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Theologie ist unwissenschaftlich

Plädoyer für die Abschaffung der theologischen Fakultäten

von Prof. Dr. Günter Kehrer

Um die These "Theologie ist unwissenschaftlich" beurteilen zu können, benötigen wir erstens ein (uns) ausreichendes Kriterium für Wissenschaftlichkeit und zweitens eine detaillierte Information über das, was in den theologischen Fakultäten inhaltlich getrieben wird.

Zum Wissenschaftsbegriff

Ohne eine letzlich nicht entscheidbare Diskussion über den Wissenschaftsbegriff zu führen, muß es für unseren politischen Zweck genügen, einen Minimalkonsens zu formulieren, wie er sich in den letzten Jahrhunderten zur Frage der Wissenschaftlichkeit von Vorgehensweisen herausgebildet hat. Dabei haben sich folgende Gesichtspunkte als relevant erwiesen und werden von praktisch keiner Seite bestritten:
a) Freiheit des wissenschaftlichen Forschens von institutionalisiertem Zwang und anderen wissenschaftsfremden Einflüssen.
b) Prinzipielle Kritikoffenheit und Kritikbereitschaft. Das bedeutet, daß Methoden und Ergebnisse wissenschaftlichen Arbeitens ihrer Intention nach auf Kritik angelegt sein müssen und damit jede Geheimniskrämerei und esoterisches Wissen als wissenschaftsfeindlich gelten: Nur offengelegte Ergebnisse zählen. Es gibt keinen Bereich wissenschaftlichen Arbeitens, der der Kritik prinzipiell entzogen ist. Dies gilt auch für die Vorraussetzungen des Forschens selbst.
c) Prinzipielle Zugänglichkeit der Wissenschaft für jedermann: Jeder, der sich entsprechend bemüht, kann die Voraussetzung zum Wissenschaftsbetreiben erwerben. Es gibt keine Voraussetzungen, die nicht erwerbbar sind.
d) Wissenschaftliche Sätze sind entweder auf eine außerhalb des Denkens existierende Wirklichkeit bezogen, die zu erfahren jedem vernunftbegabten Wesen möglich ist oder sie beziehen sich auf Bedingungen, Formen und Weisen des Denkens selbst (reine Geisteswissenschaften) und sind aber auch dann, da sie den Gesetzen der Logik entsprechen, jedermann (nach entsprechendem Training) einsichtig.

Der gegenwärtige Stand in den theologischen Fakultäten

Tätigkeiten in den theologischen Fakultäten: Der gegenwärtige Stand in den theologischen Fakultäten stellt sich so dar, daß folgende folgende Disziplinen prinzipiell immer vertreten sind: Alttestamentliche Wissenschaft, Neutestamentliche Wissenschaft, Kirchengeschichte, Systematische Theologie (Dogmatik und Ethik) und Praktische Theologie. Neben diesen fünf Dispziplinen gibt es gelegentlich (aber nicht überall) sogenannte theologische Randfächer: Biblische Archäologie, philosophische Grundfragen der Theologie, Missionswissenschaft, Ökumenische Theologie, Religionsgeschichte usw. Lassen wir diese Randfächer beiseite, so lassen sich die Hauptdisziplinen in drei Gruppen teilen: a) Historische Disziplinen (Altes Testament, Neues Testament, Kirchengeschichte); b) Systematische Disziplinen (Dogmatik, Ethik); c) Praktische Theologie (Homiletik, Katechetik, Seelsorgelehre). Es müssen nun diese drei Gruppen daraufhin untersucht werden, ob sie den Kriterien für Wissenschaftlichkeit genügen.

