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Weder Staatsbürger noch Patrioten

Frank L. Schütte

Aus: MIZ 2/92

Vom 28. März bis 8. April 1991 weilten Ingrid Kaemmerer und ich als IBKA-Vertreter auf Einladung von "American Atheists" in den USA. Wir erwiderten damit einen Besuch von Madalyn O'Hair, Robin Murray-O'Hair und Jon G. Murray vom Oktober 1990 in Berlin (siehe MIZ 3-4/90). Am 30. März hielt ich auf dem XXI. Jahreskongreß von "American Atheists" in Phoenix/Arizona vor über 400 Delegierten aus sämtlichen US-Bundesstaaten das mit langanhaltendem Beifall bedachte Hauptreferat.

(MIZ-Titelgrafik)

Titelgrafik MIZ 2/92

Nach dem Kongreß zeigten sich Madalyn, Robin und Jon als großartige Gastgeberinnen. So kutschierten sie uns von Arizona über New Mexico nach Austin in Texas, dem Hauptquartier von American Atheists.

Was uns überall auffiel: die zwei Gesichter der Vereinigten Staaten. Zum einen die Weite und Schönheit der Countries, zum anderen die deprimierende gesellschaftliche Situation: Massenarbeitslosigkeit, Rassendiskriminierung, soziale Not - und eine geradezu neurotische Abneigung gegenüber Nichtgläubigen und Atheisten! Präsident Bush brachte seine Abscheu kurz vor dem Kongreß auf die Formel, Atheisten seien "weder Staatsbürger noch Patrioten". Schon auf dem Hinflug hatten wir uns während eines Zwischenstopps in Chicago auf ausdrücklichen Rat von Jon Murray als "Holiday"-Touristen ausgegeben, weil wir sonst vermutlich gar nicht erst in die Stadt des Atheisten-Kongresses, Phoenix, gelangt wären...

In Austin konfrontierten uns dann Madalyn und Robin während einer "alternativen Stadtrundfahrt" mit vielen sichtbaren Zeichen weltanschaulicher Intoleranz; so zeigten sie uns z.B. Gefängnisse und Polizeistationen, in denen sie schon "gesessen" hatten. (Einmal hatte Madalyn in den hocherwürdigen Saal des Senats von Texas laut die Forderung hineingerufen, daß es auch einem Atheisten gestattet werden müßte, einen Parlamentssitz zu erobern - in den USA hält man ein solches Ansinnen für "antiamerikanisch" - einige Tage Haft waren die Folge!)

Im Hauptquartier von American Atheists waren kurz vor unserem Besuch wieder einmal die großen Frontscheiben mit Steinen eingeworfen worden. Obwohl es im Hauptquartier ausstattungsmäßig an nichts mangelt (von der Setzerei, Druckerei bis hin zur Fernsehstation ist hier die modernste Technik vertreten), so leben die Initiatoren Madalyn, Robin und Jon doch in ständigem Mißtrauen gegenüber ihren eigenen Angestellten, die sich überwiegend aus Gläubigen, meist Katholiken, zusammensetzen. Die Beschäftigungsvorschriften der staatlichen Administration lassen keine andere Konstellation des Personals zu. Madalyn gab süffisant die Bemerkung zum besten, ihre Angestellten würden am Samstag ihren Pfarrer bei der Beichte dafür um Vergebung bitten, daß sie wochentags im Hauptquartier von American Atheists arbeiten müßten...

Auch nach außen ist die Organisation von American Atheists weitgehend isoliert. Es gibt keine alternativen Parteien und kaum fortschrittliche Organisationen, die als mögliche Bündnispartner, wenigstens auf dem Gebiet der Trennung von Staat und Kirche in Frage kämen. Die Bush-Regierung versucht American Atheists, die eine Art gemeinnützige Vereinigung ist, die Geldquellen zu verstopfen, indem sie mit Entzug der Steuerbefreiung droht. Überhaupt steht die Trennung von Staat und Kirche zwar (noch!) in der US-Verfassung, de facto haben die unzähligen christlichen Sekten dieses Prinzip jedoch bereits weitgehend ad absurdum geführt - was an den Gesetzgebungen einzelner Bundesstaaten erkennbar ist. So haben bestimmte Religionsgemeinschaften, die in einem Bundesstaat dominieren, diesem ihre Glaubens- und Moralvorstellungen aufgezwungen.

