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Atheisten in der Bonifatiusstadt

Ende September 1991 fand in Fulda der erste Atheistenkongreß der Nachkriegsgeschichte statt

Aus: MIZ 4/91

Die national-religiöse Symbolik des Ortes nutzend, versammeln sich seit 1867 die deutschen Bischöfe am Grab des Hl. Bonifatius in Fulda. Im Anschluß an die diesjährige Bischofskonferenz veranstalteten der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA e.V.) und der AStA der Fachhochschule Fulda vom 27. bis 29. September den ersten Atheistenkongreß der deutschen Nachkriegsgeschichte.

"Apostel der Deutschen" und Symbol christlicher Intoleranz

Bonifatius, sein eigentlicher Name war Winfried (672-754), wird von Katholiken als "Apostel der Deutschen" verehrt. Seine Hagiographie erzählt davon, daß er die Eiche von Geismar fällte, einen heiligen Baum, der dem Gott Donar (Thor) geweiht war. Die Zerstörung dieses "heidnischen" Heiligtums, die Bonifatius nur unter dem Schutz militärischer Macht durchführen konnte, setzt gleichsam den Anfang katholischer Kirche in Deutschland. Dutzende von Kloster- und Gemeindegründungen im heutigen England, Frankreich, Osterreich, Holland und Deutschland gehen auf Bonifatius zurück.

Die eigentliche Bedeutung des Bonifatius kann in der politischen Unterwerfung christlicher Gemeinden unter die Zentralgewalt von Papst Gregor II. gesehen werden.

Angeblich wurde Bonifatius - bereits über 80 Jahre alt - beim Predigen von "Heiden" erschlagen. Die "Beweise" seines Martyriums sind noch heute im Fuldaer Dommuseum der Nachwelt erhalten: Die vermeintliche Tatwaffe, ein Dolch, sowie ein dickes Buch, der Ragyndrudis Codex II, mit dem Bonifatius vergeblich die Stiche seines Mörders abzuwehren suchte. Einschnitte in den Buchseiten des Codex sind angeblich die Spuren seines Kampfes mit den Mördern. Wieviele "Heiden" Bonifatius eventuell selbst erledigte, erfahren wir nicht. Zwar zeigt ihn die lkonographie gelegentlich mit einem Schwert in der Hand, doch andere Bilder zeigen ihn friedlich mit einem Hirtenstab. Im Dommuseum gibt es übrigens auch die Schädeldecke des Bonifatius zu bewundern, eingefaßt in roten mit Brokat durchwirkten Samt. Und eingeweihte Domführer berichten dem staunenden Katholiken flüsternd, daß in der Gruft des Bonifatius auch dessen Gallensteine in einer Silberschatulle beigesetzt worden seien.

Wenn die deutschen Bischöfe sich alljährlich am Grab des "Apostels der Deutschen" versammeln, haben sie anderes im Sinn. Sie beschwören national-religiösen Ursprungsmythos. Immer schwieriger wird es allerdings, das Werk des Bonifatius als christliches Missionsideal zu verklären. Heute muß das Fällen der Eiche von Geismar als ein Symbol christlicher Intoleranz und brutaler, politisch-religiöser Unterwerfung gesehen werden. Es konnte daher kaum einen günstigeren Ort für die Durchführung des ersten Atheistenkongresses der deutschen Nachkriegsgeschichte geben.

Tumulte beim Abschlußgottesdienst der Bischöfe

Die diesjährige Bischofskonferenz stand im Zeichen der Re-Christianisierung der neuen Bundesländer und am Anfang einer christlichen Offensive zum § 218. Und es ist kaum Zufall, daß etwa zeitgleich die politischen Anträge zum § 218 dem Bundesrat zur Beratung übergeben wurden.

