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Zum 75. Geburtstag von Lavanam Gora

Aus: IBKA Rundbrief Dezember 2005

Am 10. Oktober 2005 vollendete das Beiratsmitglied des IBKA, der indische Philosoph Lavanam Gora vom Atheist Centre in Vijayawada im Bundesstaat Andhra Pradesh in Südwestindien, sein 75. Lebensjahr.

Lavanam bedeutet „Salz“ in Sanskrit und anderen indischen Sprachen. Sein Vater Gora benannte ihn nach dem berühmten Salzmarsch Ghandis. Dieser fand im Jahre 1930, dem Geburtsjahr Lavanams, statt. Der Protest gegen die britische Salzsteuer war Teil der indischen nationalen Befreiungsbewe­gung gegen die Britische Kolonialmacht. Lavanams Eltern, Saraswathi und Gora, die Mitstreiter Ghandis waren und sich schon 1928 offen zum Atheismus be­kannten, gründeten im Jahre 1940 das Atheistische Zentrum.
Im Jahre 1942 begann eine neue Phase der indischen Befreiungsbewe­gung, an der auch Lavanams Eltern teilnahmen, weswegen diese zeitweise inhaftiert wurden.

Dies veranlasste Lavanam im Alter von 12 Jahren eine Gruppe des „Zivilen Ungehorsams“ gegen die Britische Kolonialmacht zu gründen. Nach einer Demonstration mit mehr als hundert Kindern für eine freie Nation und Sozial­reformen wurde er im Januar 1943 von der Polizei festgenommen. Lavanam wurde öffentlich mit je 6 Rohrstock­schlägen auf jede Handfläche bestraft und an einer einsamen Stelle ausgesetzt. Die örtliche Bevölkerung nahm sich seiner an und das ermutigte ihn, sich weiter für diese Menschen einzusetzen. Er wurde Kurier bei einer geheimen Untergrund­organisation, welche die lokale Kommu­nikation der Britischen Kolonialmacht stören wollte.

Mitte der 40er Jahre lernte Lavanam, der bis dahin nur Telugu sprach, unter der Leitung seines väterlichen Freundes Ghandi Hindi und Englisch. Dies erlangte für ihn im Jahre 1955 große Bedeutung, als er gebeten wurde, die Reden von Vinoba Bhaves zu übersetzen, der ein Programm forderte, in dem die Reichen der armen Bevölkerung Land abgeben sollten. Die indische Regierung gab dem Programm einen rechtlichen Status.

Zusammen mit seinem Vater Gora reiste Lavanam durch Indien, nahm an allen Programmen teil, die sein Vater förderte. Schon im Jahre 1950 übernahm Lavanam die Erwachsenenbildung in Slumgebieten. Dies erwies sich als schwierige Aufgabe, da es zuerst galt, die fatalistische Einstellung dieser Menschen, das Leben sei vorherbestimmt, zu über­winden. Ziel war, den Menschen zur Selbstständigkeit und zu Selbstwertgefühl zu verhelfen – Gora hatte dafür den Begriff des „positiven Atheismus“ ge­prägt. Dieser bezeichnet seitdem Sozial­arbeit auf einer weltanschaulich atheis­tisch-humanistischen Basis.

Lavanams Heirat mit Hemalata im Jahre 1960 war, schon wie die Heirat seiner Schwester mit einem ‚Unberühr­baren’, eine arrangierte Vereinbarung zwischen den Vätern. Sie setzte ein weiteres politisches Signal des Atheisti­schen Zentrums im Kampf gegen die ‚Unberührbarkeit’ und das Kastenwesen. Kastenübergreifende Verbindungen waren eigentlich unmöglich und führten zur gesellschaftlichen Ausgrenzung.

Das Atheistische Zentrum bildet heute die Dachorganisation für drei Unterorga­nisationen, die sich selbständig ver­walten. Arthik Samata Mandal führt in 150 Dörfern Bildungs- und Gesund­heitsprogramme durch. Landwirtschaft­liche Maßnahmen werden propagiert und es gibt Unterstützung bei der Berufs­ausbildung.Vasacya Mahila Mandali ist eine Frauenorganisation, die verschiedene Programme unterhält, insbesondere auch ein Frauenhaus, wo Frauen mit jedem Problem bleiben können, unabhängig von ihrem sozialen oder ökonomischen Status.

Die dritte Organisation ist SAMSKAR, die von Lavanam betreut wird. Dieses Projekt beschäftigt sich mit der Reha­bilitierung von „Kriminellen“ und „Jogini“. Unter den Briten hatte es ein Gesetz gegeben, das einige Stämme und Kasten zu „Kriminellen“ machte. Sie galten als „Kriminelle“ per Geburt und von Beruf.

Die „Jogini“ sind ‚unberührbare’ Mädchen, die in jungen Jahren der Dorfgöttin Yellamma geweiht und dem Priester ‚anverheiratet’ werden. Sind sie herangewachsen, werden sie zu Dorf­prostituierten ohne sozialen Status und müssen ihren Lebensunterhalt mit Prosti­tution und Arbeit in der Landwirtschaft bestreiten. Die ‚Unberührbaren’ werden zu gemeinschaftlich genutzten Körpern unter der ‚Aufsicht’ der Priester. Durch Bildung und Hilfe soll diesen Frauen eine neue Lebensperspektive geschaffen werden. Der Einsatz des Atheistischen Zentrums hat schon Erfolge gezeigt. Die Regierung hat es inzwischen verboten, Mädchen zu Jogini zu machen und jeder Jogini einen Morgen Land zugesprochen.

Das Atheistische Zentrum hat bei der indischen Bevölkerung und Regierung ein hohes Ansehen. Vier Atheistische Weltkongresse fanden schon dort statt.

Herr Lavanam bereiste Anfang der 80er Jahre mehrmals Europa. Im Jahre 1993 besuchte er auf seiner Europa- und USA-Tour auch einen Humanisten-Kongress in Berlin und sprach dort mit Vertretern verschiedener Konfessions­losenverbände. Im Januar 2005 besuchte das Vorstandsmitglied René Hartmann die 5. Atheistische Weltkonferenz in Vijayawada, die vom Atheist Centre aus­gerichtet wurde. Ein Enkel Goras, Vikas, besuchte im Sommer den IBKA, um sich über die säkulare Szene in Deutschland zu informieren.

Der Vorstand des IBKA wünscht dem Beiratsmitglied Herrn Lavanam weiterhin gute Gesundheit und hofft auch künftig auf gute Zusammenarbeit.