Als wir wieder in Berlin landeten, fühlten wir uns auf europäischem Boden erstmals seit vielen Jahren wieder heimischer.


Atheistinnen und Atheisten aller Länder vereinigt Euch! Damit aus der "neuen Weltordnung" kein neues Mittelalter wird!

Aus: MIZ 2/92

Auszüge aus der Rede von Frank L. Schütte, Vorstandssprecher des "Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA)" auf dem Kongreß von "American Atheists" am 30. März 1991 in Phoenix/Arizona.

Der Atheismus und Atheist zu sein, sind für mich nicht zwei verschiedene Dinge, sondern sie sind eins. Das heißt: Ich bin nicht für zwei Stunden am Tag Atheist, acht Stunden Büromensch und fünf Stunden Privatmann, sondern ich bin mein ganzes Leben lang zu jeder Stunde Atheist, ohne meine Ansichten den anderen Menschen aufzudrängen. Ich versuche als Atheist zu leben.

Aus dieser Einstellung heraus möchte ich meinen Vortrag darüber beginnen, was Atheismus als politische, soziale, kulturelle und gesellschaftliche Kraft ist und in Zukunft sein könnte. Dabei gebe ich nicht nur meine persönlichen Ansichten wieder, sondern ich spreche das aus, was unsere noch kleine Gruppe im Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten denkt und diskutiert, wo und wie sie als atheistische Organisation ins öffentliche Leben eingreifen und sich Gehör verschaffen will. Sprechen wir erst einmal von den Aufgaben des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten und von der Situation in Deutschland.

Es gibt in unseren Reihen durchaus noch einige religiös gebundene Menschen, die jedoch in keiner religiösen Gemeinschaft organisiert sind. Für uns alle gilt: Religions- und Weltanschauungsfreiheit - eingeschlossen das Recht, sich zu keiner Religion oder Weltanschauung zu bekennen - sind Grund- und Menschenrechte. Wer sich zu einer religiösen Gemeinschaft bekennt, wird von uns nicht verurteilt, aber er findet bei uns keinen Platz. Wer religiöse Dinge als Privatsache betrachtet und dazu keiner Organisation zur Verkündigung bedarf, keiner Priester; keiner Dogmen und keiner Denk- und Glaubensvorschriften, der kann bei uns mitmachen, vorausgesetzt, daß er uns seinen Glauben nicht als allgemeinverbindlich aufzwingen will. Und vorausgesetzt, daß er die atheistische Mehrheit in unserer Vereinigung toleriert, die es als eine ihrer Hauptaufgaben ansieht, die organisierten Religionen zu kritisieren. Wir respektieren jede Religion und Weltanschauung, solange sie keinen Absolutheitsanspruch verkündet - aber welche Religion tut das nicht? -, gleichzeitig bekämpfen wir rassistische, völkische oder faschistische Anschauungen. Unsere atheistische Überzeugung ist weniger eine Weltanschauung, vielmehr unsere politische, soziale und kulturelle Verantwortung, die wir in die Gesellschaft mit einzubringen haben. Diese Verantwortung bedeutet Dienst am Nächsten, sie ist unsere Art atheistischer Nächstenliebe, die allein auf den Menschen und auf das Diesseits gerichtet ist. Ich will damit nicht sagen, daß Kritik an mittelalterlichen Institutionen und Vorstellungen, daß politische Streitkultur, Asthetik und Philosophie für uns überflüssig geworden wären. Doch sollte unser gesellschaftspolitisches Engagement künftig Vorrang vor allen anderen Initiativen haben.

