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Atheismus fordert keine Opfer

Dr. Christian Brücker

Ein Kommentar zur Osterpredigt von Bischof Walter Mixa am 12.4.2009

Walter Mixa macht sich Sorgen. Um die Menschenrechte. Sagt er jedenfalls. „Wo Gott geleugnet oder bekämpft wird, da wird bald auch der Mensch und seine Würde geleugnet und missachtet.”

Das ist seltsam. Denn Herr Mixa ist nicht etwa der Vertreter der Menschenrechtsliga oder so, nein, Herr Mixa ist ein hoher Repräsentant der katholischen Kirche. Richtig: genau der selben Kirche, die sich Jahrhunderte lang mit aller Kraft gegen die Idee der Menschenrechte gestemmt hat, und die bis 1967 noch alle Theologen hat schwören lassen, solchen gottlosen Ideen wie den Menschenrechten zu widerstehen.

Hat Mixa das etwa vergessen? Wohl kaum. Hier spricht kein seniler alter Mann, der nicht weiß, was er sagt. Hier spricht ein rhetorisch geschickter Demagoge, der sich seine radikalchristianistische Hasspredigt wohl überlegt hat.

Wenn Mixa frech behauptet, ein „praktizierter Atheismus” bringe Greuel wie die der Faschisten und Stalinisten hervor (wie, Herr Mixa, praktiziert man eigentlich einen Nicht-Glauben?), lenkt er damit nicht nur von der Blutspur ab, die die katholische Kirche –die selbe, deren hoher Repräsentant er ist– durch die Jahrhunderte gelegt hat. Viel schlimmer ist, dass er damit die Verbrechen zweier –unbestritten furchtbarer– Ideologien jenen zur Last legt, die gerade gegen derartige Ideologien und für die Idee der Menschenrechte stehen. Bischof Mixa, hoher Repräsentant der katholischen Kirche –der selben, die jahrhundertelang Millionen von Menschen die Hölle auf Erden bereitet hat–, weist modernen, der Aufklärung verpflichteten Atheisten die Verantwortung für die Greuel der Nationalsozialisten und Stalinisten zu – jenen Menschen, die aber doch gar nicht die NSDAP oder die KPdSU repräsentieren, sondern z.B. den IBKA oder die Giordano Bruno Stiftung. Der Repräsentant der selben katholischen Kirche, die im Namen ihres Gottes die schlimmsten Verbrechen legitimiert hat, wirft jenen, die verbindliche, unveräußerliche Menschenrechte als Garant dafür einfordern, dass eben nicht im Namen Gottes alles erlaubt werden kann, vor, ohne diesen Gott sei alles erlaubt. Der Bock klagt die Gärtner an. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt?

Mixa geht es nicht um die Menschenwürde, Mixa geht es um die Macht seiner Kirche, die er bedroht sieht von der Aufklärung, von der Idee der Menschenrechte, von der Wissenschaft, von Skepsis und Rationalität, kurz, von allem, wofür diese „zunehmend aggressiven Atheisten” stehen, die die Angst vor seiner Kirche verloren haben. Mixa, der sich hier als Hüter der Menschlichkeit aufspielt, ist selber die Gefahr. Denn was geschieht, wenn solche vermeintlich gezähmten religiösen Rattenfänger vom Schlage eines Mixa jemals die Macht zurückerlangen, das haben die Terrorregimes der Ajatollahs und der Taliban eindrucksvoll bewiesen.

Doch halt! Tue ich hier nicht genau dasselbe, was ich gerade Mixa vorgeworfen habe? Nein! Denn die Blutspur der katholischen Kirche ist eine Tatsache. Auch die Blutspur der NSDAP ist eine Tatsache, wie die der KPdSU. Aber im Gegensatz zu Mixa, der katholisch ist, Mitglied, gar Repräsentant der katholischen Kirche –der selben katholischen Kirche, deren Repräsentanten Borgia und Torquemada waren–, sind jene „zunehmend aggressiven Atheisten” keine Mitglieder der NSDAP, oder der KPdSU, oder irgendeiner anderen faschistischen oder stalinistischen Organisation. Sie sind keine Nationalsozialisten, und keine Stalinisten. Sie sind einfach nur Atheisten. Und wie sehr sich Mixa auch bemühen mag, den Atheisten ihre Toten vorzuhalten – er wird keine finden. Der Atheismus hat keine Toten.

Denn kein einziger Mensch ist je im Namen des Atheismus gestorben, kein einziger Mord wurde je im Namen des Atheismus begangen, kein Atheist hat sich je im Namen des Atheismus einen Bombengürtel umgeschnallt. Auch Hitler und Stalin haben nicht gemordet für das, woran sie nicht glaubten, sondern für das, woran sie glaubten. In der gesamten Menschheitsgeschichte waren ohne Ausnahme die Mörder immer die Gläubigen. Die, die sich im Besitz der Wahrheit wähnten, die im Namen dessen mordeten, woran sie glaubten, ganz gleich, ob dies Gott, Allah, der historische Materialismus oder die Mission der germanischen Rasse war. Und die Ermordeten waren stets die, die an eben dies nicht glaubten – an was sie stattdessen glaubten, ob sie überhaupt etwas glaubten, hat die Mörder selten interessiert. Auch die Christen wurden, wenn sie denn ausnahmsweise einmal wirklich verfolgt wurden und nicht selbst die Verfolger waren, nie deswegen verfolgt, weil sie an Gott glaubten, sondern stets deswegen, weil sie an die jeweils herrschende Vorstellung nicht glaubten. Es ist wohl kaum ein Zufall, dass in den ältesten Christenverfolgungen die Anklage „Atheismus” lautete …

Selbst wenn also die Nationalsozialisten neben ihrem Glauben an die germanische Rasse, selbst wenn die Stalinisten neben ihren Glauben an die klassenlose Gesellschaft Atheisten gewesen sein sollten - dann war dieser Nichtglaube nicht die Triebfeder ihres mörderischen Handelns. Mit wie vielen Fingern Mixa auch versuchen mag auf andere zu zeigen – eine Blutschuld des Atheismus wird er nicht finden. Es gibt sie nicht.

Was es aber gibt, ist die Blutschuld der katholischen Kirche – der selben Kirche, deren Bischof Walter Mixa ist. Der selben Kirche, die „Hexen” und „Ketzer” lebendig verbrannt hat. Der selben Kirche, die die Menschenrechte bis aufs Messer bekämpft hat. Der selben Kirche, die nun glauben machen will, sich geläutert zu haben. Mixas Brandpredigt aber beweist wieder einmal das Gegenteil.