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Rock-Comical verboten

Rock-Comical "Das Maria-Syndrom" in der Bischofsstadt Trier verboten

"Bedrohung des sozialen Friedens in der Gesellschaft"

Aus: MIZ 3/94

"M. S. Salomons Rock-Comical zum Thema Sex und Religion wird Furore machen in unserer Zeit der Neuen Spießigkeit." Mit diesen Worten wurde die Uraufführung der zappaesken, musikalischen Religionssatire "Das Maria-Syndrom" in Szenezeitschriften angekündigt. Und es war nicht übertrieben: Das Stück sorgte für Furore - und zwar noch bevor es aufgeführt werden konnte. Das Bistum Trier stellte am 25.5.1994 Antrag auf präventives Eingreifen zur Verhinderung einer Straftat, worauf sich Stadtvorstand und Ordnungsamt der Stadt Trier zum Eingreifen veranlaßt sahen. Am 27.5.1994, einen Tag vor der geplanten Premiere, wurde die öffentliche Aufführung des Stücks unter Androhung von Polizeieinsatz untersagt, weil die Gefahr bestehe, daß die Schutzintentionen des §166 StGB verletzt würden. Der MIZ geht es bei der Schilderung des Falles um das Grundrecht der Kunst- und Meinungsfreiheit - nicht um eine Identifikation oder Sympathie mit dem Inhalt des Stückes, über den man sich durchaus streiten kann.

Die Ordnungsverfügung vom 27. Mai führte die Schutzintentionen des §166 in erfrischendem Amtsdeutsch aus: "Tathandlung ist also das Beschimpfen, als welches zum Beispiel die bösartig-satirische Verfremdung der dem katholischen Glauben eigenen Marienverehrung anzusehen ist. Hierbei muß das Beschimpfen in einer Weise geschehen, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören. Dieser umfaßt auch das Gefühl weiter Kreise der Bevölkerung, nicht durch unqualifizierte Angriffe gegen das Bekenntnis vieler oder einzelner hinsichtlich ihres Rechts auf ungestörte Religionsausübung beunruhigt zu werden. Störung oder konkrete Gefährdung des Friedens braucht nicht einzutreten. Es genügt die konkrete Eignung zur Störung, nämlich das Vorliegen berechtigter Gründe für die Befürchtung ihres Eintritts."

Welche "berechtigten Gründe für die Befürchtung" lagen vor? Da niemand außer den Künstlern und Künstlerinnen das Stück gelesen, geschweige denn: gehört oder gesehen hatte, waren die Ordnungshüter auf Vorankündigungstexte angewiesen. Und da las man nun wahrhaft Schauderhaftes, z.B., daß der Autor gedenke, Gott in Gestalt einer "geheimnisvoll illuminierten Toilettenbrille" erscheinen zu lassen.

So schlimm das auch war, man hätte es wohl noch gerade so tolerieren können, wenn es sich dabei nur um einen einmaligen, schlechten, künstlerischen Spaß gehandelt hätte. Nun wußte man aber, daß Autor Salomon nicht nur das Machwerk "Maria-Syndrom" verfaßt hatte, sondern bereits durch andere christentumsfeindliche Aktivitäten unangenehm aufgefallen war. Ein Wiederholungstäter sozusagen. Zum 175. Geburtstag des Trierer Antichristen Karl Marx z.B. hatte Salomon als Vorsitzender des "Trierer Instituts für angewandtes Denken" einen internationalen Kongreß zum Thema "Radikaler Humanismus" organisiert, als Mitglied der Kabarettgruppe HEIL & SALOMON erntete er Applaus, als er den Vorhaut-Jesu-Kult der Katholischen Kirche lächerlich machte und nun hatte er auch noch die "I.R.A." gegründet, die "Initiative für Religiöse Abrüstung". Der letzte "I.R.A."-Anschlag war wohl auch das Tröpfchen, das das Weihwasser-Faß in Trier endgültig zum Überlaufen brachte. Am Pfingstsonntag, dem 22. Mai, kurz nachdem der Trierer Bischof Spital im Dom stolz die Ausstellung des heiligen Rocks Christi im Wallfahrtsjahr 1996 bekannt gegeben hatte, machte Salomon auf dem Domvorplatz dem Trierer Klerus Konkurrenz, indem er - ebenfalls für 1996 - die "Unterwäschekollektion der Menschheitsgeschichte" ankündigte, "vegetarische Hostien" verteilte ("vegetarisch, weil da im Gegensatz zur Kirchenhostie garantiert kein Heiland drin ist") und anhand historischer Beispiele über "religiöse Restrisiken" aufklärte.

"Berechtigte Gründe für die Befürchtung" (s.o.) lagen also vor, das Stück konnte ohne schlechtes Gewissen verboten werden. Das Verbot hatte Folgen: Die Medienmaschine geriet ins Laufen und der vermeintliche Jude Salomon wurde für viele gut-deutsche Christen vollends zur persona non grata. Drohbriefe und -anrufe häuften sich, insbesondere nachdem sich das konservative ARD-Magazin "Report aus München" beschützend vor die - ach so gebeutelte - christliche Kirche stellte. Auch die Verwaltungsgerichte Trier und Koblenz unterstützten die christlichen Sittenwächter und erklärten in ihren Urteilen die Zensurleistung des Trierer Ordnungsamtes für rechtens. Konsequenz: Die öffentliche Aufführung des Rock-Comicals "Das Maria-Syndrom" kann von nun an überall und zu jeder Zeit untersagt werden.

Dennoch kommt bei den Sittenwächtern keine rechte Freude auf. Mittlerweile hat man nämlich Gerüchte vernommen, die besagen, daß das Verbot des Stücks von Salomon und seinem Ensemble angestrebt worden sei, als Teil einer raffinierten Gesamtstrategie. Wie dem auch sei: M. S. Salomons Flying Toilet Seats haben sich eine Eulenspiegelei ausgedacht, wie sie die "Verletzung religiöser Gefühle" und damit den §166 auf nicht unwitzige Art umgehen können: Statt der üblichen Eintrittskarten zu einer öffentlichen Aufführung des Stücks, soll das Publikum Mitgliedsausweise zum "Club der Gefühllosen" erwerben. Dieser Club nimmt nur Menschen ohne verletzbare religiöse Gefühle auf und nur Mitglieder dieses Clubs sind dazu berechtigt, in einer geschlossenen (also nicht-öffentlichen) Veranstaltung das Rock-Comical zu sehen. Für Menschen mit verletzbaren religiösen Gefühlen bleibt das Stück aber weiterhin verboten und ein Türsteher achtet peinlich darauf, daß sich nicht doch noch das eine oder andere religiöse Schäfchen in die Höhle des antireligiösen Löwen verirrt.