Während des Abschlußgottesdienstes der Bischöfe kam es dann zu Demonstrationen verschiedener Gruppierungen vor dem Dom. Schließlich zogen Mitglieder der Frankfurter Schwulengruppe Act up in den Dom, um Transparente zu entrollen. Es kam zu tumultartigen Szenen und schließlich zu einer Rauferei während des Gottesdienstes, die auch anwesende Pressevertreter in Mitleidenschaft zog. Denn die Gläubigen, welche die Zerstörung des "heidnischen" Heiligtums durch Bonifatius als heiligen Akt feiern, fühlten sich in ihrem Heiligtume nun selbst gestört - und wehrten sich handgreiflich. Vor allem aber die grobschlächtigen Kommentare ihres Fuldaer Oberhirten Johannes Dyba - O-Ton: "hergelaufene Schwule", "Formation aggressiver und zumeist HIV-infizierter Homosexueller", "Abtrünnige und Judasfiguren" - beschäftigten wochenlang die Presse. Als Bischof von Fulda hatte er sich im Dezember 1988 mit einem "Trauergeläut für die Abtreibungsopfer" bereits einen Namen gemacht. Im hessischen Landtag wurde er daraufhin "Glöckner von Fulda" geschimpft, während die Liberalen sich zu der Äußerung hinreißen ließen: "Über Fulda liegt der Pesthauch der Inquisition". So sehr ihm auch der "Schutz des ungeborenen Lebens" am Herzen liegt, während des Golf-Krieges sah Dyba, der auch Militärbischof ist, das christliche Tötungsverbot für die Piloten der US-Bomber außer Kraft gesetzt.

Positives Presseecho auf den Atheistenkongreß

Der Atheistenkongreß konnte erstmals die Kritik an der staatlichen Finanzierung der Kirchen in Deutschland sichtbar machen. Denn im Anschluß an die Pressekonferenz der Bischöfe fand eine weitere Pressekonferenz des IBKA in Fulda statt (beider dann etwa doppelt so viele Vertreter von Presse, Radio und Fernsehen anwesend waren). Vertreter des IBKA machten deutlich, daß die Zahl der jährlichen Kirchenaustritte in Deutschland in diesem Jahr erstmals die Rekordmarke von 300.000 überschreiten werde. Rund ein Viertel aller Bundesbürger seien bereits konfessionslos. Die praktizierte Privilegierung der beiden Kirchen widerspräche nicht nur dem Auftrag des Grundgesetzes, sondern lasse sich angesichts dieser Entwicklung auch politisch nicht mehr rechtfertigen.

Nahezu alle größeren Tageszeitungen und mehrere Regionalsender des Rundfunks brachten Berichte und Interviews zum Atheistenkongreß. Noch nie zuvor hatten Konfessionslose eine solche Aufmerksamkeit in den Medien erfahren. Mit der positiven Berichterstattung war bereits ein wesentliches Ziel des Kongresses erreicht.

Trennung von Staat und Kirche - Gegen Krieg und Fundamentalismus!

Der Atheistenkongreß hatte zwei inhaltliche Schwerpunkte, die Forderung nach Trennung von Staat und Kirche, zum anderen die kritische Auseinandersetzung mit Fundamentalismus und Krieg.

Karlheinz Deschner, wohl der bedeutendste Kirchenkritiker der Gegenwart und Mitglied im Beirat des IBKA, sprach vor rund 300 Zuhörern über die "Politik der Päpste im 20. Jahrhundert". Sein Vortrag bildete die Auftaktveranstaltung des Kongresses. Die bekannte Schriftstellerin Kriemhild Klie-Riedel eröffnete dann am nächsten Morgen den Kongreß mit einem Gedicht, das sie eigens zu diesem Anlaß verfaßt hatte. Rund 150 Teilnehmer waren aus allen Teilen Deutschlands und aus dem benachbarten Ausland angereist, darunter zahlreiche Vertreter der verschiedenen Verbände von Konfessionslosen. Die Moderation übernahm zunächst Angelika Ludwig von der Alternativen Liste in Berlin. Von Gerhard Rampp (bfg Augsburg) wurde eingangs ein Trend aufgezeigt, der in Politik und Öffentlichkeit noch unterschätzt wird. Die sprunghaft angestiegenen Kirchenaustritte machen deutlich, daß Konfessionslose sich von einer Minderheit zu einer gesellschaftlich relevanten Gruppe entwickeln. Daran schloß sich ein Vortrag von Rechtsanwalt Erwin Fischer an - mit über 87 Jahren der "Nestor" der Staat-Kirche-Diskussion in Deutschland. Er ist nicht nur Verfasser zahlreicher juristischer Aufsätze, sondern auch eines Standardwerkes, das sich mit der Trennung von Staat und Kirche befaßt. Sein neustes Buch "Volkskirche ade!", das in Kürze erscheint, steht gleichsam programmatisch für sein gesamtes Lebenswerk. Jürgen Roth von der Humanistischen Union, er arbeitete jahrelang für die GRÜNEN in Bonn, diskutierte anschließend die Frage, wie die politische Forderung nach Trennung von Staat und Kirche durchzusetzen sei.