Damit heißt es in unseren Reihen auch Abschied zu nehmen von zahlreichen historischen Fehlentwicklungen und Zeremonien, die uns in der Öffentlichkeit eher diskreditieren.

In dem Bedürfnis, kirchliche Zeremonien von der Wiege bis zur Bahre durch weltliche Feiern und Brauchtümer zu ersetzen, haben wir uns in gesellschaftliche Nischen, ja ins politische Abseits manövriert. Das öffentliche Leben fließt an uns vorüber, ohne daß wir es mitgestalten würden, wir sitzen auf unseren weltanschaulichen Liegenschaften und verrotten mit ihnen.

Es ist wie gesagt eine historische Fehleinschätzung der Freidenker und Freigeistigen gewesen, die von Kirchen und Religionsgemeinschaften praktizierten Rituale wie Taufe, Kommunion, Eheschließung, Begräbnis, als Grundbedürfnisse des Menschen zu definieren und diese mit weltlichen Inhalten zu füllen - im Glauben, damit würde den Kirchen das Wasser abgegraben. Wenn die Menschen endlich in Frieden leben könnten, jedes Individuum einen Arbeitsplatz und eine Wohnung hätte, genügend Kindergartenplätze, Altenheime, Krankenhäuser und Schulen zu Verfügung stünden, wohlgemerkt: religiös und weltanschaulich neutrale Kindergartenplätze, Schulen usw.-, dann brauchte man keine freigeistige Feiergestaltung mehr, dann könnte jeder seine Feier selbst gestalten oder überhaupt nicht, dann wären die wirklichen Grundbedürfnisse der Menschen befriedigt. Alles andere ist Augenwischerei und geht auf eine ganz spezielle Art christlicher Nächstenliebe zurück, die wir nicht noch nachahmen, sondern bekämpfen sollten: 2000 Jahre solcher Art von Liebe sind genug!

Die Mehrheit der Menschen, die zwar noch religiös gebunden sind, aber fanatische, fundamentalistische religiöse Bewegungen ablehnen, dürfte dem Gedanken einer Trennung von Staat und Kirche/Religion durchaus nahestehen, insofern also mit einem Hauptanliegen der Konfessionslosen und Atheisten sympathisieren. Das heißt, daß unsere Vereinigungen in der Lage sein müßten, mit der Forderung nach Trennung von Staat und Kirche/Religion sowie der Bekämpfung fundamentalistischer Machtansprüche auch einen großen Teil der noch gläubigen Bevölkerung anzusprechen und als Verbündete zu gewinnen.

Aus dem Erstarken fundamentalistischer Einflüsse - ob im Islam, Christentum oder in anderen Religionen - eine Steigerung der Anzahl gläubiger Menschen zu folgern, ist regional wie global gesehen grundfalsch. Tatsache ist vielmehr, daß die Fundamentalisten ihre religiösen Vorstellungen und Vorschriften immer radikaler formulieren und in Staat und Gesellschaft festschreiben wollen, und zwar gegen den Willen der ungefragten Bevölkerungsmehrheit oder zumindest eines großen Teils der Bevölkerung. Der Fundamentalismus baut sich einen eigenen Propagandaapparat mit Hilfe der modernen Medien auf, und dieser Propagandaapparat ist einflußreicher und mächtiger als Politiker und Parteien. Er versucht den Menschen zu suggerieren, sie seien noch nicht genügend religiös und das Religiöse bzw. das Befolgen bestimmter, von einer Hierarchie gesetzter Vorschriften sei höchstes Lebensziel und Lebensinhalt zugleich. Diese Propaganda versucht uns einzureden, das Religiöse oder was als solches ausgegeben wird, sei unwiderstehlich im Vordringen und nicht mehr aufzuhalten. Wenn das soziale, kulturelle, wirtschaftliche und politische Leben immer stärker vom Sakralen durchdrungen werde, würde auch der einzelne Mensch davon infiziert und letztlich gläubig werden, hoffen die geistlichen Despoten. Darin sind sich Papst und Popen, Imame und Mullahs einig. Sie werden unterstützt durch die meisten politischen Mandatsträger und Parteien. Diese sind längst zu den zuverlässigsten Stützen der geistlichen Hierarchien geworden.

