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Wir sind kein Vieh!

Anlässlich der aktuellen Ereignisse in der Türkei führte IBKA-Beirätin Arzu Toker ein Interview mit Zehra Pala, der Vorsitzenden des in der Türkei ansässigen Vereines Ateizm Derneği, der dem IBKA korporativ angeschlossen ist.

Toker: Können Sie für die Leser, die den Verein nicht kennen, die Gründung Ihres atheistischen Vereins zusammenfassen?

Zehra Pala: „Ateizm Derneği“ ist der erste und einzige atheistische Verein in der Türkei und überhaupt im Nahen Osten. Im April 2014 ging unsere Einladung an die Öffentlichkeit:
„Atheistischer Verein wurde gegründet. Kein Atheist wird jemals wieder vor Gericht oder auf den Straßen allein sein. Besucht uns in unseren Vereinsräumen. Wir erwarten euch auf ein Glas Tee, oder esst einfach Schnecken mit uns!“

Kundgebung von Ateizm DernegiKundgebung zum einjährigen Bestehen von „Ateizm Derneği“ © Privat

Toker: Die Schnecken gehören ja nicht zur allgemein beliebten Kost in der Türkei , insofern steckte in Ihrer Einladung auch eine Portion Provokation?

Zehra Pala: Ja, und ich glaube, dass die geistige Freiheit zu mehr Humor führt. Wir fanden uns damals über das Internet, weil damals wegen einigen Paragraphen des türkischen Rechts Persönlichkeiten wie der berühmte Pianist Fazil SAY, und der türkische Autor, Linguist und Hotelier Sevan Nişanyan verklagt wurden. Daraus entstand die Idee, die Atheisten müssen eine Organisation haben, die sie konkret juristisch unterstützt, die sie auffängt. Gut, dass wir den Verein gegründet haben, denn in der Türkei haben wir inzwischen einen Level erreicht in der sogar die Aussage „Ich bin ein Atheist“ als Beleidigung des Glaubens aufgefasst wird.
Wir Atheisten sind nun laut: „Wir sind da! Kein Atheist wird sich jemals wieder vor Gericht oder auf der Straße alleine fühlen!“

Toker: In welcher Verfassung ist der Verein nach den letzten Ereignissen?

Zehra Pala: Unser Verein versucht die Normalität aufrecht zu erhalten. Wir bemühen uns,besonders unsere Mitglieder zu stärken und Ihnen das Gefühl von Solidarität und Sicherheit zu vermitteln.

Toker: Und wie geht es dabei Ihnen als Vorsitzende?

Zehra Pala: Ich habe immer Pflichten. Aber in diesen unruhigen Tagen fühle ich mich psychologisch unter enormen Druck. Ich denke, das kommt von meiner emotionalen Bindung zu den Mitgliedern. Ich fühle mich wie ein Oberhaupt einer rieseigen Familie. Das ist gar nicht das, was man von mir möchte – aber dennoch habe ich das Bedürfnis, sie zu beschützen. Das liegt mir besonders am Herzen. Da es Menschen gibt, die aus Angst vor Repressalien nicht offiziell Mitglied werden, gilt meine Wertschätzung denjenigen Menschen, die diese Angst überwunden haben, sozusagen „ihre Hand unter den Stein stecken“ (türkisches Pendant von „Kopf und Kragen riskieren“).
„Was kann ich tun?“, „Wie können wir lauter werden?“, sind die Fragen, die mich derzeit in Beschlag nehmen.
Wir haben Glück, denn sowohl die Mitglieder als auch die freiwilligen im Verein sind voller Energie dabei. Sie engagieren sich für den Verein, aber das Recht auf Meinungsfreiheit gilt für uns leider noch nicht…

Toker: Wie betrachten Sie die aktuellen Geschehnisse?

Zehra Pala: Wir machen als Verein keine politischen Erklärungen. Wir sind ein politikferner Verein.
Ich möchte jedoch diese Frage nicht unbeantwortet lassen und die Verantwortung für diese Aussagen persönlich tragen. Ich beantworte also unter der Prämisse, dass der Verein nicht unter Verdacht gestellt wird.
Unsere Mitglieder sind, was ihre und ihrer Kinder Zukunft angeht, sehr verunsichert. Und nicht nur sie, ich denke ich kann hierbei durchaus verallgemeinern, viele Menschen die laizistisch denken und/oder Non-Theisten sind befürchten, dass die Türkei abdriften könnte.
Mit einer doppelzüngigen Auslegung der Meinungsfreiheit erhöhen sie den Druck auf die Menschen wie uns, wollen uns mundtot machen. Die Menschen haben Angst, während des Ramadans auf der Straße zu rauchen, etwas zu essen.
Die Bars werden überfallen. Die Menschen werden, weil sie im Ramadan Alkohol trinken, verprügelt. Und auch sonst gibt es Menschen die alles tun, um Andersgesinnte auf den Straßen zu verunsichern. Wir haben eine Presseerklärung in Englisch zu dem Überfall in Cihangir veröffentlicht, aber das ist nur einer unter vielen Vorfällen.
Meiner Meinung nach ist die eigentliche Frage, woher diese Aggressoren sich in einem laizistischen Land das Selbstvertrauen nehmen, Andersdenkende anzugreifen? Gilt die Demokratie wirklich für alle? Oder wiegen die Aggressoren sich in Sicherheit und handeln deshalb nach dem Motto „mir wird schon nichts passieren“, „es wird nicht geahndet“?

