Päpstliches Eigentor

Ursula Neumann

Domradio Köln meldet am 26.9.18:

Papst Franziskus hat davor gewarnt, Fehlverhalten früherer Zeit ausschließlich nach heutigen Kriterien zu betrachten. Das gelte auch für den Umgang mit sexuellem Missbrauch…. In früheren Zeiten seien solche Vergehen überall verschwiegen worden; ‚auch in Familien, wo der Onkel die Nichte vergewaltigte, der Vater die Kinder - weil das eine riesengroße Schande war‘, so der Papst. So sei man leider im vergangenen Jahrhundert damit umgegangen.

Natürlich seien Menschen heute mit Recht durch Skandale in der Kirche empört, besonders wenn es um Missbrauch gehe, antwortete Franziskus auf eine entsprechende Frage mitreisender Journalisten. Und Kindesmissbrauch durch Kirchenmänner sei besonders „monströs“, denn die Kirche solle Kinder Gott nahebringen, statt ihr Leben zu zerstören.

‚Es gibt aber ein Prinzip, das mir hilft, die Geschichte zu verstehen‘, so der Papst: Ein historisches Faktum sei aus dem Kontext seiner Zeit zu deuten und nicht allein durch eine Hermeneutik von heute. Das gelte etwa für die Beurteilung von Verbrechen gegen indigene Bevölkerungen, die oft voller Ungerechtigkeit und äußerst grausam gewesen seien. Ähnlich verhalte es sich bei der Todesstrafe, die noch Ende des 19. Jahrhunderts auch im Kirchenstaat angewandt worden sei. Das moralische Bewusstsein wachse über die Jahre hinweg, sagte Franziskus. Auch die Kirche habe lernen müssen.

Der Verweis, man müsse den historischen Kontext mitbedenken, ist nicht nur falsch. Aber in diesem Fall bedeutet es ein klares Eigentor. Denn: wer hatte denn in „früherer Zeit“ das Sagen? Wer hatte die Macht? Wer bestimmte die Moralvorstellungen?

Goethe lässt schon vor nunmehr exakt 210 Jahren Faust sagen:

„Was ihr den Geist der Zeiten heißt,
Das ist im Grund der Herren eigner Geist,
In dem die Zeiten sich bespiegeln.“

Dass früher „solche Vergehen überall verschwiegen“ worden sind, hat doch wohl damit zu tun, dass angeblich „jede Obrigkeit von Gott“ war und deshalb sakrosankt, dass Gehorsam als ziemlich wichtigste Tugend im wahrsten Sinn eingebläut wurde. Nicht nur hinter Klostermauern – was schlimm genug ist -  war/ist (?) Kadavergehorsam die Maxime und das  gepriesene Mittel zur eigenen Vervollkommnung. Der Begriff geht auf den heiligen Ignatius von Loyola zurück, der in der Ordenssatzung der Jesuiten festlegte:  „Wir sollen uns dessen bewusst sein, dass ein jeder von denen, die im Gehorsam leben, sich von der göttlichen Vorsehung mittels des Oberen führen und leiten lassen muss, als sei er ein toter Körper, der sich wohin auch immer bringen und auf welche Weise auch immer behandeln lässt, oder wie ein Stab eines alten Mannes, der dient, wo und wozu auch immer ihn der benutzen will.“

Wer hat denn „Demut“ gepredigt, predigt sie vielleicht noch? Wobei deren Gegenteil, nämlich die Sünde des Stolzes (sie zählt zu den 7 Todsünden) schon dann zu beichten war, wenn man auch nur auf die vermessene Idee kam, Vorgesetzten Widerworte zu geben.

Wer hat denn ein patriarchales System installiert, gelebt und gepredigt?

Wer hat gegen die Gleichberechtigung der Frau (von Kindern ganz zu schweigen!) bis in die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts erbittert gekämpft? „Wer grundsätzlich die Verantwortung des Mannes und Vaters als Haupt der Ehefrau und der Familie leugnet, stellt sich in Gegensatz zum Evangelium und zur Lehre der Kirche… Orientiert euer Urteil am Worte Gottes und am Worte derer, denen der Herr sagte: „Wer euch hört, der hört mich; wer euch verachtet, der verachtet mich“ (Hirtenbrief der deutschen Bischöfe vom 30.1.53)

Wie war das denn mit der „ehelichen Pflicht“? Ich habe in meinem Theologiestudium durchaus noch von der „Bügelbretttheorie“ gehört: Es dürfe schon sein, dass die Frau keine Lust auf den – natürlich ehelichen – Beischlaf verspüre. Sie müsse auch nicht aktiv „mitspielen“. Aber sie habe sich dem Manne zur Verfügung zu stellen – quasi wie ein Bügelbrett.

Es war doch Papst Franziskus selbst, der 2015 meinte, das Schlagen von Kindern gehöre halt irgendwie zur Erziehung: „Dazu erzählte der Papst eine Anekdote: „Einmal habe ich einen Vater bei einem Treffen mit Ehepaaren sagen hören: ‚Ich muss manchmal meine Kinder ein bisschen schlagen, aber nie ins Gesicht, um sie nicht zu demütigen‘. ‚Wie schön!‘, erklärte Franziskus. ‚Er weiß um den Sinn der Würde. Er muss sie bestrafen, aber tut es gerecht und geht dann weiter.‘ “ (Die Zeit, 6.2.2015)

Ja und jetzt, wo die Hütte brennt, macht sich der Papst zum Opfer der Zeitläufe. Er ist mit diesem Trick nun wirklich nicht allein, sondern das ist eine übliche Masche, wenn sich eine Theorie, ein Machtanspruch beim besten Willen nicht mehr halten lässt. Man setzt je nachdem mal den einen, mal den andern Hut auf: Aus „Wir sind Gottes Stellvertreter und ihr habt zu folgen“ wird plötzlich „Wir sind doch alle Lernende“.
Es gibt Leute, die ganz gerührt sind, von solchen Eingeständnissen, die es großartig finden, dass selbst ein Kirchenmann sich und seine Kirche als „begrenzt“ outet, womöglich sogar so was wie ein „mea culpa“ zustande bringt. Wäre das Geständnis der eigenen Versäumnisse, Verbrechen, Irrtümer zu einem anderen Zeitpunkt gekommen, fände ich die Rührung vielleicht noch berechtigt. Nicht aber, wenn man sich mit erdrückenden Beweisen konfrontiert sieht und nicht mehr die Macht hat, diese zu unterdrücken.

Die Kirchen hatten lange genug Zeit, den Zeitgeist zu prägen. Sie hatten die Freiheit dazu. In der Bibel gibt es genügend großartige humane Aussagen und Handlungsanweisungen, die zum Entwurf einer menschenfreundlichen Moral getaugt hätten. Kein „Zeitgeist“ hat die Kirchen zu einer Moral der Unterdrückung und Grausamkeit gezwungen, sondern sie haben sich so entschieden.

Sie hatten die Wahl und sie hatten die Macht – über viele Jahrhunderte. Sich jetzt davonzustehlen, diese Großen, die sich jetzt ganz klein machen und sagen: „ach Gott, ach ja, wirklich schlimm damals… aber die Zeiten waren eben so.“, das ist perfide, feig und unanständig.

Die Worte des Papstes sind das – wohl unbeabsichtigte – Eingeständnis: Als wir die Macht hatten, war es nicht so weit her mit dem „moralischen Wachstum“, wir haben es vielmehr verhindert. Ohne uns ist mehr Wachstum möglich…. Wenigstens ein bisschen…