Kein Staat der Welt, der heute nicht dem Papst "in den Hintern kriechen" würde, wie das ein österreichischer Publizist zur Jahrhundertwende respektlos formulierte. Dabei ließen sich zur Zeit der Kaiser und Könige aufklärerische Gedanken leichter verbreiten als zur Zeit der parlamentarischen Demokratie, und wer auf dem Scheiterhaufen verbrannte, der wußte wenigstens, wofür er starb. Heute weigern sich die Medien-Giganten - und sie machen die öffentliche Meinung - kritisches, ketzerisches Gedankengut unters Volk zu bringen, und Ketzer und Andersdenkende werden gefoltert und hingerichtet - oft mit grausameren Methoden als es Scheiterhaufen und Guillotine waren -, ohne daß auch nur eine ihrer Außerungen veröffentlicht worden wäre. Das ist die Form der modernen Inquisition, deren Opfer keine Namen tragen, die anonym umgebracht werden, und deren Gedanken kein Mensch erfährt.

Wie fühle ich mich atheistischer Gast dieses vermeintlich freiesten Landes der Erde, wenn in diesem Land zwar formell Staat und Kirche getrennt sind, die biblische Schöpfungsgeschichte aber noch immer als historische Tatsache dargestellt und der Darwinismus geächtet und aus den Schulbüchern verbannt wird? Die Vereinigten Staaten haben die modernsten technischen Einrichtungen der Erde, sie verfügen über die gigantischsten nachrichtendienstlichen Möglichkeiten und Medien - und sie besitzen den größten Nachholbedarf an Informationen jeglicher Art - ob politisch, wirtschaftlich, kulturell. Nur wenige US-Amerikaner wissen zum Beispiel, daß im Nato-Land Türkei auf schlimmste und grausamste Art gefoltert wird, daß mutige Laizistinnen und Laizisten auf offener Straße ermordet werden, daß auch hier der politische und religiöse Extremismus immer stärker um sich greift. Und sie wissen kaum etwas von der Geschichte anderer Staaten, etwa der arabischen, deren Vergangenheit von der Unterdrückung durch die kolonialen Großmächte geprägt ist. US-Amerikanern sind - sofern sie nicht als Soldaten an fremder Front gekämpft haben - die schrecklichen Begleiterscheinungen des Krieges fremd. Nur die wenigsten Einwohner dieser Stadt - Phoenix in Arizona - können sich vorstellen, was ihre Luftwaffe, die vor den Toren der Stadt seit Jahren "trainiert", am Persischen Golf angerichtet hat. Und die meisten dürften sich nach dem Krieg, der in Wirklichkeit weitergeht, in ihrem Überlegenheitsgefühl noch bestärkt sehen.

Diese Stadt Phoenix gilt als Wirtschaftswunder, als leuchtendes Beispiel für ungehemmtes wirtschaftliches Wachstum durch individuelle Initiative. Nur wenigen Einwohnern wird klar sein, daß die hier stationierte US-Luftwaffe für den Ernstfall probt, also für den Krieg, und daß die Stadt ihren Aufstieg nicht zuletzt dieser Tatsache verdankt. Warum nenne ich diese Beispiele? Es gibt nicht wenige Atheisten, die daran geglaubt haben oder noch immer daran glauben, daß Technik, Fortschritt und Wissenschaft die Religionen ablösen, widerlegen und überflüssig machen würden. Nehmen wir als naheliegendes Beispiel nur die Raumfahrt. Sie galt vielen Atheisten geradezu als Widerlegung vermeintlicher göttlicher Allmacht. Es war Juri Gagarin, der ironisch bemerkte, er hätte "da oben" Gott nicht gesehen. Dieser Fortschritts- und Wissenschaftsglaube ging davon aus, daß der Mensch alle Rätsel lösen könne, daß alles machbar sei, wenn er sich nur auf seine eigene Kraft verließe. Spätestens nach Auschwitz, Hiroshima und Nagasaki, nach Korea, Vietnam und dem Golfkrieg wissen wir, daß Technik, Fortschritt und Wissenschaft keine Werte an sich und durch sich sind, sondern zu Instrumenten der Vernichtung von Mensch, Natur und Kultur umfunktioniert werden, wenn der Mensch diese Errungenschaften nicht auf humanitäre Weise beherrscht. Aber wer ist "der Mensch"? Wir sehen mit Entsetzen, daß Erfindungen und Ideen, von Individuen ausgedacht und durch individuelle Initiative entstanden, nicht zum Nutzen der Menschheit, sondern zu deren Vernichtung mißbraucht werden. Erst recht läßt sich das von Erfindungen wie der Atombombe sagen, die, entwickelt von einer militärischen, generalstabsmäßig geplanten Initiative "von oben", nur zu dem Zweck gebaut und an wehrlosen Menschen erprobt wurde, um ein bestimmtes Kriegsziel zu erreichen.

