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Die Synagoge Satans (1)

Der Antisemitismus der Christlichen Rechten speist sich dabei aus mehreren Quellen. Als elementar muss dabei gelten, dass das Christentum all jenen, die Jesus ablehnen, also auch den Juden, den Eintritt in die Hölle prophezeit. Darüber hinaus lassen sich im neuen Testament mehrere Stellen antijudaistisch deuten, an denen die Evangelikalen, die an der Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift festhalten, nicht vorbeikommen. Klischees, wie das von den Juden als Christusmörder, sind also weiterhin existent, wenngleich sie nur selten offen ausgesprochen werden. Aber auch Passagen des alten Testaments, die also von Juden selbst verfasst wurden, können antisemitisch gedeutet werden, wie zum Beispiel das Kapitel über Segen und Fluch aus dem Buch Deuteronomium, das den Juden einerseits Lohn für Gehorsam, doch Strafen für Verweigerung prophezeit. Und auch dass die Mehrheit der amerikanischen Juden eher links, zumindest aber liberal eingestellt ist, also nur wenig Probleme mit Abtreibungsrechten, Homosexualität und der Evolutionstheorie hat, stößt bei den rechtsstehenden Christen auf wenig Nächstenliebe.

Jüdischer Würgegriff

Das beste Beispiel für diesen Widerspruch aus Hass und Nächstenliebe liefert der „Evangelikale Papst“ Billy Graham. Dem Baptistenpastor, der vor Millionen predigte, vertrauten auch mehrere US-Präsidenten. Aus einem Gespräch zwischen Graham und Richard Nixon wird deutlich, wie Antisemitismus und gute Beziehungen zu einzelnen Juden und zum Staat Israel sich zusammenfügen. In dem Telefonat aus dem Jahr 1973 sagte Nixon mit Blick auf die weltpolitische Lage (israelische Kampfflugzeuge hatten kürzlich ein libysches Passagierflugzeug abgeschossen), dass es weltweit und auch in den USA einen starken Antisemitismus gäbe, der sich entladen könne, wenn die Juden nicht endlich anfangen würden „sich zu benehmen“. Graham wiederum äußerte seinen Unmut darüber, dass die israelische Regierung christliche Missionare ausweisen könne. Auch in den USA würden Juden „auf die Kirche losgehen“ und Christen „attackieren“, weil ihnen die Bekehrung ihrer Glaubensbrüder zu Jesus missfalle. Zu anderem Anlass sprach er auch von einem jüdischen „Würgegriff“, gegen den er sich wehren würde, wenn er nur könnte.(1) Außerdem erklärte Graham dem Präsidenten, dass es zwei Arten von Juden gäbe, wobei diejenigen, die der „Synagoge Satans“ angehörten, für die Verbreitung von Pornographie zuständig seien, während Nixon sie in den Magazinen TIME und Newsweek am Werk sah.(2)

Dieses Zitat aus der Offenbarung des Johannes, das vor Lügnern warnt, die sich Juden nennen, aber in Wirklichkeit der „Synagoge Satans“ angehören, ermöglicht den frommen Christen den Spagat zwischen Antisemitismus und Unterstützung für Israel. So können sie ihr Gewissen beruhigen und sich einreden, sie seien keine Antisemiten, da sie schließlich keine „wahren Juden“ hassen, sondern nur jene, die sich fälschlicherweise dafür ausgeben, doch tatsächlich dem Teufel dienen.

Wie wenig sich die Unterstützung Israels durch Sympathie für die Juden erklären lässt, wird an niemandem deutlicher als an John Hagee. Der Pastor einer evangelikalen Megachurch gründete die einflussreiche Lobbygruppe Christians United for Israel, die eine bedingungslose Unterstützung des jüdischen Volkes und des Staates Israel auf politischer und militärischer Ebene einfordert. Sie verabscheut den Verhandlungsweg im Nahostkonflikt und fordert einen Krieg gegen den Iran.

