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Antikriegstage '74

Aus: MIZ 3/74

"Und abermals krähte der Hahn" - diesmal in der Redaktion der Frankfurter Rundschau. Nachdem sie mehrmals ausführlich über das Treffen des Weltkirchenrats in Westberlin berichtet hatte, wurde ein Beitrag ihres Berliner Mitarbeiters über die parallel stattfindenden Antikriegstage "wegen zu geringer Aktualität und Platzmangel" nicht berücksichtigt. Da die von uns sonst sehr geschätzte Frankfurter Rundschau bisher auch von einer in Aussicht gestellten "auszugsweisen Veröffentlichung zu einem späteren Zeitpunkt" abgesehen hat, publiziert MIZ nachstehend diesen Artikel.

Gegenveranstaltung zum Treffen des Weltkirchenrats

Aus Anlaß der Tagung des Genfer Weltkirchenrats in Westberlin hatte der "Bund der Konfessionslosen e. V." (bundesweit: BDK) zu einer Gegenveranstaltung unter der Bezeichnung "Antikriegstage" aufgerufen. Unter dem Motto "Friedensheuchelei und Herrschaftsanspruch - Eine Antwort an den Weltkirchenrat" sprachen u. a. der bekannte Kirchenkritiker Karlheinz Deschner ("Und abermals krähte der Hahn") und der aus der Kirche ausgetretene katholische Theologieprofessor Hubertus Mynarek ("Herren und Knechte der Kirche").

Auf der Eröffnungsveranstaltung am 11. August zeigte Deschner in einer brillanten Polemik die Affinität von Kirche und Krieg bis in die heutige Zeit auf. Zitate aus Ergebenheitsadressen der Kirchen an Hitler während des Zweiten Weltkriegs sowie aus kirchlichen Erklärungen zur sittlichen Beurteilung von Atomwaffenanwendung versetzten selbst das durchweg kirchenkritische Publikum in Erstaunen.

In dem daran anschließenden Vortrag von Professor Mynarek sprach dieser den Friedensbemühungen Papst Paul VI. jede Glaubwürdigkeit ab. Das ausschließliche Ziel der Friedens- und Entwicklungshilfepolitik des Papstes sei die Sicherung der Macht der katholischen Kirche. Die Haltung des Papstes zur Empfängnisverhütung zeige, so Mynarek, daß die Kirche der Bevölkerungsentwicklung und dem Ernährungsproblem "mit eisiger Kälte und Erbarmungslosigkeit" gegenüberstehe.

Auf einer weiteren Veranstaltung der Antikriegstage sprach Mynarek über einige Aspekte seines verbotenen Buches "Herren und Knechte der Kirche". Die bedingungslose Anpassung an die kirchliche Hierarchie, von Mynarek "Kirchlichkeit" genannt, gelte in Kreisen der Amtskirche weit höher als die Erfüllung sittlicher Normen. Die widernatürlichen sexuellen Restriktionen, denen die katholische Geistlichkeit unterworfen sei, würden durch "Geltungs- und Geldsucht", Feinschmeckertum, Eitelkeit, Karrierismus, übertriebene Körperpflege, Hypochondrie und andere Verhaltensabnormitäten kompensiert. Diese Phänomene seien weiter verbreitet und stärker ausgeprägt, als gemeinhin von Außenstehenden angenommen werde. Ferner berichtete Mynarek von Methoden, mit denen man ihn im Zusammenhang mit seiner umstrittenen Buchveröffentlichung materiell und psychisch aufzureiben versuche.

Der Streit um Mynareks Buch "Herren und Knechte der Kirche", in dem er die oben genannten Erscheinungen unter Nennung von Namen konkretisiert hatte, ist vor das Bundesverfassungsgericht gelangt. Laut Katholischer Nachrichten-Agentur (KNA) hatte der Anwalt der betroffenen Kleriker und Theologie-Professoren wegen eines Verfahrensfehlers den Fall vor das oberste bundesdeutsche Gericht gebracht. Dies geschah am 14. August 1974. Da Mynarek seine Vorträge am 11. und 13. August gehalten hatte, nimmt er an, daß die neuerliche Verschärfung des Rechtsstreits mit seinen kritischen Äußerungen auf den Veranstaltungen des Bundes der Konfessionslosen zusammenhängt. KNA hatte darüber berichtet.

Der Vorstoß der Kirchenvertreter gewinnt dadurch eine gewisse Brisanz, daß, wie es heißt, auch die Frage zu prüfen sei, "wann die Meinungsfreiheit durch das Recht der persönlichen Ehre eingeschränkt sei" (KNA). Mynarek appellierte besonders an die Journalisten, diesen Versuch, die Meinungsfreiheit zu untergraben, kritisch im Auge zu behalten. Der Bundesvorsitzende des BDK erklärte, daß dies ein weiterer Ansatz der rechten Kräfte in der Bundesrepublik sei, das Bundesverfassungsgericht politisch zu instrumentalisieren.