Diese Umkehrung aller ursprünglich wertvollen Erkenntnisse und Erfindungen von friedlichen zu kriegerischen Zwecken läßt uns ernsthaft an dem Sinn individueller Initiativen und Leistungen zweifeln. Denn alle Schöpfungen des Individuums sind manipulierbar, und sie werden skrupellos und verbrecherisch von Gruppen ausgeschlachtet, denen es einzig um Macht und Herrschaft geht. Welche Lebensleistung ein Individuum vollbringt, ist also eher nebensächlich gegenüber der Frage, wer diese individuelle Lebensleistung fortführt und verwertet. Von diesem Standpunkt aus gesehen ist der Einzelne ein Nichts, er hat auf die von ihm entwickelten Erfindungen und Denkleistungen nur für kurze Zeit Einfluß, das von ihm in Gang gesetzte wird in einen größeren Plan einbezogen, der nicht mehr sein Plan ist.

Wenn weder Technik noch Wissenschaft, weder individuelle Leistung noch persönlicher Einsatz das garantieren, was wir als menschlichen Fortschritt und humanitäres Wachstum bezeichnen möchten, dann stellt sich besonders für uns Atheisten die Frage, ob es überhaupt noch etwas gibt, was wir den Religionen und Hierarchien entgegenstellen und auf das wir uns berufen können. Diese Frage möchte ich mit einem klaren Ja beantworten. Es gibt tatsächlich noch Dinge, die persönlichen Einsatz, Mut und individuelle Initiative erfordern, für die es sich noch zu kämpfen lohnt, ohne daß ein solcher Einsatz von anderen mißbraucht oder umfunktioniert werden könnte. Ich meine das Eintreten für Frieden und Abrüstung, für Kriegsgegner und Wehrdienstverweigerer, für Verwirklichung der Menschenrechte und Grundfreiheiten, für Trennung von Staat und Kirche, für ökologische, kulturelle und weltanschauliche Unversehrtheit, für rückhaltlose Aufklärung und Information ohne Zensur, für die Gleichberechtigung von Mann und Frau, für das Recht eines jeden Menschen auf einen Schul- und Ausbildungsplatz, auf eine Wohnung, auf soziale Gerechtigkeit. Wir dürfen nicht nur für zwei Stunden am Tag Atheisten sein und für den Rest des Tages am Leid der anderen, vielleicht sogar am Krieg, verdienen, wir dürfen nicht auf Kongressen menschlich reden und am anderen Tag auf der Straße einen Menschen verachten, weil er eine andere Hautfarbe hat, wir dürfen kein Individuum gering schätzen, weil es anders denkt oder glaubt als wir. Gerade weil wir als Atheisten dieses Leben für einzig, einmalig und unwiederbringlich halten, haben wir für unsere Erde eine besondere Verantwortung. Ich liebe diese Erde, weil ich Atheist bin. Und als Atheist reihe ich mich dort ein, wo Menschen wie ich für den Frieden arbeiten, für all die menschlichen Dinge, die fremder Manipulation entzogen sind.

