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Über den Umgang mit einer Kirchen-Kritikerin im Saarland

Katrin Kraus/Thomas Geisen

Aus: MIZ 2/94

"Die Kirche ist ein Fremdkörper in unserem Staatsgefüge, sie ist hierarchisch strukturiert, frauenfeindlich, intolerant, autoritär. Deshalb bin ich dagegen, daß kirchlich orientierte und strukturierte Gesellschaften solch wichtige Bereiche unseres rechtsstaatlich-demokratischen Gemeinwesens dominieren und damit manipulieren. Eine solche Entwicklung kann ich nicht mittragen" ("Saarbrücker Zeitung" 13./14.3.93). Diese Stellungnahme von Evi Maringer, SPD-Mitglied im Kreistag des Landkreises Merzig-Wadern (nördliches Saarland), war Ausgangspunkt einer massiven Hetzkampagne gegen ihre Person. Hier wurde deutlich, welch massivem Druck KirchenkritikerInnen ausgesetzt sind, auch wenn sie (noch) in der Kirche sind.

(Schlagzeilen)

Im Verlauf der Ereignisse zeigt sich, wie die 'unheilige' Allianz von staatlichen und kirchlichen Institutionen im Verbund mit einer kirchentreuen Bevölkerung ihre Wirkung entfaltet. Solidarisierungen mit der Kirchenkritikerin gab es in der Öffentlichkeit nur wenige, Stimmen gegen die Hetze wurden nur vereinzelt in LeserInnenbriefen deutlich. Die Rolle der SPD beschränkte sich auch in diesem Falle auf ein taktisches Herumlavieren, doch hierzu später.

Die Aussage von Evi Maringer fiel in einer Sitzung des Kreistages Merzig-Wadern. Wichtigster Tagesordnungspunkt war die Übergabe des Merziger Kreiskrankenhauses, bisher in Trägerschaft des Landkreises, an einen privaten Träger. In der bis zu diesem Zeitpunkt bereits seit Monaten geführten Auseinandersetzung zwischen der SPD-Mehrheitsfraktion und den Fraktionen von CDU und FDP mußte die Entscheidung zwischen zwei Anbieterinnen getroffen werden: Der unabhängigen, privaten Saarland-Heilstätten GmbH (SHG), und der kirchlich, katholischen Marienhaus GmbH. Die SHG war bisher in Merzig-Wadern nicht als Krankenhausträgerin tätig, die Marienhaus GmbH hat bereits die Trägerschaft der Krankenhäuser in Losheim und Wadern, neben Merzig die einzigen Krankenhäuser im Landkreis. Mit der Übernahme des Krankenhauses Merzig wäre der Marienhaus GmbH in diesem Bereich somit eine Monopolstellung im Kreis Merzig-Wadern zugekommen. Die betriebswirtschaftlichen Konsequenzen der beiden Angebote wurden von den Parteien unterschiedlich bewertet, letztendlich dürfte aber die Monopolstellung der Marienhaus GmbH im Krankenhausbereich für die SPD-Mehrheitsfraktion den Ausschlag gegeben haben, sich für die SHG zu entscheiden. In der Rede von Evi Maringer kam dies in Verbindung mit der oben zitierten kirchenkritischen Außerung deutlich zum Ausdruck. Schon während der entscheidenden Sitzung am 8. März 1993 kam es zu heftigsten Anfeindungen und Auseinandersetzungen, da das öffentliche Interesse an dieser Sitzung sehr groß und der ZuschauerInnenraum überfüllt war. Fortgesetzt wurde dies in den folgenden Wochen in Stellungnahmen und LeserInnenbriefen, im Regionalteil der Saarbrücker Zeitung (SZ).

