Christian Brücker
Zuerst abgedruckt im Neuen Deutschland vom 7. Mai 1999
Alle reden von Werteerziehung - allen voran die Kirchen. Und für die Kirchen ist auch klar, welche Werteerziehung Schüler
brauchen - Religionsunterricht nämlich, auf gar keinen Fall aber LER. Zur Begründung dienen zwei Kernthesen: Erstens, dass der
Staat wegen seiner weltanschaulichen Neutralität keinen eigenen Werteunterricht einrichten dürfe, und deswegen die Kirchen mit
dieser Aufgabe beauftragt habe, und zweitens, dass das Christentum die Grundlage des Staates sei.
Zur ersten These: Wenn denn der Religionsunterricht so sehr im Interesse des Staates liegt, dann stellt sich die Frage,
wieso das Grundgesetz sogar ausdrücklich Schulen vorsieht, an denen dieser "Auftrag" nicht gilt. Denn Religionsunterricht ist
kein ordentliches Lehrfach an bekenntnisfreien Schulen. Demzufolge ist also offensichtlich Religionsunterricht
für eine nicht bekenntnisgebundene Erziehung wohl doch entbehrlich, und es stünde dem Land Brandenburg frei, bekenntnisfreie
Schulen als Regelschulen einzuführen. Der ganze Streit um Religionsunterricht und Bremer Klausel wäre dann obsolet. Was das
angebliche Verbot staatlicher Werteerziehung angeht, so stellt sich zunächst die Frage, wieso dann das Grundgesetz mit der
Bremer Klausel ausgerechnet den Bremischen Unterricht in biblischer Geschichte ausdrücklich zulässt, einen in Bremen
traditionellen staatlichen Religionsunterricht? Wenn sogar staatlicher Religionsunterricht zulässig ist, dann wird allgemeine
staatliche Werteerziehung wohl erst recht nicht verboten sein.
Im übrigen sind auch die Kirchen selbst anderswo völlig anderer Meinung: In Nordrhein-Westfalen etwa haben sie die Einführung einer staatlichen Werteerziehung
(hier Praktische Philosophie genannt) sogar vehement gefordert. Mit anderen Worten: genau das, was sie dem Land Brandenburg
verbieten lassen wollen, haben sie vom Land Nordrhein-Westfalen zu tun verlangt! Allerdings besteht zwischen LER und
Praktischer Philosophie ein kleiner, aber feiner Unterschied: während LER Pflichtfach für alle sein soll, sollen Praktische
Philosophie nur solche Schüler besuchen, die "vom Religionsunterricht nicht erreicht werden". Allerdings ist auch dieser
Ersatzunterricht von den Kirchen - mit den selben Argumenten wie jetzt LER - früher abgelehnt worden. Sie haben ihre Meinung
erst geändert, als sich immer mehr Schüler vom Religionsunterricht abmeldeten. Aber trotz allem Hin und Her zieht sich ein
roter Faden durch die kirchliche Haltung: Wo Ethikunterricht dem Religionsunterricht Konkurrenz macht (So früher, als
Abmeldungen kaum vorkamen, und heute in Brandenburg), wird er bekämpft, wo er als Strafe für "Religionsflüchtlinge" auftritt,
wird er gefordert.
Offensichtlich geht es also den Kirchen um alles andere als um Werteerziehung, sondern schlicht und einfach um eine
Stärkung des (konfessionellen) Religionsunterrichts als oft einzigen Ort, an dem angesichts nachlassender
religiöser Erziehung im Elternhaus eine Glaubensvermittlung noch möglich ist, wie es Kirchenvertreter bis in die Gegenwart
formulieren - in nichtklerikales Deutsch übersetzt: als einzige Möglichkeit, Kinder, die von den Eltern nicht frei Haus in die
Kirche geliefert werden, doch noch zu missionieren.
Zur Begründung der zweiten These dient meist jenes unvermeidliche Böckenförde-Zitat ("Der freiheitliche Staat lebt von
Grundlagen, die er selbst nicht garantieren kann, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben"). Auf dieser Grundlage erheben die
Kirchen den Anspruch, diese Grundlagen sichern zu müssen, und dafür vom Staat privilegiert zu werden. Kritikern wird
entgegengehalten, man dürfe weltanschauliche Neutralität nicht mit Wertneutralität verwechseln. In Wirklichkeit verwechseln
allerdings die Kirchen etwas, nämlich Werte mit Weltanschauung. Die Werte jedoch, die für die moderne Gesellschaft grundlegend
sind wie z.B. Menschenrechte, Toleranz, demokratische Teilhabe, haben ihren Ursprung in der Aufklärung und
mussten gegen die Kirchen erkämpft werden. Und selbst wenn sie wirklich christlichen Ursprungs wären, wäre der Patentschutz
wohl abgelaufen.
