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„Wie wollt ihr es gerne haben: Nagelbombe, Giftgas oder Salzsäure?“

Ellen Kühl-Murges

Aus der Mailingliste des Heidenspaßkomitees

Über die Website der Gegenveranstal­tung zum Weltjugendtag, www.religionsfreie-zone.de, kamen sehr viele Reak­tionen, mehrheitlich von Christen, deut­lich geringer von Freigeistern. Nur einige von diesen Mails konnten seinerzeit beantwortet werden.

Ein Christ schrieb: „Jeder kann machen, was er will – das ist unsere Freiheit.“ Doch fügte er hinzu: „Mich interessiert nur eine Frage dabei ganz brennend: Wenn unsere muslimischen Mitbürger einen Tag Allahs oder irgendetwas Vergleichbares feiern wür­den und das ist in der Zukunft sicher nicht ganz unwahrscheinlich, fahren Sie dann auch mit einer Anti-Demo und korankritischen Sprüchen öffentlich durch die Gegend? Das würde ich konse­quent und mutig nennen und damit auch anerkennen. Sich einen ungefährlichen ‚Gegner’ aussuchen, der einen nicht lyncht, das kann jeder.“

Darauf antwortete Rudolf Ladwig: „Sie können sich offenbar die Legiti­mation der Existenz Ihnen jedoch horribler Kritik an der ‚heiligen’ Religion nur dann überhaupt so gerade noch vorstellen, wenn der Kritiker unter erheb­licher Lebensgefahr handeln müsste. Denn eigentlich gehören Religionskritiker ja gelyncht. Damit offenbaren Sie unfrei­willig einen sehr ehrlichen Blick auf die Inhumanität von Religionen und deren Kompatibilität mit der Meinungsfreiheit.“

Ein anderer Christ schrieb: „Aus der Psychoanalyse wissen wir: ‚Wer sein Selbstbewusstsein großartig vor sich herträgt, der hat keins.’ Im Anschluss daran stelle ich mir die Frage, was fehlt den Menschen, die ihren Hass auf alles Kirchliche und besonders Katholische so großartig vor sich hertragen? Sie nennen sich Freigeister, sind aber in Wahrheit jedenfalls weder frei noch besonders geistvoll, denn sie kennen nur ein ‚gegen’, ein ‚anti’ und müssen alles schlecht machen, dem sie geistig nicht folgen können.“

Verwunderung machte sich im Heidenspaßkomitee breit, als die Mails der Gläubigen immer wütender und hass­erfüllter wurden.

„Was kann man von Eifler Hinter­weltlern anders erwarten, als dass sie einen dreist und unverschämt unter www.wjt.de auf ihre schwachsinnige Website umleiten. Wenn man dann trotz der Überraschung versucht objektiv zu bleiben [….], wird aber letztendlich klar, dass es sich offensichtlich um aus der Irrenanstalt entlaufende Kotzbrocken handeln muss, die sich in der Eifel verstecken. Hoffentlich wird um euer Refugium bald ein hoher Zaun gebaut, damit ihr nicht noch häufiger unkon­trolliert in unsere schöne Stadt Köln ausbrechen könnt. Der Webmaster in Trier sollte bez. Gestaltung wie auch Navigation einer Website mal wenigstens ein Einführungsbuch lesen, wenn er denn lesen kann, was ich bezweifle.“

Die Mail eines anderen Christen brachte weiteres Erstaunen: „Ich wollte die Website des WJT aufrufen und sah euer Kamel.“ Was das Heidenspaß­komitee bis dahin nicht wusste, war, dass der Domaininhaber der Seite www.wjt.de, die gar nichts mit der offiziellen Website des Weltjugendtages zu tun hatte, zunächst auf die offizielle Webseite www.wjt2005.de von seiner Seite umge­lenkt hatte und dann jedoch auf die der Religionsfreien Zone, was viele Gläubige sehr erboste. Denn anstatt des „Heiligen Vaters“, dem guten Hirten, sahen sie nun das „Kamel“. Der Anblick des schwar­zen, keck und selbstbewusst grinsenden Schafes auf der Seite der Religionsfreien Zone hatte wohl zu einiger zoologischer Verwirrung geführt. Seitens eines Journa­listen des WDR wurde beim Domain­inhaber nachgefragt. Daraufhin titelte der Journalist in seinem Weblog: „Kein Hacker und kein Ketzer“. Die Macher des WJT, welche zuvor den Erwerb der Domain wjt.de abgelehnt hatten, setzen dessen Inhaber nun mit der Androhung von Rechtsmitteln so unter Druck, dass dieser seine Seite ganz deaktivierte.

Doch es gab noch weitere Mails von Gläubigen: „Religionsfreie Zone! Tolle Erfindung. Vor allem so neu! Jedes öffentliche Klo ist eine religionsfreie Zone. Wenn Ihr sonst keine Probleme habt, dann zieht Euch doch dahin zurück und werdet froh. Meint Ihr nicht, dass ein Jeder das Recht haben sollte, seine Religion und seinen Glauben auch öffent­lich zu leben?“

Ein Christ fühlte sich „gehörig und massiv in [s]einen religiösen Gefühlen verletzt und keinesfalls toleriert“ und es wurden Dinge verletzt, „die anderen Menschen [den Christen] heilig sind.“ Von einem anderen wurden wir darum gebeten, „bitte künftig die öffentliche Hetzjagd“ zu unterlassen.