Antikriegstage aus kirchlicher Sicht

Attacke gegen päpstliche Friedens- und Ostpolitik

Berlin, 12. August (KNA) Massive Kritik an der Friedenspolitik von Papst Paul VI. hat der frühere katholische Geistliche und Wiener Universitätsprofessor Hubertus Mynarek geübt. Sie bewege sich zwischen dem "unüberbietbaren Idealismus" und einer "unüberbietbaren langweiligen Abstraktion", erklärte er am Sonntag abend, 11. August, im West-Berliner Studentenhaus am Steinplatz. Der aus der Kirche ausgetretene und durch sein zwischenzeitlich durch Gerichtsbeschluß verbotene Buch "Herren und Knechte der Kirche" bekanntgewordene Theologe sprach im Rahmen der "Antikriegstage", die eine Initiativgruppe aus Anlaß der gegenwärtig in Berlin stattfindenden Zentralausschußtagung des Genfer Weltkirchenrates veranstaltet. - Die Aussagen Paul VI. zum Frieden, zur Entwicklungshilfe und zur Bevölkerungsentwicklung offenbarten im Kontext einen Ausdruck "eisiger Kälte und Erbarmungslosigkeit" den Menschen gegenüber, behauptete Mynarek vor den rund 200 Zuhörern. Der Papst starte Friedensinitiativen nur dann, wenn die Interessen der katholischen Kirche nicht beeinträchtigt würden. Bei seinem Gedanken von einer moralischen Weltautorität gehe es einzig um die "Superstaatsideologie" der Kirche, die der Heilige Vater lediglich den aktuellen Gegebenheiten der Vereinten Nationen angepaßt habe, sagte der Expriester. Dem Papst, so äußerte Mynarek weiter, komme es vornehmlich auf die Sicherung des Einflusses der Kirche auf allen politischen Schauplätzen an, demgegenüber das Bemühen um Frieden nur untergeordnete Bedeutung habe. - In diesem Zusammenhang attackierte Mynarek heftig die vatikanische Ostpolitik. Er verglich sie mit dem Streben der mächtigsten Päpste des Mittelalters und meinte, es handele sich dabei um einen "auf eigenen Vorteil bedachten diplomatischen Winkelzug". Der Vatikan benutze dabei die kommunistischen Systeme als "Helfershelfer", um die "hierarchische Struktur" seiner eigenen Kirchen in den sozialistischen Ländern zu garantieren. (KNA - Nr. l84/Dienstag, 13. August 1974.)

Mynarek: Kirche will mich materiell vernichten

Berlin, 14. August (KNA) Die Absicht, "ihn materiell so zu vernichten", daß es ihm auf Dauer auch psychisch unmöglich werde, weiter wissenschaftlich zu arbeiten und zu publizieren, vermutet der frühere katholische Geistliche und ehemalige Wiener Universitätsprofessor Hubertus Mynarek als Hintergrund der von kirchlicher Seite gegen ihn wegen seines Buches "Herren und Knechte der Kirche" angestrengten Prozesse. Wie bei einer Vortragsveranstaltung Mynareks aus Anlaß des zur Zeit in West-Berlin tagenden Genfer Weltkirchenrates mitgeteilt wurde, belaufen sich die Aufwendungen von Mynarek für Anwaltskosten und Gerichtsgebühren bereits auf 30 000,- DM. Mynarek widmete sein Referat am Dienstag abend, 13. August, in der Akademie der Künste dem Thema "Priester im 20. Jahrhundert". Nach seiner Ansicht stehen die sogenannte "Kirchlichkeit" der überwiegenden Mehrheit der Theologen und heutige Formen der Inquisition in einem Zusammenhang. An anderer Stelle erklärte er zur Frage des Zölibats' da die Priester um ihrer "sexualerotischen Dimension beschnitten" worden seien, kennzeichne sie stärker als andere Menschen "Geltungslust" und "erhöhtes Imponiergehabe". Mynarek ist der Meinung, daß "kirchentreue Zölibatssünder" seltener mit Disziplinarverfahren zu rechnen haben. (KNA - Nr.186/ Donnerstag, 15. August 1974.)

Antwort an den Weltkirchenrat blieb aus

Berlin, 12. August 1974 (epd) Mit einer Gegenveranstaltung zur Tagung des Zentralausschusses des Weltkirchenrates wurden am 11. August im Studentenhaus der Technischen Universität "Antikriegstage" eröffnet, zu denen eine neugebildete Vereinigung eingeladen hatte. Träger ist in der Hauptsache der vor drei Jahren in Berlin gegründete "Bund der Konfessionslosen", dessen Vorsitzender Frank L. Schütte sich darüber beschwerte, daß der Berliner Senat für die Tagung des Weltkirchenrats 200 000 DM bewilligt habe, "um auch noch den letzten Missionar aus Asien nach Berlin zu holen", während seine Organisation keine Zuschüsse erhalten habe. - Die Referenten zum angekündigten Thema "Friedensheuchelei und Herrschaftsanspruch - Eine Antwort an den Weltkirchenrat" erwähnten die ökumenische Konferenz nur am Rande. Sie setzten sich mit der Geschichte der christlichen Kirchen "von der Antike bis zur Gegenwart" sowie mit dem Wirken von Papst Paul VI. auseinander. Der durch einschlägige Veröffentlichungen bekannt gewordene Autor Karlheinz Deschner vertrat die These, daß die Kirchen ein "eigentümliches Vergnügen" daran hätten, "von Jahrhundert zu Jahrhundert im Blut der Menschheit zu schwimmen und dazu Hallelujah zu singen". Es gehe den Kirchen nicht um den Frieden oder Gerechtigkeit, sondern darum, "mit den Wölfen zu heulen, um mit den Wölfen zu überleben". Der frühere katholische Theologieprofessor Hubertus Mynarek legte dar, daß der Papst mit seinen Äußerungen zum Frieden in Wirklichkeit die Sicherung und Stärkung des Einflusses der katholischen Kirche erreichen wolle und damit "mehr Kriegspolitik als Friedenspolitik" betreibe. - Die ebenfalls als Referentin angekündigte frühere Vorsitzende der Jungdemokraten, Ingrid Matthäus, Mitglied der Kirchenkommission der F.D.P., erschien nicht. Mehr als zweihundert überwiegend jugendliche Zuhörer spendeten den Referenten lebhaften Beifall. (Evangelischer Pressedienst / epd-Sonderausgabe zur Tagung des Zentralausschusses des Ökumenischen Rates der Kirchen in Berlin, Nr.3 vom 12. August 1974.)

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