherweise dazu geführt, dass sie ihren Glauben an einen allmächtigen, allgütigen Gott neu bewertete. Sie beschäftigte sich mit anderen Weltanschauungen und fand, dass nur der Atheismus die Welt so reflektiert, wie sie ist. Sie war jedoch für viele Jahre keine aktive Freidenkerin. 1982 trat sie in die Atheists United ein und ist seitdem dort tatkräftig aktiv. Bobbie Kirkhart ist jetzt Co-Präsidentin der Los Angeles' Atheists United, dem größten lokalen demokratischen Atheisten-Verband in den USA.

Im April 2002 wurde sie zur Co-Präsidentin der Atheist Alliance International gewählt, der größten internationalen Atheisten-Vereinigung - mit Mitgliedsverbänden in vier Kontinenten! Sie ist Mitglied mehrerer anderer Freidenkervereine, einschließlich des Center for Inquiry und der Humanist Association of Los Angeles. Sie ist stolz in dem Buch "Who's Who in Hell", einem Lexikon prominenter Freidenker, genannt zu werden.

Zusätzlich zu ihren regulären Mitteilungen in der Rational Alternative, veröffentlichte sie kürzlich in The Secular Nation. Sie trat für ihre Überzeugungen in diversen Fernsehsendungen auf und war auch Gast mehrerer Radioprogramme.

Privat ist sie Lehrerin im Ruhestand, ist verheiratet mit einem Atheisten und hat eine erwachsene, atheistische Tochter.

Nach diesen Vorträgen wird bis zum Abendessen eine Podiumsdiskussion mit Publikumsbeteiligung stattfinden. Thema: "Was unterscheidet Säkularisten verschiedener Verbände und Staaten?" Hierbei ist es sicherlich interessant zu erfahren, wie sich die unterschiedlichen Gegebenheiten der Länder auf die Organisationen und ihre Arbeit auswirken. So besteht z.B. in den USA eine konsequente Trennung von Religion und Staat bei allerdings starker religiöser Prägung der Bevölkerung, wogegen in Deutschland bei einer weitgehend säkularen Bevölkerung nur eine "hinkende Trennung" von Staat und Kirche existiert. Foto Barbara Stocker

Von unseren amerikanischen Gästen wird Barbara Stocker auf dem Podium sitzen. Geboren gegen Ende der Großen Depression in Pennsylvania als Tochter einer konservativen, aber nicht besonders religiösen Familie, bewegte sie sich vollständig von der Religion weg und hin zu einer eher liberalen politischen Sichtweise. Dennoch wird sie von ihrer Familie noch akzeptiert, obgleich diese Atheismus eher als Liberalismus billigt.

Sich von der Religion abzulösen war schwierig, nicht wegen des Glaubens, aber sie fühlte eine gesellschaftliche Erwartung religiös zu sein. Es war, als ob sie eine Art Erlaubnis brauchte Religion abzulehnen, und so gab sie lange vor gläubig zu sein. Mit 29 gestand sie sich selbst ein, Atheistin zu sein, und nichts war geeignet, dies zu ändern. Es dauerte weitere 20 Jahre, bis sie damit an die Öffentlichkeit treten konnte und sie Aktivistin wurde. Besser spät als nie, sagt sie sich, und will die verlorene Zeit wieder wettmachen.

Barbara Stocker absolvierte ein Chemie- und Biochemie-Studium an der West Virginia Universität. Die wissenschaftliche Ausbildung half ihr, eine rationale Sichtweise der Welt auszubilden. Viele Jahre war sie Technikerin in einem Labor der medizinischen Forschung. Wegen fehlender Aufstiegschancen wurde sie Computer-Fachfrau. 1994 setzte sie sich beruflich zur Ruhe und widmete sich stärker humanistischen Themen.

Zur Zeit ist sie Vize-Präsidentin der Rationalist Society of St. Louis und Redakteurin der Zeitschrift Secular Subjects. Sie ist Repräsentantin der Atheist Alliance International und besucht alle nationalen Versammlungen. Zusätzlich ist sie Mitglied der Freedom from Religion Foundation, American Humanist Association und Council for Secular Humanism. Barbara Stocker möchte für die freigeistige Sache so lange aktiv sein, wie ihr dies möglich ist.

Am Samstagabend findet ab 20.00 Uhr die Festveranstaltung zur Erwin-Fischer-Preisverleihung an Dr. Taslima Nasrin statt.