Toker: Gibt es auch institutionellen Druck?

Zehra Pala: Öffentlich thematisiert wird, ob der Schulunterricht nicht auf vier Tage pro Woche reduziert werden sollte, damit die Schüler freitags zur Moschee gehen. Die Menschen, die Non-Theisten sind oder die für ihre Kinder keinen Religionsunterricht wollen, befinden sich folgerichtig in einem fortwährenden Kampf.
Dies wird begleitet von Ängsten. „Wird der Staat uns auf schwarze Listen setzen?“ – „Werden die Lehrer mein Kind nicht versetzen?“ – „Werde ich meinen Job verlieren?“
Diese und ähnliche Ängste werden täglich gelebt. Die Menschen sind in eine solche Verfassung gedrängt worden, dass sie Angst haben sich zu äußern, offen zu sprechen.
Auch deshalb ist unser Verein wichtig. Auch wenn sie nicht Mitglied werden, kommen sie zu uns. Sie begegnen Gleichgesinnten, können sich aussprechen, austauschen. Sie wissen, wenn sie juristische Konflikte haben, bekommen sie Unterstützung.

Toker: Ein enormer Druck

Zehra Pala: Ja, wir können die Menschen, die unter den Geschehnissen oder familiärem Druck leiden, mittlerweile auch psychologisch unterstützen, denn wir haben einen Psychologen unter den Mitgliedern. Aber die Konflikte sind endlos. Beispielsweise sind wir derzeit auf der Suche nach Pädagogen und möchten eine Veranstaltung machen. Klar, was erwarten wir denn, wenn Grundschulkinder Religionsunterricht bekommen? Die Kinder sind irritiert und fragen ihre Familien: „Du betest nicht, musst du in die Hölle gehen?“
Stellen Sie sich das mal vor, unter welchen psychischen Druck ein Kind gerät, wenn es seine Eltern betrachtet?
Die Familien sind verunsichert. Sie wissen nicht, wie sie solche Fragen beantworten sollen. Wir planen ein pädagogisches Seminar, um sie zu unterstützen. Die Kinder sind unsere Zukunft.

Toker: Wie beschützen Sie sich?

Zehra Pala: Ich habe keinen persönlichen Schutz. Auch unser Verein nicht. Wir haben ohnehin ein kleines Büro, das nur eine Eingangstür hat, wir haben kein Fenster. Das entspricht nicht nur unserer finanziellen Situation, viele wollten uns ihre Räume nicht vermieten. Wir haben einen Panik-Button im Büro. Aber wenn wir angegriffen würden, was würde das schon helfen, auf diesen Knopf zu drücken?
Bei jeder Aktion fordern wir bei der Polizei schriftlich Schutz an. Bis heute haben wir – außer bei einer Versammlung in Ankara – weder Schutz noch Antwort bekommen.

Toker: Können Sie derzeit überhaupt öffentliche Aktivitäten durchführen?

Zehra Pala : In diesem Monat mussten wir drei Aktionen absagen, weil wir Menschen in den Medien sahen, die mit Macheten und Waffen in den Straßen randalierten. Abgesagt wurden eine Philosophie Veranstaltung, ein Picknick – Kennenlern – Tag und der Suppentag: Wir verteilen jeden Mittwoch Suppen an Obdachlose. Wir mussten absagen, denn schließlich haben wir unsere Mitglieder und Ehrenamtler nicht auf der Straße gefunden (türkisches Pendant von „findet man nicht an jeder Strassenecke“). Sie sind uns sehr viel Wert. Wir wollen ihr Leben nicht gefährden.

Suppenausgabe an ObdachloseSuppenausgabe an Obdachlose durch „Ateizm Derneği“ © Privat

Aber noch im August haben wir in Ankara ein Kennenlern – Picknick – Treffen, die Aktion steht noch, weil juristische Hilfe angefragt wurde. Ich und ein weiteres Vorstandsmitglied werden hingehen. Es gibt dort Menschen, die juristische Unterstützung brauchen. Unser juristischer Berater in Ankara wird dabei sein. Die Menschen brauchen uns gerade jetzt.

