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2000 - Meldungen 2850-2882

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  • (2850) Würzburg. Die CSU darf sich nach einem Gerichtsurteil weiterhin "christlich" nennen. Das Landgericht Würzburg wies im Februar dieses Jahres eine Klage ab, mit der die Partei gezwungen werden sollte, den Begriff "christlich" künftig aus ihrem Namen zu streichen. Kläger waren drei ehemalige Theologen der katholischen und evangelischen Kirche, die der Gemeinschaft "Universelles Leben" nahestehen. Mit der Befürwortung der Nato-Angriffe auf Jugoslawien habe die Partei "Etikettenschwindel" betrieben. Eine christliche Partei, die sich für Kriegseinsätze ausspreche, dürfe sich nicht auf Jesus Christus berufen, der Gewaltlosigkeit gelehrt habe. Dazu stellte das Gericht fest, dass Persönlichkeitsrechte nur vom "Rechtsinhaber selbst" und nach dessen Tod von Personen wahrgenommen werden könnten, die nahe verwandt seien. (Frankfurter Rundschau, 26.1.00)

  • (2851) Kempten. Der Ausstieg der katholischen Kirche aus der Schwangerenkonfliktberatung hat die Situation der Gesellschaft für Familien und Sexualberatung Pro Familia in Bayern nicht verbessert. Noch immer kämpfen vier von sieben Pro-Familia-Beratungsstellen im Freistaat um eine staatliche Förderung. Die Anerkennung, schwangere Frauen in schwieriger Lebenssituation beraten zu dürfen, hat ihnen die Staatstregierung zwar erteilt. Doch auf eine entsprechende Finanzierung aus dem Topf des Sozialministeriums warten die Einrichtungen bislang vergeblich. "In Bayern wird mit zweierlei Maß gemessen. Die kirchlichen Beratungsstellen haben in der Vergangenheit ihre Förderung gleich erhalten", sagt Inge Waidelich, Landesvorsitzende von Pro Familia.

    Pro Familia hat im Sommer letzten Jahres beim Verwaltungsgericht Augsburg Klage auf finanzielle Förderung eingereicht. Die Regierung von Schwaben hat bereits Abweisung der Klage beantragt. Die Begründung: Für die Einrichtung sei kein Bedarf vorhanden. Die staatlichen Gesundheitsämter in den Städten und Landkreisen des Allgäus garantierten bereits eine weltanschaulich neutrale Beratung. "In Wirklichkeit gibt es bei den Gesundheitsämtern kein eigens dafür ausgebildetes Personal", sagt die SPD-Landtagsabgeordnete Heidi Lück. Gemeinsam mit ihrem Fraktionskollegen Hermann Geiger und dem Grünen-Abgeordneten Adi Sprinkart war Heidi Lück der Einladung gefolgt, mit Vertretern von Pro-Familia-Kempten die unbefriedigende Situation zu erörtern. Von den 19 schwäbischen CSU- Landtagsabgeordneten, die ebenfalls eingeladen waren, ließ sich keiner blicken. Einige hatten sich entschuldigt, andere überhaupt nicht reagiert. "Das sagt auch etwas über den Respekt, den man ihrer Arbeit bei der CSU entgegenbringt", betonte der Abgeordnete Sprinkart.

    Die Vertreter der Landtagsopposition raten Pro Familia, parallel zur Klage eine Petition an den Landtag zu richten. Das Ministerium müsse dann zu dem Widerspruch zwischen staatlicher Anerkennung einerseits und vorenthaltener Förderung andererseits Stellung nehmen. Ohnehin vermuten Abgeordnete und Pro Familia, dass Sozialministerin Barbara Stamm (CSU) bewusst auf Zeit spiele, um hinterher vorrangig die Beratungsstellen des katholischen Vereins "Donum Vitae", die sich erst noch etablieren müssten, fördern zu können. (SZ, 17.1.00)

  • (2852) Köln. Tod und Teufel droht den Kölnern, das scheint festzustehen. Um dies abzuwenden, übten sich die Oberhäupter beider Konfessionen in ökumenischem Schulterschluss: "Objekte des Gruselns" würden da auf dem Heumarkt ausgestellt, heißt es höchst alarmiert. "Um Voyeurismus zu bedienen, werden große Geschäfte gemacht", wettert der Evangelische Stadtkirchenverband. Laut Dompropst Bernhard Henrichs sei die Ausstellung ein "Angriff auf die menschliche Würde".

    Bereits seit dem 12. Februar wird mitten in Kölns Altstadt die Ausstellung "Körperwelten" gezeigt. Ein umstrittenes, aber auch höchst erfolgreiches Projekt des Heidelbergers Gunther von Hagens. Gezeigt werden nach einem von ihm entwickelten Verfahren präparierte Leichen. Plastinate, wie Hagens seine Objekte nennt, die er ausstellt, um "Aufklärung im besten Sinne zu betreiben". Die Kölner Kirchen sehen dies, wie zuvor schon ihre Mannheimer Glaubensbrüder, gänzlich anders. (Frankfurter Rundschau, 25.1.00)

  • (2853) Berlin. Ein Pflichtfach Religion, das benotet wird, soll es an Berliner Schulen nicht geben. Dies sei in der SPD nicht mehrheitsfähig, sagte die neue schulpolitische Sprecherin der Fraktion im Abgeordnetenhaus, Eveline Neumann. Als Kompromiss könne sie sich vorstellen, dass an den Schulen ein halbes Jahr lang ein konfessioneller Religionsunterricht angeboten werde. Im übrigen Halbjahr könnte dann "eine Wertevermittlung durch den Staat" erfolgen. Der jeweils verkürzte Unterrichts-Zeitraum hätte zur Folge, dass beide Fächer "nicht versetzungsrelevant" wären.

    Wie der SPD-Schulsenator Klaus Böger betonte auch Frau Neumann, dass vor einer Entscheidung über ein eventuelles Wahlpflichtfach Religion ein breiter Dialog stehen sollte, an dem auch die Kirchen beteiligt werden. Sie hoffe, dass bis Ende dieses Jahres eine Lösung gefunden werde. Ohne vorherige Zustimmung der Fraktion werde es keinen Gesetzentwurf geben. (Berliner Morgenpost, 10. 2.00)

  • (2854) Schwante. Erstmals verlegt eine buddhistische Gruppierung ihr Zentrum nach Brandenburg. Für 1,5 Mio. Mark erwarb die buddhistische Splittergruppe Dipankara des Mahayana-Buddhismus (in Deutschland insgesamt 600 Mitglieder) mit Hilfe des Finanzministeriums das im Stile des deutschen Reichstages errichtete Schloss Sommerswalde bei Schwante (Oberhavel). Die Buddhisten hatten den Zweitbewerber, eine Pension für altersgerechtes Wohnen, aus dem Rennen geworfen.