Es stellt sich allerdings die Frage, was Werte überhaupt sind, wodurch etwas zum Wert wird. Tatsächlich ist die Geltung dar
"richtigen" Werte alles andere als selbstverständlich. Eben das sind jene Grundlagen, auf denen der moderne Staat beruht: dass
die Menschen die demokratischen Grundwerte anerkennen. Und es stimmt: Der Staat kann das nicht garantieren, er muss es einfach
voraussetzen. Wie also sichert man die Geltung dieser Werte ab? Die Kirchen bieten hier eine vorgeblich notwendige
transzendente Begründung an: Weil die Werte göttlich legitimiert werden, müssen sie akzeptiert werden. Wobei die Kirchen
übersehen, dass das nur funktioniert, solange ihr eigener Geltungsanspruch akzeptiert wird. Und wenn man bedenkt, dass es mehr
überzeugte Demokraten als kirchentreue Christen geben dürfte, erscheint das Ganze als Angebot des Lahmen, den Gesunden zu
stützen. In Wirklichkeit ist es eher umgekehrt: Die Kirche klammert sich an den Staat, um ihre eigene Macht zu stützen. Denn
ein Wert wird zum Wert nicht durch transzendente Begründung, sondern ganz einfach dadurch, dass er den Menschen etwas wert ist.
Für die Aufgabe einer Werteerziehung heißt das: Sie soll dazu führen, dass den Schülern Demokratie etwas wert ist. Aber wie
geht das? Offensichtlich können die so verstandenen Werte nicht kognitiv vermittelt werden! Wer Werte vermitteln will, muss die
Schüler daran teilhaben lassen, um sie ihnen "schmackhaft zu machen". Das bedeutet: Wo Hilfsbereitschaft gepredigt, aber
Ellbogeneinsatz belohnt wird, werden die Kinder zwar brav auswendig lernen, dass man anderen helfen soll, aber sie werden den
Erfolg um jeden Preis schätzen lernen, ihr Wert wird der Erfolg sein. Die beste Erziehung zur Demokratie ist also eine
demokratische Schule. Das heißt nicht, dass nicht auch über Werte geredet werden muss, im Gegenteil: Um sich ihrer eigenen
Werte bewusst zu werden, um sich fortzuentwickeln und sich selbst zu finden, benötigen Schüler den Diskurs über diese Themen,
auch Denkanstöße durch die Konfrontation mit fremden Ansichten.
Ein entsprechendes Schulfach muss also zum einen den Schülern die verschiedenen Standpunkte vorstellen, einerseits durch die
Konfrontation mit den andersdenkenden Schülern (also durch integrativen, nicht nach Konfessionen getrennten Unterricht),
andererseits durch die Vorstellung anderer wichtiger Denksysteme, also die Beschäftigung mit Philosophie und
Weltanschauungskunde. Darüber hinaus muss das Fach den Schülern kritische Urteilsfähigkeit vermitteln und dabei auch die
Relativität des eigenen Standpunkts klarmachen. Absolute Wahrheiten gibt es nicht - wer dies begriffen hat,
wird gar nicht anders können, als tolerant zu sein. Werterelativismus bedeutet dies keineswegs - schließlich bleibt das Ziel
die Vermittlung bestimmter Grundwerte. Aber diese Grundwerte sind die Prinzipien des Zusammenlebens in einer pluralistischen
demokratischen Gesellschaft, die ihren Wert unabhängig von irgendwelchen transzendenten Begründungen entfalten. LER ist sicher
nicht perfekt, aber es ist ein vielversprechender Ansatz. Ist Religionsunterricht eine Alternative? Eines der wesentlichen
Argumente der Kirchen, mit dem diese zu begründen versuchen, dass Religionsunterricht sogar die bessere Alternative sei,
beweist das Gegenteil: Denn wird geltend gemacht, dass Schüler erst in ihrem eigenen Standpunkt gefestigt werden müssten, bevor
sie sich mit anderen auseinandersetzen können, heißt das nichts anderes, als dass Religionsunterricht zu aller erst der
Festigung des jeweils eigenen religiösen Standpunktes dient, und dass die Beschäftigung mit anderen Standpunkten ebenso wie die
kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen erst erfolgt, wenn die Schüler zu einer unbefangenen Auseinandersetzung überhaupt
nicht mehr fähig sind. Die Fähigkeit zur Toleranz wird damit nicht gefördert. Und was die Wertschätzung der demokratischen
Prinzipien angeht, so wird der kirchliche Standpunkt vermittelt: Ein Staat ohne Religion und damit die demokratischen
Prinzipien als solche sind wertlos. Aber eine solche Werterziehung, die den fundamentalen Prinzipien unserer Gesellschaft den
Wert explizit abspricht, brauchen Schüler ganz bestimmt nicht!