Toker: Werden Sie bedroht?

Zehra Pala: Raten Sie mal? Klar, schon seit unserer Gründung. Es gab bisher keinen ernsthaften Angriff, aber ernstzunehmende Bedrohungen.
Unser früherer Vorsitzender Tolga Inci wurde durch den Vorsitzenden des Scharia Vereins öffentlich durch ein Video mit Vers Zitaten aus dem Koran bedroht. Wir haben geklagt. Seine Strafe wurde in Geldstrafe umgewandelt. Wir hoffen, dass er dem Staat seine Strafe tatsächlich bezahlt hat.
Als ich im Telefondienst war, wurde ich sehr wüst beleidigt, obwohl ich warnte, dass die Gespräche aufgezeichnet werden. Das wurde im Verein diskutiert, im Sinne von „ob wir dich als allein lebende Frau durch eine Klage nicht noch mehr gefährden?“ Ich muss zugeben, dass ich den Druck auch spürte – aber schließlich dachte ich: „Passt das zu mir, wo ich doch allen anderen predige, keine Angst zu haben und nicht still zu sein?“ Daraufhin haben wir sofort Klage erhoben. Sie läuft noch. Mit Angst kommt man nicht weiter und kann nichts ändern, nichts bewegen. Mut ist unbedingt notwendig!
Kurz vor den Geschehnissen am 15. Juli bekam Ferial, die derzeit Telefondienst hatte, einen Anruf: „Wir werden euch niedermähen!“ Auch sie ist keine stille Person. Sie wollte klagen. Wir haben Klage eingereicht und warten nun.
Woher haben diese aggressiven Menschen diesen Mut? Diese Frage gibt uns wiederum die Kraft, nicht still zu bleiben, nein, noch lauter zu werden. Wir werden nicht schweigen.

Toker: Gibt es Austritte aus dem Verein?

Zehra Pala: Nein, ganz im Gegenteil, drei neue Mitglieder. Das macht uns Mut. Lange sollen sie leben!

Toker: Gibt es weitere „hängende“ Prozesse?

Zehra Pala: Ja. Wir haben eine Eingabe beim Verfassungsgericht. Es geht um die Schließung unserer Website. In einem der Foren wurde über Religion und den Propheten diskutiert, wobei die Diskussion von Besuchern und nicht von Mitgliedern angezettelt wurde.
Der Staat hat – statt uns zu ermahnen oder nur dieses Forum zu zensieren – gleich die gesamte Website geschlossen. Die Menschen können nicht einmal mehr ohne Furcht in Foren diskutieren! Wir sagten, Foren mit Zensur sind keine Foren, und haben unsere Foren geschlossen.
Außerdem haben ich und auch der Verein wegen einer Erklärung im staatlichen TV TRT eine Klage eingereicht. Dort sagte ein Theologie Professor „Wer nicht betet, ist ein Tier.“ Auch da veröffentlichten wir eine
Presseerklärung
in Englisch.
Weiterhin gibt es Klagen, die gegen unsere Mitglieder erhoben wurden. Und zwar aufgrund des türkischen Strafrechts, Paragraph § 216 Absatz 3

  • „(1) Jeder, der öffentlich Teile der Bevölkerung zu Hass und Feindschaft gegen andere Bevölkerungsgruppen auf der Grundlage von sozialer Klasse, Rasse, Religion, Konfession oder regionaler Besonderheiten in einer Art und Weise anstachelt, dass [hierdurch] eine klare und unmittelbare Gefahr für die öffentliche Sicherheit ausgeht, soll mit Freiheitsstrafe von einem bis zu drei Jahren bestraft werden.
  • (2) Jeder, der öffentlich Teile der Bevölkerung wegen ihrer sozialen Klasse, Rasse, Religion, Konfession, des Geschlechts oder ihrer Herkunft verleumdet, soll mit einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu einem Jahr bestraft werden.
  • (3) Jeder, der öffentlich die religiösen Werte eines Teils der Bevölkerung verunglimpft, soll mit einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu einem Jahr bestraft werden.“