    Versuche religiöser Bewegungen, sich in Brandenburg anzusiedeln, gab es bereits mehrfach. So wollte die Transzendentale Meditation (TM) des indischen Begründers Maharishi Mahesh Yogi in der Stadt Rheinsberg ein Meditatives Zentrum errichten. Die Stadtverordneten verweigerten aber die Ansiedlung. In Sommerswalde liegt der Fall anders. "Wir ließen gerade wegen Rheinsberg prüfen, welcher Verein hinter dem Diapankra-Zentrum steht", sagte Martin Braun vom Finanzministerium. Vorbehalte habe es nicht gegeben. Auch der Bürgermeister von Schwante, Manfred Lehmann, hat keine Bedenken gegen die Ansiedlung. Viele Ortsansässige stünden dem Projekt einfach "wertneutral" gegenüber.

    Finanz-Staatssekretär Horst Mentrup schätzte bei der Urkundenübergabe den Verkauf als "erfreulichen Wertungserfolg" ein. Mentrup: "Von dem neuen Nutzer verspreche ich mir eine Bereicherung der kulturellen Vielfalt in der Region. Ich denke, dass von hier aus wichtige Impulse für den Dialog unterschiedlicher Kulturen ausgehen können."

    Das sehen die Kirchen ganz anders. Der Sektenbeauftragte der Berlin-Brandenburgischen Kirche, Thomas Gandow, wies in seiner Kritik darauf hin, dass Dipankara nicht einmal Mitglied der Buddhistischen Union Deutschlands (DBU) sei, des Dachverbands aller deutschen Buddhisten. Ihn habe gewundert, wie die Landesregierung "der Gemeinde etwas übergestülpt habe", ohne die Konsequenzen zu bedenken. Man müsse sich doch fragen, wo das Geld für Investitionen herkomme, da die Gruppe außer geringfügigen Spenden kaum über eigene Einnahmen verfügen könne. (Berliner Morgenpost, 3.2.00)

  • (2855) Würzburg. Kaum ein Jugendlicher bekennt sich vor der Klasse zum Christentum: "Das gilt als uncool", erfuhr der Diplom-Theologe Andreas Prokopf vom Lehrstuhl für Religionspädagogik und Didaktik des Religionsunterrichts an der Universität Würzburg. Bei Interviews mit 20 unterfränkischen Jugendlichen fand Prokopf heraus, dass einzelne Fragmente des traditionellen Christentums für die jungen Menschen noch immer wichtig sind. Völliges religiöses Desinteresse sei ihm in den jeweils rund 90 Minuten dauernden Tiefeninterviews nicht begegnet, erklärte Prokop: "Eine Abwendung von der Kirche ist nicht identisch mit Religionslosigkeit. Die Jugendlichen haben eine Theologie. Allerdings ist Religiosität für die Schülerinnen und Schüler zu einer Privatangelegenheit geworden". Diffuses christliches Traditionsgut werde ­ auf der Suche nach Antworten auf Existenzfragen ­ in das eigene Leben integriert.

    Relativ selten stoße man bei den Jugendlichen auf eine Vorliebe für Anthroposophie, Esoterik oder für die fernöstliche Religion. Laut Ziebertz gibt es in Franken kaum Jugendszenen, die sich geschlossen zu einer alternativen Religion oder einer ideologischen Heilslehre bekennen. Allerdings lasse sich ein Mix aus Christentum und der fernöstlichen Religion ausmachen: So wird der christliche Erlösungsglaube teilweise mit Wiedergeburtsvorstellungen verkoppelt.

    Die Situationsanalyse, die die Deutsche Forschungsgemeinschaft mit rund 130000 Mark fördert, beruht auf der Hypothese, dass Religion bei Jugendlichen präsent ist, obwohl religiöse Bindungen zu schwinden scheinen. Nach einem Jahr Vorarbeit scheint sich außerdem abzuzeichnen, dass die wenigsten Jugendlichen vollkommen außerhalb der Kirche stehen ­ bestimmte christliche Inhalte, Symbole und Rituale werden als wichtig erachtet.

    Die Wissenschaftler hoffen, nach der Auswertung der 20 Tiefeninterviews in drei Jahren dem Religionsunterricht in Bayern neue Impulse geben zu können. Sie wollen auf religiöse Bedürfnisse Jugendlicher hinweisen, die bisher von Religionspädagogen kaum wahrgenommen wurden. Ebenso sollen jene Antworten aus dem Religionsunterricht als irrelevant entlarvt werden, hinter denen keine Fragen aus der Alltagswelt heutiger Jugendlicher stehen.(Main-Echo, 8.2.00)

  • (2856) Köln. In der katholischen Kirche Deutschlands geht der Streit um die Schwangerenkonfliktberatung weiter. Der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner wandte sich gegen die Pläne der Laienorganisation "Donum vitae", die künftig die Konfliktberatung fortsetzen will. Laien könne nicht gestattet sein, was Bischöfen und Priestern nicht erlaubt sei, sagte Meisner in Köln. In dieser wichtigen Frage könne es keine Doppelmoral geben. (Frankfurter Rundschau, 7.2.00)

  • (2857) Fürth. Wegen Beleidigung des früheren CSU-Vorsitzenden Theo Waigel muß der Lebensrechtler und promovierte evangelische Theologe Johannes Lerle (Erlangen) 1.000 Mark Strafe zahlen. Das Amtsgericht Fürth hatte ihn im Februar zu einer Geldstrafe von 50 Tagessätzen zu je 20 Mark verurteilt. Lerle hatte auf einem Flugblatt gegen die Tötung Ungeborener protestiert und dabei den ehemaligen Bundesfinanzminister mit Adolf Hitler

    verglichen. So wie Hitler befohlen habe, "Tötungskapazitäten" für die Ermordung von Juden bereitzustellen, habe Waigel im Bundestag für ein Gesetz gestimmt, das die Bundesländer zu einem ausreichenden Angebot an Abtreibungsmöglichkeiten verpflichte, hieß es auf Lerles Flugblatt.

