Aus: IBKA Rundbrief August 2004
Am 23.5.2004, Karlheinz Deschners 80. Geburtstag, richteten die Giordano Bruno Stiftung und der Rowohlt-Verlag am Wohnort
Deschners in Haßfurt eine Festveranstaltung im dortigen Alten Rathaus aus. Die Vertreter der Stadt luden davor zu einem
offiziellen Sektempfang. Dies löste prompt Proteste in Deschners Heimatstadt aus. "Das ist ein Affront gegen die
Geistlichkeit und alle praktizierenden Christen in unserer Gemeinde!", erregte sich etwa ein Stadtratsmitglied. Es sei
ein "Unding, einen Mann in den Vordergrund zu stellen, der zahlreiche Auszeichnungen von Atheisten- und
Konfessionslosenverbänden bekommen hat." In der Folge wurde die Haßfurter Lokalpresse mit Leserbriefen regelrecht
überflutet. Karlheinz Deschner sagte, dass er mit einer solchen "Provinzposse" von Anfang an gerechnet habe. An die
Anfeindung habe er sich im Laufe seines Lebens gewöhnt, sie sei eine notwendige Begleiterscheinung seiner aufklärerischen
Arbeit. Lächelnd verweist er dabei auf einen seiner Aphorismen, der die Hintergründe des Haßfurter Treibens wohl treffend
beschreibt: "Aufklärung ist Ärgernis; wer die Welt erhellt, macht ihren Dreck deutlicher."
Durch das Festprogramm führte der Geschäftsführer der Giordano Bruno Stiftung, Dr. Michael Schmidt-Salomon. Die Laudatio
sprach Prof. Dr. Hermann Josef Schmidt. Alle Beiträge sind unter www.deschner.info/index.htm?/de/person/special/programm.htm
nachlesbar. Für den IBKA e.V. gab dessen Vorsitzender, Rudolf Ladwig, ein Grußwort:
Sehr geehrter Herr Dr. Deschner,
meine Damen und Herren,
üblicherweise spräche an dieser Stelle womöglich ein ,geweihter' Priester einer großen christlichen Kirche und nicht ein
gewählter Repräsentant eines kleinen politischen Interessenverbandes der Nichtreligiösen. Die Einladung an mich, für welche
ich den Veranstaltern danke, hat ja bereits im Vorfeld zu Kritik in den lokalen Medien geführt. Die womöglich darob sehr
gesteigerte Erwartung, ich möge hier einen gar sensationellen Eklat verursachen, welcher die altehrwürdige Stadt Haßfurt in
ihren Grundfesten erschüttert, werde ich jedoch gewiss enttäuschen. "Die falschen Propheten der Atheisten heißen Feuerbach,
Marx, Nietzsche und Deschner!" So oder ähnlich formuliert, lautet ein nicht nur gelegentlich von religiöser Seite erhobener
Vorwurf. Sind Sie, Herr Deschner, womöglich ein Guru? Findet hier im Saal etwa der vorläufige Gipfel eines fragwürdigen
Personenkultes statt? Einige der Briefe, welche der Jubilar in den letzten Jahrzehnten erhielt und die im Buch "Sie
Oberteufel" dokumentiert wurden, beweisen, dass es durchaus auch eine autoritätssüchtige Perzeption des umfangreichen
Deschner'schen ?uvres durch Einzelne gibt.
Sie widerspricht aber eklatant dem Selbstverständnis des derart Verehrten! Deschner hat keine Jünger rekrutiert, keine
,Schule' oder ,Lehre' begründet, ihn umgibt eben nicht eine Entourage mit kultisch gestützten autoritären Strukturen
ökonomischer oder gar sexueller Hingabe bzw. Ausbeutung. Er heiligt ja auch nicht nonchalant "erleuchtete höhere Wahrheiten",
sondern exhumiert mühsam und beleuchtet wohl dokumentiert etliche absichtsvoll verschwiegene profane Fakten des "christlichen
Abendlandes". Alles erarbeitet Deschner außerhalb des etablierten Wissenschaftsbetriebes - ja, im Grunde gegen etliche der
dort staatlich finanzierten, jedoch kirchlich lizenzierten Theologen. Hierbei erhielt er Unterstützung durch privates
Engagement. Verehrte Anwesende, erlauben Sie mir bitte, hierfür - stellvertretend - Herrn Herbert Steffen auch unseren Dank
auszusprechen.
Deschner schreibt in "Was ich denke", er könnte sich Anarchist nennen oder Sozialist, Pazifist, Individualist, Humanist
oder Demokrat - wenn da nicht die gelegentlich vertrackte Geschichte dieser Ismen wäre! Vereinnahmen lassen will er sich
nicht: "Von keiner Seite. Weder von rechts noch von links noch von der Mitte". Dies gipfelt in dem distanziert-spitzfingerigen
Naserümpfen: "Ich würde mich für viele Ideen begeistern, wären nicht deren Verfechter."
Somit liegt die Bedeutung des dezidierten Individualisten Karlheinz Deschner für die säkular-freigeistigen Verbände
hierzulande auch nicht in dessen etwaiger direkter Beteiligung am Vereinsleben. Haben in früheren Jahrzehnten diese Verbände
gelegentlich Deschner-Lesungen veranstaltet, so mussten in den letzten Jahren schon - allerdings längst überfällige! - Preise
an Deschner verliehen werden, um diesen viel beschäftigten "empörten Menschenfreund" (so apostrophierte ihn Johannes Neumann)
öffentlich erleben zu können.
