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Vorstellung der UAAR

Lorenzo Lozzi Gallo

Vorstellung der Unione degli Athei e degli Agnostici Razionalisti (UAAR), Italien

UAAR ist eine vergleichsweise neue Organisation. Sie wurde 1987 gegründet und 1991 staatlich anerkannt. Vorher hatte Italien noch nie eine organisierte atheistische / agnostische / freidenkerische Bewegung.

Auch wenn die meisten italienischen Politiker ihre Karriere als Antiklerikalisten starten (vgl. Benito Mussolini und, in späteren Jahren, Umberto Bossi, Italiens Antwort auf Jörg Haider), so ändern sie doch, kurz nachdem sie zu Amt und Würden gelangt sind, ihre Ansicht. Vermutlich ist es weitgehend unbekannt, dass Mussolini in seinen ersten Reden als Sozialist folgende Ansicht von sich gab: "Ein religiöser Mann ist ein geringwertigerer Mensch." Jedermann weiß, wie das endete. Mussolini gab der katholischen Kirche nach und machte riesige Zugeständnisse, speziell (aber nicht nur) im ersten Konkordat, welches seit der Zeit aufgrund der darin enthaltenen enormen Macht ein Modell für die Kirche darstellt. Seitdem der Papst nicht mehr einen großen Teil Italiens beherrscht, hat die katholische Kirche wieder mehr und mehr Einfluss auf die Gesellschaft gewonnen. In der jüngsten Geschichte, just einige Monate her, verabschiedete das italienische Parlament ein Gesetz, in welchem es feststellte, dass ein Embryo vom Zeitpunkt der Empfängnis ein Staatsbürger ist. In diesem Gesetz wurden zum ersten Mal homosexuelle (gemeint sind lesbische) Paare erwähnt - nur um ihnen den Zugang zur künstlichen Befruchtung zu verbieten. Dieses Gesetz unterminiert das Recht auf Abtreibung, welche in Italien bis 3 Monate nach der Empfängnis zulässig ist, und es führt neue, Homosexuelle diskriminierende Elemente in einem der größten Länder der EU ein. Sowohl Abgeordnete der politischen Linken wie auch der Rechten stimmten für das Gesetz, so dass es mit überwältigender Mehrheit angenommen wurde. Als einzige Organisationen waren die Schwulen, die Feministen und die UAAR gegen das Gesetz.

Bevor Berlusconi an die Regierung kam, hatte sich die UAAR hauptsächlich auf 3 Schwerpunkte konzentriert: erstens: auf die Gewährleistung des Rechts, die katholische Kirche freiwillig zu verlassen; zweitens: auf den Kampf gegen Kruzifixe in öffentlichen Gebäuden und Einrichtungen; und drittens: Versuchen zu widerstehen, die staatlichen Schulen zu unterminieren, um private, konfessionelle Schulbildung (nahezu komplett in den Händen der katholischen Kirche) zu fördern.

1. Bis vor einigen Jahren war es unmöglich, aus der katholischen Kirche auszutreten. Dies lag daran, dass alle Statistiken auf den Taufregistern basierten, und die Kirche hatte sich immer geweigert, Leute auf ihren Wunsch hin aus ihren Mitgliedsverzeichnissen zu streichen, und es war ihrer Aussage zufolge unmöglich, "das göttliche Siegel der Taufe" zu löschen und in die "Gesetzgebung eines ausländischen Staates" zu integrieren. Natürlich war dies ein reiner Schwindel: was die Nichtgläubigen und Freidenker wirklich wollten, war, dass sie nicht als Katholiken gezählt wurden, wenn sie es denn nicht waren. Jedermann wird zustimmen, dass kaum ein/e Atheist/in daran glauben wird, dass es so etwas wie ein unsichtbares Siegel auf der ebenfalls unsichtbaren unsterblichen Seele gibt und dass sie/er daher kaum die Stornierung einer nicht-existenten Sache fordern wird. Zum Schluss beschloss das Amt für Datenschutz, dass es nicht möglich wäre, aus den Registern gestrichen zu werden, aber dass die Vikare in den Registern vermerken müssten, dass die betreffende Person nicht mehr zur katholischen Kirche gehörte und dies auf Wunsch schriftlich bestätigt werden müsste. Dies gibt es nun seit 2 Jahren und hat zu vielen interessanten Effekten geführt. Priester weigerten sich hysterisch, das Gesetz zu akzeptieren und versuchten, die Leute einzuschüchtern. Bei Jugendlichen versuchten sie, unzulässigen Druck auf die Eltern auszuüben. Bisher gab es noch keine Prozesse, aber es ist möglich, dass bald einige Leute fordern werden, dass das Gesetz umgesetzt wird und die unwilligen Priester bestraft werden.