    Bereits im September letzten Jahres wurde eine frühere Verurteilung Lerles zu einer Geldstrafe von 1.200 Mark rechtskräftig. Auf Flugblättern hatte er den auf Abtreibungen spezialisierten Nürnberger Frauenarzt Andreas Freudemann einen "Berufskiller" und "Folterknecht" genannt. Lerle selbst betrachtet die Verfahren als "Ketzerprozesse", da sie auf der wahrheitswidrigen Denkvoraussetzung beruhten, daß Embryonen keine Menschen seien. Beide Strafen will er daher nicht bezahlen.(idea online, 8.2.00)

  • (2858) Nürnberg. Ob eine Pfarrerin einen Muslim heiraten darf, beschäftigt die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern. Ulrike Hink, Pfarrerin an der Auferstehungskirche in Nürnberg-Zerzabelshof, schloss im Dezember letzten Jahres vor einem Standesbeamten den Bund fürs Leben mit einem Anhänger des Islam. Laut einem Beschluß der Landessynode ist das zwar möglich, aber nur unter der Bedingung, dass sich das Paar auch vor einem Traualtar das Ja-Wort gibt und später die gemeinsamen Kinder taufen lässt. "Wir gehen davon aus, dass die kirchliche Trauung noch folgt", sagte Andreas Rickerl (München), Pressereferent der Landeskirche. Der Landeskirchenrat halte an dem Grundsatz fest, dass der Ehepartner eines Pfarrers evangelisch sein solle. Man habe das Paar gebeten, die kirchliche Trauung "baldmöglichst" nachzuholen. (idea online, 18.2.00)

    Anm. MIZ: Es bleibt alles beim Alten. Es wird nur soviel Relgionsfreiheit gewährt, wie man zeitgemäß muss. Die erwarteten Kinder werden schon im voraus religiös in Sippenhaft genommen.

  • (2859) Hannover. Für die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) kommt eine Öffnung der Ehe für homosexuelle Paare nicht in Frage. Auch die für die Ehe geltenden rechtlichen Bestimmungen dürften auf homosexuelle Partnerschaften nicht unterschiedslos angewandt werden, teilte das EKD-Kirchenamt in Hannover mit. "Neue gesetzliche Regelungen dürfen nicht auf Kosten der sozialen und rechtlichen Stellung der Ehe gehen", heißt es in der Stellungnahme.

    Eine Verbesserung des Rechtsschutzes für gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften werde jedoch begrüßt. Nach Auffassung des Kirchenamtes ist es "ethisch geboten, Verlässlichkeit und Verantwortung im menschlichen Zusammenleben zu stärken". Dies gelte auch für gleichgeschlechtliche Partnerschaften. Im Blick auf rechtliche Regelungen für homosexuelle Paare sei jedoch "behutsames Vorgehen angebracht". Einzelheiten einer solchen Regelung seien "keine Glaubensfrage, sondern eine Frage der politischen und rechtlichen Vernunft". (Westfälische Allgemeine Zeitung, 21.2.00)

  • (2860) Berlin. Das Bundesverwaltungsgericht hat Mitte Februar grünes Licht für Islam-Unterricht an den staatlichen Schulen in Berlin gegeben. Der Verein "Islamische Föderation" dürfe wie auch katholische oder evangelische Kirchen Religion anbieten, entschied der 6. Senat in der seit 20 Jahren dauernden Auseinandersetzung als letzte Instanz. Zuvor müssten jetzt nur noch die Lehrpläne geprüft werden. In Berlin gibt es laut Innenbehörde mindestens 30 000 Schüler islamischen Glaubens. (Az.:BVerwG 6 C 5.99)

    Der Verein wird wegen des Verdachts extremistischer Bestrebungen seit wenigen Wochen vom Verfassungsschutz beobachtet. Das Land Berlin hatte ihm nicht den Status einer Religionsgemeinschaft zugebilligt und argumentiert, es handele sich dabei eher um eine politische oder kulturelle Gruppierung, nicht aber um eine Religionsgemeinschaft im Sinne des Berliner Schulgesetzes. Der Verein hatte hingegen vor den Bundesrichtern eine religiöse Neutralität des Staates verlangt.

    Die "Islamische Föderation" war 1980 als Dachverband von zuletzt 25 Vereinen

    gegründet worden, unter anderem um Religionsunterricht an den Schulen anzubieten. Ein 1987 gestellter Antrag wurde 1994 abgelehnt. Anschließend ging der Fall vor die Gerichte.

    Berlin ist neben Bremen und Brandenburg das einzige Bundesland, in dem Religion nicht als ordentliches Lehrfach an öffentlichen Schulen angeboten wird, sondern als Zusatzangebot in Verantwortung der Religionsgemeinschaften. Diese Ausnahme ist in der "Bremer Klausel" des Grundgesetzes für die Länder geregelt, die vor 1949 keine Verpflichtung zur Erteilung von Religionsunterricht kannten. Ein Sprecher des Gericht erklärte, aus diesem Grund sei das Urteil nicht direkt auf andere Länder übertragbar.(Nordwest-Zeitung, 24.2.00)

  • (2861) Stuttgart. Der Bund der Freien Waldorfschulen hat Rassismus- und Antisemitismus-Vorwürfe vehement zurückgewiesen. "Dies hat weder etwas mit unserem Lehrplan noch mit unserer Lehrerausbildung zu tun", sagte die Vorsitzende des Landesverbandes der freien Waldorfschulen, Gise Kayser-Gantner, in Stuttgart. Eine Umfrage an allen Schulen habe keine Anhaltspunkte für die Verbreitung rassistischen oder antisemitischen Gedankengutes oder Vorfälle in dieser Richtung ergeben. "Das ist nicht der Alltag in den Waldorfschulen", sagte sie.

    Damit reagierte sie auf die jüngsten Aussagen des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel. Spiegel hatte im Südwestfernsehen (SWR) gesagt, dass ihm seit etwa eineinhalb Jahren aus verschiedenen Städten von antisemitischen Vorfällen berichtet werde. Die Eltern, die ihm davon erzählt hätten, wollten anonym bleiben. Deshalb sei er noch nicht aktiv geworden. Er werde zunächst noch mehr Fakten sammeln.