Sonntagmorgen, ab 9.00 Uhr

Foto Volker Mueller

Zu Beginn des Sonntages hält Dr. Volker Mueller ein Referat über "Neues Denken oder Eine zweite Aufklärung für Geistesfreiheit und Menschenrechte".

Dr. phil. Volker Mueller, Jahrgang 1957, wohnt in Falkensee / Brandenburg. Er absolvierte ein Direkt- und Forschungsstudium der Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin (1979-1986), war dann Wissenschaftlicher Assistent (bis 1991) und hat seitdem leitende Tätigkeiten als Sozialpädagoge im Humanistischen Freidenkerbund inne. Nebenberuflich ist er Dozent für Sozialrecht.

Dr. Mueller hat mehrere wissenschaftliche Arbeiten vor allem zur französischen Aufklärung, zur Philosophie des 19. Jahrhunderts und zu philosophischen Fragen der Wissenschaftsentwicklung veröffentlicht. Ebenfalls publizierte er zu ethischen, säkular humanistischen und bildungspolitischen Fragen der Gegenwart und zu Geschichte und Aufgaben der freigeistig-humanistischen Bewegung.

Er ist Mitglied mehrerer philosophischer Gesellschaften. Seit 1989 ist er in der Freidenkerbewegung in verschiedenen Funktionen aktiv; aktuell: Vorsitzender des Humanistischen Freidenkerbundes Brandenburg (seit 1995), Stellv. Vorsitzender des Freigeistigen Lebenshilfswerkes (seit 1991), Vizepräsident der Freien Akademie (seit 1998), Präsident des Dachverbandes Freier Weltanschauungsgemeinschaften (seit 1999). Foto Ratna Holopainen

Nach diesem Vortrag spricht Ratna Holopainen über "Humanism in Action: The Work of Gora and the Atheist Centre in India"Nach diesem Blick in die Vergangenheit berichtet Ratna über das Atheist Centre der Gegenwart. Unter der Leitung von Saraswati Gora und Lavanam wurde das Katastrophenmanagement ein Teil der Arbeit, wobei das Centre - entgegen der in Indien üblichen Handhabe - seine Hilfe unabhängig von gesellschaftlicher Schicht und Religion anbietet. Daneben stellt Ratna noch weitere Programme und die erfolgreiche Arbeit des Centre vor.

Zum Abschluss des Referates wirft Ratna einen Blick in die Zukunft des Atheist Centre und auf die Historie des Atheismus in Indien.

Ratna Holopainen wurde 1966 in eine Kaufmannsfamilie der unteren Mittelklasse in Vijayawada in Indien hinein- geboren. Sie hat vier Schwestern, zwei jüngere und zwei ältere. Nur Töchter zu haben, bedeutete nach hinduistischem Glauben kein Seelenheil zu erlangen. Gegen diese von Männern gemachten irrationalen Traditionen hat Ratna rebelliert. Nach Beendigung der Schullaufbahn nahm Ratna mit 17 Jahren am Frauen-Ausbildungsprogramm des Atheist Centre in Drucktechniken teil, einer Branche, die fast nur von Männern dominiert wurde. Da sie sehr gut war, konnte sie bald selbst ausbilden. Unter den Lernenden gab es viele ältere Frauen, die ihre eigenen elenden Lebensgeschichten hatten. Ratna beriet die Frauen als Mitmenschen und tat dies unter der Führung von Mrs. Mythri vom Atheist Centre. Dies war Ratnas erster Kontakt mit den verschiedenen Problemen, mit denen indische Frauen und Kinder in Familie und Gesellschaft konfrontiert werden. Sie wurde beeinflusst von Lavanam, einem Sohn des atheistischen Philosophen Gora (Weggefährte von Gandhi und Gründer des Atheist Centre in Vijayawada). Sie studierte an der Nagarjuna Universität in Andhra Pradesh für ihre spätere Promotion in Soziologie. Außerdem erlangte sie ein Diplom in Umweltwissenschaften an der Andhra Universität.

1993 reiste Ratna mit Lavanam durch Deutschland, Skandinavien, die Benelux-Länder und Großbritannien. Sie besuchte den Europäischen Humanisten-Kongress in Berlin und auch die Jahresversammlung des britischen Humanistenverbandes in Wales.