2. Ein anderer, eher symbolischer Streitpunkt sind die Kruzifixe, die überall in den öffentlichen Institutionen hängen, natürlich aus Steuermitteln bezahlt. Es gibt kein Gesetz zu Kruzifixen in öffentlichen Plätzen, nur einige Vorschriften, die im Faschismus erlassen wurden. Seitdem wird diskutiert, ob diese Vorschriften noch gültig sind, wurden sie doch unter einer anderen Verfassung erlassen. Deren erster Satz lautete damals: "Italien ist ein Königreich, dessen offizielle Religion das römisch-katholische Christentum ist." Der erste Artikel der neuen Verfassung besagt schließlich, "dass Italien ein Land ist, dessen Fundament die Arbeit ist. Alle Macht geht vom Volke aus, welches sie in einer Weise ausübt, wie sie in der Verfassung selber festgelegt ist" und der 3. Artikel besagt, dass es keine Diskriminierung aus religiösen Gründen geben darf. Bis heute haben sich die Institutionen immer darauf berufen, dass das "Christentum ein wichtiger Teil der Geschichte unseres Landes ist, dessentwegen es eines speziellen Schutzes bedarf".

Vor kurzem hat allerdings der Verfassungsgerichtshof entschieden, dass das Gesetz, welches verbietet, anlässlich von Wahlen irgendwelche Symbole auszustellen, das Kruzifix mit einschließt. Da dieses Gesetz weitgehend unbeachtet bleibt, gibt es viele Reibungspunkte zwischen unseren Vertretern und den klerikalen Präsidenten der Parlamente. Diesmal hat die UAAR offiziell vom Innenministerium verlangt, eine Vorschrift für die nächsten Wahlen zu erlassen, aber bisher wurden noch keine Schritte unternommen. In der Zwischenzeit beabsichtigen einige Abgeordnete der Lega (eine rechtsextreme Bewegung mit Regierungsbeteiligung, vergleichbar Haiders FPÖ oder Le Pens Front National) ein neues Gesetz zu verabschieden, durch das Kruzifixe überall in Italien Vorschrift würden, selbst in Flughäfen oder anderen Bereichen des öffentlichen Lebens, die bisher verschont geblieben waren. Dieses Projekt droht die gesamte bisherige Arbeit der UAAR zu zerstören und es wird extrem wichtig sein, dass eine starke ablehnende Bewegung außerhalb Italiens uns in diesem Kampf unterstützt.

3. Zur Zeit wird die konfessionelle Erziehung in staatlichen Schulen durch das italienische Konkordat von 1984 garantiert. Dies legt fest, dass alle Schulen Religionsunterricht anbieten müssen. Dieser ist de facto obligatorisch, da es keine verfügbaren Alternativen gibt und viele Lehrer die Kinder quasi zwingen, daran teilzunehmen, so dass die Teilnahmezahlen bei diesem offiziell freiwilligen Unterrichtsfach landesweit bei 93 - 96 % liegt. Vor kurzem hat Berlusconis Regierung einen weiteren Schritt hin zur Klerikalisierung der staatlichen Schulen gemacht: alle Lehrer, die Religionsunterricht erteilen, müssen vom Bischof genehmigt werden. Bisher wurden sie schlicht gefeuert, wenn sie keine Zustimmung erhielten. Nunmehr werden sie in den Schulen beschäftigt werden müssen, egal, ob sie die Abschlussprüfung bestanden haben oder nicht. Insofern liegt die Vermutung nahe, dass in einigen Jahren rund 100 % aller Lehrer ehemalige Religionslehrer sein werden, die ansonsten keinerlei Abschluss haben (Religionslehrer werden nicht aufgrund eines Abschlusses, sondern aufgrund einer Empfehlung angestellt). Zu guter (bzw. schlechter) Letzt wird Berlusconis Regierung nunmehr unsere Verfassung ändern, welche bisher dem Staat verbietet, Privatschulen finanziell zu fördern. Daher werden die meisten Studenten private (meistens katholische) Universitäten besuchen, welche leichter und besser ausgestattet sind. UAAR arbeitet intensiv zu diesem Thema, aber es ist außerordentlich schwierig, hierin von irgendeiner Partei, egal ob rechts oder links, eine Unterstützung zu erhalten. In einem Land, in dem hochrangige Vertreter der Kirchen ganz unverblümt sagen, "wir unterstützen nur diejenigen, welche uns 'Geschenke' geben" hat eine nichtklerikale Politik nur geringe Chancen. Dies bedeutet, dass die UAAR auf politischen Druck aus anderen, zivilisierteren Ländern Europas angewiesen ist, um den klerikalen Druck zu erleichtern. Dies ist nicht nur eine Hilfe für Italiens Atheisten und Agnostiker, sondern auch für die gesamte Europäische Union, da Italien einer der größten Mitgliedsstaaten ist und ebenfalls eine entscheidende Rolle im Europäischen Parlament spielt (wie der Beitritt der Forza Italia zur Gruppe "Populare" gezeigt hat).