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1996 - Meldungen 2304-2347

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  • (2332) Reims. Der Papstbesuch anläßlich der 1500-Jahr-Feier der Taufe des Frankenkönigs Chlodwig sorgte schon im Vorfeld für Ärger.

    Das Bezirksgericht in Chalons-sur-Saone verbot der Stadt Reims auf Antrag der örtlichen Sozialistischen Partei, für die technische Ausstattung des Papstgottesdienstes 450.000 DM aus Steuermitteln bereitzustellen, weil die Subvention im Zusammenhang mit einer religiösen Feier stehe und daher gegen die gesetzliche Trennung von Staat und Kirche verstoße. Dies hinderte die französische Staatsführung indes nicht, ihrerseits in die Taschen zu greifen. So blieb trotz aller Proteste ein Kostenanteil von umgerechnet über 7 Millionen DM bei den Steuerzahlern hängen. Dagegen protestierten insbesondere jene 2000 französischen Freidenker, die sich kurz vor der Papstvisite in Reims versammelten. Sie kritisierten, daß im Elsaß aufgrund eines 1801 mit Napoleon geschlossenen Konkordats noch immer 1.785 katholische Priester, 300 evangelische Pastoren und 25 Rabbiner vom Staat besoldet werden. Außerdem zahlte der Staat 1994 rund 34 Milliarden Francs (10 Mrd. DM) für die Gehälter von Lehrern an katholischen Schulen. Besonders die staatliche Finanzierung einer Straße zu dem vom Papst besuchten bretonischen Wallfahrtsort Ste. Anne-d'Auray (1500 Einwohner) mit 350 Millionen Francs (gut 100 Mio. DM) erregte Ärgernis.

    Ein weiterer Verbleib in Reims oder gar eine Demonstration wurde den Freidenkern verweigert; Auswärtige wurden bereits bei der Anreise ab einer bestimmten Autobahnausfahrt von der Polizei zum Versammlungslokal eskortiert und direkt nach der Veranstaltung auf gleichen Wege wieder herausgeleitet. In Paris, in Tours und in Valmy (wo 1792 die 1. Republik gegründet wurde) versammelten sich hingegen Zehntausende von Laizisten aus verschiedensten Organisationen, um gegen die staatliche Unterstützung des katholischen Werbefeldzugs zu protestieren. Dabei spielte auch die Absicht der Regierung eine Rolle, im Französisch-Unterricht der 6. Klasse die Behandlung von Bibeltexten vorzuschreiben. Verschiedene laizistische Organisationen riefen Ex-Katholiken dazu auf, ihre Streichung aus den kirchlichen Taufregistern zu beantragen. Allein in Reims vollzogen 60 Personen diesen Schritt; die Londoner Tageszeitung The Times schrieb von landesweit "mehreren hundert" Ausgetretenen.

    Auch der abgesetzte Bischof Gaillot kritisierte im Vorfeld die Ehrung Chlodwigs durch den Papst, weil das nur dem Traditionalismus und den Rechtsextremen Auftrieb gebe. Sozialistenchef Jospin, der Chirac 1995 bei der Präsidentenwahl nur knapp unterlegen war, hätte die Einladung eines deutschen Spitzenpolitikers als Ausdruck der historischen Gemeinsamkeiten für angebrachter gehalten.

    Lebhafte Unterstützung erhielt der Papstbesuch erwartungsgemäß von der politischen Rechten, besonders der Front National (FN), die den katholischen Charakter des Landes stets besonders betont. Nach einer Umfrage meinen 33% der praktizierenden Katholiken, die Positionen der FN sei mit dem christlichen Glauben vereinbar.

    Die Einstellung der Franzosen zum Papst ist zwar positiver als in Deutschland, hat sich in den letzten zehn Jahren aber deutlich verschlechtert: Nur noch 53% haben nach einer vom konservativen Figaro publizierten Umfrage eine eher positive Meinung, 1986 waren es noch 79%. Eine andere Untersuchung des Nachrichtenmagazins Le Point ergab, daß 67% den Papst für "rückschrittlich" halten; selbst unter den Katholiken meinten das noch 49%. Die meisten Franzosen ließ der Besuch indes kalt. Obwohl 48 der 58 Mio. Einwohner getauft sind, bezeichnen sich nur mehr 6 Mio. als praktizierende Christen. Auch bei Detailfragen läßt die Religiosität nach. So glauben 69% ausdrücklich nicht an die Existenz von Teufeln, nur noch 28% behaupten das Gegenteil. Selbst unter praktizierenden Christen folgt insoweit nur die Hälfte der Doktrin des Vatikan. (Augburger Allgemeine, 20.6.96; Frankfurter Allgemeine, 4.7.96; KNA, 14., 20. u. 24.9.96; Kinzigtal Nachrichten, 6.9.96; heute, 22.9.96; Sonntagszeitung, Kirchenzeitung der Diözese Augsburg, 22.9.96; Freidenker Schweiz, 11/96)

    Anm. MIZ: Fachleute sind sich schon seit längerem einig, daß die Taufe Chlodwigs keinesfalls 496 stattgefunden hat, sondern zwei oder drei Jahre später. Aber der jetzige Zeitpunkt schien dem Vatikan für seine Mission geeigneter.

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