Denn eigentlich wollten die Christen nur feiern, wie eine evangelische Christin schrieb: „Ich möchte einmal darstellen, was die meisten Jugendlichen dazu bewegt, auf einen Weltjugendtag zu gehen. Es ist nicht die Kirche an sich und auch nicht der wer weiß wie große Glaube an die Bibel. Es ist der Spaß, den man hat, neue Leute kennen zu lernen, neue Länder zu sehen und sich immer neu und anders verständigen zu können. Es ist die Zusammengehörigkeit und die gute Laune, die dort herrscht. Es geht hier um das zusammen sein und ‚feiern’ und nicht um einen ‚Papst’ oder ‚heiligen’ anzu­beten. Ich finde dieses wird falsch darge­stellt. Und zwar ebenso von der Presse, wie vom jetzigen Papst!!!“

Ein weiterer Christ klärte uns endlich einmal auf: „Dass es immer wieder Leute gibt, die nicht kapiert haben, was Kirche bzw. der damit verbundene Glaube bedeutet. Ich sage es mal in Schlag­worten: Lebensfreude, Freiheit, Erlösung und Sicherheit.“

Ein anderer Schreiber hatte da wohl wenig Hoffnung, dass der Missstand unserer Existenz bald beseitigt werden würde und schlug als Lösung vor: „Damit gebt ihr uns katholischen Terroristen die Gelegenheit, möglichst viele von euch zu befördern – und zwar in die Hölle, wo ihr hingehört. Luzifer freut sich schon auf euch! […]Wie wollt ihr es gerne haben: Nagelbombe, Giftgas oder Salzsäure? Nur solange der Vorrat reicht!“

Doch es kamen auch Mails von Menschen, die sich über diese Aktionen erfreut zeigten. „Gerade bin ich auf euren Internetauftritt gestoßen und bin der Meinung, dass meine Überzeugung sich wunderbar mit dem, was Ihr erreichen wollt, decken. […] Da ich direkt vor mei­ner Haustüre betroffen bin (Parkplätze und Straße werden eine Woche lang zwecks religiöser Propaganda gesperrt), möchte ich mich sehr gern bei euch engagieren!“ In einer anderen Mail wurde neben dem Ausdruck der Freude auch die Kritik an der voreingenommenen Bericht­erstattung der Medien geübt. „Ich möchte Euch meinen tief empfundenen Dank aus­sprechen für Eure tolle Aktion mit dem Dinomobil und die sehr treffenden Zeich­nungen. Es ist schön, zu sehen, dass es noch andere Menschen gibt, denen diese Volksverdummung (Jubelpresse) gegen den Strich geht. Interessant z.B., dass das Verkehrschaos im Nahverkehr (ich sprach mit einem Kölner Freund) in den Medien mit keiner Silbe erwähnt wird.“

Die Aktionen des Heidenspaßkomi­tees fanden über die Grenzen Deutsch­land hinaus Beachtung. „Ich habe mit Vergnügen in der österreichischen Presse die Gegenaktionen zum Kölner Katho­likentreffen verfolgt.“

Dieses erfreuliche Medieninteresse bestätigte auch Michael Schmidt-Salomon in einer Mail: „Wir haben unser erstes Ziel ja bereits erreicht: Es ist uns gelungen, das Medienmonopol der Kir­chen zu durchbrechen. Ich habe in den letzten Tagen unzählige Interviews geben müssen, gerade auch für Radiostationen.“ In einer anderen Mail schrieb er: „ Allein am Montag und Dienstag dieser Woche haben 50.000 (!!) eindeutige Besuche auf www.religionsfreie-zone.de stattgefun­den. […] Übrigens: Die Umleitung über wjt.de war bei dem Traffic gar nicht so entscheidend, von dieser Seite kamen insgesamt ‚nur’ 890 Verweise.“

Dies sind nur einige Mails aus der Liste, doch sie zeigen, dass diese Aktionen und damit auch die Gruppe der Nicht-Religiösen wahrgenommen wur­den. Auch wenn es in einer Mail hieß: „Was kümmert’s den Mond, wenn ihn ein Hund ankläfft. In der 2000-jährigen Geschichte der Kirche hat es Hunderte solcher wie Sie gegeben. Sie sind alle verschwunden und keiner weiß mehr, wer sie waren und wie ihr Name war“, hat das „Kläffen“ doch mehr Aufmerksamkeit erregt, als es manchem Gläubigen lieb war. Die oft in den Mails gezeigte Aggressivität könnte doch sehr wohl ein Indiz dafür sein, dass die zunehmende öffentliche Präsenz der Nicht-Gläubigen als eine Art Bedrohung gesehen wird.

Von Verletzung religiöser Gefühle, von Hetzjagd ist die Rede. Doch scheinen diese Gläubige eine sehr einseitige Sicht zu haben, denn die Äußerung ihres Kardinals Meisner, „wer seine Kinder nicht religiös erziehe, mache diese zu geistigen Krüppeln“, wird wohl von diesen nicht als Hetze und Verletzung der Gefühle der Nicht-Gläubigen gesehen.