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Verleihung des Erwin-Fischer-Preises 2000

Festveranstaltung:
Verleihung des Erwin-Fischer-Preises an Ursula und Prof. Dr. Johannes Neumann

Aus: IBKA Rundbrief Dezember 2000

Die Festveranstaltung fand am 14. Oktober 2000 zum Ende des ersten Tages der Mitgliederversammlung in Roßdorf in der Tagungsstätte Bessunger Forst statt. Durch Artikel im Darmstädter Echo und in der Badischen Zeitung machte die Presse auf die Preisverleihung aufmerksam.

Bereits vor Beginn der Veranstaltung konnten Interessierte in vom Alibri-Verlag ausgelegten Büchern stöbern. Dazu gehörte natürlich auch das oft gelesene Buch von Erwin Fischer "Trennung von Staat und Kirche". Außerdem war als Gast der in Roßdorf wohnende Lee Traynor anwesend, vielen bekannt als Herausgeber skeptischer Literatur. Auch die von ihm ausgelegten, englischsprachigen Bücher über Religionskritik und Skeptizismus fanden großes Interesse.

Anwaltsbüro übermittelte Grüße

Nachdem Michael Lewandowski mit einem Gitarrensolo den festlichen Abend eingeleitet hatte, begrüßte Rudolf Ladwig als Vorstandsmitglied des IBKA e.V. die anwesenden Gäste, den Laudator Prof. Edgar Baeger und besonders herzlich natürlich die Preisträger Ursula Neumann und Prof. Johannes Neumann.

Rudolf Ladwig würdigte in seiner Rede zunächst den Namensgeber des Preises, der 1996 verstorbene Anwalt Erwin Fischer.

Er verlas ein Grußwort der ehemaligen Rechtsanwaltskolleginnen Fischers. Sie konnten leider aus terminlichen Gründen nicht selbst der Preisverleihung beiwohnen, begrüßten aber die Vergabe des ersten Erwin-Fischer-Preises an die Neumanns. "Erwin hat in der Auseinandersetzung mit 'seinem Thema' immer wieder Frau und Herrn Prof. Neumann zitiert, er war mit ihnen sehr verbunden. Die Preisverleihung an sie, die unter seinem Namen steht, ist zweifelsfrei in seinem Sinne und würde ihn sicher sehr freuen."

Großer persönlicher Einsatz für Religionsfreiheit

Nach Rudolf Ladwig betrat Prof. Edgar Baeger, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des IBKA, das Rednerpult und hielt eine Laudatio auf die Preisträger. Er berichtete über den idealistisch geführten Kampf Erwin Fischers, der für die Bürger als erfahrener Anwalt eintrat. Diese Arbeit Fischers für das Grundrecht der Menschen auf Religionsfreiheit setzt das Ehepaar Neumann mit großem persönlichen Einsatz fort, nicht zuletzt mit ihren Klagen gegen das Zwangsersatzfach Ethik.

Prof. Baeger erläuterte, warum der Kampf gegen ein Zwangsfach Ethik wichtig ist. Alle Religionsgesellschaften seien am Zugriff auf das Schulwesen interessiert. Das Schulfach Ethik als Ersatzfach zu Religion sei auf Betreiben der Kirchen eingeführt worden und würde als Druckmittel gegen abmeldewillige Schüler und Schülerinnen benutzt - wobei bei Konfessionslosen von "Abmeldung" natürlich gar keine Rede sein kann, da für sie ein Religionsunterricht als Lehrfach gar nicht vorgesehen ist. Scharf griff Baeger die Ländergesetze an, die solch ein Pflichtersatzfach für Religionsdesinteressierte vorsehen.

Die Verpflichtung zu einem Ersatzfach würde unterstellen, dass der Religionsunterricht der Kirchen zu sittenmäßigem Verhalten befähigt. Gegen dieses Argument erinnerte Baeger an die unrühmliche Vergangenheit der Kirchen.

Prof. Baeger ehrte das Ehepaar Neumann für ihren Gang durch die gerichtlichen Instanzen, um an deutschen Schulen die Religionsfreiheit durchzusetzen. Leider wurde letztendlich eine gerichtliche Entscheidung aus formalen Gründen abgelehnt, dem Land allerdings eine Gleichbehandlung von Ethik und Religionsunterricht - auch in der Ausbildung der Lehrer - auferlegt.

Baeger rügte, dass - seit der Demontage des Bundesverfassungsgerichtes durch den politischen Katholizismus in Sachen Kruzifixurteil - die Gerichte Entscheidungen zu Staat und Kirche scheuen, "wie der von Theologen erfundene Teufel das von Theologen erfundene Weihwasser".

Zum Schluss bekräftigte Prof. Edgar Baeger seine Überzeugung, dass das organisierte Christentum auf Dauer verlieren wird.