Während des Jahres 1995 war sie die Hauptorganisatorin der Jahresfeier von Vinoba Bhaye's ("Der zweite Gandhi") Fußmarsches an der Küste von Andhra Pradesh. Sie reiste durch Indien und nahm teil an verschiedenen Gandhischen Aktivitäten. Während der Welt-Atheisten-Konferenz 1996 in Vijayawada war Ratna die Sekretärin für Lavanams Büro. Zwei Jahre arbeitete sie in dem Strafreformprojekt von Stuartpuram in Andhra Pradesh unter der Leitung von Lavanam.

Ratna fertigte eine Forschungsarbeit zur Strafreformbewegung an und schrieb darüber zusammen mit Dr. K.H.S.S. Sundar, dem derzeitigen Projekt-Leiter, ein Buch (im Druck).

Ratna Holopainen gilt als soziale Tochter von Lavanam in seiner intentionalen Familie. Sie heiratete Pertti A.O. Holopainen, einen in Stockholm (Schweden) lebenden, finnischen Humanisten. Die Hochzeit fand im Jahr 2000 in Mahatma Gandhis Ashram in Sewgram, Zentralindien, statt und wurde von der IHEU als "erste interkontinentale Heirat von engagierten Atheisten" vorgestellt.

Nach diesem Referat wird Christian Eyschen, der Generalsekretär der Fédération Nationale de la Libre Pensée (Frankreich), das Projekt Das Internationale Verbindungskomitee der Atheisten und Freidenker (IVK AFD) / The International Liaison Committee of Atheists and Freethinkers (ILCAF) / Le Comité International de Liaison des Athées et des Libres Penseurs (CIL ALP) vorstellen. Der Entwurf eines möglichen Manifestes dieser geplanten Organisation wurde in verschiedenen Verbänden (Atheist Alliance International (USA), Fédération Nationale de la Libre Pensée (France), American Atheists (USA), Union des Athées (France)), diskutiert. Auch der IBKA-Vorstand hatte Gelegenheit, seine Anmerkungen zu einem Textentwurf zur Diskussion zu stellen. Ob zum Termin der Versammlung, am 22. September 2002, bereits eine verabschiedungsfähige Fassung vorliegen wird, ist zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Rundbriefes noch nicht bekannt.

Zum Ende der Mitgliederversammlung wird es, wie am Vortage, noch einmal eine Podiumsdiskussion mit Publikumsbeteiligung geben. Nachdem am Samstag gefragt wurde, was die Säkularisten unterscheidet, heißt es jetzt: "Was verbindet Säkularisten verschiedener Verbände und Staaten? Perspektiven für die Zukunft internationaler Zusammenarbeit." Foto August Berkshire

Neben bereits vorgestellten Gästen wird der US-Amerikaner August Berkshire auf dem Podium an der Diskussion teilnehmen. Berkshire unterstützte 1984 die Gründung einer ersten atheistischen Gruppe in Minnesota, deren Vorsitzender er bis 1988 war. Zur Zeit ist er Präsident der Minnesota Atheists und zudem für die internationalen Kontakte der AAI zuständig. Ende November 2001 besuchte er Deutschland und traf einige Aktive des IBKA. Dabei zeichnete Berkshire mit ihnen ein Interview für einen US-Fernsehsender auf Video auf. Wie auf dem Foto zu sehen, fährt Berkshire ein Auto mit dem Kennzeichen "ATHEIST".

Ebenfalls an der Podiumsdiskussion teilnehmen wird der Präsident der Weltunion der Freidenker, Klaus Hartmann. Foto Klaus Hartmann

Der 48-Jährige lebt und arbeitet in Offenbach am Main. Seit 1988 ist er Bundesvorsitzender des Deutschen Freidenker-Verbandes, der damals nur in der ehemaligen BRD existierte, seit 1991 des vereinigten DFV. Klaus Hartmann wurde 1989 zum Vizepräsidenten der Weltunion der Freidenker (Sitz Paris) gewählt, seit 1998 ist er deren Präsident.

Zu seinen Veröffentlichungen zählen in erster Linie Artikel in der Mitgliederzeitschrift Freidenker, schwerpunktmäßig zu Krieg und Frieden, der Rolle der Religionen und imperialistischen Interessen sowie den Aufgaben der Medien für die Produktion unkritischer Untertanen. Das Foto zeigt Klaus Hartmann auf der Protestkundgebung gegen die Friedenspreis-Verleihung an Frau Carla del Ponte in Münster, Juni 2002.