Fortgesetzt wurde der Kongreß am Nachmittag in verschiedenen Gesprächskreisen, bei denen Assunta Tammelleo vom IBKA und Gunnar Schedel vom Libertären Forum Aschaffenburg die Moderation übernahmen. Prof. Edgar Baeger, im Beirat der Humanistischen Union, machte deutlich, daß die im Grundgesetz geforderte Einrichtung eines Religionsunterrichts als "ordentliches" Lehrfach diesen eigentlich zu einem "außerordentlichen" Lehrfach mache. Eine Pflicht zur Teilnahme am Religionsunterricht könne es so wenig geben wie eine Pflicht, irgendein "Ersatzfach" zu belegen. Scharf kritisierte Prof. Baeger daher die Einführung des "Ethikunterricht" als "Ersatzfach", aber auch das von Freidenkern an öffentlichen Schulen unterrichtete Ersatzfach "Lebenskunde". Der Tübinger Soziologe Prof. Dr. Johannes Neumann ging anschließend Klischee an, die Kirchen täten "soviel Gutes". Sein Beitrag war eine kritische Bestandsaufnahme christlicher Sozialarbeit in Deutschland. In einem weiteren Gesprächskreis zeigte Frank Schütte den Einfluß der Kirchen auf das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Über "Militärseelsorge im wiedervereinigten Deutschland" sprach Dr. Wilfried Breyvogel und über "Sterben und Tod in unserer Gesellschaft - christliche Ent(seel)sorgung oder menschliche Selbstbestimmung?" die Berliner Journalistin Bettina Recktor. Gerade an den letzten Beitrag knüpfte eine heftige Debatte an, die zeigte, wie groß der Diskussionsbedarf zu diesem Thema ist. Die Psychologin Ursula Neumann zog mit ihrem wohltuend frischen Beitrag eine Verbindung "Von der Gleichberechtigungsdebatte zum §218".

Die zweite Abendveranstaltung setzte sich vornehmlich mit dem islamischen Fundamentalismus auseinander. Der iranische Exilschriftsteller Dr. Bahman Nirumand schloß damit eine wichtige Lücke. Er machte zunächst deutlich, wie wenig wir über den islamischen Fundamentalismus wissen und wie oft diese Lücke mit Vorurteilen und Klischees gefüllt wird. Die lebendige Diskussion nach seinem Beitrag zeigte aber auch ein Dilemma, das der Tübinger Religionswissenschaftler Prof. Dr. Günter Kehrer auf den Punkt brachte: Als Atheisten und Religionskritiker können wir einerseits den Islam von Kritik nicht aussparen - müssen andererseits aber Moslems als Minderheit gegen die feindlichen Haltung verteidigen, mit der man ihnen hierzulande begegnet. Können und sollen wir daher den Islam, angesichts der Angriffe von Rechtsradikalen in Deutschland überhaupt noch kritisieren? Eindringlich bat Bahman Nirumand die Teilnehmer des Kongresses darum, sich offen der Hetzkampagne gegen Flüchtlinge und Ausländer entgegenzustellen.

Die Forderung nach Trennung von Staat und Religion sei ein wesentlicher Zug der modernen Demokratien Europas. Als Atheisten und Vertreter dieser fortschrittlichen Ideen seien wir aufgefordert, auch mit den Moslems in einen Dialog über solche Ideen zu treten.

Resolutionen und Perspektiven

Gleich mehrere Resolutionen wurden am folgenden Tag verabschiedet. So wurde eine Aktion der Humanistischen Union "Schluß mit der Debatte über § 218" unterstützt und die Durchführung eines Russell-Tribunals zum Golfkrieg gefordert. Eine weitere Resolution wendete sich gegen die drohende Abwicklung des Brandenburger Jugendradios DT 64 durch die Landesregierung. Zum Abschluß trug Kriemhild Klie-Riedel noch einmal eines ihrer Gedichte vor.

Zum Gelingen des Kongresses trug auch die Mitarbeit des AStA der Fachhochschule Fulda bei (unterstützt wurde er außerdem von den GRÜNEN in NRW sowie von den Jungdemokraten in Berlin). Welche politischen Perspektiven von dem Kongreß ausgehen werden, läßt sich noch nicht abschließend sagen. Sicherlich hat er die Bedeutung von Konfessionslosen als politische Kraft öffentlich unterstrichen.