Der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten, dessen Ehren- und Beiratsmitglied Karlheinz Deschner seit
vielen Jahren ist, hat ihm im Jahr 2001 den Erwin-Fischer-Preis verliehen - für seine Publikationen auf dem Gebiet der
"Aufklärung über Wesen, Funktion, Strukturen und Herrschaftsansprüche von Religionen". In seiner damaligen Laudatio auf
Deschner nannte Ludger Lütkehaus ihn einen Moralisten, der den biblischen Grundsatz "An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen"
auf die Geschichte des Christentums anwendet.
Dies bedeutet aber nicht, dass zwar die Kirche mangelhaft sein möge, die Bibel jedoch als ethisches Fundament
unverzichtbar. Die dazu einschlägige und lange vergriffene Bibelkritik von Franz Buggle, "Denn sie wissen nicht, was sie
glauben", welche der Ideologiekritiker Hans Albert als "eine ganz ausgezeichnete Analyse der aktuellen religiösen Situation"
bezeichnet hat, liegt ja jetzt endlich wieder in einer überarbeiteten Neuauflage vor.
Seit dem Sommer 2003 betreibt der IBKA das meistfrequentierte webbasierte Diskussionsforum zu Weltanschauungsfragen auf
nichtreligiöser Basis im deutschen Sprachraum. Dort, im ,Freigeisterhaus', gibt es als Spezialität auch ein ,Deschner-Forum'.
Darin merkte kürzlich ein kirchlicher Seelsorger an: "Insgesamt wäre es doch mal sehr interessant, wie viele Kirchenaustritte
auf das Konto des Herrn Deschner gehen." Es ist evident, dass diese Frage nur mit erheblichem Aufwand empirisch zu klären wäre.
Allerdings höre ich immer wieder von Einzelnen, dass ihnen die Lektüre der Werke Deschners zum Anlass wurde, die eigene
Trägheit zu überwinden und sich endlich offiziell von Kirche zu absentieren. Viel wichtiger scheint mir hierbei aber ein
anderer Punkt zu sein: Der ,Verlust' des im Kleinkindalter induzierten Glaubens, die Befreiung von einer durch andere
veranlassten Mitgliedschaft, sind kein Schaden, sondern ein Gewinn! Deschner beraubt die Menschen nicht, er verhilft ihnen,
sich zu emanzipieren.
Am 8. Juli 2004 wird - auf Vorschlag der säkular-freigeistigen Verbände - zum Gedenken an den 200. Geburtstag von Ludwig
Feuerbach ein Sonderpostwertzeichen zu 1,44 ? erscheinen. Feuerbach war Franke - wie Deschner, der ja zudem auch
Feuerbach-Preisträger des Bundes für Geistesfreiheit Bayern ist. Auch wir hier im Saal können dazu beitragen, dass solche
exzeptionellen Religionskritiker nicht erst posthum nach über 130 Jahren geehrt werden. Auf eine etwaig philatelistische
Harmlosigkeit lassen sich so anstößig-anstoßende Denker, wie Feuerbach und Deschner, ja auch gar nicht reduzieren.
Zu der vierten Erwin-Fischer-Preisverleihung und der darum konzipierten Tagung zum Thema "Wissen statt Glauben", vom
25.-26. September 2004 in Köln, möchte ich Sie alle herzlich einladen. Wir werden diesen Kongress übrigens in Kooperation mit
der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung der Parawissenschaften (GWUP) durchführen sowie mit einem der heutigen
Veranstalter, der Giordano Bruno Stiftung.
Wie Sie wissen, wurde Bruno verbrannt. Manche Frommen würden - dies zeigen die Hassbriefe nach Haßfurt - wohl gerne mit
Deschner ähnlich verfahren. Ich gestehe, dass mir daher die Kombination beider Namen etwas unbehaglich anmutet. Die Verfolgung,
welche die letzte Erwin-Fischer-Preisträgerin, die bengalische Schriftstellerin Taslima Nasrin, in ihrem Geburtsland erfährt,
zeigt, dass das "Verbrechen" der Blasphemie - also der Hass der Frommen als Reaktion auf offenbar so leicht verletzbare
religiöse Gefühle - zumindest andernorts immer noch mörderische Konsequenzen zeitigen kann. Wenn ich Sie, verehrter Herr
Deschner, jedoch dort gelassen sitzen sehe, wünsche ich uns allen die nämliche Zivilcourage.
Wir brauchen bürgerschaftliches Engagement; welches beispielsweise das hiesige Ansinnen und die längst andernorts
begonnene Praktik, Folter wieder als legitimes Instrument, diesmal der Exekutive und nicht der Judikative, zu
rehabilitieren, als Missachtung der Menschenwürde, universellen Menschenrechte, der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit
begreift. Wer Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird - so Benjamin Franklin - letztlich beides verlieren.
Bezeichnenderweise wird die zugrunde liegende manichäische "wir die Guten, sie die Bösen"-Logik beiderseits vehement auch
von Religion gespeist. Es geht also auch künftig mitnichten um einen lediglich akademischen Streit über unterschiedliche
historische Betrachtungen zur kirchlichen Vergangenheit: Das Gefährdungspotential durch religiöses Denken - welches nicht
immer unbedingt auch theistisch daherkommt - ist weltweit durchaus weiterhin virulent.
Jetzt ist hier für mich nicht die Gelegenheit, den komplexen Zusammenhang von Säkularisierung, Individualisierung,
Globalisierung und Wiederkehr des Religiösen näher zu beleuchten versuchen.
Sehr geehrter Herr Deschner, sie sinnierten einmal: "Das meiste im Leben sind Abhaltungen vom eigentlich Wichtigen. - Das
eigentlich Wichtige? Das Schreiben! Obwohl ?" Ich hoffe, Sie lassen sich heute gerne abhalten. Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem
80. Geburtstag!