    Kayser-Gantner wies darauf hin, dass die Waldorfschulen in Südafrika die ersten mit gemischten Klassen gewesen seien. Sie sagte, es könne sich bei der Fernseh-Darstellung lediglich um Ausnahmefälle gehandelt haben, die sich keinesfalls mit dem Programm der Schulen deckten. Der Begründer der Waldorfpädagogik Rudolf Steiner sei kein Rassist gewesen. Die in der "Report"-Sendung verbreiteten Zitate aus seinen Werken seien aus dem Zusammenhang gerissen worden. (NewsBote, 21.3.00)

    Anm. MIZ: Eine fadenscheinige Schutzbehauptung: Man muss bei Rudolf Steiner keine Zitate aus dem Zusammenhang reißen, um seinen eigentümlichen, esoterischen Rassismus bloßzustellen. Das wissen natürlich auch die Anthroposophen. Es ist bezeichnend, dass sie in keinen ihrer vielen Prozesse gegen kritische Journalisten, die Aussage, Steiner sei Rassist gewesen, zum Gegenstand der Anklage gemacht haben. Ein solcher Schuss wäre sicherlich nach hinten losgegangen... (vgl. hierzu Grandt, Guido und Michael: Die Waldorf Connection. S.204ff.)

  • (2862) Nürnberg/München. Als Asylbewerber abgelehnte Iranerinnen müssen sich für ihre Heimreisedokumente grundsätzlich mit Kopftuch fotografieren lassen. Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof (VGH) lehnte die Beschwerden zweier Frauen aus Nürnberg gegen die Kopftuch-Anordnung ab. Es billigte damit zugleich das Vorgehen des Nürnberger Ausländeramtes, das den Iranerinnen im Falle der Weigerung eine zwangsweise Vorführung bei einem Fotografen angedroht hatte (Az.: 24 CS 00.12).

    Die Anwältin der Frauen, Gisela Seidler, kündigte an, sie wolle nun den Gang zum Bundesverfassungsgericht prüfen. Die Frauen hatten sich auf das in Deutschland verfassungsrechtlich verbriefte Recht der Religionsfreiheit berufen. Nach Seidlers Auffassung verletzt der Kopftuchzwang auch die Würde ihrer Mandantinnen als Frauen.

    Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof erkannte in der Kopftuch-Anordnung dagegen weder einen diskriminierenden Charakter noch eine Maßnahme zur Unterdrückung der Frau. Die Iranerinnen müssten nur für den kurzen Moment einer Fotoaufnahme und unter Ausschluss der Öffentlichkeit ein Kopftuch anlegen. Damit werde keine religiöse Handlung im Sinne eines Glaubensbekenntnisses verlangt. "Anders wäre es, wenn eine Moslemin beispielsweise gezwungen würde, sich mit einem Kreuz fotografieren zu lassen, denn das Kreuz ist im Gegensatz zum Kopftuch ein eindeutig religiöses Glaubenssymbol", erläuterte VGH- Sprecher Peter Kissner. Zudem hätten sich die beiden betroffenen Frauen bisher selbst als Moslems bezeichnet. (NewsBote, 23.3.00)

    Anm. MIZ: So unterschiedlich (und interessegeleitet!) urteilen die Gerichte: Während das Bayerische Verwaltungsgericht nur das Kreuz und nicht das Kopftuch als religiöses Symbol einstuft, ist für das Verwaltungsgericht Stuttgart im Fall der Lehrerin Ludin das Kopftuch genauso ein religiöses Symbol wie das Kruzifix an der Wand. Wobei Stuttgart das am Hals getragene Kreuz offensichtlich überhaupt nicht als religiöses Symbol einstuft.

  • (2863) Köln. Drastische Strukturveränderungen in der katholischen Kirche hat der Kölner Stadtdechant Johannes Westhoff prognostiziert. In einem Vortrag vor der katholischen Hochschulgemeinde verwies er darauf, daß das die Kirche allmählich aushöhlende Problem der Mangel an Gläubigen sei. In Köln gingen nur noch durchschnittlich 10% der Katholiken zur sonntäglichen Messe, zudem seien die Besucher stark überaltert. Als Konsequenz daraus ergebe sich der Abschied von der Vorstellung der "Pfarrfamilie", wo der Pfarrer jedes Mitglied kennt, sowie die Notwendigkeit zur Konzentration. Von den derzeit 141 Pfarreien in Köln würden am Ende nur 46 bis 48 "Seelsorge-Bezirke" bleiben. Der Erzdiözese warf Westhoff vor, diesen unvermeidlichen Schrumpfungsprozeß nicht zentral zu steuern.

    (Kölner Stadt-Anzeiger, 24.3.00)

  • (2864) Berlin. Für die jungen Deutschen spielt Religion in ihrem Leben eine immer geringere Rolle. Gottesdienst und Beten werden im Leben der westdeutschen Jugendlichen zur Nebensache. In Ostdeutschland ist Religion angesichts der atheistischen Prägung ohnehin nur noch Sache einer kleinen Minderheit. Das sind Ergebnisse der Ende März in Berlin veröffentlichten Shell-Studie "Jugend 2000". Dazu wurden 4.546 deutsche und erstmals 648 ausländische Jugendliche - meist Italiener und Türken - im Alter von 15 bis 24 Jahren befragt. Je 33 Prozent der Befragten waren evangelisch und katholisch, sechs Prozent Moslems, drei Prozent andersgläubig. Jeder vierte Jugendliche ist konfessionslos. Fazit der Studie: Die Kirchen haben wenig Chancen, "in den bisherigen Formen Einfluß auf die junge Generation zu gewinnen." Private Glaubensüberzeugungen - etwa von einer höheren Macht - spielen bei den Jugendlichen eine weitaus größere Rolle als kirchliche Lehren. So ist ihr Vertrauen in die Kirchen auch gering: Sie rangieren zusammen mit den Parteien ganz unten. Deutsche Jugendliche lassen sich immer seltener im Gottesdienst sehen. Während im Westen 1991 noch 22 Prozent in die Kirche gingen, sind es jetzt 16 Prozent. Im Osten sank dieser Anteil von 10 auf 7 Prozent. Insgesamt besuchen 14 Prozent der deutschen und 23 Prozent der ausländischen Jugendlichen einen Gottesdienst (Türken: 35 Prozent). Ebenfalls rückläufig ist der Anteil der betenden Jugendlichen. Er schrumpfte bei den Westdeutschen von 39 Prozent (1991) auf 28 Prozent, in den neuen Bundesländern von 21 auf 11 Prozent.

    Während bei den jungen Deutschen 24 Prozent beten, sind es bei den Ausländern 44 Prozent. Zwei Prozent der jungen Deutschen lesen oft in der Bibel, 19 Prozent selten, 79 Prozent nie. Anders bei den jungen Muslimen: Bei ihnen lesen 41 Prozent häufig den Koran.