In einem Zeitungsinterview äußerte sich Hagee, wie er damit umgehe, dass seine Positionen bei einigen Juden auf Zustimmung, bei anderen auf Ablehnung stoßen: Man müsse zwischen Juden, die „die Torah schätzen“ und dem „Rest, der nicht dem Wort Gottes folge“, unterscheiden, der eine „liberale Agenda“ vertrete und sich für Homoehe und Abtreibung einsetze. Diese liberalen Juden seien ihm gegenüber „feindlich“ eingestellt, da sie eine „vergiftete Sichtweise“ auf sein Engagement für Israel hätten.(3)

Der Holocaust als Gottes Plan

Hagee betrachtet Israel als Schöpfung Gottes, was er anhand von Bibelstellen zu beweisen versucht. Dort heißt es, dass Gott Fischer und Jäger schicken wird, um sein Volk ins gelobte Land zurückzuführen. Die Fischer waren die ersten Zionisten wie Theodor Herzl, der Ende des 19. Jahrhunderts einen jüdischen Nationalstaat einforderte. Doch da die „spirituell blinden“ Juden der Welt ungehorsam waren und sich weigerten, den Versprechen des Fischers zu folgen, sandte Gott als Strafe den Jäger. Dieser war in Hagees Augen Hitler, denn erst der Holocaust vertrieb die Juden aus Europa und rang der internationalen Gemeinschaft ihre Zustimmung zum jüdischen Staat ab. Eine Minderheit der christlichen Zionisten sieht diese Bibelstelle sogar als Aufforderung an alle Juden an, ihre derzeitigen Heimatländer zu verlassen und nach Israel heimzukehren, da sonst ein göttliches Strafgericht bevorsteht. Ihre Warnungen klingen dabei eher wie Drohungen. Insbesondere in Verbindung mit dem Vorwurf, die jüdische Unterstützung für Abtreibungsrechte sei mit alttestamentarischen Kindesopfern zu vergleichen, entsteht der Eindruck, dass manche Christen nur deshalb Israel unterstützen, weil ihnen dies den Vorwand gibt, die Juden nun endlich dorthin schicken zu können, „wo sie herkommen“.(4) Ob diese Position neue Anhänger gewinnt, wenn die Israelis durch den demographischen Wandel zur Minderheit im eigenen Lande zu werden drohen, bleibt abzuwarten.

Hitlers jüdische Vorfahren

Nicht genug, dass Hitler so zum Instrument des göttlichen Plans wurde, laut Hagee war er selbst jüdischer Abstammung. In Anbetracht der Tatsache, dass auch Marx Jude war, steht für ihn fest, dass der Antichrist somit jüdisch sein müsse. Dass Hitler ein „jüdischer Mischling“ (half-breed jew) war, sieht Hagee durch den Bruderzwist zwischen Esau und Jakob, dem Stammvater der Juden, begründet. Die halbjüdischen Nachkommen Esaus hätten in der Geschichte immer wieder mit teuflischen Mächten in Verbindung gestanden. Bereits Haman hatte im Persischen Reich die Ausrottung aller Juden geplant. Es sei nur logisch, dass auch Hitler und der Antichrist von Esau abstammen.(5)

Pastor Jerry Falwell, in den 80er Jahren einer der größten Konkurrenten Hagees, der sich den CUFI aber 2006 anschloss, glaubt ebenfalls, dass der Antichrist Jude sein wird. Einziger Unterschied: Seiner Ansicht nach wird der Antichrist dem jüdischen Stamme Dan angehören. Wiederum einig waren sich die Kirchenmänner bei der Frage, was mit Juden nach ihrem Tod geschehe. Angesichts der Gründung der CUFI berichtete die Jerusalem Post 2006, dass Hagee und Falwell sich der Dual-Covenant-Theologie angeschlossen hätten. Somit sei entgegen der mehrheitlichen evangelikalen Meinung, dass Juden, die sich nicht eindeutig zu Jesus bekennen, nach ihrem Tod zur Hölle fahren, das auserwählte Volk durch den Bund zwischen Gott und Moses auf dem Berg Sinai automatisch erlöst. Hagee und Falwell erwirkten eine Gegendarstellung.