Kriterien für Wissenschaftlichkeit

a) Kriterium der Freiheit von institutionalisiertem Zwang und wissenschaftsfremden Einfüssen: Hier lässt sich die Lage recht einfach kennzeichnen. In allen Theologischen Fakultäten haben die Kirchen ein Mitspracherecht, sei es in Form der Erteilung oder Entziehung der missio canonica (katholische Theologie) oder durch Anfrage bei kirchlichen Instanzen, ob gegen in Aussicht genommene Bewerber Bedenken bestehen (evangelische Theologie). Kirchenaustritt kann (auf kirchliches Verlangen) einen Professor aus dem Amt befördern. Diese Einflüsse sind institutionalisiert, also mehr als purer faktischer Natur und bezeichnen damit schon die Sonderstellung der Theologie, das heißt ihre Unwissenschaftlichkeit in Bezug auf dieses Kriterium.
b) Kriterium der Kritikoffenheit und Kritikbereitschaft: Hier gilt es, zwischen den einzelnen Disziplinen zu unterscheiden. Die Lage ist praktisch so, daß im Rahmen der historischen Disziplinen Kirchengeschichte und (teilweise) auch alttestamentliche Wissenschaft diesem Kriterium entsprechen können und in einigen Fällen auch tun. Für die neutestamentliche Wissenschaft gilt dies faktisch nicht. Die systematischen Disziplinen und ebenso die praktische Theologie gehen von Voraussetzungen aus, die den Forscher - so er sie in prinzipiellen Zweifel zieht - außerhalb der theologischen Wissenschaft stellt: Gottesexistenz, Gottesoffenbarung, Versöhnung u. a. sind vorgegebene "Tatsachen", die lediglich in ihrer Bedeutung für der Menschen erhellt werden müssen und zu "durchdenken" sind.
c) Kriterium der prinzipiellen Zugänglichkeit: Dies wird von den meisten theologischen Wissenschaften letztlich abgelehnt. Sie erklären, daß ohne entsprechende Glaubenserfahrung theologische Wissenschaft nicht sachgemäß betrieben werden könne. Glaubenserfahrung ist aber nach christlicher Auffassung nichts durch eigene Anstrengung zu Erwerbendes, sondern in letztlicher Hinsicht das Werk Gottes selbst, also Gnade. Allerdings ist zu betonen, daß in der Forschungspraxis diese Voraussetzungen nicht in allen Disziplinen der Theologie zum Tragen kommen. In der Kirchengeschichte und (teilweise) in der Wissenschaft vom Alten Testament sind durchaus Möglichkeiten völlig glaubensfreier Forschung (und Kooperation mit Geschichtswissenschaften und Altorientalistik) erkennbar.
d) Kriterium des Bezugs auf Wirklichkeit bzw. auf Bedingungen des Denkens selbst: Dieses Kriterium ist notorisch nur bei den historischen Disziplinen gegeben, denn sowohl Altes als auch Neues Testament sowie die Taten und Untaten der Kirchen und ihre Gedanken sind unabhängig vom Forscher vorhanden. Sofern die praktische Theologie die seelsorgerlichen, homiletischen und katechetischen Handlungen der Kirchen untersuchen würde, könnte es sich auch um Wissenschaft handeln; in der Realität vermittelt sie aber Handlungsanweisungen und hat schon von daher einen prekären Stand in der Universität. Die systematischen Disziplinen scheitern, ohne daß dies ausführlich gezeigt werden müßte, an diesem Kriterium.

Fazit

  1. Weil Theologie stets kirchlich und religiös gebunden ist, ist sie grundsätzlich unwissenschaftlich.
  2. Einigen theologischen Disziplinen gelang es, in dem wissenschaftlichen Prozeß eine relativ autonome Stellung zu erlangen. Ist es dem Forscher erst einmal gelungen, eine bestimmte Position zu erreichen, reicht schweigende Mitgliedschaft in der Kirche aus, um in Ruhe wissenschaftlich arbeiten zu können. Dies gilt für die Kirchengeschichte und (teilweise) für die alttestamentliche Wissenschaft.
  3. Die Abschaffung der theologischen Fakultäten ist geboten. Die teilweise wertvolle Arbeit einiger Disziplinen (Kirchengeschichte, Wissenschaft vom Alten und Neuen Testament - die letzten jedoch mit Einschränkung) kann und soll von anderen Fakultäten übernommen werden, Geschichtwissenschaft, Kulturwissenschaft usw.
  4. Was die Abschaffung der theologischen Fakutäten betrifft, so begründen wir sie folgendermaßen:

Die kirchliche Bindung der Theologie widerspricht dem Postulat der Freiheit der Wissenschaft. Indem die sogenannte theologische Wissenschaft Glaubenserfahrung voraussetzt und zugleich die Existenz Gottes, Gotteserfahrung u. ä. als nicht hinterfragbar postuliert, stellt sie sich außerhalb des neuzeitlichen Wissenschaftsverständnisses. Dies bedeutet jedoch nicht, daß aufgrund günstiger Umstände nicht doch in Einzelfällen durchaus wissenschaftlichen Standards entsprechende Forschung in den theologischen Fakultäten geleistet wurde und wird. Um diese Forschung zu bewahren, ist es notwendig, daß die Geschichte der jüdisch-christlichen Religion in Zukunft in kirchlich ungebundenen Disziplinen (Geschichtswissenschaft, Kulturwissenschaft, Religionswissenschaft usw.) erforscht wird.