    (idea online, 31.3.00)

  • (2865) Heilbronn. Etwa 1000 Gegner des umstrittenen Theaterstücks "Corpus Christi" haben Anfang April in der Heilbronner Innenstadt gegen das nach ihrer Ansicht gotteslästerliche Bühnenwerk demonstriert. Von christlicher Nächstenliebe war bei den Protesten allerdings nicht viel zu spüren.

    Im Zuge der Demonstration kam es zu Handgreiflichkeiten gegen eine Gruppe von Homosexuellen und Mitgliedern der Aids-Hilfe, die für das Theaterstück Partei ergriffen. Ein Polizist, der zusammen mit anderen Beamten schlichtend eingriff, wurde durch den Biss eines syrisch-orthodoxen Christen an der Hand verletzt. Der Täter und zwei andere Demonstranten wurden vorübergehend festgenommen.

    An der Protest-Veranstaltung nahmen nach Polizeiangaben Mitglieder von drei christlichen Gruppen teil, die aus dem ganzen Bundesgebiet zum Teil mit Bussen angereist waren. In dem Theaterstück des amerikanischen Pulitzer-Preisträgers Terrence McNally, das in Heilbronn auf dem Programm steht, werden Jesus und seine Apostel unter anderem als trinkfreudige Homosexuelle dargestellt.

    Intendant Klaus Wagner hatte die Aufführung des Stückes bei der Demonstration verteidigen wollen. Sein Angebot sei allerdings von den Veranstaltern zurückgewiesen worden, teilte Theatersprecher James McDowell auf Anfrage mit. Als Wagner sich am Rande der Kundgebung einer Diskussion stellen wollte, mussten Polizisten einschreiten, um Rangeleien zu unterbinden. (spiegel online, 3.4.00; Heilbronner Stimme, 10.4.00)

  • (2866) Berlin. Bundespräsident Johannes Rau hat sich gegen immer wiederkehrende Forderungen gewandt, die Formel von der "Verantwortung vor Gott" aus der Präambel des Grundgesetzes zu streichen. Diese Mahnung sei unverzichtbar und zumutbar, sagte er. Es gehe dabei nicht um einen konfessionellen Gottesbegriff, denn auch Deutsche jüdischen und muslimischen Glaubens könnten sich hier angesprochen fühlen. Es sei an der Zeit, die Gemeinsamkeiten zwischen Christentum, Judentum und Islam zu entdecken. "Der beginnende Dialog der Religionen macht deutlich, dass Christen und Juden und Muslime von einem Gott reden, den wir aus unterschiedlicher Perspektive sehen", sagte der Bundespräsident.

    Nach Ansicht Raus wird das Multi-Religiöse zur Gefahr, wenn an die Stelle gewollter Toleranz religiöse Beliebigkeit trete. Das Kennenlernen verschiedener Weltreligionen könne das Leben bereichern. Der Bundespräsident unterstrich zugleich die Bedeutung der christlichen Botschaft. Sie müsse gerade in einer multikulturellen Welt klar ausgesprochen werden. "Ohne diese Botschaft wären wir alle ärmer, an wen oder was auch immer der einzelne glaubt", so Rau, der wegen seiner Bibelkenntnis auch als "Bruder Johannes" tituliert wird. (idea-online, 18.4.00)

    Anm. MIZ: Der Bundespräsident ist Präsident aller Deutschen, ob Christen, Juden oder Muslime. Dass es darüber hinaus auch Atheisten und Agnostiker gibt, ist ihm anscheinend völlig unbekannt...

Belgien

  • (2867) Brüssel. Brüsseler Kriminalbeamte durchsuchten am Neujahrstag Büros des Erzbistums Mecheln-Brüssel, der Schule St. Geneviève und die Privatwohnung des Priesters Robert Borremans. Borremans hatte 1994 seinen Posten als Pastor einer Brüsseler Gemeinde aufgeben müssen, weil er in den Verdacht geraten war, Kinder aus seiner Pfadfindergruppe sexuell missbraucht zu haben. Bis 1996 leitete er die Verwaltung der katholischen Schule St. Geneviève in Brüssel. Als in der Schulbilanz ein Loch von 700.000 belgischen Franc auftauchte, wurde Borremans abermals versetzt - in die Schatzkanzlei des Erzbistums. Der Erzbischof veranlasste damals eine interne Untersuchung, die ergab, dass Borremans Geld zwischen den Konten der Schule und des Erzbistums verschoben und dabei umgerechnet eine halbe Million Mark in seine Tasche geleitet hatte. An die belgischen Justizbehörden wurde dieses Ergebnis nicht weitergegeben.

    Kürzlich meldeten sich Zeugen, mit der Folge, dass die Ermittlungen gegen den Priester wieder aufgenommen wurden. In der Gemeinde, die Borremans 1994 verlassen musste, munkelt man, dass er mit dem Geld das Schweigen seiner Opfer erkauft habe.

    Bei der Durchsuchung von Borremans Wohnung stellte die Polizei Fotos sicher, die ihn nackt neben ebenfalls nackten Kindern zeigen. Die Polizei hofft, mit Hilfe der Fotos einige Opfer ausfindig zu machen. (taz, 28.1.00)

Großbritannien

  • (2868) London. Im Kampf um Gleichberechtigung gibt es leider immer wieder Rückschläge. In Großbritannien hat 1988 die Eiserne Lady und Pinochet-Freundin Margaret Thatcher ein Gesetz erlassen, das es Schulen und Stadtverwaltungen verbietet, homosexuelle und heterosexuelle Beziehungen auf eine Stufe zu stellen. Dieses Gesetz wollte Premierminister Blair jetzt endlich kippen, aber das Oberhaus hat ihm mit 210 gegen 165 Stimmen einen Strich durch die tolerante Rechnung gemacht: Beziehungen zwischen Homosexuellen dürfen im britischen Schulunterricht weiterhin nicht als gleichwertig dargestellt werden.

    Peter Tatchell, Schwulenverband "OutRage!" in Großbritannien, nennt das Abstimmungsergebnis ein "Votum für fortgesetzte Zensur und Homophobie an unseren Schulen". Der Oppositionsführer William Hague dagegen weiß, was britische Bürger wollen: "Die große Mehrheit der Eltern im ganzen Land wird mit einem Seufzer der Erleichterung reagieren." Eine Umfrage in Schottland gibt ihm Recht: 80 Prozent sind für den Paragraphen. Und was halten die Religiösen von Gleichberechtigung, von toleranter Erziehung der Jugend? Natürlich gar nichts. Der katholische Kardinal Thomas Winning verglich die "militante homosexuelle Lobby" mit der deutschen Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg. Und der britische Oberrabbi Jonathan Sacks warnte, Homosexualität sei "moralisch keineswegs gleichwertig". (humanist.de, 11.2.00)

Norwegen

  • (2869) Oslo. Nach den Moslems wollen nun auch die Atheisten in der norwegischen Hauptstadt Oslo ihr Bekenntnis öffentlich ausrufen. Als Antwort auf den moslemischen Gebetsruf "Gott ist groß" plant eine atheistische Gesellschaft wöchentlich bis zu zehn Mal "Gott gibt es nicht" oder Ausschnitte aus den allgemeinen Menschenrechten über Lautsprecher zu verkünden.