Dieser Paragraph dient dazu, dass wir Atheisten keine Meinungsfreiheit haben und die religiösen Leute profitieren. Es ist wie ein Kaugummi-Paragraph, den sie in jede Richtung ziehen können. Und vor allem : immer gegen uns!
Wenn Sie z.B ihre Unvereinbarkeit mit der Religion oder die Gründe dafür aufzählen, schreiben, können Religiöse behaupten, dass sie in ihren religiösen Gefühlen verletzt worden seien und Sie somit zum Schweigen zwingen. Und selbst wenn diese Leute Sie wüst beschimpfen, werden Sie schuldig gesprochen, weil Sie diese Leute provoziert hätten.
Und vor einigen Monaten bemerkten wir, dass die Klageschriften gegen unsere Mitglieder nicht an ihre eigene private Adresse geschickt werden sondern an den Verein.
Wir fragten uns:
Woher wisst ihr, dass diese Menschen Mitglieder oder Ehrenamtler des Vereins sind?
Ist es nur ein Zufall, dass die verklagten Menschen Vereinsaktive oder Mitglieder sind?
Warum werden diese Klagen ans Vereinsbüro gesendet?
Die Antwort ist einfach. Weil sie wissen, dass die Beklagten mit dem Verein zu tun haben werden sie verklagt. Man versucht, sie einzuschüchtern. Unsere Mitglieder und Aktiven sind aber keine Menschen, die man so einfach mundtot machen kann. Ich möchte, dass man sich dies bitte merken soll. Denn die Non-Theisten sind nicht allein. Wir sind immer mit Ihnen!
Wir leisten auch juristische Hilfe an Non-Theisten, die keine Vereinsmitglieder sind.

Toker: Sie hatten in Ihrer Rede in Köln gesagt, dass Ateizm Derneği kein Verein gegen Religion ist.

Zehra Pala: Stimmt. Wir haben eigentlich nichts mit Religion zu tun. Was wir bezwecken ist, die Aufklärung über Vorurteile und seltsame Gerüchte über Atheisten und Non-Theisten.
Es ist ärgerlich ständig beschuldigt zu werden mit Aussagen wie „Wenn sie keine Religion haben dann sind sie schlecht“ oder „Wer keine Religion hat, hat keine Moral“ oder „Von Leuten, die keine Religion haben, kann man alles erwarten.“ Die Liste der Beleidigungen, der Kränkungen ist endlos.

Toker: Sucht der Verein den Dialog mit Religiösen?

Zehra Pala: Ja, durchaus. Um aufzuklären. Voriges Jahr wurden ich und der stellvertretende Vorsitzende Süleyman Karan zur Theologischen Fakultät der Universität Istanbul eingeladen. Herr Mustafa Tekin, der uns eingeladen hatte, moderierte die Veranstaltung. Sein Ansatz war: „Wir hören über diese Menschen und glauben, zu wissen – aber wir wollen sie auch mal persönlich sehen und hören.“

Ateizm Dernegi auf dem Podium„Ateizm Derneği“ auf dem Podium © Privat

Genau das ist der richtige Weg. Der Saal war voll. Die Blicke, als wir eintraten, unterschieden sich gänzlich von denen, die ich am Ende der Veranstaltung sah. Es gab zwischendurch auch Hardliner, aber die Moderation von Herrn Tekin war sehr gut. Ein Teilnehmer hat die Veranstaltung scheinbar live ins Internet übertragen. Wir wurden in den Kommentaren wüst beschimpft. Leider. Das passiert nicht selten.
Herr Tekin hatte für fünf Sicherheitskräfte gesorgt. Man sagte uns, dass es in der Theologischen Fakultät bei einer Veranstaltung zum ersten Mal Sicherheitskräfte gab. Aber es gab auch zum ersten Mal einen solchen Andrang an Teilnehmern. Um die Sichtweise zu ändern, beteiligen wir uns an allen Veranstaltungen, an denen wir teilnehmen können.
Zum Beispiel wird jährlich im April / Mai die „Lebendige Bibliothek“ veranstaltet. Die Stiftung Ehrenamt von Gestern bis Heute führt sie durch. Sie gehen also dorthin als ein lebendes Buch. Die Leser kommen und lesen Sie. Wir gehen als Atheistisches Buch hin. Beantworten die gestellten Fragen. Wenn sie unsere Geschichten hören, ändert sich die Sichtweise der Besucher. Es gibt so viele falsche Informationen. Insbesondere verschleierte Frauen sind sehr interessiert. Manchmal geben sie uns Ihre Telefonnummern oder umarmen uns. So muss es sein. Jeder hat das Recht auf seinen eigenen Glauben, seine eigenen Gedanken. Diese Freiheit ist Menschenrecht. Wichtig ist, den Anderen keinen Schaden zuzufügen. Reicht diese riesige Welt nicht für uns alle?

Toker: Danke vielmals.

Zehra Pala: Ich danke im Namen aller Vereinsmitglieder und der Non-Theisten. Die Presse der Türkei meidet uns wie die Pest. Wir haben leider nicht so große Möglichkeiten uns zu erklären, uns auszudrücken.