LeserInnenbriefe

Den Auftakt bildete eine redaktionelle Berichterstattung, die den genauen Wortlaut der Stellungnahme Evi Maringers in der SZ vom 13./14.3.93 wiedergab:In dieser Ausgabe finden sich auch noch vier LeserInnenbriefe und ein weiterer redaktioneller Beitrag. Bis zum 24. März 93 erschienen insgesamt 25 Beiträge zum Thema; 20 davon verurteilten die Aussagen Maringers und forderten entsprechende Konsequenzen, lediglich 5 Beiträge nahmen positiven Bezug auf die Kirchenkritik. Hervorgehoben wurde in der Auseinandersetzung die berufliche Stellung Maringers, die Religionslehrerin und Leiterin der Realschule Merzig ist. Die gegen die Kirchenkritikerin ins Feld geführten Argumente bewegten sich ansonsten weitgehend im Rahmen der üblichen Klischees: dem "großen sozialen Engagement" der Kirchen, ihre zentrale Rolle für Erziehung und Wertorientierung, ihre traditionelle Verankerung im Staat. Frau Maringer wurde vorgeworfen, für das "soziale Engagement der Kirche in Kindergärten, Schulen und vor allem Krankenhäusern" blind zu sein (SZ 13.114.3.93). Denn die "Ermöglichung der Gleichberechtigung von Frauen, insbesondere im Berufsleben, ist ohne Einrichtungen zur Betreuung von Kindern (Kindergärten) nicht denkbar. Und wer sind die überwiegenden Träger dieser Einrichtungen? Die Kirchen! Ist das Frauenfeindlich?" (SZ 20.121.3.93). Der Schulleiterin wurde vorgehalten, sie lasse es an "Toleranz und Sachlichkeit" fehlen, weshalb sie für den Schuldienst disqualifiziert sei, sogar ihre Verfassungstreue wurde in Frage gestellt; an den Landesbischof und die Kultusministerin erging die Aufforderung, Maßnahmen zu ergreifen. Der "Niedergang des Wertebewußtseins mit dem Dahinschwinden des bekennenden Glaubens" wurde beklagt (SZ 20./21.3.93), ein anderer Gläubiger bestätigte ungewollt mit seinem Bekenntnis die Bedenken Maringers: "Wenn es um die Glaubenslehren, um Grundwerte, um Würde und Wert des menschlichen Lebens geht, kann die Kirche nicht anders als autoritär sein. Gegen Irrlehren ihrer Gegner muß sie intolerant sein." (SZ 23.3.93) Neben den halbwegs um Sachlichkeit bemühten Äußerungen gab es eine ganze Reihe von LeserbriefschreiberInnen, die ihrer Empörung und Betroffenheit freien Lauf ließen. Sie fühlten sich verhöhnt, diffamiert, ausgegrenzt, "einer immer ausufernderen Hetze ausgesetzt" (SZ 20./21.3.93). Auch die Unterstellung, daß aus dem Kreiskrankenhaus eine "Abtreibungsklinik" gemacht werden solle, fehlte nicht.

Die Rolle der Parteien

Die Reaktionen der CDU in dieser Auseinandersetzung waren durch taktische Überlegungen bestimmt, lediglich Ihr Kreisvorsitzender und Landtagsabgeordneter, Jürgen Schreier, gab eine Stellungnahme ab (teilweise redaktionell bearbeitet in der SZ vom 16.3.93, Zitate soweit nicht anders angegeben aus dieser Nummer). "Als Vertreterin einer Volkspartei, wie der SPD, sei Frau Maringer im Kreistag nicht mehr länger haltbar". Schreiers zentraler Angriffspunkt liegt aber nicht auf der parteipolitischen Ebene: "Frau Maringers Äußerungen könnten nicht unabhängig von ihrer Funktion gesehen werden. Schließlich sei sie Schulleiterin und Lehrerin und habe damit schon als Beamtin die Pflicht, sich zurückhaltend zu äußern. Auch sei zu prüfen, ob sie sich mit ihrer Äußerung noch auf dem Boden der saarländischen Verfassung befinde, die eine Erziehung der Jugend im christlichen Geiste fordere. Die maßlosen und unhaltbaren Äußerungen von Frau Maringer ramponierten auch das in Jahrzehnten aufgebaute gute pädagogische Ansehen der Realschule Merzig". Schreier präsentiert in seiner Stellungnahme auch die Partei-Strategie: "Mit Interesse warte er, Schreier, wie sich das Bildungsministerium als oberste Dienstherrin zu dem Verhalten von Frau Maringer in der Öffentlichkeit stelle. Ein parlamentarisches Nachspiel schließe er nicht aus." In Sachen Maringer sieht die CDU für sich keinen Handlungsbedarf, da das 'Volk' selbst sich in Leserinnenbriefen und Stellungnahmen zu Wort meldet. Das ist für die CDU allemal besser als selbst aktiv werden zu müssen. Oberstes Interesse der SPD ist es, die heftige Debatte nicht weiter eskalieren zu lassen. Zwar stellt sich der Fraktionsvorsitzende Alois Engeldinger in der Kreistagssitzung vom 8. März (Krankenhaus-Debatte) vor seine Fraktionskollegin und beruft sich auf das Recht der freien Meinungsäußerung, das war's dann aber auch. Die einzige offizielle Stellungnahme der SPD kommt von der Arbeitsgemeinschaft Bildung der SPD im Unterbezirk Merzig-Wadern (SZ vom 19.3.93), diese stellt sich hinter Maringer. Ansonsten hüllt sich die SPD in vornehmes Schweigen. Die Aufforderung der Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Rita Waschbüsch, an die SPD-Spitze, "innerparteilichen Tendenzen, die katholische Kirche mit Häme zu bedenken, entgegenzutreten," (SZ 18.3.93) war im 'Falle' Maringer vollkommen unnötig, da die SPD dies von sich aus tat, als sie merkte, welche Dynamik diese Äußerung auslöste. Es bleibt festzuhalten: Kein politisch relevantes SPD-Gremium hat Evi Maringer den Rücken gestärkt und sich auf ihre Seite gestellt.