    Das Bürgermeisteramt hatte Anfang dieses Jahres den Moslems gestattet, von den Minaretten der achtzehn Moscheen in Oslo fünf Mal am Tag öffentlich zum Gebet aufzurufen, da der Ruf nicht gegen die Lärmschutzverordnung verstoße. Außerdem entspreche die Erlaubnis der in der norwegischen Verfassung garantierten Religionsfreiheit. Von den rund 500 000 Einwohnern der norwegischen Hauptstadt bekennen sich rund 36 000 zum Islam. (Frankfurter Rundschau, 27.3.00)

Italien

  • (2870) Rom. Der Vatikan ist "äußerst besorgt" wegen eines in Rom geplanten Welttreffens der Homosexuellen. Hintergrund seien mögliche Protestaktionen gegen Papst Johannes Paul II. mitten im Jubiläumsjahr der katholischen Kirche, berichtete die Zeitung "Il Messaggero". Zu dem Treffen "World Gay Pride" im Juni werden etwa eine Million Homosexuelle erwartet. "Jede Äußerung des Papstes zur Sexualmoral und zur Verteidigung der Familie wird von Homosexuellen-Gruppen stets öffentlich kritisiert", argumentiert der Vatikan laut "Messaggero". Roms Bürgermeister Rutelli verteidigte die Genehmigung der Veranstaltung. Auch Homosexuellen-Verbände müssten sich öffentlich äußern dürfen. (Frankfurer Neue Presse, 29.1.00)

Vatikan

  • (2871) Vatikanstadt. Nach Ansicht der päpstlichen Haustheologen, George Cottiers,

    wird es keine Rehabilitierung des vor 400 Jahren hingerichteten Renaissance Gelehrten

    Giordano Bruno geben. In einem in der katholischen Tageszeitung Avvenire veröffentlichten Interview sagte Cottier, Brunos Denken sei niemals katholisch gewesen. Das unterscheide ihn beispielsweise von dem ebenfalls auf dem Scheiterhaufen verbrannten Girolamo Savonarola, der möglicherweise selig gesprochen werden könnte.

    Von der Inquisition wegen schlimmster Ketzerei angeklagt wurde der Dichter und Philosoph Giordano Bruno insbesondere wegen seines materialistisch orientierten Pantheismus. Mit seiner Definition des Verhältnisses Gottes zur Welt zog er sich die Todfeindschaft der Kirche zu. Er wies die Ansicht zurück, daß Gott die Welt von außen, wie ein Roßlenker sein Gespann, regiere und lehrte, Gott stehe nicht über und außerhalb der Welt, sondern sei in der Welt, wirke als beseelendes Prinzip ihres Ganzen wie in jedem ihrer Teile. (Radio Vatikan, 1.-3.2.00; junge Welt, 17.2.00)

Polen

  • (2872) Lodz. Mit einem neuen Angebot will die katholische Kirche im polnischen Lodz "wilde Ehen" vor den Traualtar bringen. Um unverheirateten Paaren auf die Sprünge zu helfen, wollen die Bischöfe die Kosten für die Trauung übernehmen, obendrein bieten sie Hilfe bei Behördengängen. Bei Taufen will die Kirche sogar bei der Organisation einer Familienfeier behilflich sein.

    Um im "Heiligen Jahr" der katholischen Kirche die Zahl der Eheschließungen zu erhöhen, will sich die Kirche in Lodz besonders um diejenigen bemühen, die nach einer Scheidung mit einem neuen Partner zusammenleben. Dazu will sie sich in Rom für die Annullierung der alten Ehe einsetzen. Nach katholischem Recht spricht dann nichts mehr gegen eine neue kirchliche Trauung. In Lodz kommt laut Statistik eine Scheidung auf zwei neue Eheschließungen. (Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 12.2.00)

Türkei

  • (2873) Istanbul. Der Storch hat ausgedient. Jedenfalls, wenn es nach dem Willen des türkischen Bildungsministeriums geht. Erstmals in der Geschichte der Türkei wird von diesem Jahr an in einigen Schulen des Landes Sexualkundeunterricht erteilt - unerhört in einem Land, das nach wie vor von religiös-konservativem Denken geprägt ist.

    Noch weiß niemand, wie die Türken auf die Neuerung reagieren werden. Sicherheitshalber soll der Sexualunterricht deshalb in einem Pilotprojekt auf wenige Schulen in der europäisierten Metropole Istanbul beschränkt bleiben und Jungen und Mädchen in getrennten Lehrstunden näher gebracht werden. Doch die Reform ist umstritten, noch bevor sie überhaupt begonnen hat.

    Dass in der Sexualkundestunde auch gleich über Drogenabhängigkeit und andere "schädliche Gewohnheiten" aufgeklärt werden soll, legt allerdings nahe, dass selbst das Bildungsministerium dem Thema nicht ganz unbefangen entgegentritt.

    Proteste strenggläubiger Moslems gegen das Pilotprojekt blieben bisher aus. Das Ziel des Bildungsministeriums, den Sexualkundeunterricht nach einer Pilotphase im mondänen Istanbul bis zum Jahr 2003 auf die ganze Türkei auszuweiten, scheint sehr ehrgeizig. Auf dem anatolischen Land gehen die jungen Mädchen noch verschleiert und werden von ihren Eltern verheiratet, oft genug ohne standesamtlichen Segen als Zweit- oder gar Drittehefrau. Familien lassen ihre Töchter nur ungern überhaupt die Schulpflicht erfüllen, weil sie dabei mit den "Knaben" zusammentreffen. (Stuttgarter Nachrichten, 17.2.00)

Nordamerika

USA

  • (2874) San Francisco. In Not geratende Musliminnen, die von ihren Ehemännern geschlagen oder missbraucht werden, wenden sich kaum um Hilfe nach außen, auch dann nicht, wenn sie in einem nicht-muslimischen Land, wie etwa Amerika, leben. Der Grund hierfür liegt im großen Einfluss, den die Religion auf das Leben der islamischen Frauen ausübt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die von Dena Saadat Hassouneh Phillips, Postdoktorandin für Pflegewissenschaft an der Oregon Health Sciences University, durchgeführt und am 28. Januar auf dem 11. Internationalen Kongress für Frauengesundheit in San Francisco vorgestellt wurde.

