Aus: IBKA Rundbrief August 2003
Der Schulversuch "Praktische Philosophie" (PP) ist zum Ende dieses Schuljahres beendet worden. Der seit Mitte 2001 dem
NRW-Schulministerium vorliegende Abschlussbericht der wissenschaftlichen Begleitung des Schulversuches wurde erst im
Oktober 2002 veröffentlicht ("Praktische Philosophie in Nordrhein-Westfalen. Erfahrungen mit einem neuen Schulfach",
Ministerium für Schule, Wissenschaft und Forschung NRW (Hrsg.), Ritterbach Verlag, ISBN 3-89314-706-3).
Nun wird PP als Zwangs"ersatz"fach zum Religionsunterricht gesetzlich eingeführt. In dem am 2. Juli 2003 verabschiedeten
Gesetz heißt es: "Schülerinnen und Schüler, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen, nehmen am Fach Praktische
Philosophie teil, soweit dieses Fach in der Ausbildungsordnung vorgesehen und an der Schule eingerichtet ist. In der
gymnasialen Oberstufe besteht die Verpflichtung, nach einer Befreiung vom Religionsunterricht das Fach Philosophie zu
belegen." Letzteres war bereits seit 1989 Pflicht - allerdings nur für zwei Halbjahre (Kurse) in der 12. Jahrgangsstufe.
Unterrichtet werden soll PP in den Klassen 9 und 10; muslimische SchülerInnen, die an der Islamischen Unterweisung
teilnehmen, sind freigestellt. PP ist wie der Religionsunterricht "uneingeschränkt versetzungsrelevant".
In dem Abschlussbericht, der von den drei wissenschaftlichen Begleitern in Zusammenarbeit mit dem Ministerium abgefasst
wurde, geht der Philosoph Prof. Birnbacher auch auf die Kritik und den Einfluss der Kirchen auf das Fach ein. Wer sich an
seinen Vortrag bei der Mitgliederversammlung 2001 in Bielefeld erinnert, wird hier einiges wiederfinden (s. auch Rundbrief
Dezember 2001, S. 21).
Birnbacher bescheinigt dem Fach eine gute Note in der Wertevermittlung* und verteidigt es gegen die Kritiker, die den
Vorwurf der weltanschaulichen "Bin-dungslosigkeit" machen. Der Philosoph sieht gerade in der konfessionellen Ungebundenheit
in einer pluralistischen und multikulturellen Gesellschaft ein integratives Potential.
Bereits während des Schulversuches haben Anregungen Birnbachers zu Modifikationen geführt. So soll hinsichtlich der
Wertebasis die Verbindlichkeit der in der Landesverfassung niedergelegten Grundwerte deutlicher herausgestellt werden.
Außerdem sollten nach Meinung Birnbachers die religionskundlichen Anteile gestärkt werden. Eine weltanschaulich neutrale und
die Kritikfähigkeit herausfordernde Auseinandersetzung mit religiösen Denkweisen und Praktiken zum Schutz gegen ein für 9
und 10-Klässler erhöhtes "Verführungspotenzial durch esoterische und andere umstrittene religiöse oder quasi-religiöse
Glaubenssysteme" sei pädagogisch sinnvoll. Als Religionskritiker vermisst man hier jedoch die Erwähnung des
Verführungspotenzials durch die "anerkannten" Weltreligionen, die in der Regel nicht zu den "umstrittenen Glaubenssystemen"
gerechnet werden. Überhaupt ist die quantitative Abhandlung humanistischer und religionskritischer Denkansätze, welche ja
gerade für das avisierte Zielpublikum interessant sein könnten, in PP sogar noch geringer als im konfessionellen
Religionsunterricht.
Als weiteren Grund für die Stärkung des religionskundlichen Teils nennt Birnbacher das niedrige Niveau der
religionskundlichen Bildung in der Bevölkerung. Die "Vertrautheit mit den Elementen der großen religiösen Glaubenssysteme"
gehöre zu den zentralen Bildungsinhalten, für die die Schule zuständig sei. Ein dritter von Birnbacher genannter Grund ist
sicher nicht von der Hand zu weisen: Es sei in einer religiös und kulturell heterogenen Gesellschaft einfach bedeutsam, sich
mit der Weltanschauung seiner Mitmenschen zu beschäftigen. Eine intensive Auseinandersetzung auch mit nichtreligiösen
Ansätzen ist dazu aber curricular nicht vorgesehen.
Während im Schulversuch die Lehrkräfte in Fortbildungen geschult wurden, soll nun ein Lehramtsstudiengang "Praktische
Philosophie" eingerichtet werden. Solange hier noch keine Absolventen zur Verfügung stehen, seien weitere
Qualifizierungsangebote erforderlich, so die wissenschaftlichen Begleiter in ihren gemeinsamen zusammenfassenden Bemerkungen
zum Abschlussbericht.
Bereits auf Empörung unter den Konfessionslosen ist die Tatsache gestoßen, dass nun in Zukunft auch Lehrkräfte mit missio
oder vocatio (kirchlicher Lehrerlaubnis für konfessionellen Religionsunterricht) ausgerechnet das Zwangs"ersatz"fach PP
unterrichten dürfen, wenn sie an den entsprechenden Studienkursen der Universitäten teilnehmen. Vom Schulversuch war dieser
Personenkreis noch ausdrücklich ausgeschlossen.
Die wissenschaftliche Begleitung empfiehlt in ihrem Abschlussbericht, "die Einbeziehung von Religionslehrkräften vor allem
im Hinblick auf Schülerinnen und Schüler außerchristlicher Konfessionen mit Zurückhaltung zu handhaben und durch ein
kontinuierliches Monitoring auf seine Akzeptanz zu überprüfen. Die integrative Funktion des Unterrichts ? sollte nicht
leichtfertig gefährdet werden."
Dieser doch recht gewundene Satz verrät, wie sehr das Ministerium insgesamt auf die Endfassung des Berichtes lenkenden
Einfluss genommen hat; dass die wissenschaftliche Begleitung des Schulversuches PP sich offenbar dagegen lange verwahrt hat,
um letztlich doch zu unterliegen. So erklärt sich vielleicht auch,warum dieser Bericht sehr lange bis zur Veröffentlichung
gebraucht hat.
An dieser Stelle hätte man sich doch eine konsequente Zurückweisung dieses fragwürdigen Vorhabens gewünscht - nicht nur im
Hinblick auf Andersgläubige, sondern auch zum Schutz der Nichtreligiösen vor einer allzu christlichen Ausgestaltung des
angeblich weltanschaulich neutralen Religions"ersatz"faches.
Eine Empfehlung der wissenschaftlichen Begleitung, PP als Pflichtfach für alle einzuführen - von dieser Idee sprach
Birnbacher noch bei seinem Vortrag 2001 in Bielefeld -, sucht man im Abschlussbericht vergebens. Auch im völligen
Unterdrücken auch nur der Veröffentlichung dissenter Meinungen, zeigen das Ministerium und die es stützenden Fraktionen ihre
einseitige Orientierung an Kircheninteressen, statt Mut zu innovativer Bildungspolitik.
(*) Dazu und speziell zu P. Nenninger "Praktische Philosophie als Schulfach: Akzeptanz und Wirksamkeit aus der
Sicht der empirischen Evaluation" im nächsten Rundbrief eine Stellungnahme von G. Kanig (IBKA-AG
Schulversuche/Ethikunterricht)