Nach der Laudatio überreichten die Vorsitzenden des IBKA, René Hartmann und Rudolf Ladwig, den beiden Preisträgern Ursula und Johannes Neumann eine Medaille mit dem Porträt Erwin Fischers, eine Urkunde und natürlich einen Blumenstrauß. Die Geehrten bedankten sich mit sehr anregenden und interessanten Reden.

Prozesse gegen die Verflechtung von Kirche und Staat

Prof. Johannes Neumann würdigte den Kampf Erwin Fischers gegen die Bevormundung der Menschen im Namen der Religion und führte anschließend in seiner Rede aus, was sich seit dem Tode Erwin Fischers im Rechtswesen getan hat. Dabei ging er auf fünf Prozesse ein, die seitdem zu Kirche und Staat stattgefunden haben.

Da sind zunächst die Klagen um Ethik als Ersatzfach, die zeigen, dass das Recht des Staates vor den Grundrechten der Bürger steht.

Bei dem Bemühen der Zeugen Jehovas um Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts sah Neumann eine Ungleichbehandlung der verschiedenen Weltanschauungsorganisationen. Das Bundesverwaltungsgericht fordert die Überprüfung der Rechtstreue, was so aber nicht im Grundgesetz verankert ist.

Als dritten Prozess nannte Neumann die Kruzifixurteile. Nachdem das Bundesverfassungsgericht das Aufhängen der Kruzifixe in Klassenzimmern gegen den Wunsch einer geschützten Minorität als verfassungswidrig verurteilte, erklärte sich die Bayerische Staatsregierung zum Verfassungsbrecher und wollte die Entscheidung nicht akzeptieren.

Zum Prozess um den Islamischen Religionsunterricht führte Neumann aus, dass nur ein für alle verpflichtender, objektiver Philosophieunterricht sinnvoll ist. Durch die Ghettoisierung der Schüler in aufgesplitterte Weltanschauungsunterweisungen wird die Herstellung eines Wir-Gefühls unmöglich gemacht.

Als fünftes erläuterte Neumann die Entscheidungen der Gerichte um die Anerkennung von Spendenbescheinigungen der Berliner Humanisten. Die Berliner Gerichte, die nur kirchliche und religiöse, aber nicht weltanschauliche Zwecke für förderungswürdig erachten, hätten eine Abneigung gegen alles Nicht-Kirchliche und würden der Konkurrenz der Kirchen das Leben schwer machen. Der Bundesfinanzgerichtshof mit Sitz in München machte dieser Rechtsbeugung ein Ende.

Wie werde ich ein guter Außenseiter? Tipps einer Insiderin

Nach ihrem Mann hielt auch die zweite Preisträgerin, die Psychologin Ursula Neumann eine Rede, und zwar unter dem Titel: "Wie werde ich ein guter Außenseiter? Tipps einer Insiderin."

Sie schilderte ihre leidvollen Erfahrungen als Bürgerin eines vorwiegend katholischen Tausendseelendorfes. Dort musste sie sich anhören, ihr Kampf gegen das Kreuz hätte das Dorf bundesweit in den Schmutz gezogen. Ursula Neumann stellte deshalb in ihrer Rede mehrere Merksätze für Außenseiterinnen auf:

Die Angst vor dem Gerede ist irrational, aber trotzdem vorhanden. Wer aber aus Angst schweigt, verliert die Selbstachtung. Der eigene Kampf sei auch ein Gebot der Solidarität mit denjenigen, die in einer schwächeren Position sind. Dazu schilderte Ursula Neumann einige Beispiele aus dem prallen christlichen Leben.

Weitere Merksätze sind: Die Gegenpartei hat mindestens genauso Angst. Und: Außenseiter brauchen andere Außenseiter, um Außenseiter bleiben zu können.

Aus ihrer Erfahrung mit dem verlorenen Prozess um das Fach Ethik kam Ursula Neumann zu einem weiteren Merksatz: Eine Niederlage ist wie ein Unfall. Erste Priorität hat die Versorgung der Opfer.

Die Psychologin sieht aber auch Kritik in der hauptsächlichen Beschäftigung mit dem Thema Kirche, denn dieser Bereich hätte aus ihrer Erfahrung nur sehr begrenzte wirkliche Bedeutung. Sorgen machen ihr zur Zeit der Machbarkeitswahn der Gentechnik und der Jugendlichkeitswahn. Auch dies wären ideologiegesteuerte Dummheiten und somit Aufgaben für Nicht-Religiöse.

Nach den mit viel Applaus bedachten Reden, die der IBKA in einer Festschrift herausgeben wird, wurde zum leckeren Buffet und Sektempfang gebeten. So klang eine gelungene Veranstaltung mit der Gelegenheit zu interessanten Gesprächen aus.