    Die Wissenschaftlerin fand heraus, dass die starken Bande von Ehre, Freundschaft und Identität, die der muslimischen Kultur eigen sind, die muslimischen Frauen oft davon abhalten, Hilfe außerhalb ihrer Gemeinschaft zu suchen. "Die Gemeinschaft ist für das soziale und geistliche Leben eines Muslims von zentraler Bedeutung", sagt Phillips. "Um einer Missbrauchssituation zu entkommen, müssten sich muslimische Frauen von ihrer Familie und ihrer Gemeinschaft distanzieren, was viele nicht zu tun wagen."

    Hinzu kommt, dass das Recht des Ehemannes, seine Frau zu schlagen, gewissermaßen im Koran verankert ist. Dort werden, wie Phillips erläutert, Schritte für den Ehemann aufgezeigt, die er gegen eine unbotmäßige Ehefrau unternehmen könne, dazu gehöre auch ein "leichtes" Schlagen der Ehefrau als Zeichen seiner Missbilligung. Die Rolle des Ehemanns als Zuchtmeister steht wiederum in enger Verbindung zur Wichtigkeit der Ehe im islamischen

    Kulturkreis. "Da die Ehe dem Propheten Mohammed zufolge gewissermaßen die Hälfte von jemandes Ehre ausmacht, hat sie eine enorme religiöse und kulturelle Bedeutung für muslimische Frauen", sagt Phillips. Eine Scheidung von einem gewalttätigen Ehemann sei für muslimische Frauen daher auch in den USA schwierig, da die Frauen in diesen Angelegenheiten auf ihre geistlichen Führer und Gelehrten hören. Diese entschieden oft gegen die Frauen, da sie mit dem Ehemann persönlich bekannt seien. (bild der wissenschaft, 2.2.00)

  • (2875) Utah. Im US-Bundesstaat Utah darf nach dem Willen des Repräsentantenhaus an den Schulen künftig als Verhütungsmethode nur noch Enthaltsamkeit gelehrt werden. Außerehelicher Sex gilt als kriminell. (Westfälische Allgemeine Zeitung, 28.2.00)

  • (2876) New York/Hamburg. Der amerikanische Dramatiker Arthur Miller hat die Frömmelei der Präsidentschaftskandidaten im amerikanischen Wahlkampf hart kritisiert. In einem Interview mit dem Hamburger Magazin stern sagte der 84-Jaehrige, in Amerika seien Politik und Religion niemals getrennt gewesen. Neu sei "allerdings der nackte Missbrauch der Religion durch Politiker". Nicht einmal ein Rechter wie Eisenhower habe es gewagt, Gott zu instrumentalisieren. "Es gab den Konsens, dass es sich einfach nicht gehört, den eigenen Glauben im Wahlkampf zur Schau zu stellen. Jetzt ist auch diese Schamgrenze gefallen", sagte Miller dem stern. "Statt die eigenen Kinder vor die Kameras zu zerren, zeigt man neuerdings sein Gebetbuch her." (ots, 2.3.00)

Südamerika

Chile

  • (2877) Santiago de Chile. In Chile wird seit kurzem über die Einrichtung einer evangelischen Militärseelsorge nachgedacht. Die chilenischen Protestanten haben daher Beratung aus dem Ausland angefordert. Ende März besuchten zwei deutsche Seelsoger, der evangelische Militärdekan Peter Blaschke und Dekan Helmut Assmann, auf Einladung des chilenischen "Kommittees Evangelischer Organisationen" (COE) das südamerikanische Land. In Begleitung von COE-Repräsentanten trafen sie unter anderem Verteidigungsminister Mario Fernández und Staatssekretärin Carolina Tohá. Die sozialistische Politikerin, Tochter eines unter mysteriösen Umständen im Militärspital ums Leben gekommenen ehemaligen Ministers im Kabinett Allende, sprach vom geplanten Einzug protestantischer Pfarrer in die Kasernen als einem weiteren Schritt hin zu mehr Demokratie und Pluralismus in den Streitkräften.

    Kritiker sagen dem bis heute überwiegend pinochettreuen Militär Chiles nach, es führe weitgehend ein ideologisches Eigenleben, dessen integraler Bestandteil neben vor einem Jahrhundert importierten preußischen Tugenden ein äußerst konservativer Katholizismus sei. Während die offizielle römisch-katholische Kirche des Landes in der Zeit der Militärregierung auf Grund der Menschenrechtsverletzungen von der Junta abrückte, verhielt sich die katholische Militärseelsorge damals loyal zu ihr.

    Die von protestantischer Seite gesuchte und katholischerseits erst in letzter Minute bestätigte Unterredung mit dem römisch-katholischen Militärbischof General Pablo Lizana Riquelme diente dazu, einander zu versichern, daß die Bemühung der einen Kirche nicht auf Kosten der anderen gehen sollte. Lizana drückte seine Bereitschaft zu dauerhaftem konstruktiven

    Dialog in Sachen Militärseelsorge aus.

    Zwar wäre es ihm lieber, wenn alle Chilenen katholisch wären und blieben, aber er habe erkannt, daß der Feind nicht in anderen Christen zu suchen sei, sondern in Glaubens- und Werteverfall, in Konsumismus und Kirchenferne. Dagegen müssten die Gläubigen nun auch in der Truppe gemeinsam Zeugnis ablegen. (Reformierte Presse, 1.4.00)

Asien

Israel

  • (2878) Jerusalem. In eine prekäre Lage geriet der ultraorthodoxe israelische Religionsminister Jitzhak Cohen, denn er musste sich zu einer schlüpfrigen parlamentarischen Anfrage äußern. Das Rabbinat der Stadt Herzlia hat das für den Verkauf von Lebensmitteln in Israel unabdingbare Koscher-Zertifikat an eine als Körperaufstrich gedachte Schokocreme vergeben. Die Rabbiner dachten, es handele sich um eine ordinäre Frühstücksbeilage. Dieser Fauxpas veranlasste jetzt den weltlich eingestellten Abgeordneten Joseph Lapid dazu, nachzubohren: Die Zertifizierung dieser Körperglasur verstoße ja wohl gegen alle Glaubensregeln. "Wussten Sie denn nicht", so Lapid zu Cohen, "dass diese Milchschokolade über den ganzen Körper gestrichen wird?" Peinlich für den Oberhüter der Religion, denn gläubige Juden müssen den Verzehr von Milch und Fleisch strikt trennen. (humanist.de, 15.2.00)

  • (2879) Jerusalem. Zum Abschluss seiner Pilgerreise im Nahen Osten hat Johannes Paul II. erneut um Vergebung für die Judenverfolgungen in der Geschichte gebeten. Nach einem Gebet an der Klagemauer in Jerusalem hinterließ er nach jüdischem Brauch in den Mauerritzen eine schriftliche Bitte an Gott.