Jüdischer Krebstumor

Den Artikel der Jerusalem Post bezeichnete Al Mohler, Leiter des theologischen Seminars der Southern Baptist Convention (SBC – größte protestantische Konfession in den USA) in Louisville, in seinem Blog als schlechten Journalismus und bezeichnete die sogenannte Dual-Covenant-Theologie als „Beleidigung des Kreuzes Christi“.(6) Bereits vorher wurde Mohler von der Anti-Defamation League kritisiert, weil er die Gefahr für Juden, in die Hölle zu gelangen, mit den Gefahren eines unentdeckten Krebstumors verglichen hatte.(7) Die Kritik riss nicht ab, als sich die römisch-katholische Bischofskonferenz in den USA dazu entschloss, fortan auf die Judenmission zu verzichten, und ein Sprecher der SBC dies als Antisemitismus bezeichnete, da man Juden durch die Vorenthaltung des Evangeliums einer Gefahr aussetze.(8)

Blasphemische Juden

Mohler vertritt innerhalb seiner Kirche keine Einzelposition, denn auch der damalige Vorsitzende der SBC, Michael Bailey, war 1980 aufgefallen, als er sich über die Nasen von Juden lustig machte und ihnen absprach, mit Gott in Verbindung zu stehen. Der Gedanke, dass Gott die Gebete eines Menschen erhöre, der Jesus als den Messias ablehne, sei „Blasphemie“.(9)

1999 hatte das International Misson Board der SBC anlässlich der höchsten Feiertage des Judentums einen Ratgeber veröffentlicht, der die Kirchenmitglieder darum bat, Juden zum Christentum zu bekehren. In der Broschüre hieß es unter anderem, Juden hätten „anti-christliche Vorurteile“ und befänden sich unter dem „starken Einfluss des Materialismus“. Außerdem handele es sich nur bei einem kleinen Teil der kulturellen Juden um wirkliche Gläubige, viele seien Säkulare oder Atheisten.(10) Al Mohler schrieb, unter Juden gäbe es einen „Relativismus“ in Bezug auf religiöse Wahrheit. Nur eine Minderheit der Juden glaube noch an einen personellen Gott.(11) Außerdem sei er einem „Anwalt einer der einflussreichsten jüdischen Organisationen“ begegnet, der ihm sagte, dass er „das Recht habe, zu erwarten, dass sein Sohn nicht mit dem Evangelium in Berührung komme.“(12) 2004 beklagte sich Al Mohler zur Weihnachtszeit, dass in Einkaufszentren in Florida zwar Menorah-Leuchter, aber keine Krippenspiele aufgestellt werden durften.(13)

Auch Rick Warren, der bei der Vereidigung von US-Präsident Barack Obama den Segen spendete, ist der Meinung, dass sich Juden unbedingt zum Christentum bekehren müssten. Als ihn eine jüdische Frau fragte, ob sie nach ihrem Tod in die Hölle komme, bejahte er die Frage.(14)

Messianische Juden

Nach wie vor halten viele Evangelikale also an einer Judenmission fest. Wohl, um sich nicht dem Vorwurf des Antisemitismus auszusetzen, werden besonders Juden, die sich selbst zum Christentum bekehrten, bei der Weitergabe ihres jüngst gewonnenen Glaubens von der Christlichen Rechten unterstützt. Eine der einflussreichsten Organisationen messianischer Juden ist Jews for Jesus. Sie finanziert sich aus Spenden evangelikaler Christen und durfte mehrmals Vertreter in die Sendungen auf Pat Robertsons privatem Fernsehsender CBN schicken. Auch traten ihr Vorsitzender David Brickner und Al Mohler gemeinsam auf.

Mehrere Juden weisen diese Missionierungsversuche zurück, was Mitch Glaser 1987 für die Organisation folgendermaßen kommentierte: Die anti-missionarische Bewegung werde von der jüdischen Gemeinde finanziert und von Rabbinern unterstützt, die „Jesus der Seele entreißen wollen“. Die Antimissionare würden für ihre „schmutzige Arbeit“ angeblich mit einer gestohlenen Mitgliederliste von Jews for Jesus Telefonterror betreiben oder pornographische Schriften an die Mitarbeiter senden, um sie zu beleidigen. Eine Frau hätte sogar eine Mail empfangen, in der ihre Krebserkrankung als göttliche Strafe bezeichnet wurde. Außerdem hätten Juden damit gedroht, den Jews for Jesus ihre Kinder wegzunehmen um sie jüdisch zu erziehen. Glaser hoffte, dass die antimissionarischen Juden ihren „Zorn“ überwinden könnten, so wie auch viele messianische Juden durch ihre Hinwendung zu Jesus ihren „Zorn“ überwunden hätten.(15)