Der Gang nach Canossa

Aufgrund dieses geistigen Klimas und vor allem auch aufgrund der mangelnden Unterstützung aus den eigenen Reihen ist es kaum verwunderlich, daß bereits in der SZ-Ausgabe vom 20/21. März auf der dritten Seite der Kreisbeilage zu lesen ist: "Evi Maringer bemüht sich um Klarstellung". Was hier mit 'Klarstellung' gemeint ist, wird im folgenden deutlich: "Insgesamt tut es mir leid, daß meine persönliche Meinung zu einem politischen Thema soviel Wellen schlug, so viele Menschen über alle Maßen erregt und eine solche Konfrontation hervorrief. Dies war niemals meine Absicht, und dies erkläre ich unabhängig und unbeeinflußt von allen offenen und anonymen Pressionen und Verlautbarungen von 'oben' und 'unten'. Sollte es jetzt immer noch keine Klarheit bezüglich meiner Rede geben, nehme ich den Satz 'Die Kirche ist ein Fremdkörper in unserem Staatsgefüge' zurück und hoffe, daß alle Christen mir verzeihen mögen." (SZ 20/21.3.93) Mittlerweile war Maringer auch ins Bildungsministerium bestellt worden. "Man hat ihr dort bedeutet, daß Beamte, die ein öffentliches Amt bekleiden, sich eines zurückhaltenden Auftretens zu befleißigen haben (Beamtengesetz)." (SZ 20/21.3.93) Reue und Buße bei Frau Maringer, die in ihrer Stellungnahme auch den Beweis ihrer christlichen Gesinnung zu erbringen sucht, indem sie auf die gute Zusammenarbeit mit kirchlichen Organisationen an ihrer Schule berichtet und auch ihren christlichen Glauben betont. Vor dieser Rücknahme stand bei der Familie Maringer das Telefon nicht still. Klaus Maringer schreibt in einem Leserbrief: "Ich möchte mich auf diesem Wege bei allen christlichen Mitbrüdern und Schwestern 'bedanken', die seit Tagen und Nächten keine Mühe scheuen, mich und meine Familie per Telefon zu terrorisieren." (SZ 20/21.3.93)

Abschließende Einschätzungen

Der Fall Maringer dürfte nicht der erste und beileibe nicht der einzige Fall sein, in dem KirchenkritikerInnen mundtot gemacht werden. Karl-Heinz Schnorbach (Pfarrer) schreibt in seinem Leserbrief folgendes: "Mit Gegnern der Kirche kann ich nicht gegen die Kirche argumentieren, auch wenn sie Küng und Drewermann heißen. Die größten Feinde der Kirche sind doch die Kirchenkritiker in unseren eigenen Reihen." (SZ 23.3.93) Betrachtet man sich den Verlauf der Kampagne, so muß man Schnorbach sogar Recht geben, denn in dieser Auseinandersetzung ging es lediglich um eine Kirchenkritik aus den 'eigenen Reihen'. Antiklerikale Stimmen sind gar nicht erst aufgetaucht, auch dürften sie nicht in der Lage sein, eine solche Reaktion in Gang zu setzen. Deutlich wurde in dieser Kontroverse auch die enge Verzahnung zwischen Kirche und Staat. Die Kirche wurde immer als 'Dienerin' des Staates dargestellt, die im sozialen Bereich wichtige Aufgaben erfüllt. Der Staat wird damit in die Verantwortung gezogen, für den Erhalt der Kirche Sorge zu tragen. Die Parteien befinden sich genau in diesem Feld der Verzahnung von Kirche und Staat, daher ist die fehlende Unterstützung für Evi Maringer aus den Reihen ihrer Partei nicht verwunderlich. Mit der Präsentation der Kirche als Erziehungsinstanz, natürlich in christlicher Tradition, und als Instanz zur Wertvermittlung und Orientierung, soll die Bedeutung der Kirche in der heutigen Zeit unterstrichen werden. In der Beobachtung der aktuellen Diskussion über gesellschaftliche Problemfelder werden Orientierungslosigkeit und Werteverfall gebetsmühlenartig heruntergebetet. Unserer Ansicht nach bieten sich hier für die Kirche Anknüpfungspunkte, ihre derzeitige Situation erheblich zu verbessern. Ein wichtiger Hebel wird für sie der soziale Bereich sein, denn über diesen ist sie in der Lage Druck auszuüben und sich als gesellschaftlich notwendige Einrichtung zu präsentieren. Die Aussichten, hieran etwas zu ändern, können als eher bescheiden eingeschätzt werden, da außerhalb der Kirchen nur wenige Träger sozialer Einrichtungen zu finden sind. Ein Dilemma, mit dem sich KirchenkritikerInnen und Antiklerikale auseinandersetzen und Lösungen finden müssen, wenn sie nicht immer wieder den Kirchen das Heft der Argumentation in die Hand geben wollen, wie es wieder einmal auch in Merzig geschehen ist. Dabei zu hoffen, daß die Symbiose von Kirche und Staat einmal von selbst zu Ende gehen wird, kann ebenfalls nur Halluzination sein, solange nicht wirkliche Alternativen zu den gesellschaftlichen Organisationsformen - Kirche und Staat - entwickelt und umgesetzt werden.