    Die Rede an der Klagemauer war das zweite bedeutende Zeichen der Aussöhnung mit den Juden auf der einwöchigen Pilgerreise des Papstes durch den Nahen Osten.

    Bereits zwei Tage zuvor hatte Johannes Paul II. beim Besuch des israelischen Holocaust-Mahnmals Jad Waschem tiefe Trauer über die Verbrechen der Christen an den Juden geäußert. Er ging aber nicht so weit, sich für das Verhalten der Kirche und des damaligen Papstes, Pius XII., zu entschuldigen. (Spiegel online, 26.3.00)

Philippinen

  • (2880) Manila. Viel Blut floss beim Karfreitags-Ritual im philippinischen San Fernando: Neun Gläubige ließen sich kreuzigen, andere peitschten sich blutig. Die katholische Kirche lehnt diese Art der Selbstkasteiung zwar offiziell ab, unternimmt aber nichts dagegen.

    Bei der Kreuzigung in San Fernando, 90 Kilometer nördlich von Manila, trieben Helfer sieben Zentimeter lange, zuvor in Alkohol getränkte Stahlnägel durch die bloßen Handflächen der Männer. Anschließend wurden die Holzkreuze in sengender Sonne aufgerichtet.

    Im selben Ort schlugen sich Büßer mit Peitschen, deren Enden mit Glasscherben versehen sind, die nackten Oberkörper blutig, um Abbitte zu leisten.

    Nach Angaben örtlicher Behörden locken die Selbstkasteiungen jedes Jahr mehr Gläubige an, darunter auch zunehmend Minderjährige. Ausländer dürfen seit 1997 nicht mehr daran teilnehmen. Damals hatte sich ein Japaner ans Kreuz schlagen lassen. Anschließend stellte sich allerdings heraus, dass die Szene in einem Pornofilm verwendet werden sollte. (Spiegel online, 17.04.00)

Afrika

Ägypten

  • (2881) Kairo. Papst Johannes Paul II. hat am ersten Tag seiner Ägypten-Reise im Februar religiös motivierte Gewalt als ein "Vergehen an Gott" scharf verurteilt. Es sei ein krasser Widerspruch, Gewalt und Konflikte im Namen der Religion zu unterstützen, sagte der 79-Jährige bei seiner Ankunft in Kairo.

    Während seiner 90. Auslandsreise besuchte der Papst eine der heiligsten biblischen Stätten, den Berg Sinai, wo Moses dem Alten Testament zufolge von Gott die Zehn Gebote erhielt. Auch wenn der Papst seinen Ägyptenbesuch als reine Pilgerfahrt apostrophiert hat, ist die Reise nicht unpolitisch. Die rund sechs Millionen Kopten im Land sind eine der ältesten Gemeinschaften der Christenheit. Sie erkennen den Papst zwar nicht als ihr Oberhaupt an, hoffen aber auf die Fürsprache des Gastes aus Rom bei ihren Bemühungen um Gleichberechtigung mit den 55 Millionen Moslems in Ägypten. Erst im Januar kamen bei Zusammenstößen zwischen Kopten und Moslems in Oberägypten 23 Menschen ums Leben. (Oberösterreich online, 25.2.00)

Nigeria

  • (2882) Nairobi. In Nordnigeria haben Straßenschlachten zwischen Christen und Moslems mindestens 25 Todesopfer gefordert. Auslöser der Krawalle war eine Demonstration gegen die Einführung des islamischen Strafrechts, das jetzt erstmals angewandt wurde.

    Mehrere zehntausend Christen in Kaduna haben mit einem Protestmarsch gegen die Scharia protestiert. Als drei Muslime es wagten, die Demonstranten zu stören, wurden sie von der Menge erschlagen, die Krawalle begannen. Mehrere Läden in der Innenstadt, die offensichtlich Muslimen gehören, wurden in Brand gesetzt. Das Militär, das zur Eindämmung des Religionsstreits eingesetzt wurde, konnte die Unruhen erst nach zwei Tagen unter Kontrolle bringen. Augenzeugen berichteten, die Straßen seien übersät mit Leichen.

    Die Christen zogen durch die Stadt und riefen Parolen, wonach Kaduna laizistisch bleibe. ,,Die Scharia kann irgendwo in Nordnigeria angewandt werden, aber nicht hier. Kaduna ist anders, die Bevölkerung ist gemischt'', begründete Festus Okoye, Sprecher der Menschenrechtsgruppe ,,Human Rights Monitor" in Kaduna, den ursprünglichen Sinn der Demonstration. Tatsächlich herrschte in Kaduna bisher eher ein liberales Klima.

    Kaduna, einer von 36 Bundesstaaten in Nigeria, zählt rund eine Million Einwohner, eine knappe Mehrheit davon ist muslimisch. Die Einführung des islamischen Strafrechts im Bundesstaat Zamfara Ende Januar hatte in Kaduna für hitzige Debatten gesorgt. Zamfara hatte sich ein strenges Strafrecht gegeben, das die Steinigung von Prostituierten und Ehebrechern, die Handamputation bei Dieben und die Kreuzigung von Raubmördern vorsah. Ein 18-Jähriger war in der Öffentlichkeit mit 100 Peitschenhieben bestraft worden, weil er vor der Ehe mit seiner 16-jährigen Freundin geschlafen hatte. Beide waren von einem islamischen Gericht für schuldig befunden worden, die Auspeitschung des Mädchens wurde ausgesetzt, bis es sich von einer Krankheit erholt hat.

    In Zamfara gilt die Scharia theoretisch nur für Muslime, praktisch sind die wenigen Christen dort ebenso von den muslimischen Vorschriften betroffen, etwa dem Alkoholverbot oder dem Verbot für Frauen, auf dem Sozius eines Motorrades mitzufahren. Auch andere nigerianische Bundesstaaten diskutieren die Einführung der Scharia. (Neue Züricher Zeitung, 23.2.2000; Stuttgarter Zeitung, 24.2.00)