Im Jahr 2004 schrieb Efraim Goldstein für die Organisation, dass jüdische Theologen verhinderten, dass eine Passage aus dem alttestamentarischen Buch Jesaja, die als Prophezeiung für das Kommen Christi interpretiert werden kann, in der Synagoge verlesen wird, um zu verhindern, dass Juden sich zu Jesus bekennen. Der Artikel wurde auch auf der CBN-Website veröffentlicht.(16)

Während des Wahlkampfes 2008 geriet Jews for Jesus in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses, als David Brickner in der Wassila Bible Church in Alaska, der Heimatgemeinde der republikanischen Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin, auftrat. Er berichtete in seiner Predigt vom 17. August 2008 von seinen Eindrücken, die er während einer Missionsreise in Israel gesammelt hatte. Dort seien ihm grimmig blickende Juden begegnet, so dass er kurzzeitig dachte, den Märtyrertod sterben zu müssen. Außerdem zitierte Brickner die Bibelstelle Matthäus 23, in der Jesus Rabbiner als geldgierig beschimpft. Seine Predigt gipfelte in der Behauptung, dass die Terroranschläge in Israel eine göttliche Strafe seien.(17)

Der Mord an Rabin

Dieser Gedanke ist Pat Robertson nicht fern. Der Fernsehprediger hatte 2006 behauptet, dass Ariel Sharons Schlaganfall die Strafe Gottes dafür sei, dass er jüdische Siedlungen im Gazastreifen geräumt hätte.(18) Ebenso müsse auch der Mordanschlag des ultraorthodoxen Juden Jigal Amir auf Jitzchak Rabin, der in Oslo den Palästinensern zu weit entgegengekommen war, verstanden werden. Hagee hingegen schrieb 1996, dass Israel zwischen religiösen Juden, „die ihrer heiligen Pflicht am Land nachkommen“ und jenen, die „dem Menschen mehr als dem Gott ihrer Väter verpflichtet sind“ gespalten sei. Amir gehöre in erste Kategorie.(19) 2 Jahre später bekräftigte Hagee: „Der Schuss, der Rabin tötete, katapultierte die biblische Prophezeiung direkt auf die Überholspur.“(20) Auch die christliche Buchautorin Kay Arthur gab in einem Interview an, dass Rabins Verhandlungen mit Arafat eine Sünde gewesen seien und Gott den Friedensprozess „gestoppt“ habe.(21) Der christliche Journalist Stan Goodenough schrieb für die Website des Baptistenpastors Tim LaHaye, dass Kompromissbereitschaft nur als Schwäche der Juden ausgelegt werde und daher noch mehr Antisemitismus nach sich ziehe. Vermutlich werde man sie als „Jidden, denen man nicht vertrauen darf“ sehen.

Im Kontext der Aussagen dieser Evangelikalen, die sich selbst besser als den Juden zutrauen, zu befinden, was „korrektes jüdisches Verhalten“ ist klingen die eigentlich versöhnlichen Worte Mike Huckabees latent bedrohlich. Der ehemalige Gouverneur von Arkansas, der ausgebildeter Pastor der SBC ist und sich im Rahmen seiner gescheiterten Präsidentschaftskampagne 2008 mehrfach mit John Hagee traf, gab im August 2009 dem christlichen Fernsehsender CBN ein Interview. Huckabee fand es faszinierend, dass Evangelikale im Allgemeinen Israel sehr viel stärker unterstützen würden, als die amerikanischen Juden, die zudem oft der Meinung seien, dass man Gebiete an die Palästinenser abtreten müsse, um Frieden zu erreichen. Es werde „schwierig“, die Juden davon zu überzeugen, dass es sich bei den Evangelikalen um ihre besten Freunde handele.(22)