Wir sollten sämtliche Zielsetzungen dahingehend überprüfen, ob sie nicht manipuliert werden können. Sich auf Technik oder Wissenschaft zu berufen, ist zweischneidig und kann das Gegenteil von dem bewirken, was wir erreichen wollen. Als Atheisten sollten wir eine unverwechselbare, unzerstörbare, unmanipulierbare geistige und soziale Dynamik entwickeln, die im Diesseits wurzelt und von Achtung gegenüber Mensch und Natur bestimmt ist. Wenn die Zahl der "bewußten Atheisten" ständig zunimmt, diese Bevölkerungsgruppe also allmählich aus ihrer Ghettosituation heraustritt und zur gesellschaftlich relevanten Kraft wird, dann können wir es nicht mehr beim Kritisieren, Diskutieren, Vorträgehalten und Erarbeiten von guten Papieren belassen, dann müssen wir schon selbst mit Hand anlegen, dann sind wir geradezu herausgefordert, unser soziales, kulturelles, bildungspolitisches und wirtschaftliches Engagement in die Gesellschaft einzubringen. Die soziale Not auch in unseren westlichen, ach so christlichen Ländern wird von Tag zu Tag größer, sie nimmt in USA und Ostdeutschland dramatische Formen an. Die christliche Wohlfahrt versagt auf der ganzen Linie. Sie ist Untertan der Obrigkeit. Wir Atheisten sind dazu aufgerufen, religiös und weltanschaulich unabhängige, freie weltliche Kindergärten, Altenheime, Schulen, Krankenhäuser und Hochschulen zu gründen. Frei und weltlich bedeutet: Gegen jede religiöse und weltanschauliche Bevormundung, für volles Tarifrecht, für den freien Zugang der Gewerkschaften zu diesen Einrichtungen, alles in allem: für volle Mitbestimmung und wirksamen Arbeitnehmerschutz. Als Atheisten werden wir in Zukunft an unserer Bereitschaft zur Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung gemessen werden. Wenn diese Bereitschaft bei uns nicht vorhanden sein sollte, dann können wir uns alle Kongresse und Erklärungen sparen. Dann werden wir in einigen Jahren geistig und politisch am Ende sein, noch früher als Kirchen und Religionen.

Die Wachstums- und Fortschrittsideologie des Westens ist eine Frucht christlich-abendländischen Denkens. Sie versucht den Rest der Welt auf ihre eigenen Vorstellungen festzulegen und macht sie sich gemäß biblischem Auftrag untertan. Araber und Moslems werden nach im Westen vorherrschender Meinung niemals den Bildungsstand und das Lebensniveau des Westens erreichen und gelten deshalb als minderwertig. So hat der islamische Fundamentalismus als Antwort auf westliche Überheblichkeit seine größten Förderer im christlichen Abendland.

Wenn Bush und andere westliche Politiker für den Sieg ihrer Soldaten und Millionen Christen für den Frieden beten, so ist das nicht dasselbe. Aber sie beten zum gleichen Gott, und sie halten ihre Andachten in den gleichen Kirchen. Das gibt zu denken und macht uns gegenüber Gebeten mißtrauisch.

Ich möchte am Schluß meiner Rede noch einmal unterstreichen, wie wichtig in Zukunft die internationale Zusammenarbeit zwischen Atheisten und ihren Organisationen sein wird. Diese Zusammenarbeit darf sich nicht nur auf Informations- und Zeitschriftenaustausch beschränken. Es geht darum, Atheismus als menschliche Nächstenhilfe zu entwickeln, und entsprechende Modellprojekte können wir nur mit vereinten Kräften und gemeinsam schaffen. Hierbei wird den Frauen eine führende Rolle zukommen, nicht als Dienstmägde der Männer und der von ihnen beherrschten Gesellschaft, sondern als Wegbereiter einer neuen, gerechteren Weltordnung.